Der Altersdurchschnitt bei Geburten in Deutschland liegt, so das Statistische Bundesamt heute, bei über 30 Jahren, Geburten bei sehr jungen Müttern sind selten geworden. Das bedeutet aber nicht, dass junge Elternschaft irrelevant wäre. Gerade diejenigen, die jung Eltern werden oder vor einer Schwangerschaft stehen, haben besondere Bedürfnisse und stehen oft vor großen Herausforderungen.
Alina Vogt kennt diese Herausforderungen und weiß aus eigener Erfahrung, wie überfordernd eine unerwartete Schwangerschaft sein kann und wie viel verlässliche Unterstützung eine junge Mutter wirklich braucht. Im Alter von 20 Jahren findet sie heraus, dass sie schwanger ist. Als sie den positiven Schwangerschaftstest in der Hand hält, beginnt für sie eine emotional herausfordernde Zeit:
,,Ich war selbst noch ein Kind”
Für Alina stand fest: ,,Ich bekomme dieses Kind.” Ein Schwangerschaftsabbruch oder eine Adoption kam für sie nicht infrage. Sehr dankbar ist sie für die Unterstützung ihrer Mutter, die die Ernsthaftigkeit der Situation betonte. Trotz dieses Bewusstseins und ihrer bedachten Entscheidung war der Schock im Umfeld und ihrer Familie groß, oft wurde sie gefragt, ob sie sich denn wirklich sicher sei, schließlich wäre sie ja noch so jung… Doch Alina war sich sicher, die für sie richtige Entscheidung getroffen zu haben.
Babybauch und Zukunftsängste
Neben den, wie Alina sagt, ganz normalen Sorgen, die eine Schwangerschaft begleiten, kamen Zukunftsängste dazu. So jung und ohne Abschluss fragte sie sich, was sie ihrem Kind bieten und wie sie ein wohlbehütetes Aufwachsen garantieren könnte.
Dreizehn Bewerbungen, dreizehn Absagen
Dann kam das Baby auf die Welt, der Alltag als Mutter begann. Die Elternzeit hat Alina sehr genossen, mit einem Strahlen in den Augen erinnert sie sich an die geborgene Zeit mit ihrem Neugeborenen. Aufstehen und füttern, mit dem Kinderwagen spazieren gehen, ganz und gar für dieses neue kleine Leben da sein.
Von Anfang an war sich Alina sicher, dass sie sich ein Geschwisterkind für ihre Tochter wünscht. So war sie sich bewusst, dass sie nach der ersten Geburt einige weitere Zeit in Elternzeit und Kinderbetreuung verbringen würde. Eines stand für sie jedoch fest: Sobald die Kinder älter sind, will sie eine Ausbildung oder ein Studium beginnen. Aber dieser Plan geriet ins Wanken.
Bildung, Studium und junge Elternschaft oft schwer vereinbar
Studieren mit Kind bedeutet für viele junge Eltern eine enorme Doppelbelastung. Studentinnen haben Anspruch auf Mutterschutz und dürfen, wenn nötig, Prüfungen, Praktika oder verpflichtende Veranstaltungen meiden. Auf dem Papier klingt es machbar: Eine Verlängerung des BAföG ist möglich, sogar als Zuschuss. Einige Hochschulen investieren in familienfreundliche Angebote. Doch die Realität sieht oft anders aus: Das Kind ist krank, aber in der Vorlesung herrscht eigentlich Anwesenheitspflicht. Die Kita schließt um 16 Uhr, das Seminar endet um 18 Uhr. Familie und Studium zu vereinbaren, stellt viele Eltern so vor große Herausforderungen.
Zeit- und Geldprobleme sowie Benachteiligung und Diskriminierung auf den Wegen in die Arbeitswelt gehören darüber hinaus zu den zentralen Herausforderungen. Es herrscht ein erhöhtes Risiko eines Studien- oder Ausbildungsabbruchs, der langfristige Nachteile für berufliche Chancen und finanzielle Sicherheit mit sich bringt.
Alina berichtet davon, dass sie nur Absagen auf ihre Bewerbungen erhielt. Man zöge sie als Auszubildende nicht in Betracht, da die Arbeitszeiten wohl kaum mit der hohen Ausfallquote durch ihre Kinder vereinbar wären. So wurde Alina, trotz des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG), welches Arbeitgebern untersagt Bewerber aufgrund ihrer Elternschaft zu benachteiligen, Opfer geschlechtsbezogener Diskriminierung. Doch Alina gab nicht auf und sieht es rückblickend gelassen, denn es führte sie so zu einem Studium, dass viel kompatibler für sie war.
,,Ich hab mich so gefühlt, als ob ich nicht dazugehöre.”
Alina berichtet auch von erlebten Stereotypen. Ältere Mütter schlossen sie regelmäßig aus.
,,Ich musste immer nur funktionieren.”
Was passieren kann, wenn man die Erziehung allein stemmen muss, hat Alina selbst erlebt. Die eigenen Bedürfnisse wurden zu lange in den Hintergrund geschoben, der Fokus liegt nur auf dem Wohlergehen der Kinder und der Bewältigung des Alltags. Wie schwerwiegend die Ausmaße dessen sein können, zeigt sich oft erst viel zu spät.
