ZOOS – ARTENSCHUTZ ODER TIERQUÄLEREI?

Trotz Artenschutz und Bildungsauftrag wird die Kritik an Zoos immer lauter. Besonders die Diskussion um die artgerechte Haltung stellt infrage, ob das beliebte Ausflugsziel noch zeitgemäß ist.

Die Geschichte der Zoos geht weit zurück. Schon im alten Ägypten haben Menschen begonnen, Tiere zur Schau zu stellen. Damals wurden vor allem exotische Tiere in kleinen Käfigen gehalten, die als Status- und Machtsymbol dienten. Mit der Zeit ändern sich die Gründe für die Ausstellung von Tieren jedoch. Und auch die Bedürfnisse der Tiere rücken immer mehr in den Vordergrund. Laut dem Verband der Zoologischen Gärten (VdZ) seien schließlich im 19. Jahrhundert die ersten Zoos als Erholungs- und Bildungsstätte gegründet worden. Artenschutz, Wissensvermittlung und Forschung seien heute die vorherrschenden Gründe, um Tiere in zoologischen Einrichtungen zu halten – zumindest aus Sicht der Zoos. Denn die Kritik von TierschützerInnen und Tierschutzorganisationen wird zunehmend lauter. Immer wieder taucht Bild- und Videomaterial auf, welches zu kleine Gehege oder Zootiere mit Verhaltensstörungen zeigt. Tierschutzorganisationen sind sich deshalb sicher: Zoos müssen sich ändern. Die PETA-Tierschutzorganisation fordert sogar ein komplettes Ende der Zoohaltung. Doch was bedeutet der Streit um Zoos für Einzelpersonen? Um zu entscheiden, ob wir noch mit gutem Gewissen einen Tag im Zoo verbringen können, sollten die verschiedenen Konfliktpunkte genauer betrachtet werden. 

Inwiefern tragen Zoos zum Artenschutz bei? 

Artenschutz wird dringend benötigt. Denn laut dem VdZ sind weltweit circa 16.000 Tierarten bedroht. Mit Zoos könnte immerhin ein Teil davon geschützt werden. So ist es Zoos bereits gelungen, mehrere Tierarten in zoologischen Einrichtungen zu erhalten, die in der Natur bereits ausgestorben waren. Dieser Vorgang wird Erhaltungszucht oder Ex-Situ Artenschutz genannt. Dies reiche aber nicht aus, meint Yvonne Würz, Fachreferentin für Tiere in Zoo und Zirkus bei PETA Deutschland: „Nur weil Tiere in Zoos erhalten bleiben, geht das Artensterben in einem riesigen Maße weiter, was durch Zoohaltungen niemals gestoppt werden kann.“ Der Deutsche Tierschutzbund erklärt zudem, dass der tatsächliche Beitrag der Zoos zu Artenschutz oft eher gering sei. Pressesprecherin Lea Schmitz betont, dass die Tiere, die erfolgreich im Zoo nachgezüchtet werden, meist gar nicht für die Auswilderung vorgesehen seien. „Man bewahrt diese Art auf, damit sie nicht komplett ausstirbt, aber was ist das wert, wenn wir den Lebensraum zerstören und die Tiere nie wieder in freier Natur leben können?“, fragt sich Lea Schmitz. Vor allem wissenschaftliche geführte Zoos sind jedoch sehr bemüht, Auswilderungsprozesse durchzuführen. So hat beispielsweise der Erlebniszoo Hannover im Jahr 2019 32 nachgezüchtete Addax-Antilopen in Marokko ausgewildert. Auch der Tierpark Nürnberg verzeichnet regelmäßig Auswilderungserfolge, unter anderem die der Uralkäuze. Zoos leisten zudem auch im Bereich Forschung wichtige Arbeit für den Artenschutz. Laut dem VdZ förderten sie das biologische Grundwissen, wodurch Arten besser geschützt werden können. Sie verpflichten sich außerdem dazu, Artenschutzprojekte zu unterstützen, die nicht im Zoo selbst, sondern im natürlichen Lebensraum der Tiere stattfinden. Dies nennt man In-Situ Artenschutz.

Ist die Tierhaltung in Zoos artgerecht? 

„Wenn man Tiere in menschlicher Obhut hält, dann hat man eine Verantwortung und muss dafür Sorge tragen, dass die Tiere artgerecht gehalten werden können.“, meint Lea Schmitz vom Deutschen Tierschutzbund. Bei manchen Tieren sei dies aber nicht möglich – so zum Beispiel bei Eisbären oder Delfinen. Trotzdem versuchen Zoos so gut wie möglich auf die arteigenen Bedürfnisse der Tiere einzugehen.

Achten Zoos auf das psychische Wohlbefinden der Tiere?

