Sucht als Trend

Immer mehr junge Menschen möchten ihrer Realität entfliehen. Viele greifen daher zu Drogen oder flüchten in eine mediale Welt. Dabei ist die Gefahr einer Sucht nicht zu unterschätzen.

Clubabend, ausgelassene Stimmung auf der Tanzfläche. Euphorische Menschen, teils wegen der guten Musik, teils weil sie high, druff, im Rausch sind. Der Freizeit-Drogenkonsum der jungen Generation nimmt zu. Eine größere Palette an Drogen, eine stärkere Konzentration und eine einfache Beschaffung. Konsum ist geradezu im Trend.
Doch die Grenze zwischen kontrolliertem Konsum und Abhängigkeit verwischt leicht. Gerade junge Leute können oft nicht einschätzen, ob ihr Konsum schon problematisch ist und ab wann man besser aufpassen sollte. Dabei fängt es schon bei den grundlegenden Fragen an: Was ist eine Abhängigkeit und ab wann bin vielleicht auch ich davon betroffen?

Larissa Wassmann ist seit über zwei Jahren als Sozialarbeiterin und Sozialpädagogin bei der Jugend- und Drogenberatungsstelle in Braunschweig (DROBS) tätig. Dort arbeitet sie vor allem in der jugendspezifischen Beratung, aber auch bei der Drogenberatung im Erwachsenenbereich sowie im Bereich Glücksspiel.
Sie erklärt, dass man eine Drogenabhängigkeit durch die International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems der WHO, kurz ICD-10 feststelle.
Das ICD-10 beschreibt eine Abhängigkeit anhand der folgenden Kennzeichen:

  1. Starker Konsumdrang, also eine Art Zwang zu konsumieren
  2. Kontrollverlust in Bezug auf den Beginn, die Beendigung oder die Menge des Konsums
  3. Toleranzentwicklung im Sinne von erhöhten Dosen, die erforderlich sind, um die ursprüngliche durch niedrigere Dosen erreichte Wirkung hervorzurufen
  4. Körperliche Entzugssymptome
  5. Vernachlässigung anderer Interessen zugunsten des Substanzkonsums, erhöhter Zeitaufwand, zum Substanzkonsum oder sich von den Folgen zu erholen
  6. Anhaltender Substanzkonsum trotz des Nachweises eindeutig schädlicher Folgen

Treffen drei dieser sechs Kennzeichen innerhalb eines Jahres zu, habe man ein Abhängigkeitsverhalten. Laut Frau Wassmann gehe also auch ein kontrollierter Konsum, solange man sich Regeln und Grenzen setze und genügend Pausen zwischen dem Konsumieren einlege.

„Natürlich kommt es immer auf die Persönlichkeit des Konsumenten an. Habe ich genügend ausreichende Alternativen gelernt, um mit negativen Erfahrungen, Stimmungen, Gefühlen umzugehen? Oder ich habe  ein Hobby oder eine andere Bewältigungsstrategie, dann ist die Gefahr, dass man Abhängigkeitskrank wird, gar nicht mal so groß“, sagt Frau Wassmann weiter. Die Bagatellisierung des Konsums sei allerdings eine Gefahr. Abhängige in der Therapie berichteten oft, dass es ein jahrelanger Prozess sei sich eine Krankheit einzugestehen und Probleme oft erst unbewusst existierten.

Die Drogenszene mitsamt ihren Substanzen und ihren Konsumierenden verändern sich stetig. Neue Drogen und psychoaktive Substanzen, wie etwa Opiate, kommen auf den Markt. Dealer und Konsumierende werden kreativ bei der Verwendung von Medikamenten wie beispielsweise Benzodiazepinen und die Musikszene redet an eine junge Zielgruppe gerichtet, vom „Druff sein“.

