Hacke, Spitze, Leberschaden

Im Fußballstadion ist Bier allgegenwärtig – insbesondere für suchtkranke Menschen ist das unerträglich. Zwei Fanclubs machen vor, wie es anders geht.

90 Minuten lang den Alltag vergessen, das Team zum Sieg schreien oder gemeinsam über die erbärmliche Leistung der „elf Millionäre“ auf dem Platz jammern. Fußball ist  Volkssport Nummer eins in Deutschland. Und wenn man sich im Stadion umsieht, dann scheint auf Platz zwei schon das Saufen zu sein. Bierwerbung, Bierdusche und Freibier – an kaum einem anderen Ort gehört das Gebräu so selbstverständlich dazu. Es wundert kaum jemanden, wenn der Nebenmann schon auf der Hinfahrt zum Auswärtsspiel im Auto erbricht, der betrunkene Familienvater im Nebenblock 90 Minuten lang die jugendlichen Gästefans anpöbelt oder wenn man sich am nächsten Morgen gar nicht mehr an das eigentliche Highlight – das Spiel – erinnern kann. Fußball und Bier, das gehört einfach zusammen. Und genau das macht es suchtkranken Menschen oft sehr schwer, ihrem liebsten Hobby nachzugehen.

Michael Krause ist seit 45 Jahren leidenschaftlicher Anhänger des FC St. Pauli. Während seines Studiums nahmen ihn Freunde mit in das Millerntor-Stadion. „Ich war von da an infiziert und das hat sich bis heute nicht geändert.“ Anfangs war es wie bei so vielen Menschen: „Ich bin halt zum Fußball gegangen und hab ein, zwei Bier getrunken.“ Doch in seinem sozialen Umfeld habe Alkohol eine immer größere Rolle eingenommen. „Bei fast allen Terminen im Freizeitbereich wurde Alkohol getrunken. Von allen Menschen“, erzählt der 66-Jährige von den Ursprüngen seiner Suchterkrankung.

Trinken bis zum absoluten Tiefpunkt

Nach und nach habe sich seine Toleranz verschoben. Um weiterhin denselben Rausch-Zustand zu erreichen, musste immer mehr und auch härterer Alkohol her. „Ab 30 habe ich täglich Alkohol konsumiert. Ende 30 haben meine Trinkmengen eine Ebene erreicht, bei der man vom kritischen Konsum spricht.“ Die Erkenntnis, dass er Alkoholiker ist, habe er mit Mitte 40 erlangt. An seinem Verhalten änderte dies vorerst nichts.

Beim monatlichen „Kaffeeklatsch“ tauschen sich die „Weiß-braunen Kaffeetrinker*innen“ um Michael Krause (2. v. l.) über ihren Konsum und ihren Verein aus. Foto: Stefan Groenveld

Soziale Isolation, gesundheitliche und insbesondere finanzielle Probleme summierten sich. Krauses Konto wurde gepfändet, seine Krankenversicherung gekündigt und er wurde aus seiner Wohnung geworfen. Ohne Versicherung sah er sich mit einer Herzmuskelschwäche und massiven Wassereinlagerungen konfrontiert. „Das hat alles den sogenannten ‚absoluten Tiefpunkt‘ bei mir erzeugt, der dazu geführt hat, dass ich mich entschieden habe, eine stationäre Entgiftung zu machen.“ Das war 2007. Im Jahr darauf folgte noch eine Langzeit-Therapie.

Im Stadion ist das Suchtmittel allgegenwärtig

Seinen Herzensverein aufgrund des Rückfall-Risikos nicht mehr vor Ort zu unterstützen, war für Krause nie eine Option: „Es war mir von Anfang an klar, dass ich weiterhin ins Stadion gehen werde.“ Er sei auch eine Ausnahme in der Hinsicht, dass ihn das Stadionerlebnis nicht triggere. Trigger meinen in der Suchthilfe Reize, die einen starken Suchtdruck auslösen. Inmitten von Bierduschen, Werbung und in der Anonymität des großen Fußball-Publikums sind diese für viele Alkoholkranke allgegenwärtig. 

Als er bereits circa fünf Jahre trocken war, stieß Krause in einer Reportage zufällig auf einen St.-Pauli-Fanclub der besonderen Art – die „Weiß-braunen Kaffeetrinker*innen“ (WBK). Sie sind seit 1996 Anlaufpunkt für all diejenigen, die Fußball ohne Suchtmittel genießen möchten. Sein Interesse war sofort geweckt. „Der primäre Antrieb war, auf Menschen zu treffen, die dasselbe Problem haben wie ich.“ Krause fand schnell Anschluss und ist heute sogar Sprecher der Gruppe. Die rund 50 Mitglieder sind trockene AlkoholikerInnen, viele davon auch mit einer Vergangenheit der Depressionen oder des Mischkonsums mit anderen Drogen. Angehörige sind ebenfalls willkommen. Einmal im Monat, beim „Kaffeeklatsch“, treffen sich die Mitglieder, um über ihre Lage und natürlich auch ihren FC St. Pauli zu sprechen. Zudem gibt es seit anderthalb Jahren eine Selbsthilfegruppe, die sich zweimal im Monat versammelt. Die WBK wurden 2020 mit dem Hamburger Selbsthilfepreis und 2022 als Fanclub des Jahres ausgezeichnet. 

