Beide Völker sind wunderbar

Muhje Söllner kommt aus Jerusalem. Mit vier Jahren erlebte sie den Sechstagekrieg. Jetzt, mit 60 Jahren, sorgt sie sich wieder um ihre Heimat. Muhje hat ein friedliches Zusammenleben von Israelis und PalästinenserInnen miterlebt und wünscht es sich zurück.

Seit dem Angriff der islamistischen Terrororganisation Hamas auf Israel ist nichts mehr, wie es war. Schlagzeilen über Todeszahlen auf israelischer und palästinensischer Seite überschwemmen die Medien. Die Menschen in Deutschland teilen sich entzwei und bekennen sich zu einem Volk und zu einer Wahrheit. Deutschland sichert Israel breite Unterstützung zu und Demonstrationen zeigen sich in einem problematischen Licht. Deutschland solle eine „Vermittlerrolle” einnehmen und die guten Seiten beider Parteien unterstützen. Bisher sei laut Muhje Söllner nur ein „Wettrennen“ zu beobachten, bei dem sich PolitikerInnen auf Israels Seite schlagen würden. 

Muhje Söllner lebt in Celle. Ihr Nachname lässt keine Rückschlüsse auf ihr Leben ziehen und auch ihr Wohnort ist weit von ihrer Heimat entfernt. Muhje Awwad hieß sie damals. Das war ihre Vergangenheit und das ist ihre Geschichte.

Auf dem Ölberg geboren und aufgewachsen. In Jerusalem ging sie auf eine deutsche Privatschule und absolvierte dort ihr Abitur. Im Erwachsenenalter bekam Muhje die Chance, eine ErzieherInnenausbildung in Deutschland zu absolvieren. Somit zog sie für vier Jahre nach Deutschland und kehrte anschließend wieder in ihre Heimat zurück. Dort arbeitete sie dann in einer Vorschulklasse. 

Die heute 60-Jährige erinnert sich an den Sechstagekrieg, welcher vom 5. bis 10. Juni 1967 dauerte. Damals war sie vier Jahre alt. Sie hielt die Hand ihres Vaters. Sie wollten nach Jordanien flüchten und waren bereits auf der Straße Richtung Jericho unterwegs, als Menschen zurückkamen und sagten, man könne das Land nicht verlassen.

„Im Nachhinein kann man sagen, das war unser Glück“, sagt Muhje. Die Flüchtlingslage sei sowohl im Libanon als auch in Syrien und Jordanien katastrophal gewesen. Somit blieben sie auf dem Ölberg. „Es war das Beste, was uns passieren konnte“, sagt sie. Doch fortan litt jeder unter der politischen Situation. Sie betraf unter anderem die Arbeit und die Freiheit der BürgerInnen. „Man lebt einfach damit“, erklärt sie.

Ihre Familie, so sagt Muhje, sei Teil der unteren Mittelschicht gewesen. „Wir waren nicht reich“, sagt sie. „Aber ich hatte eine tolle Kindheit mit ganz lieben Eltern und Geschwistern.“ Es sei eine schöne Zeit gewesen, die man miteinander verbracht habe. Ihr Vater leitete damals auf dem Ölberg eine Blindenwerkstatt und verkaufte Produkte an Israelis und PalästinenserInnen. Er hatte Freundschaften mit Menschen auf beiden Seiten. Vor der ersten Intifada, bis zu zehn Jahre davor, sei die Stimmung in Jerusalem sehr gut gewesen. Es habe ein harmonisches Miteinander von Israelis und PalästinenserInnen gegeben. Muhje besuchte Hebräisch-Kurse und ging in Israel einkaufen. „Ich konnte alles auf Hebräisch sagen“, sagt sie mit einem Lächeln.