Opiate:
Opiate sind psychoaktive Substanzen, die aus dem Milchsaft des Schlafmohns gewonnen werden. Der Milchsaft, das Rohopium, enthält hauptsächlich Morphin und Codein. Opiate haben ein sehr hohes Abhängigkeitspotential, das heißt sie können eine starke körperliche und psychische Abhängigkeit bewirken. Der Körper verfügt ebenfalls über eigene opiatähnliche Stoffe, die Endorphine genannt werden.
Weitere Informationen unter:
https://www.drugcom.de/drogenlexikon/buchstabe-o/opiate/

Benzodiazepine:
Benzodiazepine (Kurz Benzos) sind verschreibungspflichtige Medikamente, die als Schlaf- oder Beruhigungsmittel eingesetzt werden. Sie haben vor allem eine angstlindernde und beruhigende Wirkung. Bedrohliches wandelt sich in eine leicht verkraftbare Unwichtigkeit, Unruhe verschwindet, Furcht zerrinnt.
Weitere Informationen unter:
https://www.drugcom.de/drogenlexikon/buchstabe-b/benzodiazepine/

Außerdem ist schon lange ein zunehmender Cannabiskonsum bei der jungen Generation zu beobachten. Für sie ist kiffen nicht mehr nur ein Selbstzweck. Der Konsum trägt gerade zu zur Entwicklung der Identität und von sozialen Beziehungen bei. Cannabis ist schlichtweg ein Teil von vielen jugendlichen Subkulturen geworden.

Zunehmender Cannabiskonsum der 15- 34-Jährigen (Quelle: Emma Schrauth und Viktoria Merckens)

Die seit Jahren kursierenden Legal Highs, die auch als Neue psychoaktive Substanzen (NPS), Research Chemicals oder Designerdrogen geläufig sind, sind weit verbreitet. In ihrer Wirkung ähneln sie oft bekannten Substanzen wie Cannabis, Ecstasy oder Amphetaminen. Anders als ihr Name allerdings den Anschein erweckt, sind Legal Highs alles andere als legal und vor allem nicht ungefährlich. Der Szenename wurde vermutlich aus Gründen der besseren Vermarktung von den Händlern dieser Substanzen geprägt. Produkte werden oft als „Räuchermischungen“, „Badesalze“ oder „Reiniger“ verkauft, um den eigentlichen Zweck der Produkte – den Konsum – zu verschleiern und rechtliche Bestimmungen des Betäubungsmittelgesetzes (BtmG) zu umgehen. 

Ihre Wirkung lässt sich aufgrund der vielen unterschiedlichen Substanzen nicht klar beschreiben. Da der Begriff Legal Highs eine gewisse Harmlosigkeit suggeriert, wird das Gefahrenpotential von Konsumierenden oft unterschätzt. Außerdem stehen die Wirkstoffe, wenn überhaupt, nur unvollständig auf den Verpackungen, wodurch weder über die Menge noch über die Zusammensetzung eine sichere Aussage gemacht werden kann.

Um das Betäubungsmittelgesetz zu umgehen, entwickeln kreative Chemiker laufend neue Wirkstoffe, die nicht ausdrücklich in diesem erwähnt sind. Um dies zu verbieten, ist am 26. November 2016 ist ein Gesetz in Kraft getreten, dass nicht mehr einzelne Substanzen, sondern ganze Stoffgruppen umfasst. Das Neue-psychoaktive-Stoffe-Gesetz (NpSG) umfasst vor allem synthetische Cannabinoide, Phenethylamine und Cathinone.

Zunahme der NPS in Europa (Quelle: Emma Schrauth und Viktoria Merckens)
Zunahme der beschlagnahmten NPS-Mengen in Europa (Quelle: Emma Schrauth und Viktoria Merckens)

Bei diesen, wie bei vielen anderen neuen psychoaktiven Substanzen, ist seit Jahren eine wachsende Vielfalt zu beobachten, aber vor allem auch eine wachsende Vielfalt zu beobachten, aber vor allem auch eine wachsende Menge im Umlauf.

