Gesichtsgitter und Hörsaal

Viele Athleten belegen neben ihrem Sport Module an den Universitäten und Hochschulen des Landes. Hendrik Scharnbacher studiert an der technischen Universität in Braunschweig und spielt American Football bei den New Yorker Lions.

110 Dezibel. So laut wie ein vorbeifahrender Personenzug. Wenn die Helme der schweren Jungs aneinander rasseln, scheppert es mit teils ohrenbetäubender Lautstärke. Hendriks Augen erblicken die volle Breite des Spielfelds. 21 Männer, jeder davon hat eine eigene Aufgabe. Auf „Set, Hut“ geht ́s los, bei jedem Spielzug geht der Ball erst durch die Hände von Hendrik. Der Spielmacher hat die Aufgabe, seine Mitspieler mit Pässen zu bedienen, während große und schwere Jungs, die ihm alle nichts Gutes wollen, versuchen, ihn umzutacklen. Hendriks Augen bewegen sich zunächst Richtung Seitenlinie, keiner seiner Passempfänger ist heute flinker als die Verteidigung. Als Hendrik seinen Blick Sekundenbruchteile später wieder der Mitte des Feldes widmet, ist da bereits ein knapp zweit Meter goßer, 100 Kilo schwerer Gegner – nur wenige Zentimeter vor seinem Gesichtsgitter. Vor jedem Spielzug muss Hendrik seinen Mitspielern mitteilen, was sie zu tun haben. Zirka 200 dieser Spielzüge muss er sich in der Saison merken. Die Vorbereitungen auf die Spiele der New Yorker Lions laufen auf Hochtouren, heute wird dafür hart trainiert. 

Hendrik Scharnbacher ist ein junger Quarterback. Neben den körperlichen und geistigen Herausforderungen, die der Sport American Football seinen rund 70.000 Verbandsmitgliedern deutschlandweit abverlangt, studiert Hendrik noch Wirtschaftsinformatik an der Technischen Universität in Braunschweig – und das im Vollzeitstudium. Um viertel vor sieben startet ein typischer Tag des jungen Quarterbacks. Während andere Studentinnen und Studenten noch zwei Stunden in den Federn liegen, liefert Hendrik bereits Höchstleistungen ab. Noch vor der Uni begibt er sich auf den Weg ins Fitnessstudio, essenziell für den Sport – denn wer keine Power hat und unflexibel ist, wird es schwer haben. Nach schwerem Eisen ruft der Hörsaal. Von seinem Workout ausruhen kann er sich dort lediglich physisch. Insgesamt vier Module möchte Hendrik in diesem Jahr bestehen, dazu noch ein Praktikum absolvieren. Die Uni schleifen lassen, um sich voll auf die anstehenden Aufgaben bei den New Yorker Lions und der Nationalmannschaft zu konzentrieren, ist folglich keine Option. Zirka 20 Stunden pro Woche investiert er in sein Studium. In den Klausurenphasen deutlich mehr. Am Nachmittag, wenn die Vorlesungen vorbei sind, geht es für Hendrik endlich nach Hause. Netflix und Instagram müssen dann allerdings noch warten, es steht „Tasche packen“ auf dem Programm. Mit Helm und Schutzausrüstung geht es für Hendrik nur kurze Zeit später in Richtung Trainingsgelände der New Yorker Lions. An der Roten Wiese in Braunschweig stehen neben dem körperlich intensiven Mannschafttraining zunächst verschiedene Meetings an. American Football ist ein überaus taktischer Sport. Ohne akribische Planung der verschiedenen Spielzüge wird es unmöglich sein, in der Saison Erfolg zu haben. Spielzüge zu lernen, das sei so ähnlich wie eine Sprache zu lernen. Es gibt dafür ein Spielzugbuch. „Jedes Wort darin hat eine Bedeutung und muss verstanden werden, um auf dem Platz kommunizieren zu können“, erklärt Hendrik. Zunächst trifft er sich auf dem Trainingsgelände mit den anderen Quarterbacks der Mannschaft. Danach mit dem offensiven Mannschaftsteil, bevor es auf dem Rasen darum geht, technische Feinheiten zu verbessern, Team Building voranzutreiben und die in den Meetings geplanten Abläufe bis zur Perfektion zu verinnerlichen.

Der mentale Stress so einer Football-Saison ist nicht zu vernachlässigen. Es geht nicht nur darum, die physischen Voraussetzungen und technischen Veranlagungen mitzubringen, sondern auch darum, sich alle eigenen Spielzüge zu merken und zudem Dutzende gegnerische Aufstellungen zu kennen. Dieses Wissen erhalten die Spieler durch Praxis und Lernaufwand, erläutert Hendrik weiter: „American Football ist so eine komplexe Sportart, da kann man nie auslernen und man wird jedes Jahr etwas Neues lernen“. Wenn das Training vorbei ist, schaut Hendrik sich Aufnahmen des Trainings an, um diese ausgiebig zu analysieren, Fehler zu erkennen und den Sport besser zu verstehen. „Hendrik ordnet alles dem Football unter, weil er für diesen Sport lebt und seine Ziele erreichen will. Seine Position erfordert nicht nur körperliche Fitness und Können, er muss auch die entsprechenden Spielzugbücher auswendig lernen. Weil dies so zeitintensiv ist, sieht man ihn dann in der Saison noch seltener als sonst“, erklärt Hendriks Vater. American Football ist in Deutschland weitestgehend Amateursport. Das große Geld, welches im Fußball oder anderen US-Sportarten wie Eishockey oder Basketball winkt, wird Hendrik in seiner aktiven Footballkarriere wohl nie verdienen. Die Motivation ist eine andere. Um sein sportliches Ziel macht Hendrik folglich kein Geheimnis. „Wir wollen den German Bowl gewinnen“. Das Finale der German Football League findet im Oktober im Stadion an der Hafenstraße in Essen statt.

