Wenn das Studium zum Höllentrip wird

Das Studium sollte eigentlich die beste Zeit in Elenas Leben werden. Doch statt mit ihren Freunden um die Häuser zu ziehen, sind tägliche Panikattacken ihre neuen Begleiter – gepaart mit sozialer Isolation durch die anhaltende Pandemie. Elena ist damit nicht allein.

Das erste Mal frei sein. Viele StudienanfängerInnen entfliehen dem eigenen Elternhaus, um in einer anderen Stadt ein neues Leben beginnen zu können. Während zuvor der Gedanke an Feiern unter der Woche für viele undenkbar erschien, stehen Wohnheimpartys und nächtelanges Durchfeiern mit neuen Leuten auf der Tagesordnung von zahlreichen Studierenden. Keine Verpflichtungen, keine Verantwortungen. Das schönste am Studierendendasein ist die flexible Zeiteinteilung und Freiheit, das eigene Leben aktiv gestalten zu können. Hinzu kommen finanzielle Vorteile durch kostenlose Sportkurse, Studentenrabatte oder Zuschüsse in Form von BAföG. Doch der äußere Schein trügt.

Gesellschaftliche Zwänge üben einen hohen Zeit- und Leistungsdruck auf angehende AkademikerInnen aus. Denn für einen Berufseinstieg ist es oft von großer Bedeutung, das Studium in der Regelstudienzeit zu beenden. Hinzu kommen finanzielle Sorgen und Zukunftsängste, aber auch die Veränderung und Häufung der Studieninhalte. Die Folge: Jeder sechste Studierende ist psychisch krank. Das ergab eine Studie des Barmer Arztreports im Jahr 2018. Demnach sind circa 470.000 Menschen in Deutschland betroffen. Die jungen Erwachsenen im Alter von 18 bis 25 Jahren leiden an psychischen Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen oder Panikattacken. Elena, deren Name geändert wurde, ist eine von ihnen. Sie ist Medizinstudentin und an der Ludwig-Maximilians-Universität in München eingeschrieben. Ihr Studium gliedert sich in die drei Abschnitte (Vorklinik, Klinik und ein praktisches Jahr) und aktuell befindet sich Elena im Ersten. Um zum nächsten Abschnitt zugelassen zu werden, muss das Physikum, eine erste Zwischenprüfung, abgelegt werden. Alle sechs Monate können Medizinstudierende hierfür antreten. Als sich Elena im vierten Fachsemester befand und das Physikum immer näher rückte, verschlechterte sich ihre psychische Gesundheit. Dabei hatte sie nie Angst vor Prüfungen – im Gegenteil. Schon in ihrer Schulzeit fiel ihr das Lernen leicht, ihr Abitur schloss sie mit einem Schnitt von 1,0 ab. Doch die überwältigende Menge an Lernstoff für die Zwischenprüfung rufen einen Leistungsdruck in Elena hervor, der sie schlussendlich überwältigte. Sie erkrankte an einer psychischen Belastungsstörung.

Monatelang beeinträchtigen Elena Angststörungen. Sie weint täglich: „Es gab keinen Tag im Sommer, an dem ich mich gut gefühlt habe“, erinnert sie sich: „Panik hatte ich eigentlich durchgehend“. Alle zwei bis drei Tage bekam sie starke Panikattacken. Als der Druck ins Unermessliche steigt, beschloss Elena, von der Prüfung zurückzutreten. Statt zu lernen, sucht sie sich professionelle Hilfe.

 

„Der Entschluss, ein Semester Pause zu machen, um den Stress zu reduzieren, ist sehr mutig und verdient Anerkennung“, so Psychotherapeutin, Katharina Weilhart. Vielen Betroffenen mit psychischen Erkrankungen fällt es schwer, sich selbst und die eigene Gesundheit an erste Stelle zu setzen. Die in München praktizierende psychologische Psychotherapeutin bietet Menschen mit psychischen Problemen Unterstützung an. Durch die therapeutische Ausrichtung der integrativen Verhaltenstherapie hilft Frau Weilhart ihren PatientInnen, deren Gesundheit, Unabhängigkeit und Lebensfreude zu fördern. Ein Großteil ihrer Arbeit befasst sich mit dem Themengebiet „Depression“.

Elenas psychische Belastungsstörung ist der Psychotherapeutin nicht unbekannt. Einige ihrer PatientInnen berichten von hohem Idealismus und Leistungsansprüchen. Dabei wird eine Mentalität entwickelt, bei der die eigene erbrachte Leistung nicht anerkannt wird. Ihre PatientInnen bezeichnen sich als Burnout Betroffene.