Nicht nur der Drogenmarkt und seine KonsumentInnen ändern sich, sondern auch die Welt um sie herum und ihre Lebensumstände sind im Wandel. Gerade junge Leute sind heutzutage hohen Belastungen ausgesetzt. Frau Wassmann sieht auch darin eine Gefahr: „Es ist ein ganzes Potpourri aus vielen Belastungen, Problematiken, die junge Leute zum Drogenkonsum führen. Da kann unter anderem natürlich auch Leistungsdruck drunter fallen. Das ist schon glaube ich auch ein Grund zu konsumieren, um diesem Pensum einfach gerecht zu werden.“ Um dem stressigen Alltag zu entfliehen, greifen viele Jugendliche regelmäßig auf Social Media zurück, doch auch dort werden sie mit Drogen konfrontiert.

Herr Kregel, ebenfalls von der DROBSSuchtberatung in Braunschweig hat mit uns über den Zusammenhang von Drogen und Social Media gesprochen. Er ist Sozialarbeiter und Suchttherapeut und leitet die Einrichtung. Sein Schwerpunkt liegt bei der exzessiven Mediennutzung. Auch er sieht einen Zusammenhang zwischen Social Media und Drogenkonsum.

Social Media mag zwar junge Leute in virtuellen Kontakt mit auch harten Drogen bringen, doch vor allem der Kontakt zu Dealern in der realen Welt gefährdet Jugendliche und junge Erwachsene. Lange schon hält sich die These Cannabis als Einstiegsdroge, entweder, weil es Hemmschwellen sinken lässt oder, weil es KonsumentInnen an den illegalen Markt bringt. 

Mittlerweile scheinen sowohl in der realen Welt als auch online viele Anreize zum Konsum, vor allem für Jugendliche und junge Erwachsene, zu existieren. Die Gefahr einer Abhängigkeit besteht immer, oft auch schon bei erstmaligem Konsum. Doch was kann man nun gesellschaftlich und auch im Einzelnen tun, um diese Gruppe zu schützen?

Doch nicht alle schaffen die Balance zwischen Freizeitkonsum und Abhängigkeit. Ist man erst einmal in einer Sucht gefangen, ist es schwer, wieder herauszukommen. Das fängt schon damit an, sich überhaupt ein Problem einzugestehen. Und auch wenn man schnell in einen problematischen Konsum rutschen kann, ist der Weg hinaus anstrengend und schwer. Wie es ist, wenn man eine Abhängigkeit entwickelt hat und wie sich das Leben nach der Sucht gestaltet, erzählt ein ehemaliger Drogenabhängiger. Er möchte anonym bleiben.

Süchtig kann man nicht nur von illegalen Substanzen wie Cannabis, Heroin oder Kokain werden. Auch vermeintlich harmlose Substanzen oder auch Beschäftigungen können zu einer Sucht ausarten. Vor allem Medien können zu einem Bestandteil im Leben werden, auf die man nicht mehr verzichten kann, was zu einer sogenannten Mediensucht führen kann. 

Acht Stunden Bildschirmzeit am Handy und nebenbei noch Netflix laufen haben, das ist heutzutage schon fast normal geworden. Besonders seit der Corona-Pandemie ist die Mediennutzung im Bereich Gaming und Social Media von Jugendlichen laut der DAK-Studie aus 2020 gestiegen. In dieser Studie wurden 824 Elternteile und ihre Kinder im Alter von zehn bis 18 Jahren befragt. Hier lässt sich erkennen, dass die Nutzung von Gaming-Angeboten sowie die Nutzung von Social Media im Vergleich zu den Jahren vor Corona gestiegen ist.


Doch ist jede/r, die oder der viel Zeit am Handy und Computer verbringt, automatisch mediensüchtig? Diese Frage wird unter anderem im Folgenden von Florian Kregel, Sozialarbeiter und Suchttherapeut mit Fokus auf Online – und Medienberatung, beantwortet.

