Campus38: Hallo Amelie, danke für das Interview. Du hast mehrfach Schlafparalysen erlebt. Was passiert dann mit dir?
Amelie: Es beginnt meistens damit, dass ich aufwache. Das glaube ich in dem Moment zumindest. Ich liege im Bett und kann meinen Körper nicht bewegen. Die Decke fühlt sich dann oft an, als würden schwere Hanteln auf meiner Brust liegen und sie runterdrücken. Ich versuche mich dann zu bewegen, aber nichts passiert. Als erstes versuche ich meistens meine Zehen oder Finger zu bewegen, aber es klappt eigentlich nie beim ersten Versuch. Ich will dann meistens schreien oder rufen, aber da kommt keine Stimme aus mir raus. Ich kriege dann Panik und richtig Herzrasen. Nicht immer, aber schon oft spüre ich dann, dass irgendwas sozusagen im Raum ist, aber ich kann es nicht immer direkt sehen – und dann geht die Panik eigentlich erst richtig los.
Campus38: Wie oft hast du solche, ich nenne es mal „Episoden“, schon erlebt?
Amelie: Ich kann da gar keine genaue Anzahl angeben, aber auf jeden Fall schon öfter. Ich glaube meine erste hatte ich so mit 16 Jahren und seitdem dann in unregelmäßigen Abständen. Aber ich schätze so vier bis sechs Mal im Jahr vielleicht. Schwer zu sagen. Meistens passiert es beim Aufwachen mitten in der Nacht. Ich bekomme sofort Panik und versuche mit aller Kraft, meine Finger zu bewegen – aber es funktioniert einfach nicht.
Campus38: Viele Betroffene berichten von Halluzinationen während ihrer Lähmung. Ist das bei dir auch so?
Amelie: Ja, leider. Ich glaube, die sind mit das Schlimmste. Die wirken so real, dass ich in den Momenten echt glaube, dass sie auch real sind. Erst im Nachhinein realisiere ich dann, dass sie es nicht sind.
Campus38: Sind das denn immer unterschiedliche Halluzinationen? Kannst du vielleicht mal eine beschreiben?
Amelie: Es gibt eine Halluzination, die sich schon öfter wiederholt hat. Da sehe ich einen Mann in meinem Zimmer. Er steht in irgendeiner Ecke im Raum, trägt einen Hut und bewegt sich langsam auf mich zu. Das Gesicht kann ich eigentlich nie erkennen, weil es ja dunkel ist und der Hut auch dunkel ist. Es sieht also aus, als würde man zu einem Körper ohne Gesicht gucken. Manchmal sehe ich aber auch nichts Konkretes, aber spüre, dass jemand oder etwas da ist. Einmal hatte ich einfach nur das Gefühl, dass eine Präsenz auf meine Brust drückt, obwohl ich da gar nichts gesehen habe.
Campus38: Kannst du dich noch an deine allererste Schlafparalyse erinnern?
Amelie: Nicht mehr ganz genau. Ich weiß noch, dass ich gar nicht verstanden habe was da gerade passiert. Da habe ich auch noch nichts gesehen. Ich hatte nur so ein komisches Gefühl – also ich dachte da wäre jemand am Telefon. Ich habe zwar nichts gehört, aber wusste einfach, dass die mir was Böses wollen.
Campus38: Gab es denn eine besonders schlimme Erfahrung, die dir im Gedächtnis geblieben ist?
Amelie: Ja, die werde ich glaube ich nie vergessen. Ich bin wie fast immer nachts immer aufgewacht und konnte mich nicht bewegen. Das war noch „normal“ für eine Schlafparalyse. Aber dieses Mal hatte ich das Gefühl, als würden mich hunderte von Händen gleichzeitig berühren, mir den Mund zu halten und mich quasi ins Bett reinziehen. Dann habe ich eine schwarze Gestalt gesehen, aber keinen Körper und kein Gesicht. Also quasi nur die Umrisse beziehungsweise Silhouette. Sie kam immer näher an mein Bett, bis sie ganz nah da war und sich über mich gebeugt hat. Ich wollte am liebsten die Augen zu machen, aber es ging natürlich nicht. Als ich endlich einen meiner Finger bewegen konnte, war alles direkt vorbei. Es hat sich echt angefühlt wie ein Horrorfilm, der dann plötzlich vorbei war – so als hätte wer einen Schalter umgelegt. Ich saß die ganze Nacht wach. Ich habe geweint. So schlimm war das noch nie.
