Wie psychisch kranke Eltern das Leben ihrer Kinder beeinflussen

Leben Kinder mit einem psychisch erkrankten Elternteil zusammen, kann es unter Umständen zu schweren Folgen in der kindlichen Entwicklung kommen. Müssen Kinder schon in jungen Jahren für ihre Eltern sorgen oder sind eventuell sogar häuslicher Gewalt ausgesetzt, ist manchmal nur noch das Jugendamt der letzte Ausweg.

Klinikeinweisungen, Umzüge und häufige Trennungen können Traumata auslösen. Aus diesen Ereignissen können psychische Erkrankung resultieren. Vor allem Kinder mit psychisch kranken Eltern sind häufig stark belastet. Vernachlässigung und Parentifizierung, also der Rollentausch von Kind und Elternteil bezüglich alltäglicher Dinge wie zum Beispiel Haushaltspflichten, spielen dabei eine zentrale Rolle. Schuldgefühl, Wut, Fluchtbedürfnis oder auch Trennungsangst gehören bei vielen betroffenen Kindern zum Alltag. Sie leiden unter der psychischen Erkrankung des jeweiligen Elternteils und noch mehr unter deren Auswirkungen. Die psychischen Erkrankungen der betroffenen Eltern sind häufig Depressionen, Borderline, bipolare Persönlichkeitsstörungen oder Manie. Der familiäre Alltag verläuft bei betroffenen Familien meist ganz anders als normalerweise. Lustlosigkeit, Schlafstörungen, vegetative Beschwerden gehören zur Symptomatik bei Depressionen. Daher gibt es in betroffenen Familien oft unregelmäßige Mahlzeiten, nicht vorhandene Alltagsroutinen, wenig Ausflüge, extreme Konfliktsituationen, teilweise auch mit Gewalt, und ein allgemeines Betreuungsdefizit der Kinder. 

Durch verschiedene Faktoren, wie Traumata in Folge von einschneidenden Ereignissen, kann es bei vielen Kindern zu Störungen in der Persönlichkeitsentwicklung kommen, weiß Psychologin Sarah Middendorf, die in Kassel praktiziert. Grundsätzlich komme es erst zu der persönlichen Charakterentfaltung, wenn grundlegende Bedürfnisse gestillt werden. Dazu gehöre ein unbeschwerter Umgang innerhalb der Familie, ein sorgenfreier Alltag, tägliche Erziehung und grundsätzliche Versorgung des Kindes in Form von gegebener Körperhygiene und regelmäßigen Mahlzeiten. Sind diese grundlegenden Faktoren nicht vorhanden, habe das Kind bereits Probleme die eigene Persönlichkeit zu entfalten. Dadurch können sich sehr häufig Entwicklungsstörungen ableiten, die sich durch explizite Verhaltensauffälligkeiten ausdrücken würden – beispielsweise durch Wutausbrüche, Einnässen oder Schlafstörungen. 

Rollentausch und gestörte Eltern-Kind-Beziehungen 

Diese Entwicklungsstörungen können ebenfalls durch einschneidende Erlebnisse hervorgerufen werden. Campus38 liegt hierfür die Fragebogenstudie „Erwachsene Kinder psychisch kranker Eltern” von 2018 zu Grunde. Entsprechende Traumata bilden sich durch extreme Konfliktsituationen zwischen den Elternteilen oder Konflikten zwischen Kindern und Eltern. Auch Klinikeinweisungen eines erkrankten Elternteils können ein Trauma auslösen. Diese Art der abrupten Separation führt bei vielen Kindern zu Trennungsängsten und Sorgen. Die massiven Sorgen des Kindes begründen sich meist auf der fehlenden Kommunikation und Aufklärung zwischen Elternteil und Kind, betreffend der jeweiligen Erkrankung, unter welcher die betroffene Person leidet, wodurch sich die plötzliche Verlusterfahrung noch irritierender auf das Kind auswirkt. Diese Art von Einschnitt in die Beziehung von Elternteil und Kind, kann zu Verlustängsten, gestörtem Beziehungsverhalten und emotionaler Abhängigkeit beim Kind führen. Ebenfalls kann es innerhalb der Familie zu vertauschten Rollen kommen. Immer dann, wenn der andere psychisch gesunde Elternteil, durch den temporären Verlust, mit der häuslichen Situation überfordert ist oder der psychisch erkrankte Elternteil durch die eigene emotionale Dauerbelastung mit den grundlegenden Aufgaben des Alltags überfordert ist. Das Kind übernimmt in diesem Fall, aufgrund einer unbewussten Manipulation des entsprechenden Erziehungsberechtigten, die Rolle des fehlenden oder erkrankten Elternteils. Durch diese frühe Übernahme von Verantwortung – ob im Haushalt, bei der Betreuung der Geschwister oder bei der psychischen Unterstützung des jeweiligen Elternteils – werden dem betroffenen Kind die Grundlagen der eigenen Persönlichkeitsentfaltung verwehrt. Insoweit, dass das jeweilige Kind die eigenen Bedürfnisse hinten anstellen muss, um den überforderte Elternteil zu unterstützen. 

