Happy Birthday Pille – Ikone mit Imageproblem

Vor 65 Jahren war sie das Symbol der sexuellen Freiheit – heute kehren ihr immer mehr Frauen den Rücken zu. In der Debatte um die lange Liste an Nebenwirkungen, negative Erfahrungen und der Kritik in den sozialen Medien stellt sich die Frage, ob die Pille zu Unrecht verteufelt wird.

Gespaltene Meinung zur Pille

Kondom, Spirale oder Pille, die Auswahl an Verhütungsmittel ist groß, und lange Zeit war keines so beliebt wie die Pille. Doch zu ihrem 65. Geburtstag pustet ein anderer die Kerzen aus. Die Pille wurde vom Kondom als beliebtestes Verhütungsmittel abgelöst. Eine Studie des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) von 2024 zeigt, dass die Pille 20 Prozent weniger genutzt wird als das Kondom und nur noch von ¼ der Frauen verwendet wird.

Die abgebildete Statistik verdeutlich, dass die Beliebtheit der Pille gesunken ist. Bereits bei der Markteinführung 1960 waren die Meinungen zur Pille gespalten. Auf der einen Seite wurde sie als sexuelle Revolution gefeiert und ermöglichte Frauen mehr Selbstbestimmung. Dadurch öffneten sich Türen, die von der Gesellschaft, Politik und Kirche lange verschlossen gehalten wurden. Auf der anderen Seite gab es Bedenken, ob sich die sexuelle Freiheit negativ auf die Geburtenrate auswirken oder die christlichen Werte gefährden könnte. Die Pharmazie- und Wissenschaftshistorikerin Bettina Wahrig erklärt, was die Markteinführung der Pille in der Gesellschaft ausgelöst hat.

In dem Video werden Ausschnitte von der Ausstellung „Der weibliche Körper in 13 Stücken“ gezeigt, die von B. Wahrig und Anette Marquardt an der TU-Braunschweig konzipiert wurde.

Das Imageproblem der Pille

Heutzutage werden Verhütungsmittel kaum noch gesellschaftlich thematisiert. Und wenn, dann dominieren in den Diskussionen häufig die negativen Aspekte, die Liste an Nebenwirkungen und ein harscher Ton. Auch Angela Seiffert, Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe, bemerkt in den Beratungsgesprächen bei pro familia: „Wenn sich die Einnahme der Pille negativ auf Körper und Seele auswirken kann, sind die Frauen heutzutage eben kritischer als noch vor 20 Jahren”.  

Die Frauenärztin Kasimzade-Rücker betont, dass insbesondere wissenschaftliche Themen seit der Corona-Pandemie kritischer betrachtet und zunehmend hinterfragt werden. „Menschen nehmen nicht mehr alles so unkritisch hin, was ihnen gesagt wird und haben parallel leider häufig ein zunehmendes Misstrauen in die Wissenschaft – eine oft fatale Allianz“. Der Realitätscheck: Mira und Maja, zweieiigen Zwillinge aus dem Jahrgang 2004, berichten von ihren Erfahrungen mit der Pille und dem Einflussfaktor Social Media.

Einflussfaktor Social Media

Wie inzwischen bei vielen öffentlichen Thematiken, spielen die sozialen Medien auch hier eine entscheidende Rolle. Sie bieten einen Schauplatz für Diskussionen, Austausch und Erfahrungsberichte. Videos zur Pille polarisieren durch Kritik, persönliche Erfahrungen und der Ansicht, dass erst gefeiert wird, wenn die Pille abgesetzt wurde. Doch auch Mira und Maja reflektieren: Ist das denn so gut? 

Soziale Plattformen funktionieren durch Algorithmen und Interaktionen. So werden besonders meinungsstarke Inhalte gepusht. Es braucht nur eine Suche zum Thema XY, ein Like oder einmal von Freunden markiert zu werden. Der Feed passt sich an. Die For-You-Page wird vom Thema XY dominiert. Zusätzlich entsteht durch Filterblasen der Effekt, dass die angezeigten Beiträge eine einsteige Perspektive vermitteln. Zumal bedacht werden muss, dass die Inhalte oftmals weder fachlich noch journalistisch geprüft wurden. Aber egal. Hauptsache kreativ und ansprechend gestaltet und somit ideal zum Konsumieren. Und damit eine Brutstätte für Mythen und Fehlinformationen.