Trotz aller vorangegangenen Schwierigkeiten hat Alina eine klare, positive Meinung zum Studieren mit Kind.
,,Hab Mut auf dein Herz zu hören!”
Alina blickt zurück und hat eine klare Botschaft an andere junge Schwangere:
,,Ich glaube fest, es ist alles so gekommen, wie es kommen sollte”
Zuversicht und Vorfreude sind Emotionen, die Alina verspürt, wenn sie an die Zukunft denkt, doch bereut sie ihre damaligen Entscheidungen?
Schwangerschaftsabbrüche – Teil der Realität
Nicht jede Schwangerschaft endet mit einer Geburt. Neben weiteren Gründen sind auch Schwangerschaftsabbrüche ein Teil der Realität. Die rechtliche Lage in Deutschland sieht drei Fälle vor, welche für alle beteiligten Personen, dazu zählen die Schwangere und medizinisches Personal, straffrei sind. Nach der Beratungsregelung darf der Schwangerschaftsabbruch in den ersten 12 Wochen nach der Empfängnis vorgenommen werden. Dafür muss sich die Schwangere in einer staatlich anerkannten Schwangerschaftskonfliktberatungsstelle beraten lassen und ist verpflichtet den erhaltenen Beratungsschein bei den Ärzt*innen vorzulegen, welche den Abbruch durchführen.
Sollte sich die Schwangere in Lebensgefahr oder einer schwerwiegenden Gefahr des körperlichen oder seelischen Gesundheitszustandes befinden, bleibt ein Abbruch auch 12 Wochen nach der Empfängnis straffrei. Darüber hinaus darf im kriminologischen Fall einer Sexualstraftat ein Abbruch innerhalb der ersten 12 Wochen vorgenommen werden. Der Schwangerschaftsabbruch kann über verschiedene Wege erfolgen. Bis zur neunten Schwangerschaftswoche kann ein Schwangerschaftsabbruch durch Medikamente in Betracht gezogen werden. Ab der zehnten Schwangerschaftswoche erfolgt der Abbruch über einen kurzen operativen Eingriff durch eine Absaugung oder Ausschabung. Laut Statistischem Bundesamt wurden 2024 in Deutschland etwa 106.000 legale Schwangerschaftsabbrüche gemeldet. Von den Abbrüchen entfiel ein Anteil von unter drei Prozent auf minderjährige Frauen und 23,5 Prozent der Schwangerschaftsabbrüche auf volljährige Frauen bis unter 25 Jahren. Der Großteil liegt mit 65,3 Prozent bei Frauen von 25 Jahren bis unter 40 Jahren.
Auch im Jahr 2025 gehörten Schwangerschaftsabbrüche zur gesellschaftlichen Realität, wobei die Zahlen im Vergleich zum Vorjahr nur geringfügig um 0,2 Prozent gestiegen sind. Dabei sind Schwangerschaftsabbrüche mehr als nur bloße Zahlen – es sind Geschichten voller Emotionen und Sorgen. Hannah ist eine der betroffenen Frauen. Als sie herausfand, dass sie schwanger ist, beginnt für sie eine emotional aufwühlende Zeit, in der ihr, genau wie Alina, viele Fragen im Kopf herumschwirren. Doch eine Ungewissheit beschäftigte sie damals sehr: ,,Muss ich jetzt irgendwas wieder gut machen?”
Tabuthema: Abtreibung?!
**Dieser Audiobeitrag enthält explizite Inhalte zum Thema Schwangerschaftsabbruch, die potenziell belastend sein könnten. Wenn ihr selbst betroffen seid oder Unterstützung braucht, findet ihr am Ende der Seite Hinweise zu Beratungs- und Hilfsangeboten.**
Selbstbestimmung und freie Entscheidung
Die Erfahrungsberichte zeigen: Unabhängig davon, wie eine Frau mit der Schwangerschaft umgeht, sollte ihre Entscheidung frei und selbstbestimmt getroffen werden. Für das Wohlbefinden und die Zukunft von Alina und Hannah war es entscheidend, dass sie eigenständig wählen konnten. Ein Kind zu bekommen, jung Mutter zu sein oder sich bewusst gegen eine Elternschaft zu entscheiden: Alles sollte als legitimer Lebensweg anerkannt sein.
Doch dafür braucht es gute Rahmenbedingungen, sowie Unterstützungssysteme, die jungen Menschen helfen, sei es durch Betreuung, finanzielle Hilfen, Beratung und Bildungs- und Ausbildungsförderung. Nur so kann die Entscheidung, vor der eine junge Frau steht, mit Würde, Selbstachtung und Perspektive getroffen werden.
Anlaufstellen
Pro familia: Beratung zu Familienplanung, Schwangerschaft, Konfliktberatung, Sexualität. https://www.profamilia.de/
Elterntelefon „Nummer gegen Kummer“ – kostenlose, anonyme Beratung für Familien, Eltern und werdende Eltern: 0800 111 0 550.
Hilfetelefon Schwangere in Not – 24/7 Beratung in vielen Sprachen: 0800 40 40 020 (auch Online-Chat/E-Mail) – rund um Schwangerschaftsfragen, Probleme, Sorgen und Optionen. https://www.hilfetelefon-schwangere.de/
Titelbild: Studieren mit Kind, Foto von Melina Sophie Nikitaidis und Johanna Wittkowski