Der Wecker klingelt um 4:30 Uhr. Die Uniform muss sitzen, die Haare richtig gebunden und das Sechs-Bett-Zimmer sauber und ordentlich sein. Antreten, frühstücken und anschließend Sport, Unterricht, Schieß- oder Geländetage. Lange sieht so Vivianes Alltag aus.
Ihre Entscheidung zur Bundeswehr zu gehen, ist aktuell Teil einer größeren Debatte in Deutschland. Wer will und wer soll zukünftig in der Bundeswehr dienen? Lange wurde über die Wiedereinführung der Wehrpflicht diskutiert. Am 1. Januar 2026 kam dann die neue Wehrdienstregelung. Alle deutschen StaatsbürgerInnen des Geburtsjahrgangs 2008 bekommen nach ihrem 18. Geburtstag einen Online-Fragebogen zugesandt, der sich auf die gesundheitliche Eignung und das Interesse am Wehrdienst bezieht. Für Männer ist es verpflichtend, diesen wahrheitsgemäß auszufüllen, für Frauen ist es freiwillig. Bei Eignung folgt die Musterung im Karrierecenter, bei der körperliche und psychische Aspekte untersucht werden. Wenn alle Tests bestanden sind, kann der Dienst angetreten werden. Viviane entscheidet sich bereits 2024, mit 19 Jahren, freiwillig für diesen Weg.
„Ich wollte einfach mal gucken, was ich selbst so kann.“
Mit dem Abitur hat es nicht so geklappt, wie Viviane es sich erhofft hatte und ein FSJ zu machen, um den praktischen Teil der Fachhochschulreife zu erlangen, sei für sie nicht infrage gekommen. Schlussendlich hat ihr Vater sie auf die Idee mit der Bundeswehr gebracht. Auch der Verdienst habe bei ihrer Entscheidung keine unwichtige Rolle gespielt. „Ich habe 1.800 Euro netto verdient. Das ist schon viel. Vor allem, wenn man überlegt, dass ich nicht wirklich großartige Ausgaben hatte.“ Denn zusätzlich zum Sold profitierte Viviane von einem gestellten Zimmer, übernommenen Fahrtkosten und geringen Steuerabgaben. Finanzielle Anreize gehören zu den Maßnahmen, mit denen die Bundeswehr versucht, die Attraktivität des Dienstes für junge Menschen zu steigern. Mit dem neuen Wehrdienstmodell soll das Einstiegsgehalt für freiwillig Wehrdienstleistende auf rund 2.200 Euro netto ansteigen.
Außerdem hat die damals Neunzehnjährige die persönliche Erfahrung gereizt: „Wie weit kann ich gehen? Wo sind meine Grenzen? Einfach mal zu gucken, was man alles erreichen kann.“ Von ihrem Umfeld hat Viviane viel Zuspruch bekommen. Rein optisch sei es für ihre Freunde zwar unerwartet gewesen, aber charakterlich habe es schon gepasst.
„Das war der erste Moment, wo ich dachte, oh Gott, wo bin ich hier?“
Nach einem Beratungsgespräch im Juni 2024 und der Musterung im Oktober, begann für Viviane im Februar 2025 die dreimonatige Grundausbildung in Rennerod, Rheinland-Pfalz. Die Erinnerungen an die ersten Tage sind heute noch sehr präsent. „Alles war natürlich neu und aufregend und dann war auf einmal ein ganz anderer Ton drauf“, beschreibt Viviane. Strenge Befehle, lautes Gebrüll. Die Hierarchie sei schnell deutlich geworden. „Vor allem die erste Woche fand ich das echt schlimm. Ich hatte auch ein bisschen Heimweh und es war sehr viel Input auf einmal.“ Vier Tage später wurde die Ausrüstung verteilt und sie hat zum ersten Mal die Uniform getragen. „Das ist so der erste Moment, wo du merkst, was die Bundeswehr ist. Sobald du die Uniform anhast, ist das was anderes. Dann bist du Soldat.“ 60 Kilogramm schweres Gepäck am ganzen Körper, das Gebrüll der AusbilderInnen im Hintergrund und so lange nicht absetzen, bis alle ihre Ausrüstung im Bus haben. Der erste Stresstest für Viviane und ihre KameradInnen.
9.087 Menschen leisten, Stand Mai 2026, den Freiwilligen Wehrdienst bei der Bundeswehr, darunter 1.492 Frauen. Die RekrutInnen verpflichten sich für einen Zeitraum von sechs bis elf Monaten, um einen Einblick in den Truppenalltag zu bekommen. Ab zwölf Monaten Verpflichtungszeit wird man als SoldatIn auf Zeit eingestellt. Die ersten drei Monate bilden die Grundausbildung. Dazu gehören Sport, Erste Hilfe, Bewegen im Gelände, Schießen und vieles mehr. Anschließend folgt die Versetzung in die Stammeinheit und die Spezialisierung, für die bei der Einstellung ein Wunsch angegeben werden darf. Dabei sind viele Bereiche denkbar, wie zum Beispiel PanzergrenadierIn, Logistik, IT oder der Sanitätsdienst.
