„Wenn ich Panik kriege, esse ich ein Chili-Bonbon“

Gedrückte Stimmung, Hoffnungslosigkeit, Schlafstörungen, sich selbst als Belastung für andere sehen – diese und weitere Anzeichen deuten auf Depressionen hin. Hierzulande werden Depressionen oft unterschätzt, obwohl sie zu den häufigsten Krankheiten in Deutschland zählen.

„Es fing bei mir mit Depressionen an nach der Vergewaltigung damals. Das war der Auslöser“. Ella, heute 27 Jahre alt, war gerade 15, als sie vergewaltigt wurde. Jahre später erst wurde die Diagnose gestellt: Sie leidet, ausgelöst durch dieses Ereignis, an einer bipolar-affektiven Störung. Bei dieser Krankheit wechseln sich depressive mit manischen Phasen ab. „Es ist ein Wechselspiel. Einmal die Depressionen, die jeder kennt, und die Manie, das Gegenteil davon. Und das ist ganz schlimm, denn du merkst einfach, dass du nicht mehr die Gewalt über dich selbst, dein Handeln und dein Tun hast. Es ist ein kompletter Kontrollverlust.“ Die Manie sorgt bei Ella auf der einen Seite für immer egoistischeres Verhalten gegenüber ihren Mitmenschen. Auf der anderen Seite schlägt die Manie aber auch in das Gegenteil um. Sie ist nicht mehr egoistisch, sondern hilft anderen Personen. Was im ersten Moment positiv klingt, ist tatsächlich ein Problem. Denn Ella erkennt den Punkt nicht, an dem sie aufhören muss, um sich selbst zu schützen: „Ich bringe mich komplett an den Rand des Möglichen, bis es dann so weit geht, dass ich praktisch kollabiere. Wenn dieser Punkt überschritten ist, macht es im Hirn wieder einen komplett anderen Aussetzer und ich werde wieder depressiv.“ Die Depression ist bei Ella somit auf eine gewisse Art die Notbremse in der Manie, die ihrem Hirn das Signal gibt, dass sie überfordert ist. Es folgt ein Teufelskreis zwischen Depression und Manie.

Depressionen treten in verschiedenen Formen auf. So gibt es unter anderem die unipolare („klassische“) Depression, Wochenbettdepressionen, saisonal bedingte Depressionen (diese treten meist in den Herbst- und Wintermonaten auf), chronisch depressive Verstimmungen oder die bipolar-affektive Störung. Bei dieser leidet die betroffene Person abwechselnd an depressiven und manischen Phasen. Des Weiteren können Depressionen auch in Kombination auftreten, unter anderem mit Essstörungen, Panik- und Angststörungen.

Betroffene finden kostenlos und anonym Hilfe bei der Telefonseelsorge. Entweder telefonisch  unter 0800/111 0 111, per Mail oder Chat. Weitere Infos dazu auf www.telefonseelsorge.de

Zunächst begann es nach der Vergewaltigung mit einer depressiven Phase. Zu diesem Zeitpunkt besucht Ella ein Gymnasium. Sie sagt selbst von sich, sie sei nie eine super Schülerin gewesen, die viel gelernt hätte. Das meiste nimmt sie aus dem Unterricht mit. Doch durch die Depression geht Ella nicht mehr zur Schule. Die Noten werden schlechter, sie kann nicht mehr auf mündlich Erlerntes zurückgreifen. „Das hatte mir der Kerl genommen. Meinen Schulabschluss.“
Zwei Jahre später bricht sie die Schule ab, schafft es aber, noch die Mittlere Reife an einer Realschule zu machen. Es folgt eine Ausbildung zur Erzieherin.Während des dritten Lehrjahrs fällt jedoch alles in sich zusammen und sie schmeißt hin: „Ich habe meine Ausbildung im Oktober 2014 abgebrochen, lag dann acht Wochen daheim im Bett und dann bin ich am 5. Dezember zum Arzt.“ Fünf Jahre waren zu dem Zeitpunkt seit der Vergewaltigung und somit seit dem Ausbruch ihrer psychischen Krankheit vergangen, bis Ella einen Arzt aufsuchte. Rückblickend meint sie: „Meine Krankheit ging mitten in der Pubertät los, also in einer Zeit, in der sich eh alles verändert und von daher dachte ich, das sei einfach normal so.“

Die Manie erschwerte die Diagnose

Ella ist sich heute sicher: Ihre Erkrankung wäre viel früher erkannt worden, würde sie allein an depressiven Phasen leiden. So hätte sie viel früher ihre Ausbildung abgebrochen. Doch die manischen Phasen dazwischen, die Phasen, in den es ihr „gut“ ging, ließen sie immer weiter machen und versäumtes nachholen. „Nur dass dieses ‚gut‘ alles andere als gut war. Wobei es nicht von Anfang an so extreme Ausschläge in der Manie gab, wie dann später, nachdem ich die Krankheit schon ein paar Jahre hatte und sie Zeit hatte sich ‚auszubreiten‘“, erinnert sie sich. „Die Depressionen waren allerdings von Beginn an schrecklich.“ In diesen Zeiten schaffte Ella kaum noch etwas. „Es ist einfach so, dass ich keinen Antrieb mehr hatte, beziehungsweise habe. Ich will dann nicht aufstehen und liege tagelang nur im Bett, esse kaum etwas, dusche nicht, was wieder zur Folge hat, dass ich mich erst recht davor drücke das Haus zu verlassen.“

