Kamera und Boxhandschuh von Benjamin Franke

Boxring der Mächte: Politik gegen Journalismus

Politik und Journalismus stehen in einem Spannungsverhältnis. Soziale Medien, ökonomischer Druck und veränderte Kommunikationswege prägen den Umgang miteinander. Es stellt sich die Frage nach Abhängigkeit, Kontrolle und Verantwortung.

Ein Journalist sagt selbstbewusst: „Ich bin null auf Politiker angewiesen“. Ein Politiker entgegnet, ohne Politik fehle es dem Journalismus an relevanten Inhalten. Zugleich stellt sich im Zeitalter sozialer Medien die Frage, ob PolitikerInnen noch auf den klassischen Journalismus angewiesen sind. Ein Kampf um die Oberhand, und es steht bereits 1:0. Hat der Journalismus noch eine Chance? 

Journalismus unter Druck 

Der französische Präsident Emmanuel Macron wird von seiner Frau geohrfeigt. Innerhalb weniger Minuten wird das Internet mit Videos, Bildern und Informationen überflutet. Der WELT-Reporter Alexander Dinger beschreibt, dass inzwischen eine Gleichzeitigkeit von Ereignissen und der Informationsüberflutung im Internet herrscht. „Der Druck ist hoch, schnell Ergebnisse zu liefern“. Getrieben durch die sozialen Medien „hauen die Leute schneller raus“. Herr Dinger betont, dass seriöser Journalismus nach dem Zwei-Quellen-Prinzip vorgeht. Das bedeutet zugleich: Zeitverlust. Fehlt die Recherchezeit, leidet die journalistische Qualität. Die Politik hat sich mit den sozialen Medien einen starken Verbündeten gesichert. 

Zum nächsten Schlag holt die Politik mit der Autorisierung aus: Nach Interviews werden Zitate gestrichen, Aussagen verändert, journalistische Arbeit eingeschränkt. Für Herrn Dinger ein absolutes No-Go. Da verzichte er lieber gänzlich auf das Interview. „Das ist ein Eingriff in den Journalismus und eine Bedrohung für die Demokratie“, kritisiert der freiberufliche Journalist Benny Müller. Wie gut, dass der niedersächsische Landtagsabgeordnete Philipp Raulfs sagt: „Bei der Autorisierung bin ich ganz entspannt“. Die Zitate solle ich den drei Herren trotzdem zur Durchsicht schicken. Diese Runde gewinnt wohl keiner. 

Im Journalismus geht es nicht nur um Zeit und eine zensurähnliche Kontrolle. „Journalismus ist ein Riesen-Business“, erklärt der freiberufliche Journalist. Neben einer wahrheitsgetreuen Wiedergabe verschiedener Perspektiven sei die erste Priorität: Geld verdienen. Eine uninteressante Geschichte ist keine Geschichte. Herr Müller konkretisiert: „Weil die Agenturen sagen, dass es keine Geschichte ist“. Agenturen erhalten ihre Provision unabhängig davon, wer das Material für den Kunden liefert. Während Agenturen finanziell unabhängig von freien JournalistInnen sind, empfindet Herr Müller eine vollständige Abhängigkeit. Konkurrenzdruck, finanzielle Unsicherheit und Abhängigkeit: Benny Müller überlegt aufzuhören.

Ist freier Journalismus unter diesem Druck noch möglich? Herr Dinger sagt selbstbewusst: „Ich bin völlig frei in dem, was ich mache“. Dass er seine Adresse bereits einmal sperren lassen musste, verbucht er als Berufsrisiko. Der Blick auf den aktuellen Bericht von Reporter ohne Grenzen zeichnet jedoch ein anderes Bild. Im Vergleich zum Vorjahr haben sich die Übergriffe auf JournalistInnen 2024 verdoppelt. Die Dunkelziffer wird deutlich höher geschätzt. Vor diesem Hintergrund sagt der Journalist Wolfgang Streitbörger: „Ja, ich habe Sorgen um die Pressefreiheit“. Damit sieht es schlecht für den Journalismus aus. K.o. in der zweiten Runde? Zeit für einen Gegenangriff!

Erster Zwischenstand: Der Journalismus steckt in der Defensive fest. Gibt es noch Chancen auf einen Befreiungsschlag?