„So schnell habe ich Leute noch nie kennengelernt.“
Während der Grundausbildung ist die Truppe sehr schnell zusammengewachsen, erzählt die Ex-Soldatin. Drei Monate rund um die Uhr zusammen sein, ein Zimmer teilen, die gleichen Herausforderungen durchstehen. Die Gemeinschaft sei außergewöhnlich gewesen. Das Handy muss während des Tages ausgeschaltet im Spind liegen und statt abends vor dem Schlafengehen auf TikTok zu scrollen, setzt man sich zusammen auf ein Zimmer und führt echte Gespräche. „Das ist wirklich sehr cool“, sagt Viviane lächelnd. Trotzdem könne das auch manchmal anstrengend sein: „Du hast keine Privatsphäre, wenn du da bist und ich glaube, das ist auch so eine Sache, da muss man sich dran gewöhnen oder man muss halt dafür gemacht sein. Das ist nicht für jeden was.“
Die Bundeswehr setzt Teamfähigkeit voraus, meint Viviane. Man sei als Gruppe aufeinander angewiesen. „Der Zug erzieht sich selbst“, sei ein gängiger Spruch, Kollektivstrafen immer noch ein Thema. Wenn jemand seine Ausrüstung nicht nachbereitet, seine Stube nicht sauber gemacht hat oder nicht gehorsam ist, leiden alle darunter. Folgen sind längerer Dienst oder eine zusätzliche Sporteinheit am Folgetag. „Du wirst dann schon ein bisschen gequält, bis du als Gruppe wieder gehorsam bist und alle sich wieder zügeln.“
Macht und Hierarchien
Der strenge Ton und die strikten Abläufe sind, vor allem in der Grundausbildung, für SoldatInnen wichtig, um abschalten zu können und ausschließlich Befehlen zu folgen, erklärt Viviane. Trotzdem sei es für sie anfangs gewöhnungsbedürftig gewesen. Auch das Denken und Handeln in Hierarchien und Dienstgraden empfand sie als unangenehm. Während SoldatInnen mit höherem Dienstgrad ihre Machtposition gern nach außen tragen und ausnutzen würden, indem sie Aufgaben abgeben, fühlen sich SoldatInnen mit niedrigeren Dienstgraden häufig degradiert. „Es gibt immer noch sehr viele, die dich wegen irgendwelcher Sachen dumm machen, nur weil du einen anderen Dienstgrad auf der Schulter hast.“
Auch was Krankmeldungen angeht, werde man häufig „nicht für ganz vollwertig genommen.“ Sie wurde von AusbilderInnen behandelt, als würde sie Schmerzen und Symptome nur als Ausrede nutzen oder schlimmer bewerten, als sie eigentlich sind. Viviane hat aber auch gute Erfahrungen mit AusbilderInnen gemacht, die ihr humorvoll in Erinnerung geblieben sind. „Wenn du dich gut anstellst, nicht aus der Reihe tanzt und dich gut benimmst, dann kann es auch echt nett sein.“
Vorurteilen ist Viviane als Frau nicht direkt begegnet. Trotzdem hat sie an der einen oder anderen Stelle sexistische Tendenzen im Bundeswehralltag gespürt. „Vor allem, wenn du ein bisschen hübscher bist als Frau, ist das manchmal nicht ganz so angenehm.“ Frauen bekommen hin und wieder Sprüche zu hören oder Blicke zu spüren. Erst seit 2001 stehen Frauen bei der Bundeswehr alle Laufbahnen offen. Auch wenn die Zahl der Soldatinnen seitdem gestiegen ist, bleiben die Streitkräfte bis heute männerdominiert. Rund 25.000 Frauen leisten ihren Dienst. Bei einer Gesamtzahl von rund 186.000 SoldatInnen mit militärischer Laufbahn sind das etwas über 13 Prozent.
„Es hat so wehgetan, dass ich angefangen habe zu weinen.“
Was ihre körperlichen Fähigkeiten angeht, hat Viviane in ihrer Zeit bei der Bundeswehr viel gelernt und sich selbst einiges bewiesen.
