Vom Zeitvertreib zur Selbstverwirklichung – Soziales Engagement während der Pandemie

Ein freiwilliges soziales Jahr oder ein Bundesfreiwilligendienst wird in den meisten Fällen absolviert, um sich weiterzuentwickeln und praktische Erfahrungen zu sammeln. Doch in Zeiten der Pandemie ist das nur eingeschränkt möglich. Eine BFDlerin und eine FSJlerin erzählen von ihren „Corona-Freiwilligendiensten“.

Schule aus, Abschluss in der Tasche. Und jetzt? Wer nicht gerade während der Schulzeit seinen Traumberuf und den Weg dahin gefunden hat, steht nach dem Schulabschluss etwas ratlos da. 2021 trifft es besonders viele, denn aufgrund der Corona-Pandemie haben sich Fristen verschoben, Verunsicherung hat sich ausgebreitet und in vielen Fällen gilt es ein Jahr zu überbrücken. Was passt da besser als ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) oder ein Bundesfreiwilligendienst (BFD)? Doch ist die Erfahrung, die so oft als prägend und orientierungsgebend beschrieben wird, während der Pandemie wirklich dieselbe?

Eigentlich wollte Dunja Müller (21) zum Wintersemester 2020 Soziale Arbeit studieren, doch aufgrund der Corona-Pandemie hat sich der Semesterstart verschoben. Ein Plan B musste also her. Zufällig ist sie auf den Kinder- und Jugendtreff „Go20“ in Hildesheim aufmerksam geworden. Ein BFD, um sowohl das Jahr zu überbrücken als auch die Praxisnähe zu erfahren, schien zu dem Zeitpunkt die beste Idee zu sein.

Der Kinder- und Jugendtreff „Go20“ leistet seit 2001 offene Kinder- und Jugendarbeit an mittlerweile zwei Standorten in Hildesheim. Er besteht außerdem aus einem Schulteam, welches schulkooperative Arbeit leistet und auch aus der „Go20“-Kita, welche einen Lern- und Lebensort für Kinder darstellen soll. Jährlich bietet der Kinder- und Jugendtreff zehn bis 15 Freiwilligen einen BFD an und stellt aus dieser Gruppe kleine Teams zusammen, die entweder im Schulteam, in der Kita oder in den offenen Treffs arbeiten.

Neben dem Leitungsteam ist Manuela Weniger (28) dort die Hauptverantwortliche für die Freiwilligen. Sie selbst hat Soziale Arbeit und Religionspädagogik studiert und ist Diakonin. Bereits im Jahr 2010 hatte sie ihre ersten Berührungspunkte mit dem „Go20“, indem sie selbst einen Freiwilligendienst absolviert hat. Die anschließende freundschaftliche Verbundenheit mit den Mitarbeitern trieb sie immer wieder dorthin zurück, bis sie dort schließlich 2017 als Sozialarbeiterin und Religionspädagogin in Vollzeit anfing. Seitdem ist das „Go20“ für sie eine Berufung und Herzensangelegenheit.

Dasselbe erhoffte sich auch Dunja von ihrem BFD. Für sie fiel der Startschuss zum September 2020 – während der Corona-Pandemie und kurz vor der angekündigten dritten Welle. Dass ihr Freiwilligendienst ein wenig anders aussehen würde, war ihr bereits klar, doch richtige Bedenken hatte sie nicht. Im Gegenteil: „Der Einstieg war das Beste an meinem gesamten BFD“, lautet ihr Statement nach zehn Monaten Freiwilligendienst. Zwar sei es, aufgrund der Einschränkungen, schwierig gewesen, eine Bindung zu den Kindern aufzubauen, doch die Zusammenarbeit im Team und auch das Startseminar zu Beginn des Freiwilligendienstes, das noch in Präsenz stattfinden konnte, habe einen schönen Einstieg ermöglicht.

Fun Fact: Ich habe selbst einen BFD beim „Go20“ absolviert und habe mit Dunja zusammen für kurze Zeit in einem Team gearbeitet. Dunjas erster Monat, nämlich der September, war zeitgleich mein letzter Monat. Sie sagt, eine Teampartnerin zu haben, die schon Erfahrung hatte, vor allem hinsichtlich der neuen Umstände, habe für sie einiges einfacher gemacht.