„Burnout und Depression haben zwar große Gemeinsamkeiten, doch Burnout stellt nach dem internationalen psychologischen Klassifikationsmodell ICD-10 keine Diagnose mit Krankheitswert dar“, erklärt Weilhart. In diesem Sinne ist Burnout keine psychische Erkrankung, sondern eine Darstellung und Verdeutlichung der komplexen, inneren Zustände des Menschen. Betroffene berichten über ein Erschöpfungsgefühl gepaart mit Antriebslosigkeit.

Die psychische Erkrankung der Depression ist eine Diagnose mit klar abtrennbaren Kriterien. Dazu zählen Energieverlust, Antriebsmangel, Schlafstörungen, Appetitveränderung und in den schlimmsten Fällen kommt es bei Betroffenen zu Suizidgedanken. Nach Katharina Weilhart können depressive Symptome in unterschiedlich starken Ausprägungen auftreten. Diese sogenannten „depressiven Episoden“ können von mindestens zwei Wochen bis hin zu mehreren Monaten andauern und variieren. Ohne psychologische Hilfe ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass sich die Episoden verstärkt wiederholen. Mit einer Behandlung bestehe die Möglichkeit, Dauer, Intensität und die Wahrscheinlichkeit einer erneuten Wiederkehr der depressiven Episoden einzudämmen. „Je früher man anfängt, sich Hilfe zu suchen, desto einfacher ist es, zu intervenieren, wie bei fast allen Krankheiten“, so Weilhart. In Akutsituationen können Betroffene unter der kostenlosen Notfallnummer des ärztlichen Bereitschaftsdienstes 116 117 Hilfe anfordern. Die Hotline ist 24 Stunden, sieben Tage die Woche besetzt und vermittelt bei Erkrankungen auch außerhalb der üblichen Sprechzeiten. Die Psychotherapeutin erklärt, welche Symptome überforderte Studierende aufweisen, wie diese erkannt werden können und welche Studiengänge besonders betroffen sind.

Kostenlose Hilfsangebote für Studierende mit psychischen Beeinträchtigungen gibt es auch an Universitäten und Hochschulen. Dabei ist die Zentrale Studienberatung oft die erste Anlaufstelle. Anka Tobias ist seit über 22 Jahren als Beraterin an der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften tätig.

Die schnellste und unmittelbarste Kontaktstelle für eine Beratung der Studierenden ist, neben der psychotherapeutischen Beratungsstelle des Studentenwerkes Braunschweig, auch das sogenannte Lerncoaching.

Das Lerncoaching ist im Fall einer dringenden Beratung naheliegend, da die Coaches direkt an den Fakultäten angesiedelt sind. Somit kennen sie die dortigen Strukturen, Prüfungsordnungen und Dozenten. Dadurch ergibt sich laut Tobias der Vorteil, „dass sie eher einschätzen können, in welcher Situation sich die einzelnen Studierenden befinden, was für ein Geist an der Fakultät herrscht und, wie mit bestimmten Problemlagen umgegangen wird.“ Demnach können die Lerncoaches die betroffenen Studierenden, im Vergleich zu der Zentralen Studienberatung, individuell betreuen. Die Beratungsstelle kümmert sich überwiegend um sämtliche Belange aller Studierenden. Auch Anka Tobias macht in ihrer Arbeit als Studienberaterin nur selten längerfristige Beratungen und Folgeberatungen, da die Lerncoaches eine bessere Ausbildung hierfür haben. Tobias hat zwar einige Weiterbildungen in dem Bereich besucht, dennoch seien die Lerncoaches „in der Regel ausgebildete Psychologen der Sozialarbeit mit der entsprechenden Zusatzausbildung“. Tobias Aufgabengebiet liegt eher in der Unterstützung der Studierenden, etwa bei körperlichen oder geistigen Einschränkungen einen Nachteilsausgleich zu beantragen. Die Studienberaterin rät Betroffenen folgendes:

Elena befindet sich gerade in ihrem Pausensemester. Durch ihre Therapie hat sie den Beschluss gefasst, gesünder zu lernen und sich einen freien Tag in der Woche zu nehmen. Seitdem bekommt sie keine Panikattacken mehr. Nun bereitet sich Elena in Ruhe auf ihr Physikum vor. Die mündliche Prüfung im Februar und die schriftliche im März meisterte Elena mit großem Erfolg. Heute geht es ihr besser.  

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