Frauenmedizinerin Andrea Seiffert sagt deutlich: „(…) die Gesundheitsinfos insbesondere bei TikTok, Instagram und Co. sind sehr schlecht”. Eine Studie der BIÖG zur Qualität von Verhütungsinformationen in den sozialen Medien von 2024 bestätigt diese Aussage. Auf den gängigsten Plattformen TikTok, Instagram und YouTube erreichen nur 5 Prozent der Beiträge eine gute Qualität. Erschreckend ist hierbei, dass die Pille mit fast 60 Prozent das am häufigsten thematisierte Verhütungsmittel ist. 

Folgen von Fake News

Filterblasen oder Fake News sind nicht neu und auch bei jüngeren Generationen bekannt. Das Problem? Viele Frauen, gerade jüngere, fühlen sich zu wenig über die Pille und ihre Nebenwirkungen aufgeklärt. Sie greifen zur Selbstrecherche. In den sozialen Medien werden sie vorrangig mit Horrorgeschichten über die Nebenwirkungen konfrontiert. Ängste und Falschannahmen müssten adressiert werden und die Frauen mit ihren Sorgen abgeholt werden. „Viele Frauen sind dann nach so einem ausführlichen Gespräch auch bereit, die Pille nochmal zu probieren. Das erlebe ich immer wieder”, berichtet Seiffert aus den Beratungsgesprächen mit Frauen.

Wir halten also fest: die Diskussionskultur wurde durch die sozialen Medien verändert und leistet einen Beitrag dazu, dass die Pille ihren Geburtstag allein verbringt. Das Imageproblem der Pille ist aber kein neu auftretendes Phänomen. Bereits in den 1960er gab es nicht viele kritische Stimmen zur Pille. Welche Sorgen auftraten und wie der damalige Umgang mit Nebenwirkungen war, erklärt Professorin Wahrig.

Schluss mit der Verteufelung!

Nach einem Geburtstagsgeschenk mit Schleife klingt die negativ behaftete Diskussion über die Pille nicht. Zwar wird sie auch als ein Schritt der Selbstbestimmung gefeiert, aber inzwischen wird die Absetzung der Pille in den sozialen Medien als Akt der Befreiung zelebriert. Die Frauenärztin hält entgegen, dass es für viele Patientinnen eher befreiend ist zu wissen: Ich kann sicher verhüten. Denn, Frauen brauchen eine sicherere Verhütungsmethode und „die Pille ist eine extrem sichere Verhütungsmethode”, so die Frauenärztin Kasimzade-Rücker. Die Pille hat nicht nur in den 1960er Jahren für sexuelle Freiheit gesorgt, sondern ermöglicht Frauen auch noch heute eine sexuelle Selbstbestimmung.

Die Frauenärztin erklärt, dass die Pille durchaus eine Verbesserung der Lebensqualität für Frauen bedeuten kann. Viele junge Mädchen bekommen die Pille beispielsweise verschrieben, weil sie starke Probleme mit Akne haben. Für andere hängt es damit zusammen, dass die Schmerzen reduziert werden. Insbesondere bei der Erkrankung Endometriose kann die Pille zur Schmerzlinderung beitragen. Frauen müssen das nicht aushalten und sich in ihrem Alltag einschränken lassen, ermutigt Kasimzade-Rücker. 

Die Nebenwirkungen der Pille werden in den Sozialen Medien häufig übertrieben dargestellt. Man muss bedenken, dass Influencerinnen von ihren persönlichen Erfahrungen berichten, die keine Allgemeingültigkeit haben. Beispielsweise die Gewichtszunahme. Durch die Pille kann eine Zunahme von 1 bis 2 kg durch Wassereinlagerungen erfolgen. Vieles, was über diesem Wert liegt, sei häufig auf pubertäre Veränderungen des Körpers, ein anderes Essverhalten oder die Lebensweise zurückzuführen, erklärt die Frauenärztin. 

Die Geburtstagsparty geht weiter und zwei alte Bekannte der Pille gesellen sich dazu. Maike und Anja sind zweieiige Zwillinge aus dem Jahrgang 1964. Sie sprechen über ihre Erfahrungen mit der Pille und anderen hormonellen Verhütungsmitteln und beantworten die Frage, inwiefern die Pille vor 60 Jahren überhaupt mit Freudinnen, der eigenen Mutter oder Frauenärzt:innen thematisiert wurde.

Die ersten Tampons wurden seit den 1950er in Deutschland verkauft, jedoch hatten diese erst ab den 1970er einen Durchbruch und wurden vermehrt genutzt.

Die Männer fehlen noch!

