Heute ein neuer Pullover für 300 Euro, morgen ein neues Fahrrad. „Das sieht toll aus, das muss ich unbedingt haben“. Kaufen, kaufen, kaufen. Dinge, die man gar nicht braucht; man hat ja schon so viele Klamotten, dass der Schrank überläuft. Das Geld aus den Augen verloren und schon ist das Konto im Minus. Die Schulden häufen sich, aber man kann einfach nicht aufhören.
Kaufsucht ist eine Verhaltenssucht, von der circa fünf Prozent der deutschen Bevölkerung betroffen sind. Obwohl man nicht genau weiß, wie groß die Dunkelziffer ist, sind das, laut dem Institut für Finanzbildung, trotzdem mehr Betroffene als Alkoholsüchtige. Doch trotz der hohen Prävalenz gibt es wenige spezifische Hilfen für Kaufsüchtige.
Bei Thomas Fugmann fängt die Kaufsucht schon an, als er mit 18 Jahren sein erstes Gehalt bekommt. Seitdem ist er immer wieder finanziell im Minus, hat Kredite aufgenommen und diese ausgereizt. Heute ist er 46 Jahre alt und verheiratet.
Süchtig sei man, wenn man ein Verhalten nicht lassen kann. Wenn man ein Bedürfnis habe, was nicht zu stoppen sei, und man trotz Negativfolgen weitermache, erklärt Susanne Gutzeit. Sie arbeitet als Suchtberaterin bei der Caritas-Suchthilfe und ist Vorsitzende des Vereins „Fachstelle Kaufsucht“. Vor einigen Jahren hatte sie privat von jemandem gehört, der nicht mit dem Kaufen aufhören kann, und sofort an eine Verhaltenssucht gedacht. Nachdem sie sich informiert hat, stellt sie fest, dass es für die Erkrankung keine spezifische Hilfe gibt. „Da gab es gar nichts … keine Literatur und nur ganz wenige Forschung dazu.“
Besonders vulnerabel seien junge Menschen im Alter von 16 bis 24 Jahren. Laut Susanne Gutzeit sei dort teilweise wenig Finanzbildung im Elternhaus vorhanden und es gäbe viele attraktive Dinge, die konsumiert und erlebt werden wollen. Wenn dann der Geldumgang nicht so geplant und geübt sei, wie es im Idealfall sein könne, könne schnell mal der Überblick verloren gehen.
Wie auch Thomas Fugmann: Mit dem Kaufen versucht er sich Glück und Freude zu erkaufen. Wenn etwas Negatives vorfällt, kauft er mehr. Vor allem mit PayPal und auf Raten bis zum Limit.
Irgendwann drehte es sich nur noch ums Kaufen. „Wenn ich was gesehen habe, wollte ich das unbedingt haben.“ Sei es ein Jogginganzug für 1000 Euro, Brettspiele in limitierter Edition oder Autos. Aber sobald die Dinge gekauft sind, sind sie für ihn uninteressant. Sie bringen ihm keine Freude mehr und haben keinen wirklichen Nutzen.
Die Sucht geht so weit, dass sie ihn als Person verändert. Fugmann berichtet, dass er aggressiv geworden sei, wenn er mit seinem Partner, oder früher mit seiner Mutter, unterwegs war und etwas gesehen hat, was er sich nicht kaufen durfte. „Da war ich irgendwie nicht ich selbst. Da war ich ungehalten, wie so ein kleines Kind, was bockig ist. Ja, so war ich. Und jetzt ist das nicht mehr.“
„Sucht ist kein Thema, was gerne besprochen wird …“
Kaufimpulse gibt es jede Menge. Wenn Läden mit etwas werben oder groß an die Scheiben „Aktion“ oder „Rabatt“ schreiben, dann kommen die Impulse vom Markt. Innere Trigger seien hingegen eher psychische Zustände – „in Form von Erschöpfung, Traurigkeit oder Langeweile“, erläutert die Suchtberaterin Susanne Gutzeit.
