Seit Ende 2025 sorgt der Vorschlag des Ökonomen Jens Südekum, das Renteneintrittsalter anhand der Beitragsjahre zu bemessen, für hitzige Diskussionen. Gerade für AkademikerInnen würde das bedeuten, länger zu arbeiten. Ob das die Lösung für ein strukturelles und seit Jahren bestehendes Problem ist?
Die Idee klingt erst einmal bahnbrechend: AkademikerInnen arbeiten länger, denn sie steigen später ins Arbeitsleben ein. Dazu verdienen sie mehr und haben statistisch gesehen eine höhere Lebenserwartung als Menschen, die ihr ganzes Leben im Handwerk gearbeitet haben. Wieso sollten diese nicht länger einzahlen?
BefürworterInnen argumentieren: Wenn eine Person erst mit 28 Jahren einzahlt, sollte sie nach hinten hinaus auch länger arbeiten. Was im ersten Moment als logisch erscheint, entpuppt sich allerdings als Gefahr. Wenn man Bildung durch längere Lebensarbeitszeit „bestraft“, sinkt der Anreiz für ein langes Studium. Das ist kontraproduktiv für eine Wissensgesellschaft, die auf hochqualifizierte Fachkräfte angewiesen ist. Was passiert, wenn sich ein junges Talent gegen ein zeitintensives und langes MINT-Studium entscheidet und dafür eine Ausbildung beginnt? Und was, wenn aus dem Einzelfall die Regel wird?
Oft heißt es, dass AkademikerInnen mehr verdienen als Menschen, die eine Ausbildung absolviert haben. Diese können mit einer längeren Arbeitszeit die Rentenkassen stützen. Das stellen sich die meisten Menschen unter dem AkademikerIn-Dasein vor. Allerdings entspricht dies nicht der Realität: GeisteswissenschaftlerInnen, wissenschaftliche MitarbeiterInnen oder angestellte ArchitektInnen verdienen oft weniger als spezialisierte HandwerksmeisterInnen. Ein aktuelles Beispiel zeigt, dass selbst promovierte Sprach- und LiteraturwissenschaftlerInnen aufgrund prekärer Verlagsanstellungen oft kaum über eine durchschnittliche Rente hinauskommen.
Dennoch: AkademikerInnen arbeiten oft in Büros, was körperlich weniger anstrengend ist und „einfachere“ Arbeit bedeutet. Auch dieses Argument ist bei genauerer Betrachtung falsch. Es gibt durchaus Berufe, die physisch fordernd sind. Zum Beispiel ChirurgInnen, die teilweise zwölf Stunden in einem Operationssaal stehen müssen. Dort ist nicht nur die körperliche, sondern auch die psychische Belastung hoch. Letztere ist bei AkademikerInnen oft höher und die Gefahr von einem Burnout durch den hohen Verantwortungsdruck ist enorm. Eine Studie aus dem Magazin Die Chirurgie aus dem Jahr 2023 zeigt, dass rund fünf Prozent der befragten ChirurgInnen einen Burnout haben und circa 46 Prozent Burnout-Symptome aufzeigen.
Der letzte Punkt sorgt für viele Diskussionen: Eine klare Abtrennung nach Bildungsabschluss ist möglich, einfach und unkompliziert umsetzbar. Das würde die Idee schneller voranbringen und auch bei der Durchführung und Umsetzung helfen. Die Fragen, die man sich hier stellen muss, sind: Wo zieht man die Grenze? Was ist mit Meisterbriefen, die schließlich gleichwertig zum Bachelor sind? Was ist mit SachbearbeiterInnen ohne Studium versus ManagerInnen mit Bachelor? Wo und wie soll man anfangen? Das zeigt klar folgendes Beispiel: Eine IT-Systemkauffrau (Ausbildung) und eine Wirtschaftsinformatikerin (Bachelor) sitzen im selben Büro, machen denselben Job, aber die Informatikerin muss zwei Jahre länger arbeiten. Was meines Erachtens daraus resultiert, sind soziale Ungleichheit, Unzufriedenheit der arbeitenden Bevölkerung und ein bürokratisches Desaster.
Meine Meinung ist klar. Ich bin gegen einen späteren Renteneintritt für AkademikerInnen. Anstatt die arbeitende Bevölkerung gegeneinander aufzuspielen, sollte man sich mit der aktuellen politischen Lage auseinandersetzen. Das Problem liegt nicht bei den Beschäftigten, sondern bei der Politik, die das Problem jahrelang nicht richtig angegangen ist. Andere Länder wie Schweden machen es mit einem Drei-Säulen-Modell vor. Dort wird die Rente in staatlich, betrieblich und privat aufgeteilt und ein Teil der Rente in Fonds und Aktien investiert, sodass sich beim Renteneintritt eine zusätzliche Rentenprämie für alle Arbeitenden ergibt.
Die Frage, die wir uns stellen sollten, ist daher nicht, wer länger arbeiten muss, sondern wie ein gerechtes Rentensystem für alle geschaffen werden kann.
Titelbild: Seniorin arbeitet am Laptop, Foto von Malin Sundermeyer