Zu artgerechter Haltung gehört nicht nur das physische, sondern auch das psychische Wohlbefinden der Tiere. Geht es Tieren psychisch nicht gut, können sie Verhaltensstörungen entwickeln. Laut dem Deutschen Tierschutzbund geschehe dies, wenn Tiere nicht genug Platz oder Beschäftigung haben. Neben den klassischen Laufstereotypien gibt es auch orale Stereotypien wie beispielsweise das Lecken oder Knabbern am Gitter. In einigen Fällen kommt es auch zu sehr ungewöhnlichen Verhaltensauffälligkeiten. „Ganz aktuell haben wir Videomaterial aus dem Duisburger Zoo veröffentlicht, wo eine Orang-Utan-Frau immer wieder ihr Erbrochenes gegessen hat.“, erzählt Yvonne Würz von PETA. In solchen Fällen können wir auch als BesucherInnen erkennen, dass es den Tieren nicht gut geht. Laut dem VdZ seien Zoos deshalb stets bemüht, auf die Bedürfnisse der einzelnen Tierarten einzugehen und dadurch auch ihr psychisches Wohlbefinden zu gewährleisten. Besonders die Beziehung zwischen TierpflegerIn und Tier sei hier sehr wichtig.
Inwieweit Zoos tatsächlich auf die psychische Gesundheit der Tiere achten, bleibt eins der größten Konfliktthemen zum Thema Zoos und stellt die Zeitgemäßheit der Einrichtungen infrage. 

Wie wichtig sind Zoos für die Vermittlung von Wissen? 

Zoos haben neben ihrem freizeitlichen Charakter auch einen gesetzlichen Bildungsauftrag. Laut dem VdZ sollen zoologische Einrichtungen das öffentliche Bewusstsein zur Erhaltung der biologischen Vielfalt fördern. Vor allem Kinder sollen für das Thema Artenschutz sensibilisiert werden. Lea Schmitz vom Deutschen Tierschutzbund ist zwiegespalten: „Ich glaube schon, dass es den Kindern die Tiere näherbringen kann, aber beim Großteil der Kinder ist es eher Bespaßung. Da bleibt dann vielleicht nicht ganz so viel hängen.“ Es gibt jedoch einige Studien, die den Bildungserfolg der Zoos wissenschaftlich belegen. Eine Erhebung im Züricher Zoo aus dem Jahr 2017 belegt beispielweise, dass schon ein einziger Zoobesuch einen positiven Bildungseffekt aufweist.

Neben den verschiedenen fachlichen Argumenten, die für oder gegen Zoobesuche sprechen, hat auch jede/r eine eigene persönliche Meinung zu dem Thema. Oft werden hier noch ganz andere Argumente herangezogen.

Alternativen zu Zoos 

Um etwas über Tiere und Artenschutz zu lernen, müssen wir nicht zwangsläufig einen Zoo besuchen. Und um Tiere außerhalb von Zoos zu entdecken, müssen wir auch nicht bis nach Afrika reisen. Es gibt in Deutschland verschiedene Alternativen, die uns dabei helfen, unser Wissen über Tiere zu erweitern und mit unterschiedlichen Tierarten in Berührung zu kommen.  
Heutzutage gibt es beispielsweise eine Vielzahl an hochwertig produzierten Natur- und Tierdokumentationen. Diese zeigen Arten in ihrem natürlichen Lebensraum und wir können bequem von zu Hause aus oder im Kino etwas lernen. Tierdokus helfen uns auch dabei, etwas über natürliche Fressfeinde und Konkurrenz der Tiere zu erfahren. Dieser Aspekt bleibt in Zoos oft außen vor.
Wer Tiere hautnah erleben möchte, kann auch einen Besuch auf einem Bauernhof oder einem Gnadenhof in Betracht ziehen. Hier können wir Tieren sogar noch näherkommen als in Zoos. Einige Höfe bieten auch Ferienfreizeiten für Kinder und Familien an und vermitteln dabei angewandt Wissen über die jeweiligen Tiere.
Wer eine zoologische Einrichtung besuchen möchte, jedoch auf exotische Tiere verzichten kann, sollte über einen Besuch im Wildpark nachdenken. Hier werden vor allem einheimische Tiere gehalten und oft sind die Gehege deutlich größer als in traditionellen Zoos. Somit kann eine artgerechtere Haltung garantiert werden. Im Damwildgehege Groß Denkte können zum Beispiel während eines ruhigen Spaziergangs verschiedene Wildtiere beobachtet und sogar gefüttert werden.  
Neben Zoos sind also auch genügend Alternativen vorhanden, um Tiere auf unterschiedliche Weise zu entdecken. Trotzdem bleiben Zoos nach wie vor ein beliebtes Ausflugsziel, vor allem für Familien mit Kindern. Auch wenn das Grundkonzept von Tieren in Gefangenschaft infrage gestellt werden kann, versuchen die meisten Zoos, ihren Tieren ein artgerechtes und angenehmes Leben zu ermöglichen. Vor allem zoologische Einrichtungen des VdZ verpflichten sich zu bestimmten Vorgaben für das Tierwohl. Trotzdem sei es gut, immer wieder einen kritischen Blick auf Zoos zu werfen, meint Lea Schmitz vom Deutschen Tierschutzbund. Denn das führe dazu, dass sich Zoos immer weiter ändern und sich dem gesellschaftlichen Wandel anpassen müssen: „Ich kann heute nicht mehr im Zoo Tiere präsentieren wie vor 20 Jahren. Die Hoffnung ist natürlich, dass diese Entwicklung noch weiter geht. Es ist noch Luft nach oben.“ Ob man nun einen Zoo besuchen sollte oder nicht, muss am Ende jede/r für sich selbst entscheiden.

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