Interracial Adoption – Wenn Gene fliegen lernen

„Du hast das Gesicht deines Vaters.“, „Du lächelst genau wie deine Mutter.“ – Sätze, die fast jedem von uns bekannt vorkommen. Aber nur fast: Was ist, wenn du deinen Eltern nicht ähnlich siehst und das auch gar nicht kannst, weil du eine ganz andere Herkunft hast als sie?

Malela ist nicht mal 24 Stunden alt, als ihre leibliche Mutter kurz nach der Entbindung verschwindet und nie wieder zurückkommt. Ein Jahr wächst sie in einem Waisenhaus auf, bevor Susanna (47) und ihr Ehemann Micha Späth (51) sie adoptieren und ihr ein neues Zuhause schenken. Heute ist Malela zwölf Jahre alt, lebt mit ihren Eltern und ihrer Schwester Lia (19) in einer kleinen Stadt in Nordrhein-Westfalen. Sie ist glücklich und dankbar Teil ihrer Familie zu sein, doch der Weg hierhin war kein einfacher.

Im Jahr 2020 wurden insgesamt 3.744 Kinder adoptiert. Fast jedes zweite Kind war, laut Statistischem Bundesamt, im Säuglings- oder Kleinkindalter. 116 Kinder kamen gebürtig aus anderen Ländern, bevor sie in Deutschland adoptiert wurden: 47 Kinder stammten aus Asien, 25 aus Europa, 25 aus Amerika und 19 aus Afrika oder der übrigen Welt. Auch Malela wurde aus Tansania nach Deutschland adoptiert. Ihre Eltern waren zu der Zeit als Missionare in Südafrika tätig und führten dort seit einigen Jahren mit ihrer damals siebenjährigen ersten Tochter ein gemeinsames Leben. Für Susanna war schon immer klar, dass sie nicht nur ein Kind haben möchte. Als es jedoch mit zunehmendem Alter immer schwerer wurde schwanger zu werden, entschieden sie und ihr Mann sich für den Weg der Adoption. Dabei stand für sie vor allem erstmal die Frage im Raum, ob sie ein Kind aus Deutschland oder aus dem Ausland adoptieren möchten. Das Bundesministerium für Familie spricht von einer Auslandsadoption, wenn das Kind vor der Adoption in einem anderen Staat lebt und infolge der Adoption nach Deutschland ziehen muss. Die Staatsangehörigkeit spielt weder bei den Adoptiveltern noch bei dem Adoptivkind eine Rolle. Wichtig zu beachten ist hierbei, dass die Adoption sowohl im Ausland als auch in Deutschland stattfinden kann. Von einer Inlandsadoption spricht man hingegen, wenn man das Kind aus dem Land adoptiert, in dem man selber lebt. Die Familie Späth musste, wie sie selbst sagen, zwei Adoptionsprozesse durchführen: den Prozess in Tansania und den in Deutschland. „Das war wirklich kräftezehrend. Es hat sich angefühlt wie das Warten auf den nächsten Brief. Insgesamt lief der Prozess drei Jahre, bevor die Adoption offiziell anerkannt wurde.“ Doch was muss man als Elternpaar mitbringen, um überhaupt adoptieren zu können?

„Zuallererst haben wir die harten Fakten: ein Führungszeugnis ohne Eintrag, ein Gehalt, das eine Familie gut ernähren kann und einen gesundheitlichen Check. Allgemein brauchen wir Menschen, die dafür offen sind, ein Kind mit einer anderen Herkunftsgeschichte und Familie aufzunehmen. Offenheit, Transparenz und Flexibilität sind hier von wichtiger Bedeutung“, erzählt die Sozialpädagogin Stephanie Graffe, die bei einer Adoptionsvermittlungsstelle in Osnabrück arbeitet. Der Punkt der Offenheit war vor allem für die Familie Späth von Relevanz, da sie ein Kind adoptiert haben, das sich vom äußeren Erscheinungsbild stark von ihnen unterscheidet. Denn im Gegensatz zu ihnen hat Malela dunkle Haut und ganz andere Haare als sie. „Die Familien müssen sich klar machen, was das für sie heißt. Es kommt nicht nur darauf an, dass sie vorurteilsfrei sind. Sie müssen sich vorher fragen, ob sie bereit dafür sind, für das Kind da zu sein und es zu unterstützen, wenn es Ausgrenzung in der Schule oder Ähnliches erfahren sollte“, erklärt Stephanie. Beim Jugendamt gab Familie Späth damals an, dass sie gerne ein weibliches Säuglingskind adoptieren würden. Hautfarbe oder andere äußerliche Merkmale waren ihnen egal. Für sie spielt Malelas andere ethnische Herkunft keine Rolle. Ihre große Schwester Lia beschreibt die Zeit als Malela in die Familie kam als eine schöne und aufregende, aber auch anstrengende Zeit. Denn es mussten sich alle anfänglich daran gewöhnen, dass nun ein neues Familienmitglied die Familienkonstellation ändert.

 „Wir sind froh einander zu haben und schätzen die Zeit zusammen auch sehr. Dass Malela adoptiert ist, spielt da gar keine Rolle. Ich wüsste auch gar nicht wie.“ Die kulturellen Unterschiede, die so eine Adoption mit sich bringen kann, waren für die Familie Späth weniger eine Hürde, als vielmehr eine Möglichkeit etwas Neues zu lernen. Neu war beispielsweise die Pflege der Haare eines dunkelhäutigen Kindes. Wie man „protective hairstyles“ flechtet, hat Malelas Mama sich damals in Tansania beibringen lassen. Gelernt hat sie ebenfalls, dass die Haut dunkelhäutiger Menschen viel Feuchtigkeit benötigt. „Wir haben das immer so gesehen, dass Malela unsere Familie besonders macht. Adoption ist eine Bereicherung und eine Aufgabe. Wenn man sich dessen bewusst ist und sich selbst das ja gegeben hat, dann ist das einfach wertvoll“. Malela ist ein fester Bestandteil der Familie Späth, wie jedes andere Familienmitglied auch. Das haben sie geschafft, indem sie Malela nie anders behandelt haben, aber sich trotzdem bewusst sind, dass ihre andere Herkunft Probleme mit sich bringen kann, denen sie selbst noch nie ausgesetzt waren.

Protective hairstyles

Zu den protective hairstyles zählen alle Frisuren, die zum Schutz der Afro-Haarspitzen beitragen. Denn diese gehören zu den ältesten und fragilsten Partien des Haarstangs. Durch das häufige Stylen, Ziehen und Kämmen, stehen die Haare unter starker Beanspruchung. Die protective hairstyles dienen dementsprechend dazu, die Afro-Haare auf verschiedenste Weisen vor Wind, Wetter und großer Umweltbelastung zu schützen. Dafür gibt es eine Vielzahl an Methoden wie Zöpfe, Twists, Weaves und Perücken.

Malela hatte das Glück auf eine liebende Familie zu treffen, die sie genauso akzeptieren wie sie ist. „Ich bin glücklich, Teil dieser Familie zu sein“, erzählt sie. Auch ihre große Schwester Lia könnte nicht stolzer sein, Malela als kleine Schwester zu haben. „Es ist von Gott geführt, dass sie zu uns gekommen ist. Sie passt perfekt zu uns. Wir sagen immer, man könnte meinen, dass bei Malela Gene fliegen gelernt haben“.

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