„Es gab eine Macht, die das nicht wollte“, sagt Muhje. In den Nachrichten nahm sie vermehrt wahr, dass Geschichten aus der Vergangenheit thematisiert wurden. „Ich fragte mich: ‚Wieso zeigt ihr das? Das Leben ist gerade doch so angenehm.’“ Dann sei von der Inanspruchnahme palästinensischer Dienstleistungen und dem Kauf palästinensischer Produkte abgeraten worden. Sie könnten schlecht sein, habe es geheißen. Daraus schloss sie, dass das Zusammenwachsen beider Völker nicht gewollt gewesen sei. Muhje blickt enttäuscht zurück: „Der Druck auf Palästina wurde dann immer mehr.“ Die Intifada sollte Frieden bringen, doch im Nachhinein änderte sich nichts.

Im Zuge seines Studienjahres als Theologe besuchte Peter Söllner, ihr jetziger Ehemann, Jerusalem und lernte Muhje kennen. Gemeinsam gingen sie nach Deutschland und sind auch dort geblieben. Einmal im Jahr fliegen sie nach Jerusalem, bisher hat das auch immer geklappt.

Muhje spricht von einer seelischen Belastung. „Man ist nicht frei davon — wie ein Rucksack, den man nicht ablegen kann“, beschreibt sie. Hinter jeder Explosion, hinter jedem Unfall, hinter jeder Schlagzeile seien Menschenleben, so sagt die 60-Jährige. Das sei schlimm und mache betroffen, egal, ob auf Israels oder Palästinas Seite. Würden die radikalen Kräfte verschwinden, wäre ein Zusammenleben möglich. Muhje glaubt fest daran. Die Menschen bräuchten die Kraft, bräuchten den Frieden, sagt sie.

Oft telefoniert Muhje mit ihrem Bruder. Er lebt heute in Zypern. Beide lassen die Emotionen nicht los. Seit dem Gaza-Krieg sitzen sie täglich stundenlang vor dem Fernseher. Jeder wünscht sich, weil man das Land und die Menschen liebt, Frieden. Wenn sie deutsche Nachrichten anhörte, ging es Muhje nur noch schlechter. Friedliche Demonstrationen bekämen in den Medien kaum Aufmerksamkeit. „Diese Einseitigkeit ist so fatal“, sagt Muhje fassungslos.

„Beide Völker sind so wunderbar“, sagt sie mit einem Lächeln. Sie habe tolle israelische FreundInnen gehabt, mit denen sie viel gesprochen habe. Dabei habe sie schon damals gemerkt, wie ähnlich man dachte und wie ähnlich man sich eigentlich war. Sie wünscht sich Frieden für Palästina und Israel, sodass sie nebeneinander leben können. „Hamas ist nicht das Volk Palästina, rechtsradikale Siedler sind nicht das Volk Israel“, sagt Muhje.

Deutschland bekannte sich öffentlich schnell als Unterstützer Israels. Muhje ist sehr enttäuscht davon: „Wo sind wir gelandet, dass wir ohne Wenn und Aber einen Krieg sofort unterstützen?“ Beide Länder würden Recht und Unrecht zugleich haben und beide würden leiden. Deutschland hätte die „Vermittlerrolle“ einnehmen können, wo die guten Seiten beider Völker bekräftigt würden. „Wenn Israel ein Freund ist, sollte man seinem Freund auch sagen können, was er für einen Fehler macht“, sagt sie.


In den Medien würden friedliche Demonstrationen in den Hintergrund gerückt und aggressive Auseinandersetzungen vermehrt gezeigt werden. Um in Deutschland ein Gesamtbild der ganzen Problematik zu bekommen, dürfe nicht ausschließlich das Thema Antisemitismus aufgegriffen werden. Es müsse genauso intensiv der Blick auf das völlig ungelöste Palästinaproblem gerichtet werden — mit allen „unbequemen“ Facetten. „Ich wünsche mir den Frieden für beide Völker, beide sind wunderschön“, beendet Muhje ihre Geschichte. 

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