Teller statt Tonne

Jedes Jahr landen weltweit 1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittel im Müll. Gleichzeitig hungern über 800 Millionen Menschen. Was steckt hinter der Lebensmittelverschwendung und welche Projekte in Deutschland setzen sich für die Rettung der Lebensmittel ein?

Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist überschritten und der Joghurt, die Milch oder das Brot landen im Müll. Was als harmlose Alltagssituation anfängt, hat mittlerweile enorme Ausmaße angenommen. 
Allein in Deutschland werden laut der WWF-Studie „Das große Wegschmeißen“ (2017) jährlich über 18 Millionen Tonnen an Lebensmitteln weggeworfen, was fast einem Drittel unseres aktuellen Nahrungsmittelverbrauches entspricht. 35 Prozent des „Mülls“ sind Obst und Gemüse. Darauf folgen mit 15 Prozent bereits zubereitetes Essen und mit 13 Prozent Brot und Backwaren. Um die zehn Millionen Tonnen davon wären bereits heute vermeidbar, wenn Industrien und Konsumenten ihre Gewohnheiten anpassen würden.  

Was genau ist Lebensmittelverschwendung?

Die Welternährungsorganisation FAO unterscheidet drei Bereiche. Unter Lebensmittelverlusten versteht man den Anteil an Lebensmitteln, der verloren geht oder verdirbt, bevor er überhaupt im Handel ist. Lebensmittelverluste entstehen entlang der Versorgungskette, also während der Produktion, Ernte oder des Transports.
Lebensmittelabfälle wiederum sind alle Lebensmittel, die für den menschlichen Verzehr geeignet wären, aber vom Verbraucher aussortiert werden oder verderben.
Als Lebensmittelverschwendung werden alle Lebensmittel bezeichnet, die ebenfalls für den menschlichen Verzehr bestimmt waren, aber in allen Phasen des Lebensmittelsystems von der Produktion bis zum Konsum weggeworfen werden, unabhängig vom Grund. Lediglich 17 Prozent der Lebensmittelabfälle entsteht in der Primärproduktion, also der tatsächlichen Herstellung der Lebensmittel oder der Verarbeitung. Der Großteil der Abfälle, nämlich 59 Prozent, entsteht laut des Bundesministeriums für Ernährung und Gesundheit in privaten Haushalten. Jede/r von uns wirft im Durchschnitt 78 Kilogramm Lebensmittel im Jahr weg. 


Dr. Thomas Schmidt vom Thünen-Institut – Arbeitsbereich: Analyse der Agrar- und Ernährungswirtschaft

Die Europäische Umweltagentur legt folgende Ursachen für den hohen Anteil der Lebensmittelverschwendung in privaten Haushalten vor: KonsumentInnen kaufen über ihrem Bedarf ein, lagern ihre Produkte falsch, sodass sie schneller schlecht werden, werfen Produktteile weg, die eigentlich essbar sind, wie Brotkrusten oder Obstschalen und bereiten zu große Portionen vor, von denen die Reste hinterher weggeschmissen werden. Eine große Rolle spielen hierbei auch unsere Konsumgewohnheiten. Lebensmittel werden oft bereits im Handel aussortiert, wenn sie optisch nicht einwandfrei sind oder bald das Mindesthaltbarkeitsdatum erreicht ist, da KundInnen eine bestimmte Erwartung an die Ware haben.

Wie können wir Lebensmittel retten? 

Als erste Maßnahme sollten Privatpersonen und KonsumentInnen stets nur so viel kaufen, wie sie wirklich verbrauchen können, Essen mit abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatum ist außerdem nicht automatisch verdorben, sondern kann häufig trotzdem noch gegessen werden. Und natürlich erhöht eine  richtige Lagerung prinzipiell die Haltbarkeit. Viele Obstsorten wie Ananas oder Bananen gehören beispielsweise nicht in den Kühlschrank, sondern sollten bei Zimmertemperatur gelagert werden.  
Zu nachhaltigem und umweltfreundlichem Konsum gehört es auch, möglichst regional, saisonal und unverpackt einzukaufen. Viele Supermärkte oder Hofläden bieten inzwischen   die Möglichkeit, B-Ware zu kaufen, also Lebensmittel, die aufgrund ihres Aussehens nicht in den „normalen“ Verkauf gekommen sind. Diese gibt es oft sogar günstiger als die A-Ware im Supermarkt. Übrig gebliebene Lebensmittel, die man selbst nicht mehr aufbrauchen kann, können an Nachbarn oder FreundInnen verschenkt werden. In vielen Städten gibt es Angebote, Lebensmittel zu spenden, um so beispielsweise Obdachlosen zu helfen. Ergänzt wird das Handlungsangebot mit Projekten wie food sharing, die aktive Beiträge zur Rettung von Lebensmittel ermöglichen. 

