Weihnachtswahnsinn – Nur der Anschein von Besinnlichkeit?

Viele fiebern ihr jedes Jahr aufs Neue voller Vorfreude entgegen: die Weihnachtszeit. Alles schön geschmückt, die Familie beisammen und die Geschenke liegen unter dem Weihnachtsbaum. Ein solches Fest bedeutet aber auch ordentlich Vorbereitung und Hektik. Unsere Autorin Maja hat sich daher gefragt: wie stressig ist die wohl schönste Zeit im Jahr wirklich?

Überall glitzert und leuchtet es. Neben mir sind Rentiere und kleine Weihnachtsmänner liebevoll auf einem Tisch drapiert. Gegenüber steht ein Tisch mit weißen, roten und grünen Tischdecken mit Weihnachtsmotiven, darüber ein Regal mit bunt glitzernden Geschenktüten. An den Wänden hängen leuchtende Lichterketten und überall stehen funkelnde Kerzen.
Weihnachten ist für viele Menschen eine besondere Zeit im Jahr. Das Fest der Liebe soll gebührend gefeiert werden. Nicht zuletzt wird die Stimmung durch die Werbung des Handels angeheizt. Aber dennoch bedeutet Weihnachten für viele Menschen nicht wirklich Besinnlichkeit, sondern sehr viel Stress. Es müssen Geschenke gekauft, das perfekte Weihnachtsmenü gekocht und das Haus geschmückt werden. Das empfinden viele Menschen als sehr nervenaufreibend.

Aber ist Weihnachten wirklich so stressig? Ich habe Passanten auf dem Braunschweiger Weihnachtsmarkt auf die Frage angesprochen, wie ihre Meinung zu dieser Frage ist.

2018 investierten die Deutschen laut einer Studie der Hochschule für Ökonomie & Management in Essen im Durchschnitt 472 Euro pro Kopf in Weihnachtsgeschenke. Dazu wurden 2018 insgesamt 29,8 Millionen Weihnachtsbäume verkauft.
Gekauft werden die Geschenke unter anderem im Einzelhandel, welcher dadurch entsprechend viel Stress und Aufwand zu dieser Jahreszeit hat. Denn die Vorbereitung auf den Weihnachtsverkauf beginnt bereits im Januar des Folgejahres. Dann beginnen die Hersteller und Großhändler auf den Messen, wie zum Beispiel der „Christmasworld“, ihre Ware für das nächste Weihnachtsfest anzubieten. Das erzählen mir Uwe und Christiane Thomas, Besitzer des „Weihnachtsladens“ und des Haushaltswarengeschäfts „Vitrine“ in Wolfenbüttel. Kaum sind die Festtage vorbei, machen sie ihre Inventur in der zweiten Januarwoche nach Weihnachten. Sie entscheiden, welche Saisonartikel für das nächste Weihnachtsfest eingelagert werden und welche günstiger weiterverkauft werden. Dies ist auch Anlass um sich zu besprechen, was beim Kunden gut ankam und was ihnen im Sortiment des Ladens gefehlt hat. Anhand dieser Informationen werden auf den Messen die passenden Artikel für die nächste Weihnachtssaison ausgewählt. Außerdem folgen nach dem Weihnachtsverkauf administrative Aufgaben. Der Umsatz muss gezählt, der Laden um- und ausgeräumt werden. Außerdem muss der Laden nach dem Weihnachtsansturm grundlegend gesäubert und, wenn nötig, repariert werden, erzählt Christiane Thomas. Dies geschieht unter anderem im sogenannten Sommerloch, wie im Einzelhandel die weniger ertragreiche Zeit genannt wird. Das fordert nicht nur viel Geduld, Zeit und auch Geld, sondern muss auch zeitnah geschehen. Denn bereits im Juli kommen die ersten Waren für das nächste Weihnachtsfest. Und für die muss Platz geschaffen werden.

Im September beginnt das Ehepaar Thomas ihren Laden auf Weihnachten vorzubereiten. Sie brauchen etwa vier Wochen um den Weihnachtsladen komplett einzurichten. Einige Warenplatzierungen im Laden werden getestet. Hierbei geht es vor allem um die Kundenwirksamkeit. Fällt der Blick des Kunden auf die Ware? Wenn nicht, wird umgeräumt oder umdekoriert. Der Christbaumschmuck verschiedener Hersteller erhält einheitliche Aufhängungen und Preisschilder. Artikel, die zusammenpassen, werden als Dekorationsvorschläge präsentiert. Alle Heimtextilien, wie Decken und Schürzen, werden gebügelt und überschüssige Fäden abgeschnitten. Kissenhüllen werden mit Füllungen versehen und empfindliche Artikel in Folie gepackt. Elektronische Artikel werden auf ihre Funktion geprüft und Umverpackungen je nach Zustand aufgehoben und eingelagert.

