Leben wie in einer Großfamilie – das Mehrgenerationenwohnen

Vor einigen Jahren noch gang und gäbe, heute jedoch kaum noch zu finden, zusammen leben mit mehreren Generationen. Kann eine neu durchdachte Version von „eine Hand wäscht die andere“ in unserer heutigen Gesellschaft funktionieren?

Mehrgenerationenwohnen, was ist das eigentlich? Bekannt ist sicherlich noch die typische Großfamilie von früher. Oma, Opa, Mutter, Vater und die Kinder alle unter einem Dach. Heutzutage sind Familiengenerationen jedoch oftmals aus beruflichen Gründen über weite Regionen verstreut und immer mehr ältere Menschen leben allein, wollen ihren Kindern nicht zur Last fallen. Mittlerweile wird jedoch der Wunsch nach alternativen Wohnformen immer größer, weil die Menschen sich gut aufgehoben fühlen, lebendige Kontakte zu Bekannten und Nachbarn pflegen und auf Unterstützung aus der Nachbarschaft vertrauen wollen. Doch wie sehr unterscheiden sich die neuen Wohnformen von dem Konzept einer Großfamilie? Und könnte das ein potenzielles Zukunftsmodell sein?

Zusammenleben in einer Großfamilie

Bereits acht Jahre lebt Petra Willke-Fischer schon mit ihrem 101-jährigen Vater, ihrer Tochter und ihrem Schwiegersohn sowie ihren beiden Enkelkindern im ehemaligen Haus ihrer Eltern. Enge gilt es nicht zu fürchten, denn der Wohnbereich erstreckt sich über 250 Quadratmeter und drei Etagen. Während Petra Willke-Fischer im ausgebauten Dachgeschoss des Hauses lebt, bewohnt ihr Vater das Erdgeschoss. Das Leben der jungen Familie spielt sich im Untergeschoss ab, das durch einen Anbau noch vergrößert wurde. In der Mitte des Hauses teilt sich die Familie eine große Küche, in der regelmäßig zusammen gegessen wird. Trotzdem sei es wichtig, dass man auch mal die Tür schließen kann, um für sich allein zu sein, erzählt Willke-Fischer. Daher hat jedes Geschoss auch noch eine eigene Küche. Ihr Alltag ist trotz ihrer Wohnsituation zwar unabhängig voneinander, dennoch ist die Absprache untereinander unerlässlich. „Dadurch, dass wir jetzt schon länger zusammenwohnen, haben wir jetzt genug Übung, wie man kommuniziert, wer wann einkauft, sodass nicht alles doppelt gekauft wird.“ Obwohl der 101-Jährige für sein Alter noch sehr selbstständig ist, wird er durch die anderen Familienmitglieder im Haushalt und bei der Gartenarbeit unterstützt. Auf die Enkelkinder passt Petra Willke-Fischer gelegentlich auf. Feste Treffen, Aktivitäten oder Essenszeiten gibt es jedoch nicht, da alles tagesaktuell besprochen wird. Auch die Autos teilen sie sich, was mit einem Maß an Organisation einhergeht. Kommunikation ist also das A und O im generationsübergreifenden Wohnen. Probleme oder Meinungsverschiedenheiten müssen angesprochen und „nichts darf unter den Tisch gekehrt werden“, damit das Leben miteinander funktioniert. Besonders große Entscheidungen oder Anschaffungen wie eine neue Waschmaschine werden miteinander abgesprochen. Dadurch lernen gerade die Kinder aber auch, dass es normal ist, nicht immer gleicher Meinung zu sein und Kompromisse zu finden. „Das Leben mit unterschiedlichen Generationen ist natürlich herausfordernd“, sagt Petra Willke-Fischer, „jedoch ist es auch schön, wenn die Enkelkinder nur nach oben ins Dachgeschoss müssen, um ihre Oma zu sehen“.

Gemeinschaftliches Wohnen

Insbesondere ältere Menschen, junge Familien und Singles äußern vermehrt den Wunsch nach Gemeinschaft und gegenseitiger Unterstützung. Das Konzept der typischen Großfamilie ist wieder im Trend. Aber nicht zwingend im traditionellen Sinne, sondern neu durchdacht. Anstatt in einer großen Familie leben fremde Menschen unter einem Dach. Das mag sich erstmal ungewöhnlich und vielleicht auch abschreckend anhören, doch im Grunde genommen sind es nachbarschaftliche und solidarische Gemeinschaften, die sich gemeinsam ein Haus, eine Wohnanlage oder -viertel teilen.

Petra Willke-Fischer lebt nicht nur generationsübergreifend, vielmehr war sie erfolgreich als Architektin in vielen gemeinschaftlichen Wohnprojekten involviert. Ihr erstes Projekt hat sie zusammen mit einem Förderprogramm der Stadt Hildesheim und ein paar KollegInnen angefangen. Nach dem Fund eines passenden Wohnobjekts ging es los. „Ich dachte, es wäre ein Selbstläufer“, gesteht sie, jedoch musste die Bevölkerung zu diesem Konzept erst einmal aufgeklärt und begeistert werden. „Ich dachte, die Menschen rennen uns die Bude ein“, erinnert sie sich, doch die Nachfrage nach Wohnungen im ersten Projekt waren gering. „Wir waren schon am Zweifeln, ob das überhaupt was wird.“ Pünktlich zum Einzug jedoch die Erleichterung: Das Projekt war ein Erfolg und alle Wohnungen waren vergeben. Auf diesen Triumph folgten noch viele weitere Projekte in und um Hildesheim, die das Zusammenleben mit verschiedensten Generationen ermöglichen.