Die Sucht nach Medien ist offiziell nicht als Krankheit anerkannt. Nur die Computersucht, auch Gaming Disorder genannt, gilt als eine offizielle Krankheit. Diese deckt jedoch nur einen Teilbereich des breiten Medienangebots ab. Männer sind eher von der Gaming Disorder betroffen, während internetsüchtige Frauen vor allem in sozialen Netzwerken aktiv sind. Diese Beobachtung wird in der DAK-Studie bestätigt. Hier lässt sich erkennen, dass besonders 16- bis 18-Jährige täglich in den sozialen Netzwerken aktiv sind. Auffällig dabei ist: Mädchen nutzen diese insgesamt häufiger.

Checkliste Suchtverhalten im Bereich Gaming

  1. Regelmäßiger Kontrollverlust 
  2. Fortsetzung des Verhaltens trotz negativer Auswirkungen 
  3. Interessenvernachlässigung
  4. Allgemeine Leistungsschwäche 
Digitale-Spiele-Nutzung
Soziale Medien Nutzung

Cyber Mobbing, Stalking und Grooming sind nur einige der vielen Folgen, die eine Mediennutzung mit sich bringen kann. Doch es gibt auch andere Risiken, die sogar gesundheitliche Konsequenzen für die Suchterkrankten haben könnten. 

Grooming:
Wenn sich eine Person im Internet das Vertrauen von jungen Menschen erschleichen, um sie sexuell auszunutzen

Je nach Internetsucht kommt es also zu unterschiedlichen körperlichen und psychischen Beeinträchtigungen. Ungesunde Ernährung, schlechte Körperhaltung und mangelnde Bewegung sind beispielhafte Folgen einer übermäßigen Internetnutzung. Auch Social Media bringt gesundheitliche Risiken mit sich. Laut Herrn Kregel kann ein übermäßiger Medienkonsum durch den Druck, der durch diese Netzwerke entsteht, zu einer Depression bei den Nutzenden führen. Dies bestätigt eine Studie der Universitäten Arkansas und Pittsburgh. Diese beobachteten 1.289 Probanden im Alter von 18 bis 30 Jahren über einen Zeitraum von sechs Monaten. 990 der StudienteilnehmerInnen gaben zu Beginn an keine depressiven Symptome zu haben. Nach den sechs Monaten hatten 95 Teilnehmer diese Symptome entwickelt. Die StudienteilnehmerInnen mit der größten Social-Media-Nutzung hatten ein 2,8-fach höheres Risiko an Depression zu erkranken als die Teilnehmenden mit der niedrigsten Social-Media-Nutzung.

Mediensucht ist keine Sucht, der man im Alltag, anders als bei illegalen Drogen, aus dem Weg gehen kann. Ob bei Freunden zuhause, beim Einkaufen oder in den eigenen vier Wänden: Medien sind überall. Dies führt bei einer abhängigen Person zu Problemen, denn genau diese Droge soll in ihrem Leben reduziert werden. Wie können Medienabhängige dann ihre Sucht überwinden?

Oft bemerken Betroffene nicht, wie tief sie in die Sucht gerutscht sind, da der Prozess sich schleichend entwickelt. Zudem muss die Erkenntnis da sein, bevor man sich für eine Hilfesuche entscheidet, doch dies fällt den Betroffenen häufig schwer. 

Wie es aussehen kann, wenn eine Person langsam der Sucht verfällt, veranschaulicht der folgende Kurzfilm.

Sucht ist ein weit verbreitetes Thema in der heutigen Gesellschaft, denn man kann nicht nur nach Substanzen süchtig werden, sondern auch nach alltäglichen Beschäftigungen, wie es die Mediensucht zeigt. Eine Sucht kann von Person zu Person unterschiedlich verlaufen, ebenso wie die Therapie individuell und auf die Sucht anzupassen ist. Bei Drogenmissbrauch ist die Abstinenz das Ziel, während bei der Mediensucht ein verantwortungsbewusster Umgang mit Medien hergestellt werden soll. Fest steht: Eine Sucht sollte behandelt werden, denn aus eigener Kraft schaffen es nur die wenigsten ihrem Suchtmittel zu entkommen. Es gibt nicht nur Suchtberatungen, die einem bei einer Sucht helfen können, auch Selbsthilfegruppen oder Hausärzte können erste Anlaufstellen sein.

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