“Du gehst doch nur auf ne Fachhochschule”

Studentin Jasmin Freitag nervt das abschätzige Unterscheiden zwischen den deutschen Hochschulformen: Fachhochschulabschluss statt Uni und keine Chance auf Karriere? Eine Kolumne, warum dem nicht so ist.

„Du gehst doch nur auf ne FH.” Viele Fachhochschulstudierende würden wahrscheinlich in diesem Moment mit dem Kopf schütteln, wenn ihnen dieser dahingesagte Satz zu Ohren kommen würde. Tue ich auch, jedes Mal. Ich verstehe dieses unüberlegte Heruntermachen von Fachhochschulabschlüssen nicht. Gerade wenn ich sehe, dass die Studenten dieser meist praxisnäheren Institutionen gefühlt zehn Prüfungsleistungen mehr im Semester abliefern müssen, als ihre Kollegen der Universitäten.

„Du gehst doch nur auf ne FH.“ Ja, das ist richtig. Aber hey, es ist doch toll, dass wir in Deutschland mittlerweile ein hohes Angebot diverser Hochschulformen besitzen. Bist du eher ein Theoretiker, suchst du dir deine Uni. Bist du eher ein Macher, verziehst du dich liebend gerne in einen kleinen, Klassenzimmer ähnelnden Raum in der Fachhochschule deines Vertrauens.

Bologna-Reform lässt Grenzen verschwimmen

Wobei die sogenannte Bologna-Reform es mit sich brachte, dass auch an Universitäten nun berufsbezogener ausgebildet wird und sich einige Fachhochschulen mit anwendungsorientierter Forschung einen Namen machen. Außerdem sollte uns spätestens der gleichwertige Bachelor-Abschluss gezeigt haben, dass es am Ende nur auf den lang ersehnten Schein ankommt, mit dem wir uns dann voller Freude auf die nächste aufregende Abzweigung unseres Lebenswegs machen.

Was schätzen FH-Studierende eigentlich an ihrem Studium? Nele Osterkamp, Studentin des Fachs Soziale Arbeit, sagt mir, dass es ihren Studiengang nur an Fachhochschulen gebe: „Meine Modulpläne sind immer wieder eng mit der Praxis verknüpft. Wir haben im letzten Semester fünf Exkursionen gemacht, das hast du an Unis nicht.“ Die Praxisnähe bestätigt mir auch Julian Timmermeister, der Wirtschaftsrecht an der Fachhochschule in Bielefeld studiert: „Also bei mir sind wirklich alle Dozenten bemüht, dass es praxisnah ist. Zum Glück, weil sonst würde mir das Studium kaum Spaß machen.“

Spaß – ein wichtiger Baustein, der einen durch sein Studium begleiten sollte. Der eine hat mehr Vergnügen dabei, eine Forschungsarbeit zu begleiten, den anderen erfüllt es, ein Modell aus Holz in den Werkräumen der Hochschule zu bauen und dafür am Ende eine Note zu kassieren. Ich finde das gut! Gerade wenn beide Varianten zum Ziel führen: Bachelor machen und Karriere gestalten, jeder auf seine individuelle Art und Weise.

Arbeitgeber unterscheiden in der Regel nicht

Frank Stanze, Mitarbeiter des Hochschulteams der Bundesagentur für Arbeit in Braunschweig, berichtet von seinen Erfahrungen als Vermittler von Absolventen beider Hochschulformen: „Seitdem es das Bachelor- und Master-System gibt, machen die meisten Arbeitgeber keinen Unterschied mehr zwischen den Abschlüssen.“ Demnach sei es viel wichtiger, dass man im Zuge eines Praktikums beispielsweise beweisen könne, welches Potenzial man habe. Nur wenige große Konzerne würden noch zwischen Universitäts- und Fachhochschulabschluss unterscheiden. „Wie jemand seinen beruflichen Werdegang beschreitet, ist von ihm selbst abhängig“, sagt Stanze.

Am Ende des Tages sollte die Institution Hochschule, in welcher wir in Deutschland verteilt studieren, vielleicht gar nicht so drastisch überbewertet werden. Die Möglichkeiten, die sich uns inzwischen bieten, sind vielseitig. Wir können uns in dem bunten Angebot aus Studiengängen wunderbar verlieren und unsere Wege individuell pflastern. Erfahrungen sammeln, damit wir nach dem Abschluss vielleicht ein bisschen mehr wissen, wohin es uns als nächstes treiben könnte. Jeder für sich, jeder in seinem eigenen Zeitraffer, jeder vom anderen Ausgangspunkt aus. Doch am Ende sollte uns eines bewusst sein: Alles ist möglich!

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