Wie gut sind LGBTQIA+ in den Medien repräsentiert?

Wenn es um Repräsentation in den Medien geht, bleibt die Darstellung der LGBTQ+-Community noch immer auf der Strecke. Obwohl sich vermehrt Serien und Filme mit queeren Themen und Charakteren auseinandersetzen, sehnen sich weiterhin viele Menschen nach Figuren, mit denen auch sie sich identifizieren können.

Die Quote weiblicher Hauptdarstellerinnen und die Anzahl von People of Color-DarstelleInnen ist wichtig, ebenso bedeutsam ist aber auch die Repräsentation von Menschen mit unterschiedlicher sexueller Orientierung. LGBTQIA+ ist ein Akronym und steht für Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Queer/Questioning, Intersex, Asexuell/Aromantisch und alle anderen Personen, die sich außerhalb des cis-heteronormativen Spektrums identifizieren. 

Das amerikanische Medienunternehmen GLAAD (Gay and Lesbian Alliance Against Defamation) beobachtet seit Jahren die Repräsentation von LGBT Charakteren in den amerikanischen Medien. Das Unternehmen möchte eine faire Darstellung von queeren Menschen und Ereignissen in den Medien als ein Mittel gegen Diskriminierung aufgrund von Geschlechtsidentitäten und sexueller Orientierungen fördern und sicherstellen. Ihr neuester Bericht in Zusammenarbeit mit dem Marktforschungs- und Analyseunternehmen The Harris Poll zeigt, dass 20 Prozent der 18 bis 34–jährigen Amerikaner sich als LGBTQ identifizieren. Zu erkennen ist auch eine Steigerung im Laufe der Jahre, was darauf zurückzuführen ist, dass sich immer mehr Millenials als nicht cis-heteronormativ einordnen. Laut GLAAD ist die junge Zielgruppe für TV-Sender und Streaming-Anbieter entscheidend, weshalb sie so vielfältig wie möglich angesprochen werden sollte. Die vermehrte Darstellung von queeren Charakteren hilft den jungen Zuschauern, sich mit Figuren zu identifizieren. Die Normalisierung des Themas trägt entscheidend zur Formung des Charakters junger queerer Menschen bei und auch heterosexuelle Menschen werden durch die Sichtbarkeit des Themas sensibilisiert und aufgeklärt. Die Darstellung in den Medien von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transsexuellen, Intersexuellen, Asexuellen und queeren Personen im Allgemeinen, sorgt bei ihnen für mehr Akzeptanz und prägt entscheidend den gesellschaftlichen Diskurs in Hinblick auf ihre Rechte.

„Film hat die Macht, das Publikum auf der ganzen Welt zu erziehen, aufzuklären und zu unterhalten. In dem heutigen politischen und kulturellen Umfeld müssen wir vorrangig LGBTQ-Geschichten und die Geschichten aller marginalisierten Menschen erzählen“

Sarah Kate Ellis, Präsidentin und CEO von GLAAD 

Die Akzeptanz und Toleranz des Themas haben sich in den letzten zwei Jahrzehnten erheblich gesteigert. Während man noch zu Beginn des Jahrtausends die Anzahl queerer Charaktere im Fernsehen gefühlt an einer Hand abzählen konnte, sind heute immer mehr LGBTQ+ Charaktere zu sehen. Gerade Streaminganbieter wie Netflix sind Vorreiter in Sachen Diversität. ÉliteSexEducationAtypical – sie alle stellen LGBTQ+ Charaktere dar und dies schadet ihrem Ruf nicht im Geringsten. 

Diversität von HauptdarstellerInnen in Primetime-Sendungen, 2020/2021 (Straight=Heterosexuell)

In Primetime-Sendungen liegt die Repräsentation dieser Charaktere bereits bei 9,1 Prozent. Anstreben will GLAAD eine Repräsentationsrate von 10 Prozent, abgeleitet aus dem Mittelwert der Prozentzahl von LGBT Personen in den USA. Eine logische Schlussfolgerung, oder etwa nicht?