Doch schon nach dem Startseminar Ende September zeigten sich die Schwierigkeiten, die die BFDler der Jahre zuvor wahrscheinlich nicht erlebt haben. Dunja erzählt, dass sie kaum Kontakt zu BFDlern außerhalb ihres kleinen Teams hat. Vormittags steht die Notbetreuung in der Grundschule an, davor muss sich jeder jedes Mal testen. Ohne negativen Test erfolgt kein Zutritt in die Grundschule. Zusammen mit einer Teampartnerin wird nach einem genauen Zeitplan die dritte Klasse betreut. Von 07.45 Uhr bis 12.45 Uhr werden Hausaufgaben gemacht, drinnen und draußen Spiele gespielt. Die Maske muss ständig getragen werden und man merkt den Kindern an, wie schwer es ihnen fällt, immer an die Masken- und Abstandsregeln zu denken. In Dunjas Klasse gibt es viele Problem- und Förderkinder, was teils auch der Pandemie geschuldet ist, da viele Kinder zuhause nicht die Möglichkeit haben, den Lernstoff selbstständig oder mit Hilfe ihrer Eltern durchzuarbeiten. Für die BFDler bedeutet das auch, verschiedene Rollen für die Kinder einnehmen zu können, die sie auf täglicher Basis intensiv begleiten – als Zuhörer, Ansprechpartner, Vertrauter.

Die Aufgaben der Freiwilligen haben sich durch die Pandemie grundlegend verändert. Vorher bestand die Arbeit hauptsächlich aus Unterrichtsbegleitungen, eigenen Arbeitsgemeinschaftsangeboten und der vielfältigen, offenen Arbeit am Nachmittag. Die Tage sind jetzt allerdings ganz anders strukturiert: Der Fokus der Arbeit liegt hauptsächlich auf den Notbetreuungen und begrenzter offener Arbeit. Letzteres verlief bis vor Kurzem noch sehr eingeschränkt und nicht mehr so „offen“. Denn die Verordnungen hinsichtlich der Corona-Maßnahmen bieten nur einen sehr unklaren oder teilweise gar keinen Rahmen für offene Kinder- und Jugendarbeit. „Die größte Herausforderung ist, dass man nicht weiß, an welchen Entscheidungen sich orientieren werden soll“, betont Manuela Weniger. Die Vorgehensweise: Abwägen zwischen Verantwortung für das Wohlergehen und die Entwicklungsmöglichkeiten von Kindern und Jugendlichen und der Verantwortung für den Infektionsschutz.

So hat sich während den Pandemie-Monaten auch für die Leitenden und Verantwortlichen einiges verändert. Zu Beginn der Pandemie im März 2020 war die Verunsicherung sehr groß, denn die offene Kinder- und Jugendarbeit wurde komplett lahmgelegt. Es wurde aber auch die Möglichkeit genutzt auf Pause zu drücken und ein wenig durchzuatmen, denn durch die Entschleunigung sind etliche Stressfaktoren weggefallen. Doch schon nach den ersten Monaten zeigte sich der Frust. Über die Sommerferien traten wieder mehr Lockerungen in Kraft, was zu einem strukturierteren Alltag führte. Für alle hieß es dann: Zurück an die Arbeit! Die offenen Treffs fanden wieder statt, Schuleinsätze und Notbetreuungen liefen wieder. Die Freude hielt sich nur kurz, denn schon zu Beginn des neuen Schuljahres verwandelten sich alle Lockerungen wieder in Einschränkungen. Von da an war es ein Wechsel von Frust und Hoffnung. Vor allem beim Start der Tests und Impfungen wurde die Hoffnung größer. Die einen erwarteten dadurch einen normaleren Arbeitsalltag, andere bauten diese Optionen in den Arbeitsalltag ein.