Der Verein wird seiner Verantwortung nicht gerecht

Auch in der Vereinspolitik konnten die WBKlerInnen bereits einiges bewegen. Auf vereinsinternen Präventions- und bei Infoveranstaltungen sind sie gern geladen. Zudem konnten sie 2022 den ersten alkoholfreien Getränkestand im deutschen Fußball eröffnen: das „Trockendock I“. Anfangs hatte es zunächst noch Widerstände gegen dieses Vorhaben gegeben.  Der Verein teilte etwa mit, dass ein solcher Kiosk wirtschaftlich nicht umsetzbar sei.  Deshalb finanzierten die WBKlerInnen selbst die Möglichkeit, nicht mehr in einer Bierschlange anstehen zu müssen. Mit Erfolg: Auf das „Trockendock I“ folgten in den anschließenden Jahren noch zwei weitere alkoholfreie Verkaufsstände. Somit fehlt nur noch auf einer der vier Tribünen eine solche Anlaufstelle. 

Das „Trockendock I“ im Millerntor-Stadion war der erste alkoholfreie Getränkestand im deutschen Profifußball. Foto: WBK

„Ich denke, die Marketingabteilung unseres Vereins hat ein Problem mit uns, weil wir immer mal den Finger in die Wunde legen“, kritisiert Michael Krause. „Fußball ist ein knallhartes Geschäft. Über Sponsorenverträge und den Verkauf von Suchtmitteln im Stadion wird Geld generiert. Unsere Position dazu ist, dass es der Marketing-Abteilung an Kreativität mangelt, Alternativen zu erarbeiten.“ Man wolle niemandem sein Bier verbieten, doch aggressive Werbung für Suchtmittel schade nicht nur suchtkranken Menschen, sondern führe auch Kinder und Jugendliche schon früh an den Alkoholkonsum heran. „Wir erleben, dass verantwortungsvolle Eltern mit ihren Kindern beispielsweise ans Trockendock gehen. Aber das ist ein ganz kleiner Baustein. Im Stadion erleben Kinder drei Stunden lang die permanente Verknüpfung von positiven sowie negativen Emotionen und dem Suchtmittel.“ Kaum ein Verein stehe so wie der FC St. Pauli für gesellschaftliches Engagement. Die WBKlerInnen wünschen sich, dass man auch hier seiner Verantwortung gerecht wird.

Bene brauchte immer härtere Drogen

Bis es aber so weit ist, muss man sich gegenseitig helfen. So begleiten die WBKlerInnen Mitglieder, die gerade erst aus einer Therapie kommen, zu den Spielen, um ihnen bei Suchtdruck helfen zu können. Ein solches Mitglied ist Bene (Name geändert). Der 27-Jährige ist seit 2014 St. Paulianer und seit 2022 bei den „Weiß-braunen Kaffeetrinker*innen“. In seiner Jugend konsumierte er zuerst regelmäßig Cannabis, dann kam täglicher Alkoholkonsum dazu. Als junger Erwachsener nahm er schließlich auch harte Drogen, hauptsächlich Kokain. 

„Dadurch begann die Zerstörung.“, sagt er. Aufgrund seiner Sucht brach er seine erste Ausbildung ab, verlor FreundInnen und verschuldete sich bei DealerInnen. „Ich war nicht mehr in der Lage, zu arbeiten und einem geregelten Tagesablauf nachzugehen.“

Soziale Isolation, Geldprobleme und Arbeitslosigkeit brachten schließlich auch seine Familie auf den Plan. „Ich habe die Enttäuschung meiner Eltern und meiner Geschwister gesehen. Da habe ich irgendwann gemerkt, das geht so nicht weiter.“ 2021 begab er sich in eine sechsmonatige Therapie. Dort lernte er die WBKlerInnen kennen, die ihn wieder mit ins Stadion nahmen. „Bei mir war der Stadionbesuch eine große Hemmschwelle. Da allein hinzugehen, würde mir heutzutage immer noch schwerfallen.“ Aber: „In meiner ersten Therapie hatte ich keinen 100-prozentigen Abstinenzwunsch und wenn der nicht da ist, führt es irgendwann zum Rückfall.“ So kam es auch. 2022 wurde Bene stark rückfällig, kapselte sich ab und besuchte den „Kaffeeklatsch“ nicht mehr. 