Es ist richtig und wichtig mehr diverse Charaktere in Produktionen einzubinden, um auf die Vielfalt der Gesellschaft deutlich zu machen und für mehr Akzeptanz beim Publikum zu sorgen. Die Forderung von einem zehn-prozentigen Anteil der Darstellung im Fernsehen ist nach der Rechnung wohl angebracht. Aber nur Charaktere einzubringen, um irgendwelchen Zahlen zu entsprechen, ist nicht der richtige Weg. Es liegt auch an den Produzenten, Charaktere – so wie alle anderen Figuren – sorgfältig zu planen und gekonnt in die Geschichten einzubinden. Wenn also bei der Story sexuelle Orientierungen – egal ob sie heteronormativen Rollen entsprechen oder nicht – nicht von Belangen sind, brauchen auch queere Figuren und Handlungen nicht extra eingebunden werden. Es ist nicht notwendig in jeder Produktion queere Charaktere zu gestalten. Wenn aber in Film und Serien andere Charaktere ihr Selbst und ihre sexuelle Orientierung ausleben, kann und sollte das auch für LGBTQ-Charaktere gelten. Man könnte also argumentieren, dass je mehr queere Charaktere und Handlungen auf der Leinwand zu sehen sind, auch immer mehr Menschen für das Thema sensibilisiert werden. So weit so gut. Doch sobald die Qualität der Darstellungen darunter leidet und immer nur die gleichen LGBTQ- Personen gezeigt werden, hat keiner etwas davon. Denn viel wichtiger als irgendwelchen Zahlen zu entsprechen, nur um möglichst aufgeschlossen zu wirken, ist die Art der Repräsentation und die Vielschichtigkeit dieser.

Wie divers sind die Sender wirklich? 

Es werden zwar immer mehr queere Charaktere in Serien und Filmen gezeigt, der größte Anteil liegt hierbei jedoch bei homosexuellen weißen Männern. Neben der geringen ethnischen Diversität von LGBTQ+ Charakteren wird auch die wenig vielschichtige Repräsentation queerer Menschen kritisiert. Schwul, lesbisch, bisexuell – die Formen der sexuellen Orientierung sind für die meisten Menschen ein Begriff und werden vor der Kamera vermehrt dargestellt. Wo bleiben zum Beispiel die asexuellen-, transsexuellen, oder non-binären Charaktere, mit denen sich die ZuschauerInnen identifizieren können?

Die meiste Anzahl an LGBTQ+ Charakteren findet sich in Formaten wieder, die für ein queeres Publikum von LGBTQs selbst produziert werden. Während sich aber auch außerhalb des Sektors die meisten Anbieter darum bemühen, mehr Diversität und unterschiedliche (queere) Charaktere darzustellen, hat die Repräsentation bei anderen noch immer einen schweren Stand. Als bestes Beispiel lässt sich das Medienunternehmen Disney aufführen. Nach jahrelanger Produktion und immer wieder zahlreichen Andeutungen, bleibt der Einblick auf eine nicht heterosexuelle Darstellung von Liebe und Partnerschaft verwehrt. Obwohl die Annahme, dass eine solche Darstellung Kinder und Jugendliche in ihrer sexuellen Identität beeinflusst, wissenschaftlich widerlegt ist, hält es Disney dennoch von einer vielfältigen Darstellung ab. Wenn aber LGBTQ+ Kindern und Jugendlichen durch Film und Fernsehen die heterosexuelle Darstellung als Norm suggeriert wird, führt das zu Zweifeln über die eigene Identität, so Stefan Timmermanns, Sexualpädagoge.

