Wo spielt die Musik? Die Braunschweiger Kulturkrise

Es scheint, als gäbe es für Musik keinen Platz mehr in Braunschweig. In den letzten Jahren ist das Konzertangebot in der Stadt immer kleiner geworden. Sparpolitik und fehlende Veranstaltungsorte sind die Gründe für den Missstand. Aber Besserung ist in Hörweite.

Als regelmäßiger Konzertbesucher nimmt man, neben dem Preis der Eintrittskarte, oft auch lange Wege in Kauf, um seinen Lieblingskünstler oder sein Lieblingsband live erleben zu können. Es ist keine Seltenheit, dass bei Fahrten nach Hamburg, Berlin oder Leipzig die Hin- und Rückfahrt mehr Zeit in Anspruch nehmen, als die eigentliche Veranstaltung. Unmittelbar in der Region 38 scheint vergleichsweise wenig los zu sein. Dabei ist es noch nicht lange her, dass Braunschweig deutlich mehr Veranstaltungsorte und Möglichkeiten zur kulturellen Entwicklung geboten hat. Doch was ist passiert? Freizeit und Bildungszentrum (FBZ) – zu hohe Sanierungskosten; Meier Music Hall – aufgekauft von der Volkswagen AG; Hansa Kulturclub – Gebäudeabriss; Jolly Joker – Insolvenz. Nach und nach fielen immer mehr Locations für Musik- und Kulturveranstaltungen der Schließung zum Opfer. Eine Lücke im Segment für mittelgroße Veranstaltungen ist entstanden. Eine Lücke, die bis heute nicht richtig gefüllt wurde.

Denn ein Blick in das Veranstaltungsangebot in Braunschweig und Umgebung ist momentan eher ernüchternd, wenn man als Studierender Konzerte im mittleren Preis- und Größensegment sucht. Als Konzerthallen gibt es nur die Stadthalle und Volkswagen Halle. Diese bieten jedoch nicht immer musikalische Veranstaltungen an und orientieren ihr Programm weniger an einem vielschichtigen und jungen Publikum. Lediglich Locations, wie die beiden Clubs Eulenglück und Nexus oder die Kaufbar des Deutschen Roten Kreuzes bieten gelegentlich ihre Räumlichkeiten für Konzerte im kleineren Rahmen. Diese stoßen jedoch mit Besucherzahlen ab 100 bis 200 Menschen schnell an rechtliche und räumliche Grenzen. Was fehlt, sei eine Halle mit einem Fassungsvermögen von ungefähr 500 bis 1000 Menschen, meint Frank Tobian. Er ist Leiter des B58 und veranstaltet im Konzertsaal des Jugendzentrums regelmäßig und erfolgreich Konzerte. Für ihn sind vielfältige und preiswerte kulturelle Angebote in der Umgebung gerade für Jugendliche und junge Erwachsene besonders wichtig. Denn dieses Alter sei „in der menschlichen Entwicklung die Lebensphase, die am stärksten von Orientierung und von Fragen geprägt ist“, findet Tobian. „Und dann ist es gut, wenn man über Kultur versuchen kann diese Fragen zu beantworten oder zumindest einen Standpunkt zu finden und darin sehe ich einen sehr hohen Stellenwert dieser […] Einrichtungen.“ Somit besteht in der Stadt definitiv ein Bedarf an Konzert- und Kultur-Locations, die vor allem ein vielseitiges Angebot fördern und dabei den Zugang mit niedrig- bis mittelschwelligen Preisen auch für verschiedene soziale Schichten ermöglichen.