Das politische Versteckspiel 

Der französische Präsident Emmanuel Macron wird von seiner Frau geohrfeigt – was eine Schlagzeile! Die Frankfurter Rundschau berichtet, dass es sich um einen Moment der Vertrautheit handle. Einen Moment, der für die ganze Welt öffentlich gemacht wurde. Zwischen der Privatsphäre öffentlicher Personen und dem öffentlichen Interesse liegt ein schmaler Grat. Zugleich ist dieses Risiko bereits vor Amtsantritt bekannt. „Wenn man dieser Verantwortung nicht gewachsen ist, ist man vielleicht nicht für den Job geeignet“, so klare Worte findet der SPD-Politiker. Ein Schlag ins eigene Gesicht. Die Politik verhilft dem Journalismus zum 2:1. 

Das Beispiel des französischen Präsidenten verdeutlicht noch einen weiteren Aspekt: JournalistInnen entscheiden, was von öffentlichem Interesse ist. Annalena Bearbock beschwert sich im Podcast Hotel Matze darüber, dass alles, was sie sagt, zur Headline werde – egal. 

Der WELT-Reporter stellt sich dabei die Frage, ob es nicht Teil der Demokratie sei, so etwas auszuhalten zu können. Er antwortet sich selbst: „Hohn und Spott müssen Leute aushalten können“. Was geschieht, wenn PolitikerInnen diesem Druck nicht standhalten können, schildert Benny Müller: „Frau Baerbock ist weggelaufen, aus Angst. Das war lächerlich“. Vor allem hinsichtlich ihrer damaligen Kanzlerkandidatur. Wie will sich die Politik jetzt verteidigen? Politische Fremdsprache.

„Grundsätzlich wollen und müssen Parteien verstanden werden“, sagt Alexander Dinger. Dem gegenüber stehen parteipolitische Prozesse, die mit Fachwörtern beschrieben werden und Gesetzestexte, die ein Jurastudium erfordern. Einfacher gesagt: Der Staat kommuniziert in einer anderen Sprache als die Bevölkerung. „Dinge müssen so einfach erklärt werden, dass sie alle verstehen“, fordert Philipp Raulfs. Wenn er versucht, Sachverhalte verständlich zu erklären, verfällt er häufig zurück in eine politische Ausdrucksweise. Aber warum? Herr Streitbörger erklärt, dass eine negative Berichterstattung die Wiederwahlchance von PolitikerInnen vermindert. Die Sprache wird zum politischen Versteckspiel. 

Tobias Nadjib, tätig im Softwareunternehmen des VW-Konzerns, versteht nicht, warum man vor JournalistInnen auf der Hut sein sollte. „Ich erzähle meinem Interviewpartner das, was ich auch meinem Geschäftspartner erzählen würde“, betont Herr Nadjib. JournalistInnen sind nach seinem Verständnis neutrale BeobachterInnen. Klingt nach einem Austausch bei Kaffee und Kuchen. Eine Ansicht, die Benny Müller nicht bestätigen kann. In Wahlperioden würden PolitikerInnen durch gezielte Fragestellungen bis auf ihre Nieren geprüft werden. „Es hat manchmal den Anschein, als würde man gucken: Brichst du zusammen oder hältst du das aus?“. Von Kaffee und Kuchen zurück in den Boxring: Aktueller Gleichstand mit 2:2. Der Kampf ist noch nicht entschieden. 

Der 2:2-Ausgleich bringt neue Spannung – jetzt zählt jeder Treffer .

Macht und Abhängigkeit  

Wer ist auf wen angewiesen? Mit dieser Frage geht der Boxkampf in die entscheidende 3. Runde. Die erste Antwort kommt von Alexander Dinger: „Ich bin Null auf Politiker angewiesen“. Wenn man berücksichtigt, dass sein Schwerpunkt in der Polizeiberichterstattung liegt, wird die Aussagekraft seines Zitats relativiert. Er räumt selbst ein, dass er kaum Berührungspunkte im politischen Bereich hat. Philipp Raulfs betont dagegen: „Politiker und Journalisten sitzen in einem Boot“. Die These: eine gegenseitige Abhängigkeit. Alle Interviewpartner stimmen zu – außer Herr Dinger. 

