Zärtlich rechts gewischt

Auch unser Liebesleben kommt am Thema Digitalisierung nicht vorbei. Online-Dating wird stetig populärer. Gerade jüngere Generationen lernen sich immer öfter mit einen Wisch nach rechts kennen. Ist das zukunftsfähig?

Dating-Apps liegen heutzutage mehr im Trend als je zuvor. Sie heißen Grindr, Lovoo oder auch Badoo. Tinder ist jedoch mit Abstand die populärste aller Dating-Apps. Im Februar 2018 ermittelten Studien, dass weltweit fast 100 Millionen Menschen jeden Tag ihr Smartphone als „tragbare Singlebörse“ nutzen. Tinder macht mit 50 Millionen aktiven Nutzern und 8 Milliarden hergestellten „Verbindungen“ den Großteil von Online-Dating aus. Durch Dating-Apps ist man in der Lage, Gleichaltrige ohne großen Zeitaufwand kennenzulernen, die bestenfalls sogar die gleichen Interessen teilen. Doch weshalb ist „Tinder-Dating“ bei jungen Leuten so beliebt und warum hat es das „Real Life Dating“ schon seit Jahren überholt? Eine der bekanntesten deutschen Soziologinnen hat sich mit diesem Thema beschäftigt und geht unter anderem dieser Frage auf den Grund. In ihrem Buch „Warum Liebe endet“ betrachtet Eva Illouzwie sich soziale und romantische Beziehungen veränderten, damit sie Apps wie Tinder erst erlaubten, so populär zu werden. Außerdem ermittelt sie, welche gravierenden Auswirkungen Dating-Apps auf soziale und intime Beziehungen haben.

Tinder und soziale Bindungen

Das bekannte Internet-Dating-Portal „AskMen“ beschreibt Tinder folgendermaßen: „Tinder hat sich zu einer zentralen Anlaufstelle für junge Menschen entwickelt, die jemand für eine Liebes- oder Sexbeziehung suchen oder einfach nur schauen wollen, wer in ihrer Gegend wohnt.“

Soziologisch betrachtet ist „Tinder-Dating“ wesentlich komplexer. Man kann sagen, dass Tinder und Co. dafür zuständig sind, ständig neue soziale und intime Kontakte herzustellen, auch wenn diese Kontaktaufnahmen in den meisten Fällen von kurzer Dauer ist. Das führt uns zu einer der Schlüsselaussagen im Buch „Warum Liebe endet“ von Eva Illouz, da hier der Prozess von „Entfremdung“ aus soziologischer Sicht sehr viel wert ist. Das Lösen von sozialen Bindungen ist seit der Studie „Der Selbstmord“ von Emile Durkheim nämlich das zentrale Thema der soziologischen Forschung.

Aber was kann der Grund für die immer mehr werdenden „Auflösungen“ intimer Liebesbeziehungen sein? Soziologin Eva Illouz erklärt, dass gerade der starke Anstieg von Dating-Apps mit der immer schnelleren Auflösung nicht nur von sozialen, sondern auch von intimen Bindungen zusammenhängt. Außerdem geht sie darauf ein, dass Menschen oft Einflüssen der „ökonomische[n] Beratungs- und Lebenshilfemaschinerie“ ausgesetzt seien, die konstant dafür sorgen, dass Menschen soziale Kontakte knüpfen oder lösen. Als Beispiele nennt Illouz folgendes: „Psychologen aller Art, Talkshow-Moderatoren, die Porno-und Sexspielzeugindustrie, die Selbsthilfebranche, Einkaufspaläste und Konsumtempel“. Inwiefern diese Beispiele mit der Auflösung sozialer Kontakte zusammenhängen, ist allerdings schwer nachvollziehbar.

Tinder als Folge von Gelegenheitssex

„An sich ist Gelegenheitssex historisch nichts Neues. In seiner modernen Form aber verdankte er sich der politischen und moralischen Forderung nach der Befreiung der Sexualität von religiösen Tabus und ökonomischem Austausch. […] Gelegenheitssex fand in modernen räumlichen Umgebungen statt, in Städten oder auf Universitätsgeländen, und ermöglichte es Männern und Frauen unterschiedlicher geographischer, ethnischer und sozialer Herkunft, fern von der formalen oder informellen sozialen Kontrolle (…) in Kontakt zu kommen.“ Gelegenheitssex sorgte also nicht nur für eine Vielzahl von neuen moralischen Normen, sondern führte durch die zeitlich gut strukturbierbare Art gleichzeitig für steigende Beliebtheit von Gelegenheitssex in der Freizeit. 