Die bekanntesten Negativfolgen sind laut der Expertin Scham, Verschuldung und Partnerschaftskonflikte. Manchmal kommt noch Reduktion von Wohnraum hinzu. Zu viele Dinge ohne Nutzen nehmen Platz im Keller oder Dachgeschoss weg. „Manchmal geht das teilweise bis in die Wohnung, wenn es ein bisschen mit Horten verbunden ist, sodass Menschen mehrere Räume gar nicht mehr nutzen können.“
Kaufsucht fliegt immer noch unter dem Radar der Gesellschaft. Susanne Gutzeits Theorie ist, dass erhöhtes Einkaufsverhalten normalisiert sei und nicht als Problematik anerkannt werde. Die Gesellschaft sei nicht besonders wachsam. „Sucht ist kein Thema, was gerne besprochen wird. Und wenn dann auch noch das Thema Geld und Schulden dazukommt, dann ist es noch weniger besprechbar.“
Die Menschen in seinem Umfeld haben schon immer gesagt, dass er ein Problem mit Kaufen habe, so Fugmann. „Ich habe das nie so gesehen. Ich habe immer gedacht, ist nicht schlimm.“ 2020 nimmt er sich immer wieder vor, für einen Monat nichts zu kaufen, was nicht wirklich funktioniert.
Im selben Jahr erfüllt er jemandem, der ihm nahesteht, einen großen Wunsch und übernimmt trotz eigener Probleme die komplette Finanzierung: „…und ich habe noch nicht einmal ein Dankeschön bekommen“, erzählt Fugmann. Bis dahin hat er keine Schulden, danach geht es aber wieder bergab. Bis 2023 sind es 36.500 Euro Schulden, die er begleichen muss. Thomas Fugmann sagt selbst, dass dieses Erlebnis für ihn der entscheidende Auslöser war.
Im Jahr 2022 hat er schwere Depressionen und erleidet einen Nervenzusammenbruch auf der Arbeit. Fugmann merkt, dass es doch nicht mehr normal ist und dass seine Schulden und das Kaufverhalten ihn auffressen. Er sucht sich einen Therapieplatz, was für ihn gar nicht so einfach war. Es gäbe nämlich nicht viele TherapeutInnen in Deutschland, die eine passende Behandlung über die Krankenkasse machen würden.
„Wenn eine Angsterkrankung oder eine Depression zugrunde liegt oder jemand eine Traumaerfahrung hat, dann wird Einkaufen oft als Selbsttherapie oder Selbstmedikation genutzt, um die Stimmung aufzuhellen“, erklärt Susanne Gutzeit.
Zur Fachstelle Kaufsucht kommen wenige SelbstzahlerInnen. „Das ist selten, dass jemand eine Kaufsucht hat und immer noch so viel Geld übrig, um dann die Beratung noch selbst finanzieren zu können“, erläutert die Suchberaterin. Die Hilfe dort wird aktuell durch Drittmittel und Stiftungsgelder finanziert.
Kaufsucht ist keine Einbahnstraße
Die Schritte, um Betroffenen zu helfen, beinhalten zwei Aspekte, erklärt Susanne Gutzeit: „Das eine ist Reflexion des Finanzhandels, also Ausgabenkontrolle und Bilanzierung. Der zweite Aspekt ist eine Bewusstmachung, in welchen Situationen man kauft und welche Bedürfnisse in Wirklichkeit dahinterstehen“. Das Ziel der Kaufsuchtberatung ist es, dass Betroffene mehr Kontrolle bekommen, ihre Einkäufe bewusst tätigen und zu reflektierten VerbraucherInnen werden.
FreundInnen und Familie von Betroffenen können laut Gutzeit am besten helfen, indem sie Verständnis zeigen und jederzeit ein offenes Ohr anbieten. Sie findet, dass Angehörige auch helfen können, indem sie keine Kredite geben und nicht immer alle Schulden ausgleichen. Sonst würden sie das System des wiederholten Kaufens erhalten. Sie sollten mit der betroffenen Person absprechen, wie sie am besten helfen können, wenn es um Geld oder Finanzierungen geht. „Das muss man ausprobieren. Manchmal klappt das und manchmal ist es Quell von großem Konflikt und Streit. Das muss man einfach individuell aushandeln. Zuhören, was der andere an Bedürfnissen hat, und schauen, was man selbst leisten kann.“
Thomas Fugmann findet, es ist auf jeden Fall wichtig, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Er erzählt von einer Checkliste, mit der sich überprüfen lasse, ob man kaufsüchtig sei.