Doch wie konnte es überhaupt so weit kommen? Und wer oder was ist nun letztlich für die ganzen Schließungen verantwortlich gewesen? Denn es ist nicht zu übersehen, dass Braunschweig bis vor knapp 15 Jahren eine deutlich ausgeprägtere Kultur- und vor allem Konzertlandschaft geboten hat. Zum großen Teil sei es der Politik zuzuschreiben, da unter der ehemaligen Leitung von Werner Steffens wenig Interesse bestand Kulturstätten zu fördern und zu sanieren, erklärt Anja Hesse, Leiterin des Kulturdezernats in Braunschweig. Sie ist der Meinung, dass Braunschweig grade für eine junge Zielgruppe zu wenige Konzertmöglichkeiten biete. Durch die damalige Verschuldung der Stadt sind dann die städtischen Konzert-Locations FBZ und das Altstadtrathaus im geforderten Einsparungsbetrag der Spardiskussionen 2001 unter Bürgermeister Gert Hoffmann gewesen. „Das ist mir unendlich schwergefallen“, erinnert sich Anja Hesse. „Wir haben auch viele andere Einschnitte damals machen müssen. Wir haben 20 Prozent bei allen freien Trägern […] und unser Budget um 30 Prozent gekürzt.“ Dennoch ist zu beachten, dass Hoffmann mit einer hohen Wahlbeteiligung gewählt worden ist und er auch keinen Hehl daraus gemacht hat eine Sparpolitik einzuleiten. In den darauffolgenden Jahren ist es zu immer mehr Schließungen von privaten Locations, wie zum Beispiel der Meier Music Hall gekommen. Dies kann man ebenfalls auf die Kürzung von finanziellen Mitteln durch die Sparpolitik zurückführen. Aber es wirft auch die Frage auf warum ein so großer Steuerzahler wie VW Financial Services, der zudem diverse kulturelle Projekte in der Stadt unterstützt, eine der letzten Veranstaltungsorte der Stadt für den Bau eines Parkplatzes aufkaufen musste.

„Ich sehe einen Silberstreif am Horizont!“

Spätestens mit Bekanntgabe der Schließung der Meier Music Hall im Jahr 2014 ist die Debatte um eine neue Konzerthalle für die Stadt erneut aufgeflammt. Kulturvereine, Veranstalter, sowie interessierte Bürger verlangen schon seit der Schließung des FBZ-Gebäudes im Jahr 2002 nach einem neuen sozialen und kulturellen Anlaufpunkt für die Stadt. „Dabei geht es nicht nur um Konzerte, sondern auch darum, wo sich einfach Gruppen, Initiativen und Einzelpersonen niedrigschwellig treffen können“, sagt Markus Wiener. Er ist Veranstalter und Mitbegründer des Braunschweiger Vereins Kultur für Alle, welcher 2013 aus der Not fehlender Kultur- und Veranstaltungsorte entstand.

Der damalige Antrag der SPD, nach dem Abriss auch für einen Ersatz des FBZ zu sorgen, ist zwar durchgesetzt worden, aber lange Zeit schien die Suche nach einem neuen Gebäude stillzustehen. Natürlich ist es leicht die Stadt als Sündenbock dafür zu bestimmen, aber die Erschließung einer neuen Konzerthalle bringt mehr mit sich, als nur einen geeigneten Platz oder ein Gebäude dafür zu finden. Das fängt bereits vor der Halle an. „Wenn sie ein Veranstaltungsgebäude errichten wollen, benötigen Sie Parkplätze für den ruhenden Verkehr. Wenn sie diese nicht nachweisen können bekommen sie keine Baugenehmigung“, erklärt Anja Hesse. Sie war ebenfalls im Suchprozess für eine neue Konzerthalle indirekt involviert. Auch nachbarschaftliche Belange stellen mitunter ein Problem dar. So solle ein Kulturzentrum oder eine Veranstaltungshalle nicht unbedingt in einem Wohngebiet errichtet werden, damit sich die Bewohner durch die Besucher und ihr Verhalten nicht gestört fühlen. Einher mit der zweiten, geht auch die dritte Richtlinie, nämlich die Lärmemissionen. Nach 22 Uhr dürfe die Lautstärke eine Höhe von 50 Dezibel nicht überschreiten, erläutert Hesse. Dies sei bei Konzerten natürlich schwierig und würde dann oft zu Beschwerden führen. Neben den drei Richtlinien spielten aber auch noch der bautechnische Zustand der möglichen Gebäude eine große Rolle. Am Beispiel des geplanten Kulturzentrums in der Kreuzstraße erklärt Anja Hesse, dass die Sanierung von baufälligen Gebäuden oft zu aufwendig sei und bestimmte Kriterien wie Brandschutz oder Lärmisolierung mit hohen Kosten einhergingen. Es habe stets zwei Probleme gegeben: zu wenig geeignete Räumlichkeiten und zu wenig Geld. Diese Probleme und die Richtlinien haben schließlich dafür gesorgt, dass viele potenzielle Konzert-Locations wegfielen und der Bau eines soziokulturellen Zentrums an der Kreuzstraße nicht realisiert werden konnte. Dadurch ist ein großer Unmut bei vielen Bürgern entstanden, vor denen sich Anja Hesse damals rechtfertigen musste. „Da sind Sie dann ein elender Spielverderber […], aber Realitäten will keiner sehen.“