FSJ bei Eintracht Hildesheim erstmal ohne Sport und Spaß

Lilly Gruchmann (18) hat vor kurzem ein halbes FSJ absolviert, und zwar bei der Eintracht Hildesheim. Mit 6.500 Mitgliedern ist der Verein einer der größten und aktivsten Sportvereine Norddeutschlands. Der eigentliche Fokus eines Freiwilligen Sozialen Jahres liegt dort auf den Sportangeboten – normalerweise. Die Begleitung von Sport-Arbeitsgemeinschaften oder die Gestaltung eigener Sport-Veranstaltungen fiel für Lilly ins Wasser. Stattdessen wurde auch sie für die Notbetreuung an Grundschulen eingesetzt oder an der Rezeption bei Wiedereröffnung des vereinseigenen Fitnessstudios. Wie bei Dunja gilt auch bei Lilly: Kleingruppen, Maske, Abstand. Ihr soziales Jahr hat sie sich wirklich anders vorgestellt, was sich auch an ihrer Motivation zeigte. Mit dem Eröffnen der Test- und Impfzentren änderte sich Lillys Aufgabenbereich komplett. Eingesetzt wurde sie dann bei verschiedenen Testzentren. Ihr Arbeitsablauf: Stäbchen rein, Stäbchen raus, Testergebnis abwarten. Und das teilweise acht Stunden am Tag. Dagegen waren ihr die vier Stunden am Wochenende, die sie gegen Ende ihres Freiwilligendienstes in der Sporthalle des Vereins mit einzelnen Familien verbrachte, viel lieber.

Hier betreute sie die Familien beim Spielen mit ihren Kindern und war im Nachhinein für die Sicherstellung der Hygienemaßnahmen zuständig. Auch wenn sie nicht zufrieden aus ihrem FSJ herausgeht, ist sie dennoch froh diese Erfahrung gemacht zu haben: „Anders hätte ich die Zeit schwer überbrücken können. Es war so schon schwer während Corona einen Nebenjob zu finden. Erst recht nichts, was einem halbwegs zusagen würde. Wenn ich das mit einem Job an der Kasse vergleiche, dann bleibe ich lieber bei der Eintracht. Vielleicht war die Arbeitserfahrung nicht die Beste, aber ich habe ein cooles Team kennengelernt und eine Freundschaft geschlossen, die über mein FSJ hinausgeht.“

Das ständige Putzen und Desinfizieren ist auch für Dunja ein neuer Aspekt in ihrem Arbeitsablauf geworden. Dies endete längst nicht mit dem Verlassen der Grundschule. Seit den Lockerungen im April in Hildesheim steht das Spielmobil jeden Dienstag und Donnerstag auf Dunjas Arbeitsplan. Das „Go20“-Spielmobil ist Mitglied im Spielmobile e.V., der Bundesarbeitsgemeinschaft mobiler spielkultureller Projekte. Kinder der ersten bis vierten Klasse kommen hier zum gemeinsamen Spielen zusammen. Wieder mit Maske und Abstandsregeln könnte man meinen, aber so einfach lässt sich das gar nicht gestalten.

Im Zuge meiner Recherche ging ich zum Spielplatz des „Go20“. Eine Vielzahl der Kinder haben mich direkt wiedererkannt und das Gedrängel und die Wünsche nach Umarmungen häuften sich. Dass es da nicht immer einfach oder möglich ist, den Kindern die Wünsche abzuschlagen, ist verständlich. Dank der niedrigen Inzidenzen in Hildesheim konnten wir die Abstandsregeln – mit dem Tragen einer Maske – etwas lockern.

Es war den Kindern anzumerken, wie sehr ihnen die menschliche Nähe gefehlt hat. Von 16.30 Uhr bis 18 Uhr hieß es dann spielen, spielen, spielen. Durchschnittlich mit 20 bis 25 Kindern in einer offenen Gruppe. Zum Vergleich: In Zeiten mit strengeren Einschränkungen konnten nur maximal zehn Kinder in einer geschlossenen Gruppe zusammenkommen. Nach dem Spielen, Aufräumen und Desinfizieren hat Dunja ihren wohlverdienten Feierabend.

Das BFD würde sie genauso wieder machen. Eigenständigkeit und -initiative, Zeitplanung, die Fürsorge und der Umgang mit den Kindern – ohne ihr BFD hätte sie sich diese Dinge nicht aneignen können. Trotz, beziehungsweise dank Corona, hat sie verschiedene Erfahrungen und Einblicke erlangen können, von denen sie langfristig profitieren kann. „Ein Kühlakku wirkt Wunder“ – eine ihrer wichtigsten Erkenntnisse.

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