Titelbild Laura von der Brueggen

Von Liebesbriefen zu Lesebestätigungen

Kommunikation in der Partnerschaft bringt jede Generation vor eigene Herausforderungen. Während man früher wochenlang auf eine Antwort gewartet hat, stellen Online-Status und Standort-Tracking Beziehungen heute regelrecht auf die Probe.

“I got some missed calls on my phone
I sit here all alone, time to time
And baby I don′t need you tonight
Stop calling me, what you want
All of me all the time
’Cause baby this is not a goodbye”
– MISSED CALLS von Chapo102

Liebesbriefe – was heute als eher unübliche romantische Geste gilt, war noch vor 30
Jahren Normalität. Heute gibt es dafür dauerhafte Erreichbarkeit, ständige Nachrichten
und wachsende Eifersucht.

„XXX dein Thomas“

Das Erste, was Tanja macht, wenn sie von der Schule kommt, ist, den Briefkasten zu
öffnen. Endlich eine neue Postkarte von Thomas! Sorgfältig in einen Briefumschlag
eingepackt, damit sie schneller bei ihr ankommt. Obwohl die letzte schon über einen
Monat her ist. Das Bild auf der detailliert verzierten Karte zeigt den Port Campbell
Nationalpark in Australien. In ganz kleinen Buchstaben bis an den Rand vollgeschrieben
ist die Karte, damit so viel wie möglich draufpasst. „XXX dein Thomas“ steht unten in der
Ecke. Tanja lächelt.

Postkarte, erstellt von Laura von der Brüggen

„Stop calling me“

Eingehender Anruf, Screenshot erstellt von Laura von der Brüggen

Linas Handy vibriert. Zum 9. Mal klingelt es nun. David ruft ununterbrochen an. Genervt
macht Lina ihr Handy aus. Einen einzigen Abend entspannt mit ihren Freundinnen
verbringen – das ist alles, was sie möchte.

David jedoch macht sich einen Kopf: Lina hat vergessen, ihm Bescheid zu geben, dass
sie unterwegs ist. Nachdem David über ihren Standort gesehen hat, dass sie nicht
zuhause ist, fragt er sich nun, mit wem sie sich trifft.

Mein Handy brauche ich im Alltag…

1994 kam das erste Smartphone auf den Markt, bis heute explodierte der Absatzmarkt.
Smartphones sind nun aus dem Alltag kaum mehr wegzudenken. Laut einer Studie
besitzen 69 Millionen Deutsche ein Smartphone. 83 % der NutzerInnen können sich ein
Leben ohne nicht mehr vorstellen. Dass sich deswegen ein großer Teil des Lebens um
das Handy dreht, ist logisch. Chatten, Telefonieren, Videocalls, ob mit Bekannten oder
mit völligen Fremden – online sind keine Grenzen gesetzt. Über Tinder, Bumble und Co.
ist es nun auch möglich, online den oder die PartnerIn fürs Leben kennenzulernen.
Zudem führt jede/r Achte in Deutschland eine Fernbeziehung. Durchschnittlich trennen
sie dabei über 650 km. 96 % nehmen dabei ihr Mobiltelefon bei der Kommunikation zur
Hilfe. Das Smartphone hat Auswirkungen auf jegliche Beziehungen – ob mit der Familie,
den FreundInnen oder eben sogar als einziges Kommunikationsmedium in einer
Partnerschaft.

XXX deine Tanja

Tanja steckt die Postkarte zurück in ihren Umschlag und macht sich selbst ans
Schreiben. Fünf Monate ist es nun her, dass Thomas für ein Auslandsjahr nach
Australien gereist ist. Sie denkt an die Zeit davor zurück. Jeden Tag haben sie sich in der
Schule und auch danach gesehen. Alles, was geblieben ist, sind die kleinen Postkarten
alle paar Wochen. Sie vermisst ihn, und die Vorfreude, einander wiederzusehen, ist groß.
Ob sie sich manchmal Sorgen um ihn macht, fragen ihre Freundinnen. „Ach nein, der
Thomas passt schon auf sich auf“, antwortet sie immer. Er werde schon wieder sicher
zurückkehren, und dann werde alles noch besser werden.