Unterstützt von Michael Krause begab er sich 2023 erneut in eine Reha. „Danach war ich über ein Jahr abstinent. Seitdem gab es zwei Rückfälle, die nach einem Tag wieder aufgehört haben.“ Am wichtigsten sei es, ehrlich zu sein und sich schnell Hilfe zu holen, wenn man starken Suchtdruck verspürt oder schon rückfällig geworden ist. Heute hat er seine Ausbildung erfolgreich absolviert, ist in einer Beziehung und geht regelmäßig zum Fußball. „Nach zwei Therapien habe ich verstanden, worum es geht. Natürlich gab es zwei Rückfälle und nicht jeder Tag ist leicht, aber die wirklich schlimmen Zeiten sind vorbei.“

„Ich konnte ohne Alkohol nicht mehr leben“

So ist es auch bei Jörg Bandlow. „Jockel“, wie ihn seine Freunde beim 1. FC Union Berlin nennen, ist seit 2019 trocken und seit 2020 Mitglied bei der Unioner Selbsthilfegruppe „Nüchtern betrachtet… mehr vom Spiel“. 2008 wurde der heutige Sprecher der Gruppe von einem Freund zu seinem ersten Spiel des FCU mitgenommen. Es war Liebe auf den ersten Blick. Mit seiner Frau und seinem Sohn besuchte er Spiel um Spiel. 2013 verstarb seine Frau nach langer Erkrankung. „Sie hat sechs Jahre dagegen angekämpft, ich habe ihr sechs Jahre beim Sterben zugeguckt“, berichtet der 59-Jährige. Seine Trauer versuchte er im Alkohol zu ertränken. „Ich war Heimlich-Trinker. Beim Fußball konnte ich das gut verstecken, das gehört ja fast dazu.“ 

Angstzustände, Hautekzeme und ein angehender Leberschaden sind nur ein Teil seiner gesundheitlichen Probleme. „Ich konnte ohne Alkohol nicht mehr leben“ – mit jedoch auch nicht: 2019 prophezeite ihm seine Ärztin, dass er nur noch ein halbes Jahr zu leben hätte, wenn er an seinem Konsum festhielte. „Da war mir klar: Ich will leben, ich will zurück ins Stadion und mit Freunden und meinem Sohn zusammen sein“, schildert Bandlow emotional. Er begab sich in eine Therapie und erfuhr dort von der Selbsthilfegruppe für Union-Fans. 

Jörg Bandlow (1. v. l.) starb fast an den Folgen seines Alkoholkonsums. Heute klärt er zusammen mit anderen Union-Fans über die Gefahren auf. Foto: Privat

Ohne die Gemeinschaft geht nichts

In dieser Selbsthilfegruppe engagiert er sich bei wöchentlichen Treffen, Infoveranstaltungen und vielen weiteren Gruppenaktivitäten. Ein großer Erfolg: Zu besonderen Anlässen wird vom Verein kein Freibier mehr spendiert, sondern ein Freigetränk. So kämen alle Fans auf ihre Kosten. Damit der Stadionbesuch für suchtkranke Menschen künftig zumindest etwas leichter wird, sollen nach dem Umbau des Stadions An der Alten Försterei – wie auf St. Pauli – auch alkoholfreie Getränkestände verfügbar sein. 

Für Mitglieder von „Nüchtern betrachtet… mehr vom Spiel“ gibt es sogar eine gemeinsame WhatsApp-Gruppe, in die man nur ein bestimmtes Foto stellen muss, wenn man starken Suchtdruck verspürt oder schon konsumiert hat. Dann meldet sich sofort jemand, der Ablenkung verschafft und hilft. Auf die gegenseitige Unterstützung komme es an, denn „eine Sucht verliert man nicht wie einen Schnupfen.“ 

Die „Weiß-braunen Kaffeetrinker*innen“ und „Nüchtern betrachtet… mehr vom Spiel“ waren die ersten Fangruppen in Deutschland, die sich bewusst gegen den exzessiven Alkoholkonsum im Stadion aussprachen. Auch bei einigen anderen Vereinen gibt es mittlerweile solche Safe Spaces für Menschen mit Suchterkrankung. Angesichts aggressiver Bierwerbung in den Stadien, Freibier-Aktionen und der omnipräsenten Verbindung von Fußball mit Rauschmitteln ist es jedoch noch ein langer Weg, bis der deutsche Fußball sein Alkoholproblem loswird. 

Titelbild: Kein Bierbecher: Auch ohne Alkohol lässt sich ein Stadionbesuch zelebrieren, Foto von ,,Weiß-braune Kaffeetrinker*innen”

Total
0
Shares
Ähnliche Beiträge
Mehr lesen

Cheerleader aus Salzgitter brechen das Klischee

Es gibt kaum eine Sportart, die so unterschätzt wird, wie das Cheerleading. Gut aussehen und am Rand von Footballspielen rhythmisch mit bunten Puscheln wedeln ist ein überholtes Klischee. Cheerleading ist ein selbstständiger Wettkampfsport und setzt hartes Training voraus.
VON Tia Cosma Herbst
Mehr lesen

Vom Bunker zum Bildschirm

Techno hat sich von einer Subkultur zu einem globalen Phänomen entwickelt. Was treibt den Hype an - und wie hat Social Media die Szene verändert?
VON Veronika Fecht