Ähnlich wie bei einer WG, ist es wichtig, dass sich die zukünftigen BewohnerInnen bereits vor dem Einzug kennenlernen. Es gilt, Wünsche und Ziele, aber auch Regeln festzulegen. Dadurch entsteht bereits ein Gemeinschaftsgefühl. Es muss untereinander auch passen, wenn man den großen Schritt wagt, mit komplett fremden Menschen in einem völlig neuen Wohnkomplex zusammenzuwohnen. Und genau diesen Schritt trauen sich nur die wenigsten zu überwinden. Doch wie sieht es mit der Finanzierung so eines Wohnprojektes aus? Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten: Zur Miete, als EigentümerIn, Bauherren oder Mitglieder einer Genossenschaft. Die Mieten sind abhängig davon, ob es Fördermittel gibt oder nicht. „Es muss teurer sein, weil die Gemeinschaftsräume und die Gästewohnung von den MieterInnen mitbezahlt werden müssen.“ Hier in Niedersachsen ist die Förderung gemeinschaftlicher Wohnprojekte leider noch nicht so selbstverständlich wie in anderen Bundesländern.

Die fehlenden Fördermittel sind auch der größte Punkt, weshalb das gemeinschaftliche Wohnen nur in der Theorie ein Zukunftsmodell ist. „In der Praxis sah es bisher so aus, dass die gemeinschaftlichen Wohnformen nur ein bis zwei Prozent ausmachten. Es ist immer wieder schwierig mindestens acht bis zehn Mietparteien in einer bestimmten Lage und zu einem bestimmten Preis unter ein Dach zu bekommen. Solange das nicht gefördert wird, bleibt es schwierig“, kritisiert die ehemalige Architektin.

Nachdem Petra Willke-Fischer ihre Arbeit als Architektin beendet hat, gab es im Landkreis Hildesheim keine NachfolgerInnen mehr. „Alleine wird das schwierig. Es muss jemanden geben, der auf das Thema aufmerksam macht. Die Menschen finden sich nicht per Zufall“, appelliert sie. Beratungen gibt es viele, jedoch nicht in der Region um Hildesheim. Dabei sind Informationen über die Projekte für interessierte Menschen essenziell, um zusammengeführt zu werden. Hier springt das Forum Gemeinschaftliches Wohnen e.V. ein. Der Wohnprojektatlas ist eine Bundesvereinigung selbstorganisierter Wohnprojekte unterschiedlichster Ausrichtungen. Beratung, Informationen, Vernetzung und Erfahrungsaustausch werden dort angeboten. Bei Interesse ist das Forum also die geeignetste Anlaufstelle.

Das gemeinschaftliche Wohnen bietet sehr viele Chancen für alle Generationen. Gemeinsamen Interessen und Aktivitäten wird nachgegangen und Gedanken werden ausgetauscht. Vor allem ältere Menschen profitieren von generationsübergreifenden Wohnprojekten, da sie dadurch nicht so früh ins Pflegeheim müssen. Es ist immer jemand da und der professionelle Pflegedienst kann beantragt werden. „Das hält jung, das sehen wir bei unserem Großvater, der mittendrin ist und nach wie vor gefragt ist“, erzählt Petra Willke-Fischer. Die Älteren übernehmen mal die Kinderbetreuung oder stopfen kaputte Socken und werden im Austausch dafür von den Eltern im Haushalt oder beim Einkaufen unterstützt – während die Kleinsten die unterschiedlichsten Menschen, Gewohnheiten und auch Altersstufen kennenlernen. Einsamkeit gibt es im gemeinschaftlichen Wohnen nicht. AnsprechpartnerInnen, Freunde und Gesellschaft sind jederzeit zur Stelle, um gemeinsam Zeit zu verbringen.

Auch viele Kosten und viel Zeit können durch die Aufgabenteilung gespart werden, da man nicht alles selbst besitzen muss. Große Anschaffungen und Kosten, wie beispielsweise Autos und die damit verbundenen Spritkosten, werden untereinander geteilt.

Nichtsdestotrotz gibt es auch viele Herausforderungen, die bewältigt werden müssen. Genauso wie in der Großfamilie muss miteinander kommuniziert und organisiert werden, damit ein harmonisches Miteinander möglich ist. Ganz wichtig ist, dass das Wohnprojekt groß genug ist, um sich auch mal aus dem Weg gehen zu können. Falls es dann aber doch mal zu größeren Problemen kommen sollte, die intern nicht geklärt werden können, dann ist es ratsam, sich von außen Hilfe zu holen. „Man muss die Gemeinschaft mögen“, fasst Petra Willke-Fischer zusammen: „In solchen Wohnprojekten darf kein Zwang herrschen.“ Geeignet ist das gemeinschaftliche Wohnen für alle, die offen sind und Lust auf Neues haben. Es sei wichtig, dass man die Menschen so nimmt wie sie sind.

Das gemeinschaftliche Wohnen ist im Kern sehr nah am historischen Modell der Großfamilie. Die Vorzüge werden, ohne die individuelle Freiheit der MieterInnen einzuschränken, wiederbelebt. Bei erfolgreicher Kommunikation überwiegen die Vorteile für gesellschaftsliebende Personen. Sobald die Barriere der fehlenden Fördermittel behoben wird, steht dem neudurchdachten Gemeinschaftswohnen nichts mehr im Weg.

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