Nicole Meier designt alle ihre Produkte selbst und verkauft nur das, was sie selber nutzen würde. Auch für sie ist Weihnachten mit viel Aufwand verbunden. Vor allem, weil sie ihre Ware selbst herstellt. Deshalb benötigt sie im Vergleich zu anderen Dekorationsgeschäften deutlich mehr Zeit. Sie beginnt im Frühjahr ihre Materialien auszuwählen und verarbeitet sie im Oktober zu ihren Produkten. Jene, die aus frischen Tannenzweigen oder auch Moos bestehen, fertigt sie etwas später, damit sie bis zum Weihnachtsfest nicht vertrocknen.
Jedoch scheint sich die Vorbereitungsarbeit zu lohnen. „Im Weihnachtsgeschäft vom Oktober bis Dezember machen wir den doppelten Umsatz vom ersten dreiviertel Jahr“, erzählt Uwe Thomas, „wenn man das aufschlüsselt in die einzelnen Monate machen wir  im Oktober einen halben Monatsumsatz mehr, im November machen wir den doppelten Monatsumsatz und im Dezember das Drei- bis Vierfache des gewöhnlichen Monatsumsatzes.“ Das erklärt auch, warum die Einzelhändler den vorweihnachtlichen Stress auf sich nehmen. Der Weihnachtsverkauf ist für sie überlebenswichtig.  „Kein Einzelhändler kommt ohne das Weihnachtsgeschäft aus. Wir haben unter normalen Umständen ungefähr 30 zahlende Kunden pro Tag. In der Weihnachtszeit haben wir ungefähr 150 bis 200 zahlende Kunden pro Tag. Deshalb kommt kein Laden mehr ohne das Weihnachtsgeschäft aus. Der Umsatz wird gebraucht.“, so Uwe Thomas. Auch Nicole Meier und Heike Heuer, von dem Geschenkartikelladen „Präsente“, sprechen von Umsatzerhöhungen zwischen 30 Prozent und 50 Prozent.

Aber nicht nur der Einzelhandel betreibt aufgrund der Weihnachtsfeiertage einen riesigen Aufwand.  Auch die Post hat Unmengen zu tun. 2018 wurden 330 Millionen Pakete in der Weihnachtszeit verschickt.  Laut dem Spiegel wurden allein von Deutschlands größtem Paketdienst DHL 2018 an Spitzentagen in der Weihnachtszeit bis zu elf Millionen Pakete ausgeliefert. Weitere acht Millionen Sendungen wurden über die Konkurrenten GLS, DPD und Hermes geliefert. Der Konzern geht wohl davon aus, dass sich das Paketvolumen jährlich um weitere fünf bis sieben Prozent erhöht. Der Bundesverband Internationaler Express- und Kurierdienste (BIEK) schätzt, dass in Deutschland bis 2022 zusätzlich noch eine Milliarde Pakete mehr verschickt werden als es in diesem Jahr der Fall sein wird. Es seien circa 15 Prozent des Weihnachtsumsatzes online gemacht worden. Das bedeutet nicht nur für die Paketzusteller, die die Pakete von Haus zu Haus bringen müssen, eine Wahnsinnsarbeit.
Auch die Paketannahmestellen sind überlastet. Nicole Meier führt zusätzlich zu ihrem Dekogeschäft die Paketannahmestelle in Veltenhof in Braunschweig. „Es kommen viel mehr Leute mit Paketen, die sie verschicken wollen. Das ist manchmal sehr stressig“, sagt sie.  „Normalerweise werden immer so zwei Container voll, um Weihnachten sind es aber vier oder fünf“, so Meier weiter.
Aber damit ist noch lange nicht Schluss. „Wenn wir um 18.00 Uhr schließen, muss ja auch noch die Buchhaltung gemacht werden und natürlich müssen noch weitere Dekoprodukte gefertigt werden. Da bleibt vom Tag nicht mehr viel übrig.“, so Meier. Nicht zuletzt muss der Laden nach dem Ansturm der Leute wieder aufgeräumt und leere Regale wieder gefüllt werden.

Das alles bedeutet für die Einzelhändler sehr viel Stress und harte Arbeit. So wird sich das ganze Jahr über auf Weihnachtszeit vorbereitet, um so viel Umsatz wie möglich zu machen „Bei uns gibt es kein Ende, bei uns ist immer Weihnachten.“, sagt Christiane Thomas eindeutig und fügt hinzu: „Das ist auf jeden Fall Stress. Am schlimmsten ist es, wenn nach der Organisation auch noch der Laden voll ist und der Stress da weitergeht, wenn viele Kunden bedient und dauerhaft abkassiert werden muss.“
Aber nicht nur die Einzelhändler empfinden die Weihnachtszeit als hektisch. Auch die Verbraucher, die auf der Jagd nach dem besten Geschenk und den neusten Dekoartikeln sind, empfinden die Weihnachtszeit als sehr stressig.

Und was empfinden die Braunschweiger Bürger im Rahmen der Weihnachtszeit am stressigsten?

Dabei darf man nicht vergessen, was an Weihnachten eigentlich gefeiert wird, warum man die ganze Familie zusammenruft, Geschenke verteilt und gemeinsam isst. Der Pfarrer Lars Dedekind hat dazu eine klare Meinung.

Tatsächlich können sich die Deutschen gut vorstellen, mal ein intensives Weihnachten zu feiern, dass sich auf die kleinen Dinge besinnt. Sie würden sich sogar freuen, wenn sie dem Weihnachtsdruck und dem Weihnachtserwarten entgehen, sich einfach zurücklehnen, den Konsum einen Moment vergessen, Jesu Geburt gedenken und ein besinnliches Weihnachtsfest feiern könnten. Teilweise wird das sogar bereits umgesetzt.

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