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Wissenschaft und Technik - Digitalisierung, Pflege, Zukunft Die Digitalisierung im Pflegealltag: Entlastung oder Hindernis?

Die Digitalisierung schreitet in allen Lebensbereichen voran. So auch in den Pflegeberufen. Künftig werden sich die Aufgabenfelder von Pflegefachkräften verändern und auch die Anforderungen könnten steigen.

Im Pflegesektor sind moderne Geräte Fluch und Segen zugleich. (Quelle: Grummann)

Durch die Integration neuer Technologien in der Pflege ist es denkbar, dass eine Optimierung von Arbeitsprozessen stattfindet. Martina Hasseler, Professorin an der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften ist sich sicher: „Im positiven Sinne könnte zum Beispiel künstliche Intelligenz dazu dienen, Dokumentationsprozesse zu erleichtern.“ Außerdem könne die Maßnahmenplanung in Pflegeeinrichtungen erleichtert werden. Für Hasseler bedeutet Digitalisierung in der Pflege: Die Umsetzung neuer Technologien in der Informationsverarbeitung, in der abteilungs- sowie organisationsübergreifenden Kommunikation und der Einsatz von Robotiksystemen. Christoph Giesecke, Pflegefachkraft in der zentralen Notaufnahme, arbeitet seit 2012 in der Pflege und habe große Schritte der Digitalisierung des Krankenhauses, in dem er arbeitet, mitverfolgen können. Er verbindet mit Digitalisierung im Pflegeberuf etwas anderes: „Verminderung der Papierbelastung und die Vereinfachung des Arbeitsalltages.“ Beispiele aus seinem Berufsalltag sind die Digitalisierung der Patientenakte, der Zeiterfassung und diverser Laboranmeldungen. Zu Beginn seiner Arbeit als Krankenpfleger gab es Patientenakten, Medikationspläne sowie ärztliche Anordnungen noch in Papierform. „Dies führte ab und an zu Missverständnissen oder Fehlmedikationen.“ Seiner Ansicht nach hat sich sein Berufsalltag vereinfacht und er könne sich etwas mehr um die Patienten kümmern. In Gieseckes Fall ist davon auszugehen, dass die neuen technischen Möglichkeiten sinnvoll umgesetzt wurden. Diese nehmen ihm zeitintensive Tätigkeiten ab und der Pflegeprozess wurde optimiert. Von diesem Einzelfall kann allerdings nicht auf andere Pflegeeinrichtungen geschlossen werden.

Regina Haveland, Pflegefachkraft in der urologischen Endoskopie, stellt in ihrem Beruf wieder etwas anderes fest: Durch die Digitalisierung haben die PflegerInnen viele Dokumentationsaufgaben zu erledigen und dadurch weniger Zeit für die PatientInnen. In ihrem Fall trägt die Digitalisierung also nicht zur positiven Entwicklung bei. Die Studie der Deutsche Angestellten Akademie (DAA)-Stiftung Digitalisierung und Technisierung der Pflege in Deutschland untermauert Havelands Beobachtungen. Laut der Studie wurde nach Einführung der Patientenakte ein erhöhter Dokumentationsaufwand festgestellt. Martina Hasseler betont, dass Robotiksysteme vor allem patientenferne Aufgaben übernehmen sollten. „Wenn wir einen Roboter haben, der die Aktivierung der PatientInnen durchführen soll, haben wir eine Störung des Pflegeprozesses“, stellt sie fest. Führt man diesen Prozess als Pflegekraft selbstständig durch, sehe man die körperliche Verfassung und den psychischen sowie kognitiven Zustand der PatientInnen.“ Als Negativbeispiel dazu nennt sie den Getränkeroboter. In Aufenthaltsräumen von Pflegeeinrichtungen findet dieser Verwendung, um PatientInnen mit Flüssigkeit zu versorgen. Auf den ersten Blick scheint dies wie eine sinnvolle Idee. Genauer betrachtet bringt dieses System jedoch Risiken mit sich. Denn der Roboter kann den Gesamtzustand eines Patienten nicht beurteilen. Pflegekräfte können sich dagegen auch nach dem allgemeinen Befinden und anderen Bedürfnissen der PatientInnen erkundigen und dementsprechend handeln. Hasseler betont, „dass ganz viel entwickelt wird im patientennahen Bereich.“ Ihrer Ansicht nach ist das allerdings nicht sinnvoll, da diese Technologien mit den PatientInnen arbeiten, während die Pflegefachkraft die Spülmaschine einräumt.