Zuletzt gelang dem Team aus Braunschweig der Titelgewinn vor der Pandemie – eine lange Zeit ohne Erfolg für Cheftrainer Troy Tomlin und die Fans des deutschen Rekordmeisters. Hendrik möchte seinen Teil zu diesem Ziel beitragen und persönlich an den Aufgaben der komplexen Sportart wachsen. Egal, wen man fragt: man hört nur Gutes über Hendrik. Cheftrainer Troy Tomlin, der selbst bereits acht Mal die German Bowl Trophäe in die Höhe strecken konnte, ist zufrieden mit seinem jungen Schützling. „Hendrik ist ein guter Junge, der immer dazulernen und besser werden möchte.“ Auch sein Quarterbackkollege Kare Lyles, der bereits viele Erfahrungen an großen US-Colleges sammeln konnte, hält viel von Scharnbacher. „Ich liebe Hendrik […] er ist hungrig.“ Eine bessere Eigenschaft kann man einem New Yorker Lion wohl nicht zusprechen.

Unter Leistungssportlerinnen und Leistungssportlern ist ein Studium keine Seltenheit.
Bei den New Yorker Lions tun dies laut Hendrik zirka 15 aktive Spieler. Dieser Anteil macht immerhin fast ein Drittel der gesamten Mannschaft aus. Im deutschen Olympiateam von 2022, welches in Peking an den Start ging, machte der Anteil der Studentinnen und Studenten laut Zahlen des Allgemeinen Deutschen Hochschulsportverbandes mit 26,7 Prozent immerhin etwas mehr als ein Viertel aus. Wer denkt, nicht genug Zeit zu haben, um sein Studium und seine Freizeit in Einklang zu bringen, kann sich also ein Beispiel an Hendrik und vielen weiteren Athletinnen und Athleten nehmen. Aber lasst den Kopf nicht hängen, wenn Bemühungen nicht sofort den gewünschten Ertrag bringen, denn jeder Weg ist anders, meint Henrik. Er erklärt, wie er es schafft, seine Doppelbelastung zu managen und was Studierende mitnehmen können, um selbst bessere Leistungen im Hörsaal zu liefern.

Immerhin sind das rund 2,9 Millionen Studierende deutschlandweit. Für sie sei es wichtig, die richtigen Prioritäten zu setzen. „Im Sommersemester liegt der Fokus immer ein bisschen auf der Saison“, sagt der Quarterback. Im Wintersemester belegt Hendrik dann ein Modul mehr und legt den Fokus mehr auf die Uni. Er beschreibt dieses Dilemma als „Trade off eines Leistungssportlers“. Der Stress einer Klausurenphase ist für Studierende nicht zu unterschätzen. Auch bei Hendrik ist die Motivation, für sein Studium zu lernen, laut seiner Freundin nicht immer bedingungslos gegeben. Wenn er sich mit Football befasst, sei das anders. Man merke, wie er darin aufgeht. Es ist vollkommen menschlich, in den Dingen, für die man sich begeistern kann, mehr Motivation aufbringen zu können. Motivation allein wird jedoch meist nicht ausreichen, um seine Ziele zu erreichen. Der Zustand, der erreicht werden muss, wenn die Motivation nachlässt, heißt Disziplin.
Denn während es sich bei der Motivation um eine Art inneren Antrieb handelt, die Menschen dazu bewegt, bestimmte Ziele zu verfolgen oder Handlungen zu vollführen, handelt es sich bei der Disziplin um die Fähigkeit, sich selbst zu kontrollieren, auch wenn die Motivation schwindet. Es beinhaltet Konzentration und die Fähigkeit, Versuchungen und Ablenkungen zu widerstehen. Disziplin erfordert Anstrengung, um Routinen umzusetzen, Verpflichtungen einzuhalten und schwierige Aufgaben zu lösen. Während Motivation also sozusagen den Funken entzündet, ist die Disziplin der Brennstoff, welcher das Feuer am Lodern hält. Nach dem im Football oft zitierten Sprichwort „Show up or show out“, also an einen Ort gehen und einen Eindruck hinterlassen, teilt Hendrik die Fähigkeit, Disziplin an den Tag zu legen, mit wohl allen Studentinnen und Studenten, die einmal ein erfolgreiches Studium abschließen werden. 

Hendrik wurde in der letzten Saison ins kalte Wasser geschmissen. Als sich der Star-Quarterback der New Yorker Lions kurz vor ihrem alles entschiedenen KO-Spiel gegen einen Außenseiter aus dem Allgäu verletzt, muss Hendrik ohne ausreichende Vorbereitung aushelfen. Zu allem Überfluss befand sich Hendrik gerade mitten in seiner Klausurenphase. „Der Stress in diesen zwei Wochen vor dem großen KO-Spiel war enorm“, sagt Hendrik. Das Wichtigste, um zwischen Klausurenstress und Spielvorbereitung zu navigieren, sei Zeitmanagement. Hendrik bereut, wie er seine Prioritäten damals gesetzt hat. Das alles ist ein Teil des Lernprozesses eines jungen Mannes, der sowohl auf dem Footballfeld als auch in den zahlreichen Hörsälen der Technischen Universität in Braunschweig Bestleistungen abliefern möchte.

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