„What you want all of me all the time“

Lina hat genug vom ständigen „Wo bist du?“ und „Was machst du?“. Oft denkt sie, dass
alles viel einfacher ohne das Handy wäre. Sie hat das Gefühl, vollkommen daran
gebunden zu sein, und auch ihre Freundinnen sind nicht begeistert: „Pack das Handy
doch mal weg“ oder „Was will David denn jetzt schon wieder, geh einfach nicht ran!“,
sind Sätze, die Lina oft zu hören bekommt. Dabei erwischt sie sich selbst dabei, wie sie
nachschaut, ob er denn wirklich da ist, wo er sagt. Auch sein Instagram-Profil wird
kontrolliert, und mit ihren Freundinnen redet sie darüber, wer denn das Mädchen sei,
dem er neuerdings folgt.

Sobald Lina etwas postet, wundert David sich hingegen, wen sie denn außer ihm
beeindrucken möchte. Wenn ihr jemand eine Nachricht schreibt, gibt er erst Ruhe, wenn
er weiß, von wem sie kommt.

Situationen, die jedes Mal aufs Neue auftreten und oft einen Streit verursachen. Beide
schieben die Schuld dann immer auf den jeweils anderen.

…Ich kann nicht ohne mein Handy…

In Beziehungen ist etwas Eifersucht normal. Wenn das Vertrauen aber fehlt und ein
Kontrollzwang über den oder die Partner:in damit einhergeht, ist das nicht gesund und
schadet beiden Seiten.

Solche Verhaltensweisen können durch die Kommunikation über das Smartphone
maßgeblich unterstützt werden. Online können diverse Aktivitäten kontrolliert werden,
so zum Beispiel der Standort. Viele teilen diesen, um sich sicherer zu fühlen. Bei
Eifersucht kann dies jedoch auch dazu führen, dass diese Funktion rein zur Kontrolle
genutzt wird.

Chatfunktionen bieten zudem unendlichen Freiraum, den Partner zu hintergehen, und
können aber auch für Misstrauen und Konflikte sorgen.

Vielleicht in einem anderen Leben

Thomas ist wieder heimgekehrt. Einen riesigen Stofftier-Koala hatte er ihr mitgebracht
und irgendwie in seinen Koffer reingequetscht. Tanja war begeistert. Ihr fällt jedoch mit
der Zeit immer mehr auf, wie sehr sich Thomas durch die Reise verändert hat. Nicht nur
seine zuvor kurzen Haare hat er bis zur Schulter rauswachsen lassen, sondern auch sein
Wesen hat sich verändert. Thomas ist viel unterwegs, kann nicht mehr stillsitzen und die
Momente mit Tanja einfach nicht genießen. So eine Reise prägt fürs Leben – das sagt
man nicht ohne Grund. So schwer es Tanja fällt, sie muss akzeptieren, dass ihr Thomas
als ein anderer Mensch zurückgekehrt ist. Wäre es anders gewesen, wenn er nicht
weggefahren oder sie mitgekommen wäre? Bestimmt. Doch nun können sie die
Vergangenheit nicht mehr ändern. Tanja wird die Postkarten aber für immer aufheben,
das verspricht sie sich.

*Namen der Betroffenen wurden geändert*

„’Cause baby this is not a goodbye“

Lina schreibt David eine kurze Nachricht über WhatsApp: „Bin mit meinen Freundinnen
unterwegs, sehen uns doch morgen, es ist alles gut.“ Dann macht sie ihr Handy aus,
denn sie will jetzt einfach Zeit mit ihren Freunden verbringen und nicht immer an ihr
Handy denken. Morgen wird sie David wiedersehen, also warum jetzt der Stress?

„Bin mit meinen Freundinnen unterwegs, sehen uns doch morgen, es ist alles gut“, liest
David empört. Eine Antwort, die er nicht so stehen lassen kann.

WhatsApp-Chat, Screenshot erstellt von Laura von der Brüggen

Am liebsten würde David sein Handy gegen die Wand werfen. Er ist enttäuscht, fühlt sich
ignoriert. Wie kann er ihr denn so egal sein? Warum ist es denn so schwer, kurz ans
Telefon zu gehen? Oder ist etwa jemand dabei, der nichts von ihm wissen soll? Sein Kopf
fängt an zu schwirren, seine Gedanken fliegen in alle Richtungen. Dabei bringt das doch
alles nichts. Auch er ist jetzt sauer auf sein Handy. Warum machen sie sich denn immer
so abhängig von dem Teil? Warum kann er es nicht einfach sein lassen?

