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Rauchen ist tödlich – Einsamkeit auch

Eine Emotion, die wohl jeder kennt, kann so schädlich sein wie 15 Zigaretten am Tag – Einsamkeit. Obwohl die volkswirtschaftlichen und gesundheitlichen Folgen drastisch sind, ergreifen Politik und Gesellschaft nur spärlich Maßnahmen. ExpertInnen und Betroffene zeigen die Realität und Ernsthaftigkeit dieses Problems.

Stellen Sie sich vor, Sie betreten einen Vorlesungsraum in einer Universität. Die Stimmung ist gesellig, KommilitonInnen quatschen miteinander und freuen sich – mehr oder weniger – auf die gleich anstehende Vorlesung. Ein Raum mit zirka 50 Studierenden, der Großteil untereinander vernetzt und sozial aktiv. Eine heile Welt in der „besten Zeit des Lebens“. Oder? 

Der Schein trügt. Eine Studie der Barmer GEK aus dem Jahr 2021 ergab, dass sich 42% der 16- bis 29-Jährigen oft oder fast immer einsam fühlen – in anderen Altersgruppen sieht die Lage nicht viel besser aus. Vor allem alte Menschen sind auch anfällig für Einsamkeit, doch egal in welchem Zeitraum im Leben – in allen Altersgruppen sind mindestens 10% der deutschen Bevölkerung chronisch einsam. Sie fühlen sich also oft oder immer einsam.

Mit Zahlen, Daten und Fakten zum Thema Einsamkeit beschäftigt man sich in Deutschland vor allem in der Heimatstadt von Herbert Grönemeyer – Bochum. An der dort ansässigen Ruhr-Universität forschen unter anderem Prof. Dr. Dirk Scheele und Debora Brickau zu dieser komplexen Thematik. Beide haben sich für aufschlussreiche Interviews bereiterklärt, die in Form von kurzen Audiobeiträgen Teil dieses Berichts sind.

Zum Verständnis

Einsamkeit: Dieses schwierig zu beschreibende Gefühl kennt bestimmt jede/r. Und jeder Mensch hat wohl seine eigene Definition. Die Wissenschaft hingegen hat eindeutig festgelegt, an welchen Faktoren sich Einsamkeit festmachen lässt – und an welchen nicht. Eindeutig abzugrenzen von Einsamkeit ist Alleinsein. Dieser bewusst gewählte Zustand wird oftmals als angenehm und beruhigend empfunden, als ein Aufladen der eigenen Batterie, das bei Verlangen zur Kontaktaufnahme mit anderen Menschen beendet wird. Einsamkeit hingegen wird als eine negativ wahrgenommene Diskrepanz zwischen den gewünschten und tatsächlichen sozialen Beziehungen definiert. Dies kann sowohl auf Menschen zutreffen, die objektiv betrachtet viele soziale Beziehungen pflegen, aber emotionale Tiefe vermissen, als auch auf Menschen, die wenig soziale Kontakte haben und sich nach mehr Austausch sehnen. Als chronisch einsam bezeichnet man solche Leute, die sich oft oder immer einsam fühlen. Gesundheitlich bedenklich wird Einsamkeit dann, wenn sie chronisch wird.

Unterschätzter Risikofaktor

Die Begriffe Volkskrankheit und Gesundheitsepidemie werden oftmals inflationär verwendet. In den Fällen von Krebs, Diabetes und Depression scheint dies angemessen – bei „Rücken“, Kopfschmerzen oder Einsamkeit muss der/ die zynisch geneigte ZuhörerIn eher schmunzeln. Doch die Gefahren von chronischer Einsamkeit sind weitaus ernster, als man denken mag. Demenz, Schlaganfälle, Angststörungen – dies ist nur ein Auszug einer ellenlangen Liste von Krankheiten, deren Entstehen durch chronische Einsamkeit begünstigt werden kann. Prof Dr. Dirk Scheele, Leiter der Abteilung Social Neuroscience an der Ruhr-Universität Bochum, führt aus:

Schlechte Vorzeichen bei Umbruch und Armut

Oftmals entwickelt sich Einsamkeit in Phasen persönlichen Umbruchs – der Umzug in eine neue Stadt, ein Jobwechsel oder ein Todesfall in der Familie. In solchen Phasen ist man mit veränderten Lebensstrukturen und dem Verlust von bestehenden zwischenmenschlichen Beziehungen konfrontiert. Besonders oft findet man diese Umbrüche im jungen Erwachsenenalter oder ab 65 Jahren – quasi bei Studienbeginn und Renteneintritt. 