Wenn Kinder ihre Eltern umsorgen müssen 

Die Unterdrückung der eigenen Bedürfnisse im Alltag von betroffenen Kindern kann dazu führen, dass soziale Unterstützung von außen oder Familienbetreuungen durch das Jugendamt zu Schuldgefühlen führt. Diese Gefühle wurden durch die Parentifizierung des Kindes hervorgerufen, denn es fühlt sich für das Wohl des psychisch kranken Elternteils verantwortlich. Parentifizierung entsteht oft durch Trennung der Eltern und/oder durch die unbewusste Rollenzuweisung der Eltern, ebenso wie die unbewusste Manipulation, dass Kinder bei emotionalen Problemen die Stütze der Eltern sein müssen. Das Gefühl der vertauschten Rollen oder der emotionalen Stütze bedeutet für Kinder eine enorme psychische Belastung. Das eigene Selbstwertgefühl ist untrennbar mit dem Bedürfnis der Zufriedenstellung des Elternteils verbunden. Dies führt schlussendlich zu einer gestörten Beziehung zwischen Elternteil und Kind, mit der Folge, dass betroffene Kinder fortan selbstständig handeln und entscheiden, wodurch erneut die eigene Persönlichkeitsentfaltung leidet.

Unterstützung von außen

Viele Familien bekommen bereits Hilfe. 2019 sind etwa 16 Prozent der in Anspruch genommenen Erziehungshilfen an Familien gegangen, 72 Prozent gingen an Minderjährige, die häufig auch die Zusammenarbeit mit der zugehörigen Familie mit einbezieht. Die restlichen zwölf Prozent richteten sich an junge Erwachsene. Von den insgesamt circa 3,8 Millionen betroffenen Familien, haben 2019 grade mal 1,017 Millionen Familien und junge Menschen erzieherische Hilfe beantragt. Die erzieherische Hilfe wird meist in Form einer Familienhilfe oder -betreuung angeboten. Diese Hilfsangebote werden durch das Jugendamt oder den jeweiligen Landkreis bereitgestellt und zielen darauf ab, Kinder und ihre psychisch kranken Eltern auf die bestmögliche Weise zu unterstützen. Die Aufgabe des Jugendamtes dabei ist es, dafür zu sorgen, dass das Wohl des Kindes an erster Stelle kommt. Gibt es Merkmale für eine Entwicklungsstörung, hat das zuständige Amt die Berechtigung für das Kindeswohl in jeglicher Form zu sorgen. In einigen Fällen bedeutet das, dass Kinder temporär oder dauerhaft aus ihren Familien herausgenommen werden. So nehmen Pflegefamilien oder entsprechende Einrichtungen, die Kinder in Not auf. Beide Parteien arbeiten eng mit dem Jugendamt zusammen. Diese Regelung greift vor allem dann, wenn es in betroffenen Familien zu häuslicher Gewalt, Verwahrlosung, einem extremen Betreuungsdefizit oder zu einer Überforderung der Eltern kommt.