In einem Interview der DAA-Stiftung mit der Geschäftsleitung einer Pflegeeinrichtung wird diese Problematik ebenfalls thematisiert. „Unser Ziel muss es sein, unseren Pflegebeschäftigten mehr Raum zu geben für die Arbeit, für die sie eingestellt wurden und weswegen sie ihre Ausbildung gemacht haben“, so der Geschäftsführer: „Es kann nicht unser Ziel sein, dass eine Pflegefachkraft ihre Arbeitszeit mit dem Transport von Sprudelkisten, Essen oder Wäschewägen verbringt. Denn diese Zeit fehlt dann für unsere Bewohner in der direkten Interaktion.“ Auch hier wird der Gedanke deutlich, dass vorrangig pflegeferne Aufgaben im Fokus der Automatisierung stehen sollten. Darunter fallen zum Beispiel auch körperlich anstrengende Tätigkeiten.

Pflegerin Regina Haveland wünscht sich beim Auspacken und bei der Verräumung schwerer Materialien technische Hilfe. Sie beschreibt, dass sie in ihrem Berufsalltag oft mit schweren Paketen zu kämpfen hat. Große Kisten, randvoll mit Kochsalzbeuteln. Ein Beutel fasse in etwa drei Liter. In einem Paket befinden sich meistens vier solcher Beutel. Der Bedarf an mechanischer Unterstützung ist in Reginas Fachabteilung gegeben und sollte mithilfe von entsprechenden Geräten gedeckt werden.

Die Verlegung und das Heben von PatientInnen nehmen ebenfalls einen großen Teil im Berufsalltag von PflegefachkräftInnen ein. Geeignete Geräte wie die Hebehilfe wurden bereits entwickelt, um Prozesse zu erleichtern. Im Rahmen der Studie Pflege und digitale Technik des Zentrums für Qualität in der Pflege wurden 355 Pflegerinnen und Pfleger zur Anwendung von Robotik im Materialtransport sowie der Patientenverlegung befragt. Genau diese Lücke zwischen dem Wissensstand, dem Zugang und der tatsächlichen Umsetzung dieser und anderer Technologien sollte zukünftig geschlossen werden. Martina Hasseler beobachtet diese Problematik schon länger. Die Hebehilfe wird häufig nicht eingesetzt, obwohl diese dabei helfen kann, PatientInnen rückenschonend zu verlegen. Die Gründe dafür sind ihrer Auffassung nach, die Größe und die schwere Beweglichkeit des Gerätes. Dieses Beispiel verwendet Hasseler gerne, um vergleichbare Probleme mit neuen digitalen Systemen verständlich zu machen. „Wenn sie nicht praktikabel sind, wenn sie keinen Sinn machen, wenn sie aufhalten, wenn sie nicht verstanden werden, wenn sie mehr Arbeit machen als sie nützen, dann wird die neue Technologie nicht ankommen und nicht genutzt werden.“ Es ist außerdem von großer Bedeutung, dass pflegerisches Fachpersonal angemessen im Bereich der fortschreitenden Automatisierung geschult wird. Die Bedienung von verschiedensten Geräten wird immer präsenter und ist Voraussetzung für eine erfolgreiche Digitalisierung in Pflegeeinrichtungen.