Depressionen hindern einen an alltäglichen Aufgaben. Betroffene sind nicht mehr sie selbst. (Quelle: Jo)

Nach der Diagnose begann die Behandlung. Neben den Therapiesitzungen bekam Ella auch Medikamente. Außerdem versuchte sie mit Hilfe einer alternativen Behandlung, bei der die Hirnströme wieder in Fluss gebracht werden sollen, ihr Glück: „Ich bin da hingegangen und habe gedacht ‚Ich mache alles, was mir irgendwie helfen könnte, aber so wirklich daran glauben tue ich echt nicht‘.“ Jedoch hat es hat ihr geholfen. Wieder zu Hause setzte sie sich auf ihr Sofa und genoss einfach nur das Gefühl, die Wohnung nicht aufräumen zu wollen: „Es ist ein Unterschied zwischen ‚ich kann nicht‘ und ‚ich will nicht‘. Und da wollte ich einfach nur nicht. Es klingt total bescheuert, aber ich habe mich darüber gefreut“.

Ein Gefühl von Kontrolle

Heute weiß Ella, wie sie mit ihrer Krankheit umgehen muss. To-Do-Listen und Wochenpläne helfen ihr dabei. Sie hört jeden Tag in sich hinein, wie es ihr geht und nimmt sich Pausen, gestaltet dementsprechend ihre Wochenpläne. „Es gibt Dinge, die sich ins krasse Gegenteil umgedreht haben, einfach aus dem Grund, weil es mich an Depressionen erinnert.“ Daher ist es für sie besonders wichtig, jeden Tag zu duschen und die Haare zu waschen. Spätestens jeden zweiten Tag muss sie die Wohnung saugen und aufräumen. „Vielleicht hat sich dadurch eine andere Art der Zwangsstörung entwickelt, aber mit der kann ich leben. Wenn meine Wohnung in Ordnung ist, bin ich auch in Ordnung.“
Natürlich weiß Ella, dass es Rückschläge geben kann. Vor wenigen Jahren erlitt sie selbst einen, doch sie weiß nun, dass Depressionen nicht plötzlich kommen. Sie bahnen sich langsam an. Man muss frühzeitig die Anzeichen erkennen und reagieren.
Zurzeit geht es ihr gut. Trotz Pandemie macht sie weiter wie bisher. Im letzten Jahr hat sie ihr Abitur an der Abendschule nachgeholt und mit einem Studium an der Universität in Stuttgart begonnen.

Das „Chamäleon unter den Erkrankungen“

In Deutschland leiden viele Menschen an Depressionen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ging 2018 davon aus, dass hierzulande über vier Millionen Menschen an Depressionen leiden. Auslöser dafür können sowohl psychosoziale als auch neurobiologische Aspekte sein. Neben traumatischen Geschehnissen wie einer Vergewaltigung, aktuellen Verlusterlebnissen oder Überlastungssituationen, können die Depressionen auch physische Ursachen haben, zum Beispiel wenn Veränderungen im Körper stattfinden. Auch wird seit Jahren zur Vererbbarkeit von Depressionen geforscht. Diese Forschungen ergaben, dass sie zwar nicht über ein bestimmtes Gen vererbbar sind, jedoch können Anlagen für diese psychische Krankheit vererbt werden. Die Wahrscheinlichkeit, selbst zu erkranken, ist höher, wenn es in der Familie bereits Personen mit depressiven Erkrankungen gibt. Außerdem haben Untersuchungen ergeben, dass Frauen eine größere Anfälligkeit für depressive Symptomatiken aufweisen als Männer.
Treffend beschreibt das Bundesministerium für Bildung und Forschung die Depression als „Chamäleon unter den Erkrankungen“. Die Depressionen treten in verschiedenen Formen oder gemeinsam mit anderen psychischen Erkrankungen auf. Es gibt viele Symptome, teilweise auch körperliche, die eine Diagnose schwer machen.