Auch Armut kann ein begünstigender Faktor für Einsamkeit sein. Öffentliche Begegnungsorte, seien es Cafés, Restaurants oder Diskotheken, zeichnen sich in der Regel dadurch aus, dass man dort Geld bezahlen muss für Eintritt, Speisen oder Sonstiges. Wenn die eigene finanzielle Situation die Möglichkeit, an solchen Aktivitäten teilzunehmen, einschränkt, sind Gefühle der Einsamkeit wahrscheinlicher. Auch spielen Schamgefühle der Lebenssituation in den eigenen vier Wänden eine Rolle. Schämt man sich für seine eigene Wohnung, lädt man nur ungern Gäste ein. In Armut zu leben, ist also ein immenser Risikofaktor für Einsamkeit.

Gefahr für das gesellschaftliche Zusammenleben?

Einsamkeit verursacht horrende Kosten für das Gesundheitssystem. Dies erscheint logisch, wenn man bedenkt, welche Krankheiten und Gesundheitszustände dadurch ausgelöst werden können. Doch auch unser gesellschaftlicher Zusammenhalt und die Demokratie könnten durch Einsamkeit bedroht werden, wie Prof. Dr. Scheele meint. Chronische Einsamkeit stehe unter Umständen in Verbindung mit Anfälligkeit für politischen Extremismus: 

Aus dem Loch entkommen

Chronische Einsamkeit ist unfair, denn: Leidet man erst lange genug daran, wird es umso schwieriger, wieder aus dem Sog der Negativität zu entkommen. Dies liegt daran, dass sich mit fortschreitender Leidenszeit kognitive Verzerrungen im Gehirn entwickeln. Betroffene bewerten zwischenmenschliche Interaktionen als negativ, obwohl sie es nicht sind. Sie erwarten, dass der Gegenüber nicht vertrauenswürdig ist oder sie nicht ernstnimmt. Dies führt zu einem Teufelskreis, der das Entkommen aus der Situation mit fortschreitender Leidenszeit zunehmend komplizierter macht. 

Dennoch gibt es zur Bekämpfung von Einsamkeit nur eine Möglichkeit: Die Aufnahme von zwischenmenschlichen Kontakten, wie Debora Brickau, die gerade ihren Doktortitel an der Ruhr-Universität Bochum anstrebt und dort zum Thema Einsamkeit forscht, weiß:

Entscheidend ist also auch politisches Handeln. Höhere Investitionen in Präventions- und Interventionsmaßnahmen, Schaffung von Begegnungsorten für alle Altersgruppen und Enttabuisierung wären Experten zufolge sinnvolle Maßnahmen, um Einsamkeit zu bekämpfen. 

Dies scheint bis jetzt nur ein Wunschdenken zu sein. In anderen Ländern wurde die Gefahr für Volkswirtschaft und Gesamtgesellschaft erkannt, als Beispiel ist hier Großbritannien anzuführen. Dort wurde im Jahr 2018 ein Ministerium für Einsamkeit eingeführt. Hierzulande wird das Thema von der Politik bis jetzt stiefmütterlich behandelt. Es bleibt zu hoffen, dass endlich die Gefahr für Gesellschaft und Volkswirtschaft erkannt wird und wirksame Maßnahmen ergriffen werden.

Perspektive einer Betroffenen

Selina ist 21 Jahre jung und fühlt sich seit ihrer frühen Jugend einsam. Ausgelöst durch ein traumatisches Erlebnis zu Beginn ihrer Pubertät litt sie lange Zeit sehr unter ihrer Einsamkeit. Ich traf mich mit ihr an einem kalten Dezembertag am Braunschweiger Kreuzteich, um mit ihr über ihr Leiden, den Weg zur Erkenntnis und mögliche Gründe der steigenden Einsamkeits-Zahlen bei jungen Menschen zu sprechen.

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