Der historische Marktplatz im Herzen Hildesheims. Dutzende von Menschen tummeln sich hier, um einzukaufen, Freunde zu treffen oder von den umliegenden Schulen aus nach Hause zu eilen. Doch kaum jemand schenkt der beeindruckenden Kulisse aus dem 16. Jahrhundert Beachtung. Viele Augen sind stattdessen auf das Handy gerichtet.
Ein junger Mann hält am Straßenrand vor einem Schaufenster an. Ich gehe zu ihm und frage nach seiner Meinung zu Stadtführungen. „Schon ganz gut“, antwortet er. Doch eigentlich sei das eher etwas für Menschen, die nicht viel im Internet unterwegs seien.
„Heutzutage kann man ja schließlich alles googeln“
Die Aussage des jungen Mannes deckt sich mit den Erkenntnissen des Jugend-KulturBarometers des Zentrums für Kulturforschung (ZfKf). Bereits 2012 machten die Erhebungen darauf aufmerksam, dass Heranwachsende im Alter von 14 bis 24 Jahren immer weniger Interesse an klassischen Kulturangeboten zeigen – dazu zählen auch Stadtführungen in Deutschland.
Laut Dr. Doreen Götzky, Kulturwissenschaftlerin und Leiterin des Kreismuseums in Peine, wird es für klassische Kulturangebote daher zunehmend schwieriger, ausreichend Publikum zu finden. Neben dem Internet sei ein wahrnehmbarer Grund die Vielzahl an Möglichkeiten der heutigen Freizeitgestaltung. Eine Person, welche früher ausschließlich die gute Musik der Oper zu schätzen wusste, habe heute kein Problem mehr damit, den nächsten Tag im Stadion zu verbringen und die Lieblings- Fußballmannschaft anzufeuern. Denn kulturelle Interessen sind heutzutage weniger milieuspezifisch als in der Vergangenheit. Die Auswahl an Freizeitangeboten ist groß, die freie Zeit im Alltag hingegen begrenzt. Für kulturelle Angebote bedeutet dies, dass sie in Konkurrenz zu einer Vielzahl von anderen Freizeitangeboten treten müssen.
Um mir ein genaues Bild über die aktuelle Situation zu verschaffen, nehme ich selber an einer Tour durch Hildesheim mit Stadtführerin Susanne Kiesel teil.