Namen der Betroffenen wurden geändert

…Mein Handy macht mich kaputt

Laut einer britischen Studie haben sich die Grenzen einer Beziehung heute geändert. Für
mehr als 80 % der TeilnehmerInnen gilt das Flirten online oder das Versenden
anzüglicher Fotos als Fremdgehen. Auch die Datingplattform ElitePartner hat eine
Studie zur Eifersucht in Beziehungen durchgeführt:

mithilfe von KI erstelltes Diagramm, von Laura von der Brüggen

Diese Studie zeigt, dass Aktivitäten am Smartphone für viele Menschen ein Grund für
Eifersucht sind. Diese Eifersucht wäre somit vor 30 Jahren gar nicht erst möglich
gewesen. Jüngere Menschen sind außerdem eher eifersüchtig als ältere – ein Trend, der
wohl mit der Smartphone-Nutzung in Verbindung gebracht werden kann. Ist man einmal
in diesen kontrollierenden Kreislauf geraten, fällt es den Betroffenen schwer, sich davon
wieder zu lösen, und sie haben Probleme, einen gesunden Umgang mit der
Kommunikation online und offline zu erlernen. Die Folge: Beide Partner fühlen sich
gefangen in der Situation.

Kann es überhaupt besser werden?

Tanja sagt heute, sie könne sich eine Beziehung wie damals nicht mehr vorstellen. Alle
paar Wochen nur eine Postkarte seien ihr zu wenig Kommunikation mit ihrem Partner.
Ihren heutigen Mann hat sie online kennengelernt. Für viele Menschen mit Kindern und
wenig Zeit für die Suche sei das eine Erleichterung, da sie sonst kaum in der Lage
wären, neue Menschen kennenzulernen. Trotzdem kennt auch Tanja die Gefahren, die
die Online-Kommunikation mit sich bringt, denn ihr Partner hatte zu Beginn der
Beziehung auch mit Eifersucht zu kämpfen. Mittlerweile sind die beiden verheiratet und
leben schon seit über zehn Jahren gemeinsam. Es gibt jedoch einige Regeln, die sie
trotzdem untereinander vereinbart haben. Dazu zählt zum Beispiel: keine Konflikte über
WhatsApp austragen, sondern telefonieren oder sich am besten persönlich
aussprechen.

Bei Lina und David wiederum hat sich eigentlich nichts geändert. Sie haben aber jetzt
ausgemacht, ihren Standort nicht mehr miteinander zu teilen – zu groß sei der Drang zur
Kontrolle. Allerdings fällt es beiden dennoch schwer, sich komplett von den
angewöhnten Mustern zu lösen. Auch sie haben beschlossen, Konflikte nur noch
persönlich und ohne Smartphone zu klären und mehr auf die Bedürfnisse des anderen
einzugehen. Statt etwas in eine Nachricht hineinzuinterpretieren, wird daher lieber
nochmal persönlich nachgefragt. Über WhatsApp käme vieles einfach schnell falsch
beim Gegenüber an, was vielleicht gar nicht so gemeint gewesen wäre.

Die Beispiele zeigen, wie unterschiedlich die Herausforderungen von Kommunikation in
Beziehungen sein können und welchen Wandel die Digitalisierung mit sich gebracht
hat. Wichtig ist es also, das eigene Verhalten noch einmal zu hinterfragen und in
Relation zu setzen. Um das Smartphone als eine Bereicherung für den Alltag und auch
die Kommunikation in Beziehungen zu nutzen, ist es essenziell, sich mit dem Thema
Eifersucht und auch Vertrauen zum Partner auseinanderzusetzen. Die persönliche
Kommunikation sollte immer priorisiert und die richtige Umgangsweise miteinander
noch einmal ausgesprochen werden.

Also legt das Handy auch mal beiseite und genießt die persönlichen Momente mit
euren PartnerInnen!

Titelbild: Person und am Handy und Person schreibend. Foto von Laura von der Brueggen

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