Was ist eigentlich zuhause?
Zuhause. Vielleicht ist es der Ort, an dem man aufgewachsen ist? Oder ist zu Hause vielleicht diese eine Wohnung, die gemütlich und genau nach den eigenen Vorstellungen eingerichtet ist?
Diese Fragen haben sich auch Laura Helmholz und Sven Müller gestellt. Doch die beiden könnten unterschiedlicher nicht sein.
Sven lebt aktuell mit seinem Hund in einem ausgebauten Van in Portugal.
Laura hat durch ihren Ausbildungsweg schon in fünf Bundesländern gelebt. Zwei völlig verschiedene Lebenswege. Doch eines haben sie gemeinsam: unzählige Erfahrungen rund um das Thema Zuhause.
So wie Laura und Sven geht es vielen jungen Menschen. Denn laut der Umzugsstudie der Deutschen Post von 2023 sind es vor allem die jüngeren Leute mit hohem Bildungsstand, die häufig ihren Standort wechseln. Dabei sind es bei den 18 bis 29-Jährigen etwa 33 Prozent und bei den 30 bis 39-Jährigen etwa 31 Prozent der Befragten, die innerhalb eines Jahres umgezogen sind.
Die Gründe dafür sind zahlreich. 39 Prozent der Befragten wechseln aus familiären Gründen, 38 Prozent zur Verbesserung des Wohnumfeldes und 30 Prozent, weil sie mehr Platz benötigen.
Aber welche Motivation steckt hinter Svens Auswahl eines Vans als Wohnort?
Von der Freiheit der Entscheidungen
Der 36-jährige Sven Müller tauschte seine Wolfenbütteler Wohnung gegen einen selbst ausgebauten Van. Mit diesem Zuhause auf vier Rädern reist er seit Ende 2022 durch Europa. Sein Grund für den Umzug ins Ungewisse: Der selbstständige Webdesigner wollte einfach raus. Raus aus dem gewohnten Umfeld und der vorhersehbaren Zukunft. Für ihn stand fest: „Ich muss noch mal raus. Ich will nochmal was anderes sehen.“ Im Nachhinein bezeichnet er diese Erfahrung als „Reise zu sich selbst“. Aktuell steht sein mobiles Heim in Portugal. Die gastfreundlichen Menschen, die warmen Temperaturen und das Meer vor der Nase haben ihn dazu veranlasst, sich hier demnächst auch dauerhaft niederzulassen. Doch was hat ihn zu dieser Entscheidung geführt?
„Für mich ist auf jeden Fall das Auto selbst ein fahrendes Zuhause“, erzählt er. Sein mobiler Lebensstil bringe ihm viele Vorzüge. „Ich habe die Freiheit, mir schöne Dinge ins Leben einzuladen“, erklärt Sven schmunzelnd. Täglich kann er entscheiden, ob er in der Natur oder in der Stadt sein möchte. Seinen Lebensmittelpunkt hat er schließlich immer mit dabei. Auch sein Hab und Gut ist an seiner Seite. Die Frage, ob er alles dabeihat, wenn er rausgeht, stellt sich ihm also nicht. Durch den begrenzten Platz im Van muss er sich auf das Nötigste beschränken. Doch der selbst auferlegte Minimalismus stört ihn gar nicht. Er sieht es als große Freiheit an, wenig zu besitzen.
Doch diese Freiheit hat auch Grenzen. Sven fehlen die tiefen und nachhaltigen Verbindungen mit den Menschen, die er kennenlernt. Für ihn ist der stetige Strom der neuen Kontakte eine Herausforderung.
Wie Sven geht es auch mehreren Befragten der Studie Leben im Van von der Hochschule München aus dem Jahr 2026. Den Befragten fällt es schwer, immer wieder neue Verbindungen zu knüpfen und sich dabei immer wieder auf neue Menschen einlassen zu müssen.
Der Wunsch nach tieferen Verbindungen kam bei Sven nach einer vierwöchigen Reisephase mit einer festen Reisegruppe auf: „Ich merke, dass ich eine Base und eine Stabilität brauche, um mich wirklich zuhause zu fühlen“, stellt Sven fest. Zuhause ist für ihn ein Ort, der in Verbindung mit den engen Bezugspersonen steht, die er dort hat. Das lässt sich aktuell mit dem Van-Leben allerdings nicht komplett vereinbaren. Für ihn ein Grund mehr, sich niederzulassen.
Eine Reise zu sich selbst
Doch warum möchte er sich in Portugal niederlassen? Die Entscheidung „ist auf der Reise entstanden. Jedes Mal, wenn ich hier war, sind so viele schöne Dinge passiert“, erzählt Sven. Er ergänzt außerdem: „Am Ende des Tages ist ein Gefühl hängengeblieben, dass ich mich hier zuhause fühle. Immer wenn ich aus Portugal abgehauen bin, habe ich es so sehr vermisst, dass ich zurückkommen wollte.“
Vor fast dreieinhalb Jahren ist er mit dem Van losgezogen, weil er etwas gesucht hat. Ein Zuhause, einen Ort, an dem er sich wohlfühlt, sich selbst. „Jetzt fühle ich, dass ich ankommen und mein Zuhause finden kann.“ Für ihn war diese Suche nach seinem Wohlfühlort auch eine Reise zu sich selbst. Er nimmt aus den letzten Jahren mit, dass ein Zuhause nicht einfach da ist. Das muss man sich suchen.