©Milena Daniel
Schon bei meiner Ankunft am Treffpunkt wird mir bewusst, wie sehr ich den Altersdurchschnitt nach unten ziehe. Die meisten Personen könnten dem Alter nach zu urteilen meine Eltern sein. Zugegeben handelt es sich um eine klassische Stadt- und keine Sonderführung, dennoch macht mich diese Beobachtung nachdenklich.
Kulturelles Interesse wächst mit dem Alter
Das im Vergleich zu anderen Altersklassen geringe Interesse an Stadtführungen bestätigt auch das zweite Jugend-KulturBarometer. 62 Prozent der Befragten im Alter von 14 bis 24 Jahren gehen davon aus, dass sie kulturelle Angebote erst intensiver nutzen werden, wenn sie 45 Jahre oder älter sind. Als Grund wird hier der eigene Freundeskreis genannt. Besteht kein gemeinsames Interesse an Kulturangeboten, werden diese auch nicht besucht. Dieses Verhalten beobachtet auch Dr. Götzky. Junge Menschen besuchen das von ihr geleitete Museum überwiegend im Rahmen von Schulkassen oder mit der Familie – jedoch selten allein oder mit Freunden.
Und schon während meiner Teilnahme an der Stadtführung bestätigen sich diese Aussagen. Eine Traube an Menschen, die um eine Dame mit auffälligem Look steht und beeindruckt einen goldenen Pferdekopf betrachtet, macht natürlich auf eine Stadtführung aufmerksam. Aber eben ausschließlich bei älteren Menschen. Einzig ein Kindergartenkind mit Dinorucksack huscht an uns vorbei – junge Erwachsene sind nicht zu sehen.
Wenn junge Menschen bereits heute wenig Zeit für Kultur aufbringen und später durch vielfältige Interessen weiterhin kaum Platz für kulturelle Angebote bleibt, führt dies zu einem fortlaufenden Verlust kultureller Teilhabe.
Bei der Abkehr von klassischen Kulturangeboten spielen für Jugendliche aber auch andere Faktoren eine Rolle. Dr. Götzky weist darauf hin, dass auch die abnehmende Aufmerksamkeitsspanne, die unter anderem durch mediale Prägungen verursacht wird, eine Rolle spielt. Dauern Vorträge oder Führungen zu lange, könne es dazu kommen, dass Langeweile empfunden und abgeschaltet wird. Aus diesem Grund ist es ihr wichtig, für das unter ihrer Leitung stehende Museum Formate zu entwickeln, die an die Rezeptionsgewohnheiten und Lebenswelten Jugendlicher anknüpfen.
Das folgende Video nimmt euch mit auf einen lebendigen Rundgang durch Hildesheim. Erfahrt, wie junge Menschen über Stadtführungen denken, wie Stadtführerin Kiesel den Mangel an jungen Teilnehmern erlebt und welche neuen Wege Hildesheim Marketing entwickelt, um die Jugend zu begeistern.
Neue Wege für Stadtführungen
Neben dem verstärkten Einsatz von Social Media sollte vor allem die Anpassung der Stadtführungen an die Interessen junger Menschen Priorität haben.
Laut Sabine Hartung, Mitarbeiterin von Hildesheim-Marketing, sei dies bereits im vollen Gange. In Zusammenarbeit mit der Hildesheimer Stadtführer-Gilde e.V. werde aktuell eine Tour durch die Filmkulissen der Region à la „Hollywood in Hildesheim“ geplant.
Aber kann ein solches Angebot das Interesse junger Menschen an Stadtführungen wecken? Diese Frage interessiert mich brennend. Also kehre ich nach meiner Stadtführung auf den Marktplatz zurück und spreche eine junge Frau an. Mit einem dampfenden Crêpe in der Hand lächelt sie und erklärt, dass sie selber noch nie eine Stadtführung besucht hat. Auf meine Frage, ob sie eine Stadtführung über Drehstätten in der Region Hildesheim interessant fände, beginnen ihre Augen zu leuchten. Erst kürzlich habe sie eine Serie gesehen, die auf Schloss Marienburg gedreht wurde. Die Möglichkeit, sich dort umzusehen und Hintergrundinformationen zu erhalten, fände sie faszinierend.
Für Stadtführerin Kiesel macht genau dies den Mehrwert einer persönlichen Stadtführung aus: vor Ort sein, Fragen stellen, Geschichten in der Gruppe erzählen und mit wenigen anderen Menschen exklusive Informationen zu erhalten. Dies sind alles Dinge, die Stadtführungen erst so besonders machen und Erfahrungen bieten, die durch ein Video auf YouTube oder einen Artikel bei Wikipedia nicht möglich wären.
Chancen des digitalen Wandels
Der digitale Wandel des 21. Jahrhunderts kann auch Chancen bieten. Unterschiedliche Formate können Geschichte und Kultur noch einmal neu aufgreifen und auf eine Weise vermitteln, welche das Interesse bei jungen Menschen weckt.
Ein gutes Beispiel liefert hier die „Lauschtour“ der Stadt Hildesheim. Durch die Förderung im Rahmen der „Perspektive Innenstadt (REACT-EU)“ wurde ein digitaler Audioguide entwickelt. Mithilfe einer App können Interessierte nun selbstständig eine Stadtführung unternehmen. Anhand von GPS-Tracking wird der passende Beitrag automatisch beim Erreichen einer Sehenswürdigkeit abgespielt. HörerInnen erhalten daraufhin ein kurzes Hörspiel, welches alle wichtigen Informationen kompakt wiedergibt.
So bietet das digitale Angebot nicht nur die Möglichkeit, eine Stadtführung im eigenen Tempo zu durchlaufen, sondern ist auch eine attraktive Möglichkeit für spontane Abenteuer in der Stadt.
Um ein Gespür für diese neue Art der Stadtführung zu erhalten, folgt nun ein interaktives Interview mit Herrn Sven Abromeit, Vorsitzendem des Hildesheimer Heimat- und Geschichtsvereins. Von ihm erfahre ich, ob die Lauschtour tatsächlich Potenzial hat.

©Milena Daniel

©Milena Daniel

©Milena Daniel
Obwohl klassische Stadtführungen heute mehr denn je unter Druck stehen, zeigt die Entwicklung neuer Angebote, dass bereits ein Wandel stattfindet. Neue Formate ermöglichen es, Geschichte und Kultur auf moderne, ansprechende Weise zu erleben – und vielleicht auch, junge Menschen wieder mehr für kulturelle Angebote zu begeistern.
Teaserbild: Milena Daniel