Frauen jüngerer und älterer Generation, eine Historikerin, die sozialen Medien, eine Frauenärztin, Studien und eine Beraterin von pro familis. Sind damit alle Gäste für die Geburtstagsparty beisammen? Nein. Die Männer, die fehlen noch! 

Neben den Verhütungsmethoden für Frauen, gibt es auch Möglichkeiten, wie der Mann seinen Beitrag leisten kann. Jedoch ist das Angebot begrenzt. Könnten Sie eine weitere Verhütungsmöglichkeit für Männer nennen, außer das Kondom? 

Ein Beispiel: die Vasektomie. Kurz gesagt handelt es sich hierbei um eine Sterilisation. Ein Kinderwunsch kann folglich nicht mehr erfüllt werden.. Hormonell kann die Spermienproduktion auch durch eine Testosteronspritze verhindert werden. Fast so sicher wie die Pille, aber mit Nebenwirkungen. Männer berichten von Schmerzen an der Einstichstelle, Stimmungsschwankungen oder Depressionen. Viele Frauen könnten hier schmunzeln. Im Gegensatz zur Packungsbeilage der Pille wirken diese Nebenwirkungen überschaubar. 

Die Frage der Gerechtigkeit

Eine Studie zur Hormonspritze für den Mann wurde 2011 von der Weltgesundheitsorganisation gestoppt. Zwar sei die Spritze wirksam gewesen, jedoch traten bei jedem zehnten Mann Depressionen, eine verminderte Libido oder Gewichtszunahmen auf. Demgegenüber ergab eine Zava-Studie von 2019, dass bei 9 von 10 Frauen eine Pilleneinnahme mit Nebenwirkungen verbunden ist. Kopfschmerzen, Gewichtszunahme, Stimmungsschwankungen, Libidoverlust, depressive Verstimmungen, Akne, Übelkeit – die Liste möglicher Nebenwirkungen geht noch weiter. Verhütung ist so auch zu einer Frage der Gerechtigkeit und Gleichberechtigung. 

In den letzten Jahren wurde zunehmend an einer Anti-Baby-Pille für den Mann geforscht. So zuverlässig wie die Pille für die Frau, ohne den Einsatz von Hormonen und nebenwirkungsarm. Doch bisher funktioniert es nur im Labor. Zudem verhindern die Vorgaben der EU-Arzneimittelzulassungsbehörde, dass Verhütungsmittel für Männer eine Marktzulassung erhalten. Gegenüber der Welt appelliert Katarina Berley (SPD), dass „es nicht gerecht ist, dass für Männer nur Präparate ohne Nebenwirkungen zugelassen werden, während Frauen erhebliche körperliche und psychische Nebenwirkungen der Verhütung ertragen“. Die Europäische Arzneimittelagentur will daher 2026 neue Richtlinien für die Zulassung empfängnisverhütender Mittel erarbeiten. Bevor also eine Männer-Antibaby-Pille auf den Markt kommt, erfordert es noch Forschungsarbeit, Testungen und Zulassungsverfahren. Das dauert mitunter Jahre.

„Solange es nichts für die Männer geben wird, und ich sehe in absehbarer Zeit nichts Sicheres, wird die Pille immer ein festes Standbein haben”, schlussfolgert die Frauenärztin Kasimzade-Rücker. Während die Pille seit 65. Jahren gefeiert, kritisiert, hinterfragt und verbessert wird, steckt die hormonelle Verhütung für den Mann noch in ihren Kinderschuhen. Trotz der negativ behafteten Debatte um die Pille, bleibt sie für Frauen eines der sichersten und meistangewandten Verhütungsmittel. Eine Einnahme der Pille sollte immer nach einer individuellen, auf den Körper einer Frau abgestimmte Beratung mit Frauenärzt:innen erfolgen. Die Pillenthematik verdeutlicht, wie wichtig Aufklärung und wie gefährlich der Einfluss von sozialen Medien auf die Urteilsbildung junger Menschen ist.

Aktuell besteht die Tendenz, dass der Pille Unrecht getan wird. Ja, die Pille ist kein Smartie, sondern ein hormonelles Medikament dessen Einnahme mit Nebenwirkungen einhergehen kann. Dafür steht sie zu Recht in der Kritik. Aber, die Pille sollte nicht nur zum Teufel erklärt werden. Mit ihr gehen auch positive Aspekte und Wirkungen einher – Sicherheit, Verhütung, Schmerzlinderung und sexuelle Freiheit. Dazu abschließend ein persönliches Schlusswort von Bettina Wahrig für alle Frauen:

Titelbild: Happy Birthday Pille, Foto von Jana Schwabe

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