Doch weil Disney ein weltweites Publikum hat, geht der Konzern auf Nummer sicher und gestaltet seine Figuren meist ambivalent – heißt, der Zuschauer kann selbst entscheiden, wie er die einzelnen Figuren einordnen würde. Um trotz allem jedem gegenüber aufgeschlossen zu wirken, betreibt Disney, wie auch viele weitere Anbieter, das sogenannte Queer Coding. Dadurch werden fiktiven Figuren bestimme Charakterzüge oder ein Verhalten verliehen, das andeutet, dass sie nicht heterosexuell oder Cisgender sind, ohne dies konkret anzusprechen. Eine Steigerung des Queer Codings ist das Queerbaiting. Dies ist eine weitere Strategie, um queere ZuschauerInnen anzulocken, aber das konservative Publikum nicht zu verschrecken. Das potenzielle Publikum bekommt durch diese Strategie den Eindruck, der Film oder die Serie würde queere Personen beinhalten. Dargestellt wird das zum Beispiel durch das Porträtieren von Lebensweisen gleichgeschlechtlicher Paare. Die angebliche Repräsentation lebt allein von Subtexten und die Erwartungen werden schlussendlich nicht erfüllt. Die angesprochene Zielgruppe kann sich durch die vorhandenen Darstellungen selbst eine Welt interpretieren. Das Problem dieser beiden Strategien ist, dass ihnen das Gefühl vermittelt wird, sie seien es nicht wert auf der Leinwand dargestellt zu werden. Ganz nach dem Motto: Wir akzeptieren zwar alle Sexualitäten, vollständig und tiefgreifend darstellen tun wir sie aber nicht.

Wenden wir uns der Repräsentation der LGBTQ+ Community im deutschen Fernsehen zu, so ist auch hier erkennbar, dass sich in den letzten Jahren einiges geändert hat. Formate wie „Prince Charming“ oder „Queen of Drags“ fanden bei privaten Sendern ihren Ursprung. Die öffentlich-rechtlichen Sender hingegen hinken noch hinterher. ARD und ZDF bringen weiterhin kaum queere Charaktere in ihren Produktionen ein. Obwohl das deutsche Fernsehen dafür bekannt ist, die Lebenswelt realitätsnah abzubilden, halten sie sich bei der sexuellen Vielfalt noch immer stark zurück. Am 7. Mai dieses Jahres wurde allerdings die erste queere Serie im öffentlich-rechtlichen Fernsehen – in der ARD-Mediathek – veröffentlicht und bildet damit die erste deutsche Produktion mit ausschließlich homosexuellen Hauptfiguren. „All you need“ handelt von vier Männern in Berlin und deren Herausforderungen im Leben. Während die Miniserie bei der Erstausstrahlung im TV noch auf wenig Interesse stieß – was auch der späten Sendezeit geschuldet sein kann – wurde sie in der Mediathek in den ersten zehn Tagen mehr als eine Millionen Mal abgerufen. Die Erfolge zeigen: Das Interesse bei den ZuschauerInnen ist da. Es liegt nun an den Sendern ein breiteres Programm für ihre RezipientInnen anzubieten und einen weiteren Schritt in Richtung Diversität zu machen.

Egal ob Film, Serie oder Reality-TV: Medien spiegeln die Gesellschaft wider. Figuren und Storylines sind nicht nur für die Unterhaltung da, sie klären auf und sorgen für mehr Akzeptanz und Toleranz. Laut GLAAD prägt die vielfältige Darstellung von Figuren und Ereignissen die Gesellschaft und hilft Personen, sich damit identifizieren zu können. Es ist die Aufgabe der Medien die gesamte Gesellschaft abzubilden. Die Fortschritte, die die Medien im Laufe der Jahre hinsichtlich dessen gemacht haben, sollten nicht vergessen werden. Es zeigt: Wir bewegen uns in die richtige Richtung, auch wenn noch einzelne Schritte zu machen sind. Schlussendlich sollte man nämlich gar nicht mehr darüber debattieren müssen, ob bestimmte Gruppen zu viel oder zu wenig in den Medien dargestellt werden. Jede und jeder hat das Recht darauf, sich mit Figuren identifizieren zu können. Bis schließlich jeder Sender das begriffen hat, dauert es vielleicht noch ein Weilchen, aber dafür haben wir heute genügend andere Produktionen, die ein diverses Angebot anbieten.

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