Auswirkungen der Digitalisierung – Aufgabenfelder und Berufsbilder

Durch den technischen Fortschritt kommt es nicht nur zu einer Erweiterung von vorhandenen Aufgabenfeldern, auch werden gänzlich neue Arbeitspakete entstehen. Laut der Studie der DAA-Stiftung Digitalisierung und Technisierung der Pflege in Deutschland wird unter anderem das Überwachen der Robotiksysteme und der Sensortechnik ein entscheidender Arbeitsinhalt. Die Studie verdeutlicht, dass die kontrollierenden Aufgaben fortan immer mehr eingegliedert werden. Die Folge für das Pflegepersonal: Eine Auseinandersetzung mit fachfremden Tätigkeiten. Damit kann eine Entwertung der Fachlichkeit des Pflegepersonals einhergehen. Demnach sollten Monitoringsysteme, künstliche Intelligenz oder Robotik nicht als Ersatz von Pflegetätigkeiten betrachtet werden, sondern als reine Unterstützung von Arbeitsprozessen. Die Studie Digitale Arbeitswelt des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales stimmt mit dem Großteil dieser Aspekte überein. Es wird allerdings festgehalten, dass eine allgemeine Aufwertung des Berufsfeldes denkbar wäre.

Im Krankenhaus-Report 2019 wird darauf eingegangen, wie sich die Arbeitswelt der Ärztinnen und Ärzte verändern könnte. Aus dem Report geht hervor, dass diese zukünftig vermehrt eine Vermittlungsfunktion übernehmen müssen. Die Daten der neuen Technologien sind komplex und müssten im Gespräch mit den PatientInnen übersetzt werden. Auch hier sollte die Sinnhaftigkeit beim Gebrauch der neuen technischen Geräte im Blick behalten werden. Eine Gefährdung der Arzt-Patienten-Beziehung durch eine reine Datenübermittlung sollte dabei nicht entstehen.

Auch die DAA-Stiftung beschäftigt sich mit den Veränderungen des Berufsfeldes. Medizinisches Personal könnte neben der eigentlichen Pflege von PatientInnen, als TechnikvermittlerInnen agieren. Die Rolle der Pflegekraft würde sich somit erweitern und neue Kompetenzen erfordern. Ein technisches Verständnis über die Handhabung von Robotern, künstlichen Intelligenzen und die Bedienung von Maschinen wird stets wichtiger. Nicht zu vernachlässigen sind dabei aber auch soziale Kompetenzen. Diese wären bei dem Aufbau von Vertrauen zwischen den PatientInnen und der neuen Technik nötig. So könnte eine erfolgreiche Integration von neuen Technologien und dessen Einsatz eintreten. Im Krankenhaus-Report 2019 werden neue berufliche Perspektiven dargestellt. Darunter auch ein neues Berufsfeld: der Healthcare Content Manager. Aufgabenfelder dieses Berufes sind die Lizenzierung von Software für Krankenhäuser und die Ausgestaltung der Datenhaltung. Die Digitalisierung bietet also neben der technischen Ausstattung von Pflegeeinrichtungen auch die Chance auf neue Berufsfelder. Der Einsatz von neuen Technologien kann dafür sorgen, dass Pflegeprozesse optimiert werden. Eine Voraussetzung dafür ist die Übernahme von pflegefernen Aufgaben durch künstliche Intelligenz und Robotiksysteme. Weiterhin ist für die Optimierung von Pflegeprozessen mit technischen Geräten eine Anpassung der Weiterbildungsmöglichkeiten notwendig. Digitale Weiterbildungsmaßnahmen sind laut Martina Hasseler nicht im Pflegeberufsgesetz vorgesehen. Eine Lösung für diese Problematik soll das T-Nugd-Projekt (Telenursing – Nursing goes digital) bieten. An der Ostfalia Hochschule in Wolfsburg entwickelt und erprobt Hasseler mit einem Team Weiterbildungsmaßnahmen. Diese sollen die digitalen Kompetenzen mit neuer Technik fördern.