Dr. Thomas Schmidt vom Thünen-Institut

Auch politisches Engagement von staatlicher Seite ist hilfreich. In Frankreich gibt es beispielsweise seit 2016 ein Gesetz, welches das Wegwerfen von unverkauften Lebensmitteln in den Supermärkten verbietet und mit einer Geldstrafe bestraft. Die Lebensmittel sollen stattdessen recycelt oder gespendet werden. Initiiert wurde dieses Gesetz durch eine öffentliche Petition. Ähnliche Ideen und Vorschläge in Deutschland haben sich bisher noch nicht in der Politik durchgesetzt. Handeln ist allerdings gefordert. Die Bundesregierung ist Teil der „Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklungen“ der Vereinten Nationen, die unter anderem das Ziel verfolgt, wirksam gegen Hunger und jede Form der Fehlernährung auf der Welt vorzugehen und die Lebensmittelverschwendung deutlich zu reduzieren. Bis zum Jahr 2030 möchte die Bundesregierung die Nahrungsmittelverschwendung pro Kopf auf Einzelhandels- und Verbraucherebene in Deutschland halbieren. 

Dr. Thomas Schmidt vom Thünen-Institut
 

Um diesen Zweck zu unterstützen wurde 2019 die „Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie“ formuliert, die unter anderem mit der Initiative „Zu gut für die Tonne“ des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft für das Thema werben soll. Teil dieser Initiative ist der „Zu gut für die Tonne“- Bundespreis, mit dem besondere Projekte jedes Jahr ausgezeichnet werden, die dazu beitragen, die Lebensmittelverschwendung zu reduzieren. Auch im Jahr 2022 wurde der Preis wieder an fünf Initiativen verliehen. 
Eine davon war das Projekt „Heldenbrot“. Das Team des Online-Shops möchte gegen die Verschwendung von jährlich 500.000 Tonnen weggeworfenem Brot in Deutschland vorgehen. Dafür verarbeiten die MitarbeiterInnen Brotreste zu neuen Produkten wie Keksen, Backmischungen für Falafel oder Semmelknödel. Verkauft werden diese dann online oder in ausgewählten Läden in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Die Brotreste erhält „Heldenbrot“ von ausgewählten Bäckerpartnern, die ihnen ihre Überschüsse für die Zubereitung der Produkte zukommen lassen. 
Ein weiteres preisgekröntes Projekt ist „Friedhold“, ein Projekt zur Unterstützung von LandwirtInnen bei der Vermarktung und dem Vertrieb ihrer Produkte. Mit der Hilfe der MitarbeiterInnen von „Friedhold“ können Bäuerinnen und Bauern einen eigenen Online-Hofladen aufbauen, erhalten einen automatisierten Kundenverteiler und bekommen Beratung für ihre Social-Media-Kanäle. Mit diesen Maßnahmen können ihre Produkte wie Milch, Gemüse oder auch Fleisch bereits vor der Ernte beziehungsweise Schlachtung online verkauft werden. Dadurch können die LandwirtInnen besser einschätzen und planen, wie viel sie tatsächlich anbauen oder schlachten müssen, um der Nachfrage gerecht zu werden und verhindern so unnötige Lebensmittelverschwendung. 
Auch in der Region38 gibt es Projekte, die sich der „Mission Teller statt Tonne“ verschrieben haben. So zum Beispiel das Team von Futter Teresa.  Die ehrenamtlichen MitarbeiterInnen retten Lebensmitteln bei Supermärkten oder Restaurants in Braunschweig und kochen mit diesen professionell die unterschiedlichsten Gerichte. Diese werden dann bei Veranstaltungen kostenlos beziehungsweise gegen Spenden angeboten. Das Projekt will damit für mehr Lebensmittelrettung und -wertschätzung werben. 

Total
0
Shares
Ähnliche Beiträge
Mehr lesen

Wohnst du schon oder pendelst du noch?

Ein Viertel aller Studierenden lebt zu Hause im Hotel Mama. Andere Studis wagen den Schritt in ein neues Leben raus aus dem Nest. Stefan Grob vom Deutschen Studentenwerk verrät, was beim Pendeln und beim Umziehen zu beachten ist.
VON Manel Mekadmi
Mehr lesen

chaos im kopf – leben mit adhs

ADHS zählt zu einer der häufigsten psychischen Auffälligkeiten. Viele Menschen assoziieren mit der Verhaltensstörung ein hyperaktives, unaufmerksames Kind. Doch hinter ADHS verbirgt sich oft mehr als viele denken.
VON Mara Hofmann
Mehr lesen

Brauche ich das noch?

Nur mit dem Nötigsten auskommen – für viele bewundernswert, doch nicht realitätsnah. Zwei Drittel der Deutschen bekennen sich als Sammler. Leonie Backhaus hört sich beim Stammtisch der sogenannten Minimalisten um. Wann ist man eigentlich Minimalist und was sind deren Beweggründe?
VON Leonie Backhaus