Mike Homann beim Holzsägen, Foto von Mia Kalloch

Wo der Hammer hängt

Das Handwerk steckt mitten in einem Wandel: Fachkräftebedarf und neue Technologien fordern Betriebe heraus wie nie zuvor. Doch zwischen Tradition und Innovation bleibt eines unverändert – die Leidenschaft, mit den eigenen Händen etwas Echtes zu schaffen.

Arbeiten bis die Späne fliegen – als HandwerkerIn ist man heutzutage viel gefragt. Ob ein Dach, das gedeckt werden muss, ein defektes Rohr oder eine neue Heizung: Jeden Tag nehmen viele Menschen handwerkliche Dienstleistungen in Anspruch. Um das große Arbeitspensum auch in Zukunft präzise ausführen zu können, ist vor allem eine gute Ausbildung im Handwerk entscheidend.

An den Berufsbildenden Schulen in Peine lernen viele Auszubildende neben der Arbeit im Betrieb auch praktische und theoretische Hintergründe für ihren zukünftigen Beruf. Aber was begeistert BerufseinsteigerInnen eigentlich besonders an ihrer Tätigkeit im Handwerk?

Eine rosige Zukunft – das verspricht eine Karriere im Handwerk. Trotz allem ist die Diskussion rund um den Fachkräftebedarf ein hochaktuelles Thema. Im Jahr 2024 konnte die Hälfte der offenen Stellen in Handwerksberufen rechnerisch nicht besetzt werden, da passend qualifizierte Fachkräfte fehlten – das sagt das Kompetenzzentrum für Fachkräftesicherung. Diese Fachkräftelücke werde sich laut dem Zentralverband des Deutschen Handwerks in den nächsten Jahren noch weiter vergrößern. Gründe seien die demographische Entwicklung und die Tendenz junger Menschen, ein Studium zu absolvieren.

Blickt man auf die letzten 20 Jahre zurück zeigt sich vor allem eins: Während in manchen handwerklichen Gewerben viele junge Menschen Interesse an einer Ausbildung zeigen, ist in anderen Branchen ein großer Rückgang an Lehrlingen zu erkennen. 

Entgegen dem Trend anderer Gewerke zeigt sich in der Dachdeckerei und Zimmerei Branche im Jahr 2024 ein Zuwachs an Lehrlingen. Nicht nur die Tätigkeiten des Handwerks, sondern auch altbewährte Traditionen können so erhalten bleiben.

Bestimmt kommt vielen das Bild von einem hölzernen Dachstuhl, der zwischen den Bäumen hervorragt und ein Richtkranz, der am Dachfirst befestigt ist, bekannt vor. Denn das Richtfest ist ein üblicher Brauch, der die Fertigstellung der Dachkonstruktion eines Hauses feiert. Im Vordergrund steht dabei die Arbeit derjenigen, die das Dachwerk geschaffen haben. Denn als DachdeckerIn und ZimmerIn arbeitet man nicht nur mit Holz und Ziegeln, man fertigt den BewohnerInnen ein Dach über dem Kopf und schafft ein Zuhause. 

In der Dachdeckerei und Zimmerei Meier in Lengede arbeiten viele junge Auszubildende mit erfahrenen MeisterInnen und GesellInnen Hand in Hand. Ein Einblick in den Betrieb zeigt: Zwischen der Arbeit auf der Baustelle und dem Vorfertigen von Dachelementen auf dem Hof verlangt der Arbeitsalltag als DachdeckerIn oder ZimmerIn Ausdauer, Geschicklichkeit und vor allem Teamarbeit. 

Handwerk ist gelebte Tradition. Als Familienbetrieb gibt die Familie Meier seit Generationen ihr Wissen und ihr handwerkliches Können im Dachdecker- und Zimmereihandwerk weiter.

Doch der Betrieb ist für die Familie weit mehr als nur ein Arbeitsplatz. Geschäftsführer Torben Meier und seine Frau Heike Meier berichten, welche besondere Bedeutung das Unternehmen für sie und ihr Leben hat.

Um als handwerklicher Betrieb seine Interessen auch in politischen und rechtlichen Fragen vertreten zu können, sind viele Betriebe wie die Dachdeckerei und Zimmerei Meier in sogenannten Innungen, also Interessensvertretungen ihrer jeweiligen Gewerke, organisiert. 

Die Kreishandwerkerschaft (KH) fasst diese Innungen unter einem Dach zusammen und versteht sich als Selbstverwaltung der einzelnen Handwerksbetriebe. Dabei repräsentiert sie nicht nur das Handwerk in der jeweiligen Region, sondern berät Betriebe auch in Rechtsfragen und organisiert die Ausbildung sowie das Prüfungswesen.