Eva Illouz beschreibt die Entwicklung der sexuellen Begegnung als Ware, die man nach Belieben erwerben und auch wieder loswerden kann. Das kann man besonders gut daran erkennen, dass es eine immer größere Auswahl an Dating-Apps und Online-Sexportalen gäbe.

In einem Artikel der Zeitschrift „Vanity Fair“ ist folgendes über Tinder zu lesen: „‘Es ist wie eine Bestellung bei Seamless‘, sagt der Investmentbanker Dan mit Blick auf den Online-Lebensmittel-Lieferservice. „‘Nur das man eine Person bestellt. […] Dating-Apps sind die freie Marktwirtschaft des Sexes.‘ “

Die Rolle der festen Beziehung verändert sich bei Studendierenden

Laut der Studie „Gendered Sexuality in Young Adulthood, Double Binds and Flawed Options“ von Laura Hamilton und Elizabeth Armstrong wollen immer mehr Studierende das Ideal der Ehe Beiseite schieben und ihre Zeit lieber in eine stabile und sichere Karriere investieren. Gerade deshalb sind „lockere Beziehungen oder „hookups“ von vielen Studendierenden bevorzugt. Diese Veränderung des sozialen Verhaltens wird von Hamilton und Armstrong als „Selbstentwicklungsangebot“ definiert. Gelegenheitssex dient hierbei als Weg, sexuelle Lust zu erleben, ohne extrem zeitaufwendige Beziehungen zu führen, die der persönlichen Selbstentwicklung Zeit und Energie rauben.

Doch was denken Studierende aus der Region 38 über die Dating-App „Tinder“? Wir haben nachgefragt und bekamen überraschende Antworten:

Tinder verändert die Grundbausteine der klassischen Beziehung

In der Ausarbeitung „Hooking up“ von Kathryn Bogle beschreibt die Autorin eine ziemlich auffällige Eigenart über den Zweck von Gelegenheitsbegegnungen. Viele Frauen und Männer waren nämlich der Meinung, dass Beziehungen sich meistens in ganz unvorhersehbare Richtungen entwickeln können. Bei einem „Hookup“ beispielweise, weiß man am Anfang eigentlich nie, was das eigentliche Ziel der Interaktion ist und unter welchen Rahmenbedingungen diese stattfinden wird. Dating-Apps wie Tinder verschärfen diese verwirrende Ausgangssituation insofern, dass die Ungewissheit, die man in der „Hookup-Phase“ verspürt, durch die verschiedenen Auffassungen von „Hookup“ verstärkt werden. Für manche beinhaltet es beispielweise „Küssen“, während es für den Nächsten „Sex haben“ bedeutet.

„Bei Tinder kann es lediglich um schnellen, austauschbaren Sex gehen oder um die Möglichkeit, seine  ‚Traumfrau‘ kennenzulernen, einschließlich der vielförmigen und unbestimmten Möglichkeiten zwischen diesen beiden Extremen.“, so beschreibt Illouz die zwei Extreme, die man als Tinder-Nutzer nur allzu gut kennen sollte. 

Das breite Spektrum an Möglichkeiten kann für Nutzer gleichzeitig aber auch die größte Herausforderung sein. Denn für Nutzer ist es besonders wichtig zu wissen, in welchem „Rahmen“ man agiert, um eine mögliche Vorhersage über den Verlauf der Handlung machen zu können.

Abkapseln vom klassischen Verhalten

Illouz vergleicht die Veränderung von intimen Beziehungen mit einer „Auflösung des bisherigen Drehbuchcharakters“. In der Vergangenheit gab es in der eigentlichen Kennenlernphase, eine Art „Drehbuch“, das Männer verfolgten, um eine Frau kennenzulernen. Dieses beinhaltete das Abholen von Zuhause, ein Date beispielsweise im Kino und am Ende des Dates die Möglichkeit auf einen Kuss. 

Das hat sich durch die freie Auslebung von Gelegenheitssex stark geändert, da der Geschlechtsverkehr, der für gewöhnlich das Ende der „Kennenlernphase“ ausmacht, immer häufiger an den Anfang dieser gesetzt wird. Folglich wird so das gemeinsame Ziel der Beziehung für beide Akteure unklar. „Anders gesagt: Die Sexualisierung der Beziehung bedeutet, dass ihr Anknüpfungspunkt ein sexueller ist, und dieser mag zugleich ihr Ende sein oder auch nicht.“

Wir haben eine Studentin kennengelernt, die die ganz große Ausnahme zu sein scheint. Sie hat ihre große Liebe vor vier Jahren über die Dating-App Tinder kennengelernt – uns erzählt sie, wie das passieren konnte.

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