Depressionen treten auf verschiedene Weisen auf, was eine Diagnose erschwert. (Quelle: Jo)

So ist auch Svantje (Name geändert) von einer psychischen Erkrankung betroffen. Sie ist Studentin, Anfang 20. Bei ihr brach die Krankheit während der Corona-Pandemie aus. Sie leidet an einer generalisierten Angststörung und Panikstörung, was auch eine Depression mit sich gebracht hat. Begonnen hat alles mit einem scheinbar harmlosen Kurzurlaub nach Amsterdam zu Beginn der Corona-Krise. „Und eine Woche später, wie ich im Nachhinein weiß, hatte ich meine erste Panikattacke. Das wusste ich aber zu dem Zeitpunkt nicht. Meine Eltern haben es auch nicht geahnt, mein Bruder hat es nicht geahnt. Ich saß einfach am Computer und habe mit meinem Bruder ein Spiel gespielt.“ Vermutlich dadurch ausgelöst, bekam Svantje Nackenschmerzen. Bis in den Hinterkopf zogen sich die Schmerzen hoch. Sie bekam Panik, und daraufhin keine Luft mehr. Die Panikattacke wurde immer schlimmer, weshalb Svantjes Mutter schließlich einen Krankenwagen rief. „Die haben mich abgelenkt und dann ging es schon relativ schnell wieder besser.“ Sie habe wieder Luft bekommen. Dies hätte ein Zeichen sein müssen. „Das hat auch niemand bei den Ärzten vermutet: ‚Das könnte einfach Panik sein‘“. Eine simple Ablenkung wünsche sich niemand: „Aber, dass nicht einmal darüber nachgedacht wurde, dass es vielleicht auch was Psychisches sein könnte, fand ich schon krass“. Da sich zusätzlich zwei Symptome, die für eine Corona-Infektion hinwiesen, zeigten, musste Svantje für vier Tage in Quarantäne, bis das negative Testergebnis kam. Das bedeutete für sie vier Tage Isolation im eigenen Zimmer.

Schuldgefühle, Schlafstörungen, Panikattacken

Psychisch ging es ihr immer schlechter. Sie bekam immer wieder Panikattacken und machte sich über verschiedenste Krankheiten Gedanken. War es vielleicht ein Hirntumor? Oder doch Corona? „Ich hatte ein Gefühl vom Erschöpft-Sein, davon immer Angst zu haben“, berichtet Svantje. „Ich habe mich einfach scheiße gefühlt. Man war traurig, dass es einem psychisch schlecht geht.“ Neben den Panikattacken hatte Svantje täglich Angst, es könnte etwas passieren. Durch diese ständige Unruhe litt sie an Schlafstörungen und hatte Albträume. Schuldgefühle plagten sie, weil sie in Amsterdam war. „Es kam da dieser Punkt, wo ich mir dachte ‚Oh Gott, warum bist du da hingefahren? Für das bisschen Spaß bist du da jetzt hingefahren und es war doch eigentlich total verantwortungslos‘.“ Immer wieder war sie ohne Grund traurig. „Man kann sagen, es war einfach so, als hätte man mir einen Graufilter aufgelegt. So fühlt sich das manchmal an. Alles ist plötzlich so grau, traurig, melancholisch.“ Svantje wurde immer nachdenklicher, dachte, jedem gehe es so wegen der Pandemie: „Aber es war halt nicht nur das Corona-Thema bei mir.“

Chili-Bonbons gegen die Panik

Irgendwann erlitt Svantje eine Panikattacke, während ihre Mutter dabei war. Diese erkannte die Symptome und Svantje bekam einen Termin beim Psychiater. Es folgten ein Aufenthalt in einer Tagesklinik und Therapiestunden, auch Medikamente muss sie gegen die Depressionen nehmen. Sie lernt, mit der Erkrankung umzugehen und wie Panikattacken vermieden werden können. „Wenn es ganz schlimm wird, esse ich Chili-Bonbons. Das ist ein Trick, den man lernt. Einfach Sachen, die einen ablenken oder irgendwie anders beschäftigen. Bei mir ist es Chili. Ich hasse scharfes Essen. Und wenn ich dann merke, dass ich Panik habe, dass sie hochkommt, kann ich so ein Chili-Bonbon in den Mund nehmen und es ist, als ob man im Körper so einen Reset-Knopf drückt.“ Danach geht es ihr gleich besser. Woher die Panikattacken und Angststörung überhaupt kommen, weiß Svantje jedoch nicht. Sie kennt zwar ein paar Auslöser für ihre Panikattacken – so kann sie zum Beispiel in Filmen keine Personen sehen, die sterben oder an einer schlimmen Krankheit leiden – woher jedoch die psychische Erkrankung kommt, ist noch unklar. Es ist möglich, dass sie eine Veranlagung dafür hat. „Das versuche ich gerade in der Therapie herauszufinden“.

Depressionen sind nicht gleich Depressionen. Sie äußern sich auf verschiedene Arten und treten oft in Kombination mit anderen psychischen Störungen auf. Gerade das macht es so schwer, die Diagnose zu stellen. Dazu fühlen sich Betroffene oft von ihrem Umfeld nicht richtig ernst genommen, bevor sie eine Diagnose haben. Das Wichtigste ist, sich Hilfe zu suchen. Auch wenn man vielleicht denkt, es würde nichts bringen, ist sich Svantje sicher: „Es kann besser werden.“

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