Cafés erfüllen längst mehr Funktionen als die reine Versorgung mit Getränken. Sie sind Treffpunkt, Arbeitsplatz und sozialer Raum zugleich. Besonders in Universitätsstädten prägen sie das Stadtbild und den Alltag junger Menschen. Das Café [ein]heimisch in Braunschweig ist eines dieser Beispiele.
Mehr als ein Café: Ein Ort mit Haltung
Mitinhaberin Ayşenur Demir steht hinter der Theke, begrüßt Gäste, koordiniert Abläufe. Gemeinsam mit ihrem Mann Muhammed gründete sie das Café während des Studiums. Was zunächst als Idee begann, entwickelte sich schrittweise zu einem eigenen Unternehmen.
„Wir wollten einen Ort schaffen, an dem man sich wohlfühlt – nicht nur kurz einen Kaffee trinkt und wieder geht“, sagt Demir.
Der Weg in die Selbstständigkeit war kein spontaner Entschluss, sondern ein Prozess. Neben dem Studium ein Café zu eröffnen bedeutete Verantwortung, Organisation und wirtschaftliches Risiko – aber auch gestalterische Freiheit. „Irgendwann war klar: Wenn wir es machen wollen, dann jetzt“, erinnert sie sich. Von Beginn an sollte [ein]heimisch mehr sein als ein Geschäft: ein Ort mit Atmosphäre, Offenheit und Persönlichkeit.
Vom studentischen Projekt zum Treffpunkt
Aus einem studentischen Projekt entwickelte sich ein sozialer Anlaufpunkt. Besonders erkennt man das an den Menschen, die regelmäßig kommen – und geblieben sind. Stammgäste prägen den Alltag, Gespräche entstehen beiläufig, Beziehungen wachsen.
Maksim Rajkovic ist einer dieser Gäste. Für ihn ist das [ein]heimisch mehr als ein Ort für Kaffee. Er beschreibt den „Einheimisch-Spirit“ als familiär – als einen Ort, an dem man sich kennt und willkommen fühlt.
Auch das kulinarische Angebot spielt dabei eine Rolle. Die Küche verbindet türkische und europäische Einflüsse, eigene Rezepte und traditionelle Elemente. „Zwei Kulturen kommen hier zusammen“, erklärt Ayşenur Demir. Das Essen sei Teil der Identität des Cafés.
Hinter den Kulissen: Wer den Ort mitträgt
Gemeinschaft entsteht nicht nur durch Gäste, sondern vor allem durch die Menschen, die täglich im Café arbeiten. Baristas, Küchen- und Servicekräfte sorgen dafür, dass das [ein]heimisch funktioniert – was von außen oft unbeachtet bleibt, ist entscheidend für Atmosphäre und Alltag.
Für Serviceleitung und Barista Haled Bico bedeutet gute Barista-Arbeit mehr als technische Perfektion. Dass er gerne im [ein]heimisch arbeitet, liege an der Atmosphäre und dem Team. „Es fühlt sich nicht wie irgendein Arbeitsplatz an“, sagt er. „Man ist Teil von etwas.“
Haled Bico ist Barista im [ein]heimisch. Er erzählt, was er besonders an dem Café und seinem Arbeitsplatz schätzt:




Auch in der Küche wird dieser Anspruch sichtbar. Hatice Demir, die Mutter von Mitinhaber Muhammed, bereitet hier täglich Speisen nach eigenen Rezepten zu. Was ihr daran besonders Freude mache, sei die Möglichkeit, mit Essen Menschen zusammenzubringen. Ihr Lieblingsgericht habe immer auch eine persönliche Geschichte – und die Tatsache, dass ihre Rezepte jeden Tag serviert werden, bedeute ihr viel.


