Jogging für Anfänger – zwischen Leid und Herrlichkeit

Technologie verspricht einem in unserer Zeit alles – höher, schneller, weiter. Doch kann mit einer einfachen App auch der faulste Mensch vom Nichtskönner zum Profi gemacht werden?

Der viel zu kalte Morgen hängt bedrückend über der Stadt. Es ist zu nass, ich bin zu müde, jeder vernünftige Mensch würde jetzt zu Hause bleiben. Doch ich nicht. Nach einer Phase der größten Überwindung mache ich mich mit schwerem Gemüt und noch schwererem Schritt auf den Weg in Richtung Wald. Nach fünf Minuten ruhigen Einlaufens fordert eine Frauenstimme „Start running now!“ und wie ein treuer Hund beginne ich träge mit dem Joggen. Die Stimme kommt aus einer App. Heutzutage funktioniert alles mit einer App.
Der Gedanke, sich sportlich etwas mehr zu ertüchtigen, war bei mir nicht neu. Schon früher habe ich versucht, ohne ein gutes Konzept einfach loszulaufen – ein Fehler. Schmerzen, Muskelkater und Ausdauerprobleme waren das Resultat, nach wenigen Malen folgte der Abbruch. Nun aber soll es richtig funktionieren. Die App soll mir dabei helfen. C25K heißt das Wundermittel, Couch to 5K. Als Nichtskönner wird einem hier versprochen, in kürzester Zeit ein richtiger Jogger zu werden, mit der Option, weitere Distanzen bis hin zu einem echten Marathon dranzuhängen.
Nach zehnminütigem Joggen habe ich den Wald endlich erreicht, zumindest wird die Strecke jetzt schöner. Andere Menschen treffe ich so gut wie keine. Der Podcast auf den Ohren lenkt von der körperlichen Anstrengung ab, allzu kalt ist es eigentlich auch nicht mehr. Nach weiteren zehn Minuten geht es eine Anhöhe hinauf und wieder herunter. Inzwischen bin ich mitten im Wald und hoch motiviert. Die Entscheidung, am frühen Morgen loszulaufen, wird in Retrospektive eine immer bessere. 30 Minuten sind um, „You are halfway“ sagt die Stimme und ich drehe noch frohen Mutes um – den Hügel wieder hinauf.
30 Minuten bis zur Halbzeit — wenige Wochen zuvor hätte ich mir das noch nicht träumen lassen. Durch einen Mix aus Gehen und Laufen bringt die App einem die Distanzen langsam nahe, dreimal die Woche. Gestartet bin ich mit abwechselnd 60 Sekunden Laufen und 90 Sekunden Gehen, was für einen Anfänger wie mich einfacher klang, als es war. Der Erfolg, es geschafft zu haben, überwog aber allem zuvor empfundenen Hass auf das kleine Programm. Wieder auf dem (jetzt gefühlt höheren) Hügel angekommen, bin ich nun schon 40 Minuten unterwegs und wenn es mir die App nicht gesagt hätte, dann hätte es mein Körper getan. Meine Hüfte macht sich bemerkbar, die Lunge sowieso. So langsam sehne ich dem Ende entgegen. Der Mensch ist bestimmt nicht für so viel Bewegung ausgelegt. Zehn Minuten später bin ich völlig am Ende. Ich kann nicht mehr laufen, ich will nicht weiter, der Schmerz ist unbeschreiblich. Aber ich tue es, die App verlangt es und die App hat immer recht. Ich stolpere den letzten Teil der Strecke Richtung Zuhause und schleppe mich die Stufen zu meiner Wohnung hoch. Nach einer Stunde und zehn Kilometern habe ich es dann endlich geschafft. Der Schmerz weicht dem Triumph. So muss sich Siegfried Drachentöter nach seiner Heldentat gefühlt haben. Beflügelt durch den Erfolg bin ich hoch motiviert, nie verspüre ich so viel Lust aufs Joggen wie danach.
Durch die App bleibe ich regelmäßig dran, große Pausen erlaubt sie nicht. Die Arbeit ist getan, ich bin zufrieden, der Tag kann kommen. Übermorgen geht es weiter und der Kreislauf beginnt erneut von vorn.

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