Beim Orientierungsmarsch müssen die RekrutInnen im Trupp den Weg mithilfe von Kompass, Karte und Koordinaten finden. Voll ausgestattet werden bestimmte Kontrollpunkte in der richtigen Reihenfolge angelaufen. Uniform, Helm, Rucksack, dazu ein Schnürgestell mit Taschen und ein Gewehr von links nach rechts. Mit dieser Ausrüstung wird ein Geländemarsch bei 15 Grad sehr schnell sehr anstrengend: „Zwischendurch dachte ich wirklich, ich klapp‘ gleich zusammen und ich bin aber gelaufen und gelaufen und gelaufen.“
Auch das Biwak, ein dreitägiger Aufenthalt im Gelände, bei dem die RekrutInnen draußen schlafen, sich versorgen und mit Übungen den Ernstfall simulieren, hat Viviane körperlich an ihre Grenzen getrieben. Gurte und Riemen schneiden in die Haut ein, der Rucksack so schwer, dass die meisten Frauen ihn nicht allein auf den Rücken bekommen. „Es hat so wehgetan, dass ich angefangen habe zu weinen.“ Auch weil sie eigentlich ein pingeliger Typ sei, ist sie im Nachhinein stolz, dass sie die Nächte in ihren dreckigen Klamotten ohne Hygienemöglichkeiten im Wald überstanden hat.
Bundeswehr bedeutet nicht nur Militär
Nach der Grundausbildung hat Viviane einen Job beim Sanitätsdienst bekommen und wurde dafür in ihre Stammeinheit nach Celle versetzt. In einer der Zahnarztgruppen der Bundeswehr hat sie Verwaltungsaufgaben im Geschäftszimmer übernommen. „Ich glaube, was viele mit dem Begriff Bundeswehr assoziieren, ist natürlich gleich Militär und körperliche Anstrengung. Vielen ist aber gar nicht bewusst, dass du sehr viele verschiedene Bereiche bei der Bundeswehr hast.“
Neben klassischen Infanterie-Einheiten wie den PanzergrenadierInnen und JägerInnen, gibt es auch Aufgaben in der Technik und Instandsetzung, Logistik, IT, Kommunikation, im Wach- und Sicherungsdienst, der Verwaltung oder eben im Sanitätsdienst. Letzterer ist im Grunde ein vollständiges Gesundheitssystem. Es gibt Bundeswehrkrankenhäuser, in denen fast alle medizinischen Fachrichtungen vertreten sind, diverse Praxen auf dem Gelände sowie Einsatz- und NotfallmedizinerInnen. Die Arbeit in der Stammeinheit findet, anders als in der Grundausbildung, eher auf Augenhöhe statt und hat zivilen Aus- bzw. Fortbildungscharakter, so Viviane. Dass sie gern mit Menschen zusammenarbeitet, wusste sie schon vor ihrer Zeit bei der Bundeswehr, doch die Arbeit in der Zahnarztgruppe hat ihr dies nochmal verdeutlicht: „Da habe ich nochmal mehr meine Leidenschaft dafür gefunden.“
„Bundeswehr musst du wollen.“
Trotz ihrer Entscheidung für den Freiwilligen Wehrdienst, ist sich Viviane unsicher, wie sie zu der aktuellen Debatte und dem neuen Wehrdienstmodell steht. Sie selbst hat nach ihren 13 Monaten Dienst überlegt, ob sie noch länger bei der Bundeswehr bleibt oder nicht: „Mit Aussichten darauf, wie die aktuelle Weltlage aussieht, war das einer der Gründe, warum ich mich tatsächlich dagegen entschieden habe.“ Dass ihr jüngerer Bruder in die Altersgruppe hineinfällt, die den Fragebogen zum Wehrdienst ausfüllen muss, sei für sie beängstigend.
Sie glaubt, dass die Disziplin, die man sich während der Zeit aneigne, vielen jungen Menschen helfen würde und die Erfahrung einzigartig sei, man sich jedoch aktiv dafür entscheiden müsse: „Bundeswehr musst du wollen.“ Auch die Möglichkeit, sich jederzeit umentscheiden zu können, ist für Viviane essenziell. Über die Zeit der Grundausbildung habe sich die Gruppe fast halbiert: „Einfach, weil viele dann merken, es passt mir nicht.“
Empfehlen würde sie den Freiwilligen Wehrdienst allen, die Lust auf eine einmalige Erfahrung haben, wissen wollen, wie es ist, an seine Grenzen zu gehen, Hürden im Team zu meistern und die Bundeswehr von innen kennenzulernen.
Ihre Entscheidung gegen Backpacking und für die Bundeswehr bereut Viviane nicht. Obwohl sie auf einige Dinge gern verzichtet hätte, hat sie viel über sich gelernt, spannende Menschen getroffen und ist stolz auf das, was sie geleistet hat. „Es war einfach eine gute Erfahrung für mich selbst.“ Auch was ihre Zukunftschancen betrifft, ist sie zuversichtlich in Hinblick auf ihre Erfahrungen bei der Bundeswehr. „Vor allem in der heutigen Zeit und weil ich eine Frau bin, macht sich das, glaube ich, nicht schlecht. Macht halt nicht jeder.“
Ihr Weg nach dem Abitur war anders. Uniform und Befehle statt Weltreise. Doch er hat ihr gezeigt, wozu sie fähig ist und was Bundeswehr wirklich bedeutet.
Titelbild: Viviane und ihre Truppe in Uniform mit Gewehr
Quelle: Viviane Stroh