Ein Beispiel ist der Verbund Braunschweiger Kinderhäuser, der Einrichtungen in Gardessen. Das Jugendamt dient als sogenannter Dienstgeber und schickt den Einrichtungen Berichte der entsprechenden Kinder zu. MitarbeiterInnen des Verbundes wie Alicia Kaczmarek entscheiden gemeinsam auf Grundlage des Berichtes und unter Berücksichtigung ihres Hilfe-Konzeptes, ob betroffene Kinder aufgenommen werden. „Man erkennt an psychosomatischen Anzeichen, Rückzug, Trauer, depressiven Verstimmungen oder körperlicher Verwahrlosung, dass Kinder unter der Erkrankung des Elternteils leiden“, erklärt Kaczmarek. Es kann bei Kindern dazu kommen, dass sie aufgrund dieser Distanzierung in einen Loyalitätskonflikt geraten. Sie wollen dem Elternteil helfen, werden jedoch gleichzeitig von ihm getrennt, um selbst Unterstützung zu erhalten. Das könne gleichzeitig zu Schuldgefühlen führen. Trennungsängste und massive Sorgen bezüglich des kranken Elternteils unterstützen diese Gefühle der Schuld gleichermaßen. Die Mitarbeiter des Verbundes helfen durch psychischen Beistand, eine Strukturierung des Alltags, Respekt und Anerkennung. Die Hilfe für das jeweilige Kind kann nur unter bestimmten Voraussetzungen auch wirksam voranschreiten. Dazu zählt grundsätzlich die Bereitschaft des Kindes selbst sowie die Kooperationsfähigkeit der Eltern, genauso wie die Einsicht, Hilfe anzunehmen und der regelmäßige Kontakt zu entsprechenden Stellen. Carina Müller, Lehrerin in den Fächern Deutsch und evangelische Religion weiß, dass sich Eltern nicht immer helfen lassen: „Sie sehen das Problem des Kindes häufig als Kritik an ihrer Person an oder interpretieren es als individuelles Versagen ihrer Erziehung.“ Dies sei ein häufiges Hindernis, denn ohne die Bereitschaft der Eltern, Hilfe von außerhalb anzunehmen, könne dem Kind auf lange Sicht nur schwer geholfen werden. Jedoch sei es langfristig das Beste für ein betroffenes Kind, bekomme es professionelle Unterstützung und emotionalen Beistand. Werden die jeweils negativen Gefühle und die fehlende Möglichkeit einer Persönlichkeitsentwicklung nicht richtig verarbeitet, kann es später zu einem stark beschädigten Verhältnis von Kindern und Elternteilen kommen. Die zerrüttete Beziehung wirkt sich gravierend auf die Psyche beider Seiten aus.

„Ich denke, dass Kinder mit einer solchen Vita eher für spätere Suchterkrankungen anfällig sind und es alleine diese familiären Erfahrungen sind, die sie durch Rauschzustände vergessen wollen“, vermutet Carina Müller. Vernachlässigungen, Traumata oder auch häufige Konfliktsituationen können bei Kindern nachhaltig psychischen Schaden anrichten, wodurch das Risiko einer Suchterkrankung steige. Durch kurze positive emotionale Schübe, sei es durch Alkohol, Nikotin oder andere pflanzliche sowie chemische Substanzen, kann der Konsum bei psychisch belasteten jungen Erwachsenen und Jugendlichen schnell zu einer Gewohnheit werden. Laut der Vivid (Fachstelle für Suchtprävention) in Graz könne durch frühzeitige Präventionsmaßnahmen, die Kindern bei der Bewältigung und Verarbeitung von negativen Gefühlen und Erfahrungen helfen sollen, das Risiko einer Suchterkrankung gemindert werden. Das Verlangen nach positiven Emotionen sei nicht so stark ausgeprägt, wie bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die durch ihre Kindheitserfahrungen nur negativ geprägt wurden und traumatische Ereignisse nicht richtig verarbeiten konnten. Aufgrund dieser Faktoren sei die Hilfe des Jugendamtes und anderer entsprechenden Stellen für Kinder psychisch erkrankter Eltern besonders wichtig.

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