„Die Rolle der klassischen Medien wird oft überschätzt“, stellt der WELT-Reporter als Gegenthese auf. Früher konnte Öffentlichkeit nur über die klassischen Medien wie Fernseh- oder Radiosender hergestellt werden. Um ihre Wählerschaft zu erreichen, waren PolitikerInnen auf die Medien angewiesen. Heutzutage muss sich der Bundeskanzler Friedrich Merz erst einmal entscheiden, ob er seine Bundestagsansprache auf TikTok, Instagram, Facebook oder X hochlädt. Dann wäre noch die Frage, ob auf dem Account der CDU, seinem privaten oder dem offiziellen Account des Bundeskanzlers. Die Auswahl ist groß. Der Journalismus befindet sich erneut in der Defensive. Ist der Kampf damit entschieden? 

„Wir als Politiker wollen, dass die Medien über uns berichten und sind ein Stück weit darauf angewiesen“, entgegnet Herr Raulfs. PolitikerInnen würden aktuelle oder private Themen bewusst nutzen, um mediale Aufmerksamkeit zu erregen. Die Aufgaben der JournalistInnen sei es hingegen, die politische Arbeit kritisch zu überprüfen. Daher werden Medien auch als vierte Gewalt bezeichnet. „Die vierte Gewalt kann nur entstehen, wenn sie über die ersten drei Gewalten berichtet“, erklärt Tobias Nadjib. Damit wird wieder eine gegenseitige Abhängigkeit von Politik und Journalismus beschrieben. Die Politik braucht Medien, die über das politische Geschehen berichten. Der Journalismus braucht das politische Geschehen, um über etwas zu berichten. Alles deutet auf ein Unentschieden hin. 

Medien als vierte Gewalt? Wolfgang Streitbörger sieht diese Bezeichnung kritisch. Um es mit seinen Worten zu sagen: „Es gibt keine vierte Gewalt. Das ist nur so ein Sprichwort“. Die Gewaltenteilung besteht nach dem Grundgesetz aus drei Staatsgewalten – Medien nicht inbegriffen. Eine Position in der Gewaltenteilung würde zudem implizieren, dass Medien ein staatlicher Akteur sind. Herr Streitbörger erklärt, dass es zu keinem Zusammenwirken zwischen dem medialen und politischen System kommen dürfe. „Wenn Journalisten selbst zum politischen Akteur werden, verlassen sie den Journalismus“. Hier muss differenziert werden: Die Bezeichnung als vierte Gewalt soll metaphorisch die Kontrollfunktion der Medien verdeutlichen und keine Staatsnähe implizieren. Schön und gut, aber wer hat jetzt gewonnen? 

Das Kampfgeschehen sorgt für Verwirrung. Wer am Ende gewinnt, bleibt vorerst offen.  

Was ein Kampf!  

Der Journalismus wurde zunächst in die Defensive gedrängt: Soziale Medien erhöhen den Zeit- und Konkurrenzdruck. Ergebnisse müssen schnell erzielt werden. Darunter leidet die Recherche und am Ende die journalistische Qualität. Doch in der zweiten Runde wendet sich das Kampfgeschehen: nun befindet sich die Politik in der Defensive. Als Personen des öffentlichen Lebens, stehen PolitikerInnen unter medialer Beobachtung. Wer dem nicht standhält, ist im falschen Beruf. Die offenen Optionen: weglaufen wie Frau Baerbock, oder sich hinter der politischen Sprache verstecken. 

Politik und Journalismus stehen sich im Boxring gegenüber – keiner rührt sich. PolitikerInnen sind durch die sozialen Medien weniger auf den klassischen Journalismus angewiesen – seiner Kontrollfunktion können sie sich aber nicht entziehen. Umgekehrt ist der Journalismus auf das politische Geschehen angewiesen, um darüber zu berichten. Der Kampf ist komplex: soziale Medien, wirtschaftlicher Druck, Geld und eine kritische Gesellschaft. Politik und Journalismus sind nicht die einzigen Akteure im Ring. Bei einem echten Boxkampf würde man von unfairen Bedingungen sprechen – das Publikum greift ständig ins Kampfgeschehen ein. 

Ein Dauerfight ums Überleben in einer zunehmend unberechenbaren Gesellschaft. Am Ende gibt es keinen klaren Sieger, nur einen permanenten Kraftverschleiß. Der SPD-Politiker Raulfs fasst zusammen: „Es ist von beiden Seiten ein selbstgemachtes Leid“.  

Titelbild: Kamera und Boxhandschuh, Foto von Benjamin Franke

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