FSJ Kultur – ein einzigartiger Freiwilligendienst

„Es hat mir geholfen, der Mensch zu werden, der ich bin.“ „Dort konnte man einfach so sein, wie man ist.“ „Ich würde es allen empfehlen.“ Das sagen ehemalige FSJlerInnen über das Freiwillige Soziale Jahr Kultur.

„Ich würde es allen empfehlen!“ Das sagt Tosha Hausmann über das Freiwillige Soziale Jahr Kultur. Sie hat den Freiwilligendienst selbst vor zwei Jahren absolviert und beschreibt das gesamte Jahr als eine Art Lieblingsmoment. Was macht das FSJ Kultur so besonders?

FSJ Kultur. Das ist ein Freiwilliges Soziales Jahr im Bereich der kulturellen Bildung. Jugendliche und junge Erwachsene haben die Möglichkeit, sich ein Jahr lang in einer kulturellen Einrichtung zu engagieren. Die Möglichkeiten sind vielfältig. Es gibt FSJ Kultur-Plätze in Theatern, Museen, Gedenkstätten, Kunstvereinen, musikalischen Einrichtungen, Medienzentren, beim Radio und sogar im Zirkus. Bundesweit gibt es knapp 2.500 dieser sogenannten Einsatzstellen

Im Vergleich zu klassischen Freiwilligendiensten, also beispielsweise im Krankenhaus, im Kindergarten oder in der Schule ist die Aufmerksamkeit für das FSJ Kultur verschwindend gering. Nicht überraschend, wenn man bedenkt, dass höchstens jeder 40. Freiwilligendienst im Kulturbereich stattfindet. Insgesamt gibt es in allen Bereichen über 100.000 Plätze in Deutschland. Trotz der vergleichsweisen geringen Verbreitung hat das FSJ Kultur viel zu bieten.

Der Trägerverband in Niedersachsen ist die Landesvereinigung Kulturelle Jugendbildung, kurz LKJ. Die Leiterin der Abteilung Freiwilligendienste, Juliane von Ilten, berichtet von den Anfängen des FSJ Kultur: „Ich bin seit 2001 dabei und durfte damals das FSJ Kultur ins Leben rufen, als es ein Bundesmodellprojekt war.“ Ermöglicht habe das eine Neuerung im Freiwilligengesetz, die das Tätigkeitsfeld vom sozialen Bereich auf weitere Felder, unter anderem auch die Kultur, ausweitete. Im ersten Jahr seien fünf Bundesländer mit je 25 Einsatzstellen ins Pilotprojekt gestartet. Durch die enorme Nachfrage sei die Zahl nach zwei weiteren Jahren auf knapp 60 gestiegen. Heute gibt es in Niedersachsen über 200 Plätze.

Der Gedanke hinter dem Ganzen? Berufliche Orientierung und Engagement müsse in allen Bereichen möglich sein, für die sich Jugendliche interessieren. „Und da gehört Kultur definitiv dazu“, so von Ilten. Jugendlichen beziehungsweise jungen Erwachsenen müsse die Chance gegeben werden, sich im kulturellen Kontext zu engagieren. Das passe so gut zusammen, da kulturelle Einrichtungen meist offene Strukturen pflegen und ein spannendes Arbeitsfeld bieten. Die Freiwilligen bekämen die Chance, sich an diesen Orten einzubringen. Darüber hinaus erhielten sie Einblicke in den Arbeitsalltag und viele praktische Erfahrungen.

Über die Dauer eines Jahres, meist mit Beginn im September sind die FSJlerInnen fester Bestandteil ihrer Einsatzstelle und arbeiten dort in Vollzeit. Acht Stunden am Tag, rund 40 Stunden in der Woche. In dieser Zeit lernen sie ihre Institution kennen, übernehmen eigenverantwortliche Aufgaben und können in verschiedene Bereiche hineinschnuppern. Währenddessen werden sie von einer pädagogischen Ansprechperson, in der Regel einem Kollegen oder einer Kollegin, betreut. Außerdem haben die Freiwilligen die Chance, ein eigenes Projekt auf die Beine zu stellen. Je nach Einsatzstelle können das unterschiedliche Dinge sein: Museumsführungen, Lesungen, Konzerte, Theaterstücke und vieles mehr. Zusätzlich zur alltäglichen Arbeit gibt es sogenannte Bildungstage, die von der LKJ organisiert werden. Das sind meist mehrtägige Seminare in einer Gruppe aus 20 bis 30 Freiwilligen. Dazu kommen selbst wählbare Bildungstage, Angebote zur beruflichen Orientierung und Besuche in anderen Einsatzstellen oder an Hochschulen.

Neben der Möglichkeit der beruflichen Orientierung kann das FSJ Kultur auch der persönlichen Weiterentwicklung dienen. Das bestätigt Laura Reeke. Sie ist Teamerin bei der LKJ und betreut jedes Jahr eine FSJ-Gruppe. In über acht Jahren Berufserfahrung habe sie rund 250 Freiwillige begleitet und sei immer wieder erstaunt darüber, wie diese sich im Laufe ihres Freiwilligenjahres entwickeln. Aber genau dieses Thema sei auch bewusst Teil des Konzeptes. An den Bildungstagen arbeite die Teamerin mit den Freiwilligen viel im Themengebiet Selbstreflexion und Persönlichkeit, etwa zu Fragestellungen wie „Wer bin ich?“. Dass den Jugendlichen und jungen Erwachsenen die Möglichkeit gegeben wird, sich aktiv mit sich selbst zu beschäftigen, mache einen großen Teil der Entwicklung aus, die im FSJ stattfinde, so Reeke. Auch Juliane von Ilten zeigt sich beeindruckt vom Einfluss, den ein FSJ Kultur haben kann. Sie bewundert, „dass da wirklich ein Jahr so viel ausmachen kann, an Standing und einfach ganz anders ins Leben gehen.“

Tosha Hausmann, Journalismusstudentin aus Hannover, hat selbst ein FSJ Kultur gemacht. Sie bezeichnet ihren Freiwilligendienst als ausschlaggebend für ihre Studienwahl. Aber besonders auf der persönlichen Ebene habe er einen wichtigen Schritt in ihrem Leben dargestellt: „Seit ich mein FSJ gemacht habe, fühle ich mich so gesehen wie noch nie.“ Damit teilt sie die gleiche Ansicht wie viele ehemalige FSJlerInnen – ein hohes Maß an positiver Resonanz für das FSJ Kultur.

Weitere Einblicke in das FSJ Kultur geben Laura Reeke und Tosha Hausmann im folgenden Podcast:

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