Jochen Angerstein ist seit über 15 Jahren ehrenamtlich Teil der Kreishandwerkerschaft Helmstedt-Wolfsburg. Anfang 2025 ist er hier zum Kreishandwerksmeister für Helmstedt gewählt worden. Er erzählt, welche Relevanz die Kreishandwerkerschaft und der Zusammenhalt der einzelnen Betriebe haben.

Jochen Angerstein, Quelle: Jochen Angerstein

Wir müssen präsent sein, um zu verhindern, dass Sachen in Gesetze gegossen werden, […] die wir dann umsetzen müssen.”

Jochen Angerstein

Das von Jochen Angerstein angesprochene Gebäudeenergiegesetz trat 2020 in Kraft. Es enthält unter anderem Anforderungen an die energetische Qualität von Gebäuden und den Einsatz von erneuerbaren Energien. 

Um im Heizungsbereich effizienter und emissionsreduzierend zu heizen, werden Wärmepumpen eingesetzt. Diese Technologie gewinnt mehr und mehr an Bedeutung. Anders als klassische Öl- oder Gasheizungen, die durch Verbrennung Energie gewinnen, entziehen Wärmepumpen Wärme aus Luft, Boden und Wasser. Heizungsbetriebe sind deswegen darauf angewiesen, sich an die neuen Entwicklungen anzupassen und mit der Zeit zu gehen.

Sascha Hartmann ist Inhaber eines Betriebs im Bereich Heizung, Sanitär und Klima in Hildesheim. Er gibt einen Einblick darin, wie notwendig es ist, im Handwerk zukunftsorientiert zu handeln.

Neben den kontinuierlichen Entwicklungen und Innovationen hebt Sascha Hartmann eine weitere zentrale Herausforderung hervor, die sich wie ein roter Faden durch diesen Beitrag zieht: der wachsende Nachwuchsbedarf. Diese Entwicklung stellt das Handwerk auf allen Ebenen vor große Aufgaben.

Aber inwiefern können junge Menschen zukünftig für das Handwerk begeistert werden? Jochen Angerstein erzählt, wie die Kreishandwerkerschaft Betriebe darin unterstützt und jungen Menschen zeigt, was eine Karriere im Handwerk verspricht.

Schlechte Arbeitsbedingungen, eine Männerdomäne und keine Karrierechancen?Neben der sich vergrößernden Fachkräftelücke und dem Nachwuchsbedarf sind auch Vorurteile ein Problem, mit dem das Handwerk zu kämpfen hat – das beschreibt auch Jochen Angerstein. Um dem entgegenzuwirken, ist es in einer zunehmend digitalisierten Welt deswegen auch für das Handwerk wichtig, online sichtbar zu sein.

Marcel Müller aus Northeim erstellt als szello_roofer Inhalte aus der Perspektive eines Dachdeckermeisters auf Instagram, TikTok und Co. Er weiß: Soziale Netzwerke sind der Hebel im Zugang zu jungen Menschen.

Quelle: Screenshot des Tiktok Kanals @szello_roofer (Stand 24.12.25)

„Es war immer die Frage, ob man als Schule oder handwerklicher Betrieb Social Media machen sollte. Ich sage es geht gar nicht mehr anders, da du sonst die Leute nicht mehr erreichst.“

Marcel Müller

Laut einer Bitkom Studie aus dem Jahr 2025 nutzen mehr als die Hälfte der Handwerksunternehmen eine eigene Präsenz oder Werbung in Sozialen Netzwerken – ein bemerkenswerter Trend. 

Für Marcel Müller spielt aber nicht nur die Social Media Präsenz der Betriebe eine Rolle in der Nachwuchsgewinnung. Vor allem sind es echte Gesichter, die ihre Leidenschaft teilen.

„Wenn Handwerker auf Social Media stolz ihre handwerklichen Künste und Produkte zeigen, können wir Jugendliche für das Handwerk gewinnen. Das ist der ganz richtige Weg.“

Marcel Müller

Offenheit gegenüber Neuem ist also eine Qualität, die es für die Nachwuchsgewinnung braucht. Denn die Zukunft des Handwerks liegt in den Händen derer, die sie gestalten. Aber was sagen diejenigen dazu, um die es geht? Also junge Menschen, die bald entscheiden müssen, welchen beruflichen Weg sie nach der Schule einschlagen.

In einer Umfrage erzählen SchülerInnen aus der 9. und 10. Klasse nicht nur, was ihnen an ihrem zukünftigen Beruf wichtig ist, sondern auch, ob sie sich eine Karriere im Handwerk vorstellen können:

Titelbild: Mike Homann beim Holzsägen, Foto von Mia Kalloch

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