Sein Rat an alle, die noch ihr Zuhause suchen: „Einfach losgehen. Wenn man den ersten Schritt gegangen ist, wird sich auch der nächste Schritt zeigen. Habt einfach den Mut loszugehen.“


Unfreiwillige Umzugsexpertin
Auch die 28-jährige Laura Helmholz hat eine längere Reise hinter sich. Im Gegensatz zu Sven hat sie sich diesen Weg jedoch nicht komplett selbst ausgesucht. Ihr Weg führte sie einmal quer durch Deutschland: Für den Bachelor ging sie drei Jahre nach Erfurt. Den Master machte sie für zwei Jahre in Kassel. Ein kurzer Aufenthalt in Braunschweig für einen weiteren Teil ihrer Ausbildung zur psychologischen Psychotherapeutin war so nicht geplant.
Heute lebt Laura in Potsdam und wird dort ihren Ausbildungsweg beenden und ins Berufsleben starten. Im Gegensatz zu Sven hatte sie zwar feste Wohnsitze, doch das Ankommen erscheint dennoch schwierig. Was hat ihr geholfen, sich, wenn auch nur temporär, zuhause zu fühlen?
„Jede Stadt kann man sich schön machen, auch wenn man sie erst nicht auf dem Schirm hatte“, erklärt sie lächelnd. Dieser Optimismus habe ihr geholfen, sich an den unterschiedlichen Stationen ihrer Reise wohl zu fühlen. Auch für Laura seien die menschlichen Verbindungen das, was am Ende einen Ort zu einem Zuhause macht. Dabei sei für sie besonders das Zusammenspiel aus der Wohnsituation und dem sozialen Umfeld entscheidend. In Erfurt fühlte sie sich in ihrer WG besonders wohl. In Kassel gab ihr die Freundesgruppe aus dem Studium ein Zugehörigkeitsgefühl.


Vertrautheit durch Alltag und Rituale
Das Gefühl von zuhause ist für sie nichts, was einfach da ist: „Ein bisschen Arbeit reinstecken sollte man schon, sonst fehlt etwas.“ Geholfen hat ihr dabei ein schnelles Einrichten mit vertrauten Gegenständen, sodass sie sich direkt heimisch fühlen konnte. Außerdem hilft es laut Laura, die neue Gegend zu erkunden und neue Leute kennenzulernen. Auch die festen Routinen ihres Jobs haben ihr dabei eine gewisse Struktur und Sicherheit gegeben. Dadurch fiel es ihr leichter, sich an einem neuen Ort wohlzufühlen.
Eine repräsentative Umfrage der Webseite Dr. Klein gemeinsam mit der hoorizoom GmbH von 2025 hat verschiedene Faktoren untersucht, die das Zuhause-Gefühl beeinflussen. Dabei stimmen 49 Prozent der Befragten mit Lauras Eindruck überein, dass Routinen stark zum Wohlfühlfaktor in den eigenen vier Wänden gehören.
Aktuell fühlt sich Laura in Potsdam angekommen, entdeckt aber noch immer Neues. Hier spielen der Alltag, die Nähe zu einer engen Freundin und ihrer Cousine eine große Rolle bei ihrem Zuhause-Gefühl. Ihr zukünftiger Wohnort solle erst einmal Potsdam bleiben. Sie wünscht sich weniger Umzüge und mehr Stabilität.
Doch sie gibt zu: „Ich kann mir vorstellen, dass das jetzt nicht meine Endstation ist. Mich hat auch die Vorstellung fasziniert, irgendwo in Europa zu leben, wo das Wetter schöner ist.“
Vielleicht läuft sie dabei ja Sven über den Weg?
Der Weg ins Ungewisse
Das Zuhause ist also etwas sehr Individuelles und lässt sich kaum in eine einheitliche Definition zwängen. Jede und jeder kann dieses Gefühl für sich selbst beschreiben und sich die Frage beantworten, was Zuhause bedeutet.
Laura Helmholz und Sven Müller haben sich dieser Frage auf unterschiedlichen Wegen genähert. Doch eines haben sie beide gemeinsam: Sie haben die Neuanfänge als etwas Positives gesehen und viele wertvolle Erfahrungen für ihr Leben mitgenommen. Sie haben das Ungewisse als Chance begriffen, sich weiterzuentwickeln. Nun können sie auf unterschiedlichste Erfahrungen zurückblicken. Diese Erfahrungen sorgen dafür, dass sie sich ihr zukünftiges Zuhause so erschaffen können, wie es sie glücklich macht. Denn nur wer bereit ist, ins Ungewisse zu gehen, der wird am Ende auch mit Erkenntnissen belohnt.
Titelbild: Laura (v.l.) mit ihren Freundinnen in Kassel, Foto von Laura Helmholz