Chefin in der Küche: Hatice Demir, Foto von Catherine Elizabeth Sanchez Gonzalez


Im Service arbeitet unter anderem Jenna Seeger, die seit über einem Jahr Teil des Teams ist. In dieser Zeit habe sich für sie viel verändert – vor allem im Umgang mit Verantwortung und Menschen. Was ihr an der Arbeit im [ein]heimisch besonders gefalle, sei das Miteinander. Besonders in Erinnerung geblieben sei ihr ein Moment, in dem ein Gast sie mit einer kleinen Aussage zum Lächeln gebracht habe.
Zusammen prägen sie den Alltag im [ein]heimisch: Hinter der Theke, in der Küche und im Service. Es sind die Menschen, die dem Ort seine Beständigkeit geben und dafür sorgen, dass aus einem Café ein Raum wird, in dem man gerne bleibt.
Ein Lernort jenseits von Bibliothek und Zuhause
Das Café ist nicht nur Treffpunkt, sondern auch ein Lernort. Besonders SchülerInnen und Studierende nutzen das [ein]heimischals Raum zum Arbeiten. In kleinen Gruppen oder allein sitzen sie an den Tischen, lernen, diskutieren, trinken Kaffee.
Für Schülerinnen wie Laura Amélie Gress und Kira Voigt bietet das Café eine Alternative zu klassischen Lernorten. Die Atmosphäre sei ruhiger als zu Hause, persönlicher als in der Bibliothek. Lieblingsgetränke gehörten ebenso dazu, wie das Gefühl, willkommen zu sein.
Zwischen Anspruch und Alltag: Werte, Herausforderungen und Entscheidungen
Hinter der scheinbaren Leichtigkeit des Café-Alltags stehen bewusste Entscheidungen. Ayşenur Demir spricht offen über Herausforderungen, wirtschaftlichen Druck und Verantwortung.
„Viele denken, ‚Café‘ klingt gemütlich“, sagt sie. „Aber es ist auch harte Arbeit.“
Tatsächlich gilt die Gastronomie als eine der wirtschaftlich anspruchsvollsten Branchen. Laut aktuellen Angaben des Statistischen Bundesamts (Destatis) gehören steigende Energie- und Lebensmittelpreise, Personalmangel sowie hohe Fixkosten zu den größten Belastungen für gastronomische Betriebe. Im ersten Halbjahr 2025 sanken die realen Umsätze im Gastgewerbe um 4,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr – trotz gestiegener Preise. Besonders kleinere Cafés stehen damit vor der schwieriger werdenden Herausforderung, wirtschaftlich zu arbeiten und gleichzeitig Qualität zu sichern.
Für das [ein]heimisch bedeutet das, klare Prioritäten zu setzen. Nachhaltigkeit, Qualität und Fairness spielen im Konzept eine zentrale Rolle. Produkte werden bewusst ausgewählt, Lieferketten hinterfragt. Perfektion sei dabei nicht möglich, sagt Demir – aber Haltung schon.
Auch der Raum selbst ist Teil dieses Anspruchs. Interieur, Licht, Farben und Details beeinflussen, wie sich Gäste im Café bewegen und wie lange sie bleiben. Ein besonderer Ort ist für Ayşenur Demir die Bücherwand: gefüllt mit Fotos, Nachrichten, politischen und gesellschaftlichen Themen.
„Sie steht für Identität und Austausch“, erklärt sie – und damit für genau das, was das [ein]heimisch über den reinen Cafébetrieb hinaus ausmacht.




Mehr Platz für Ideen: Warum es jetzt auch [ein]Raum gibt
Aus dieser Haltung entstand 2025 ein weiterer Schritt: [ein]Raum. Direkt neben dem Café eröffneten Demir und ihr Mann einen Raum für Workshops, Brunch-Formate, Barista-Kurse oder kulturelle Veranstaltungen.
Der Gedanke dahinter: einen Ort zu schaffen, der nicht überwiegend konsumorientiert ist, sondern Begegnungen ermöglicht.


[ein]Raum versteht sich als Erweiterung des Café-Konzepts – ein Platz für Ideen, Austausch und gemeinsames Erleben. Erste Veranstaltungen hätten bereits gezeigt, welches Potenzial darin steckt.
„Da gab es Momente, in denen wir wussten: Genau dafür haben wir diesen Raum geschaffen“, sagt Demir.
Wie es weitergeht – und was bleiben soll
Heute ist das [ein]heimisch fest im Viertel verankert. Für Ayşenur und Muhammed Demir ist es Arbeitsplatz, Lebensprojekt und Verantwortung zugleich.
Auf die Frage, worauf sie besonders stolz ist, spricht Ayşenur Demir nicht von Umsätzen oder Zahlen, sondern von Menschen: Von Begegnungen, Vertrauen und dem Gefühl, etwas Bleibendes geschaffen zu haben.
Was als studentische Idee begann, ist zu einem Ort geworden, der zeigt, wie viel Wirkung ein kleiner Raum entfalten kann. Nicht durch Größe, sondern durch Haltung. Nicht durch Perfektion, sondern durch Nähe.
Titelbild: Serviertablett an der Theke, Foto von Catherine Elizabeth Sanchez Gonzalez