Campus38: Kommen solche Episoden überraschend oder kündigen sie sich an?
Amelie: Ich weiß leider gar nicht wann sie passieren. Also ich habe zumindest noch nichts entdeckt, wodurch sie sich ankündigen. Aber sie treten eher auf, wenn es mir mental oder so nicht gut geht. Das macht es natürlich auch nicht gerade besser.
Campus38: Wie wirkt sich das auf deinen Alltag aus?
Amelie: Ich versuche inzwischen mir, während es passiert, klarzumachen, dass es „nur“ eine Schlafparalyse ist. Aber sobald Halluzinationen einsetzen, verliere ich quasi die Kontrolle. Die Panik ist irgendwie instinktiv und automatisch. Manchmal denke ich vor dem Schlafen gehen darüber nach und möchte dann am liebsten gar nicht mehr schlafen gehen, weil ich Angst habe, dass ich in eine Episode geraten könnte. Nach einer Episode kann ich dann fast immer nicht mehr schlafen. Ich sitze dann mit Licht im Bett und warte, dass es hell wird. Diese Nachwirkungen belasten mich schon. Ich bin dann natürlich auch komplett übermüdet und muss immer erstmal klarkommen. Ich habe manchmal das Gefühl, dass diese „Kreaturen“ einfach auf meine schwachen Momente warten.
Campus 38: Hast du da mal mit irgendjemanden darüber gesprochen und dir Rat geholt?
Amelie: Ich gehe sowieso aus anderen Gründen zu einer Therapeutin. Bei der habe ich das dann mal angesprochen. Sie hat mir gesagt, dass ich auf meine Schlafumstände achten soll. Und, dass ich vor allem keine Angst vorm Schlafen gehen haben darf.
Campus38: Hast du inzwischen einen Weg oder irgendeine Hilfe gefunden, damit umzugehen?
Amelie: Meine Therapeutin hat mir da ein paar Tipps gegeben. Ich achte mehr auf meinen Schlafrhythmus. Regelmäßige Zeiten, weniger Stress, Handy früher weglegen – das kann schon helfen. Wenn ich darauf achte, kommt es glaube ich seltener vor. Aber natürlich kann man da nicht immer drauf achten oder Rücksicht nehmen. Und vor allem die Angst bleibt halt. Man schläft nicht einfach ein, ohne zu denken: Was, wenn es heute wieder passiert?
Amelie ist mit ihren Erfahrungen nicht allein. Bis zu acht Prozent der Bevölkerung sind von Schlafparaylsen betroffen – das sagt die Deutsche Hirnstiftung in einem aktuellen Bericht.
Beim Schlafen durchlaufen die Menschen verschiedene Phasen. Eine davon ist die REM (Rapid Eye Movement)-Phase, in welcher wir besonders intensiv träumen. Um zu verhindern, dass wir das geträumte physisch umsetzen, wird unser Körper während der Phase gelähmt.
Bei einer Schlafparalyse erwacht das Bewusstsein der Betroffenen, aber der Körper bleibt in der Lähmung gefangen. Die Person kann sich weder bewegen, noch sprechen.
Es treten Halluzinationen auf, weil das Gehirn nicht sauber zwischen dem REM-Zustand und dem Wach sein unterscheiden kann. Um einer Schlafparalyse entgegenzuwirken, empfehlen Forscher einen regelmäßigen Schlafrhythmus und ein ruhiges, dunkles Umfeld beim Schlafen. Auch der Verzicht von digitalen Geräten vor dem Einschlafen kann sich positiv auswirken. Das Wichtigste ist allerdings, den persönlichen Stress zu reduzieren und auf die mentale Gesundheit Rücksicht zu nehmen.
Titelbild: Bett im Schlafzimmer, Foto von Mika Nestler