Der Westbahnhof als Lückenfüller

Eine erstmalig feste Konkretisierung für die Debatte einer neuen Konzerthalle für Braunschweig hat Ende 2015 begonnen, als sich die Westand GmbH bereit erklärt hat privat eine Immobilie am Westbahnhof zu erstehen. Dort sollte nun endlich die Vision eines neuen soziokulturellen Zentrums umgesetzt werden. Die Eröffnung ist nach diversen Startschwierigkeiten für Sommer 2019 angesetzt.

Während das Projekt Kulturzentrum Westbahnhof immer weiter vorangeht, hat Mitte 2017 auch das ehemalige Jolly Joker, nun bekannt als Jolly Time, sein Comeback gefeiert. Auch die einstimmige finanzielle Unterstützung für den Umbau und die Sanierung des B58 spricht ebenfalls für ein politisches Interesse. Sowohl Markus Wiener als auch Manfred Neumann sind sich einig, dass es nun seit einigen Jahren unter der Leitung von Oberbürgermeister Ulrich Markurth eine deutliche Besserung für kulturelle Bereiche gegeben habe. Die Stadt biete letztlich mit der Firma Undercover, aber besonders auch auf privater Initiative oder Vereinsebene, genug Veranstalter, bemerkt Frank Tobian. Es fehlen lediglich „hier und da die Räumlichkeiten, dass man auch mal ein größeres Publikum in Empfang nehmen kann“.Trotzdem sind noch Defizite bei den Booking-Agenturen und ihrem Programm für junge Leute zu erkennen. Während die meisten Veranstaltungen mit Künstlern wie Pur, Maite Kelly oder Silbermond, deutlich kommerziell orientiert sind, fehlt es an Indie- und Alternative-Konzerten. Für Anja Hesse wird noch zu wenig experimentiert, sondern es ginge nur um Verkäufe. Es sei ihr vollkommen schleierhaft, wieso es nicht Versuche gäbe eine gesunde Mischung hinzukriegen.

Trotz der positiven Entwicklung in den vergangenen Jahren, gilt es also weiterhin zu beobachten wie sich die Situation in der Stadt entwickeln wird. Mit der Fertigstellung des neuen Kulturzentrums und der Konzerthalle am Westbahnhof bekommt Braunschweig nach den vielen Jahren der Flaute endlich wieder die Möglichkeit mehr nationale und internationale Musiker in die Region zu locken und kann ein breiteres Spektrum an kulturellen Veranstaltungen gewährleisten. Das Wichtige dabei ist, dass die Location nicht nur das Programm der Stadthalle übernimmt, während diese demnächst für mindestens  eineinhalb Jahre saniert wird, sondern vor allem ein vielfältiges Programm bietet, dass von verschiedenen Gruppen und Sozialschichten genutzt werden kann. Für die Zukunft sind aber immer noch Bereiche wie vielfältigere Bookings der Agenturen, die städtische Förderung von kleineren kulturellen Szenen und die Unterstützung durch große regionale Wirtschaftsunternehmen oder Privatinvestoren auszubauen. Damit hätte Braunschweig als zweitgrößte Stadt Niedersachsens das Potential wieder mehr und vor allem interessantere Veranstaltungsmöglichkeiten zu bieten und kulturell attraktiver für junge Menschen zu sein. Ein Zustand, dem viele Konzert- und Kulturfreunde freudig entgegensehnen und der einen großen Schritt in der Kulturentwicklung der Stadt bedeuten würde.

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