„Was wirklich wichtig ist, ist mit der Sucht umzugehen, wenn man merkt, man hat ein Problem beim Kaufen.“ Er selbst habe alles Finanzielle an seinen Partner abgegeben, sodass er keinen Zugriff mehr darauf hatte. „Das ist in dem ersten Moment wirklich schwer. Das ist wie auf einen Entzug gehen … Und mittlerweile fehlt mir das nicht mehr“, erzählt Thomas Fugmann. „Es ist halt ein harter Weg, aber er ist machbar, wenn man möchte. Der Wille muss wirklich da sein.“ Der Weg aus der Kaufsucht heraus kostet ihn sehr viel Kraft, aber er lohnt sich. „Es gibt kein schöneres Gefühl, als irgendwann schuldenfrei zu sein.“
Am Anfang hilft ihm ein Kalender. Immer wenn er nichts kauft, macht er einen Smiley und wenn er etwas kauft, ein Kreuz. Erst denkt er, dass es nicht hilft, bis eine Freundin ihm zeigt, wie viele Smileys er schon hat. Darüber freut er sich und dann wurden es immer mehr. „Ja, und irgendwann ist dann ein gesundes Kaufverhalten da.“
Im Februar 2024 beendet Fugmann seine Kaufsuchttherapie. Seitdem bezahlt er seine Schulden ab. Er verkauft sein Auto und viele seiner Brettspiele. Das Motorrad auf Raten gibt er auch ab. Immer wenn Geld übrig ist, bezahlt er seine Schulden ab. „4.500 Euro sind noch offen. Ich habe nur noch die eine Kreditkarte abzuzahlen“, berichtet er stolz im Mai diesen Jahres. Zuvor hatte er zwei Kreditkarten mit jeweils 17.000 Euro Belastung. Wenn die letzte abbezahlt ist, kann er die auch endlich löschen. „Hat auch ein bisschen gedauert, dass ich das anerkenne, dass ich was geschafft habe in der Zeit. Mittlerweile fühlt sich das gut an.“
Eine Heilung gibt es für ihn nicht. Es gibt Rückschläge, doch um denen entgegenzuwirken, hat Thomas Fugmann feste Ziele: „Ich muss das Geld übrighaben. Es darf nicht auf Raten gezahlt werden oder über Zahlpause. Da halte ich auch dran fest.“ Manchmal gibt es noch Momente, in denen er sich Kleinigkeiten kauft und sich nachher denkt, dass das nicht nötig war. Doch bei Kleidung zum Beispiel achtet er besonders drauf. Das Preis-Leistungs-Verhältnis muss stimmen und sie muss ihm zu 100 Prozent gefallen. Wenn ihn nur eine kleine Sache stört, geht das Teil zurück. Mittlerweile hat er schon länger keine neuen Klamotten mehr gekauft.
Sein Partner und seine Mutter unterstützen ihn auf seinem Weg. Sein Partner rät ihm von manchen Käufen ab und auch mit seiner Mutter tauscht er sich aus. „Wenn es um große Sachen geht, also wenn die jetzt über 100 Euro kosten, dann spreche ich das schon mit denen ab.“
Er selbst hat auch kein Social Media mehr. „Ich finde das ganz gefährlich. Da habe ich alles gelöscht, weil die Trigger da zu groß sind, wegen Werbung und so“. Jüngeren Menschen rät er von Klarna, PayPal, der Zahlpause und Umschuldungen ab, denn „das ist dann wie so ein Kreislauf“.
Seit 2024 leitet Thomas Fugmann auch eine Selbsthilfegruppe, die er ins Leben gerufen hat. Über die KIBIS in Hannover (Kontakt-, Informations- und Beratungsstelle im Selbsthilfebereich) bekommt er einen Raum und gründet dort seine eigene Gruppe, um dem Thema noch mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Inzwischen sind es mit ihm fünf Teilnehmende. Drei von ihnen habe er schon geholfen, ohne eine Therapie auf den Weg zu kommen, auf dem Fugmann heute selbst ist. Für ihn lohnt sich die Selbsthilfegruppe immer wieder. „Auch wenn ich nur einem helfe, ist schon viel getan“, erklärt er.
Disclaimer: Falls ihr jemanden oder euch selbst wiedererkennt, ihr seid nicht allein. Hilfe findet ihr unter anderem bei der Fachstelle Kaufsucht und der KIBIS.
Titelbild: Einkaufstüten, Bestellungen und Icons, die zum Kauf animieren, Illustrationen von Connor Lindhorst