Kunst im Doppelpack: Zwei Schwestern, zwei Leidenschaften

Nadel und Faden, Kamera und Blende, Yin und Yang. Linna und Alexandra sind ein unzertrennliches Ästhetik-Duo. Sie sind nicht nur Geschwister, die sich gut verstehen, sondern auch Geschäftspartnerinnen. Zwei Schwestern und ihre Arbeit.

Quelle: Eigene Aufnahme

“Your garbage is my passion”

Alexandras erste Kollektion taufte sie “Resuits”. Herrenanzüge aus den 90ern von einem Bekannten, die sonst im Müll gelandet wären. Zuerst legt sie die Teile zur Seite. Später beschließt sie, sie weiterzuverarbeiten. Neu gedachte, einzigartige und vor allem nachhaltige Frauenbekleidung entsteht – ihre erste eigene Kollektion. 

Alexandra Martin, geborene Hensel, ist 43 Jahre alt und studierte Diplomdesignerin. 2004 bis 2010 studierte sie in Hannover, knüpfte Kontakte und verliebte sich in ihren Job. Ihre Berufung. 

Bei New Yorker arbeitet sie als Set of Design für die jüngere Zielgruppe. Zu der Zeit, gibt sie zu, habe sie noch nicht auf Nachhaltigkeit geachtet und selbst noch fast Fashion gekauft und getragen. Mittlerweile geschehe das jedoch viel bedachter, weniger impulsiv. Sie betont, dass es auch wichtig ist, was nach dem Tragen mit der Kleidung passiert. Wirft man es weg oder gibt man es weiter? “Dieses Schnelllebige, das ist nicht die Mode”, erklärt sie. “Die Mode ist da, um zu verstärken oder dieses Gefühl der Frau zu geben, was sie eben an diesem Tag ausdrücken möchte. Ist sie stark, drückt sie das durch ihre Kleidung aus, ist sie romantisch, drückt sie das durch ihre Kleidung aus. Und wir wissen, Frau ist mal stark, mal romantisch, mal so. Kommt darauf an, welchen Tag wir heute haben.“

Bei New Yorker schaut sie hinter die schicke Fassade der Modeindustrie. Produktionen in immensen Massen, viel für die Tonne. Zu viel. “Es landet viel auf dem Müll, nicht bei uns, sondern andere Länder werden zugemüllt.” 

Fast Fashion: Auswirkungen und Alternativen
Mode ist nicht nur ein Ausdruck von Individualität, sondern auch ein Spiegel der aktuellen gesellschaftlichen Zeit. Die Modeindustrie wird jedoch immer schneller, mit sich ständig häufenden Trends. Fast Fashion mag zwar schnell, billig und trendy sein, beherrscht aber den Modemarkt und führt zu niedrigen Preisen, übermäßigem Konsum und enormem Abfall. Die Produktion dieser Kleidungsstücke verursacht erheblichen Wasserverbrauch, setzt Chemikalien frei und trägt zur Verschmutzung von Gewässern durch Mikroplastik bei. Die Europäische Umweltagentur (EUA) berichtete, dass der Textilverbrauch pro Durchschnittsbürger in der EU im Jahr 2020 400 Quadratmeter Land, neun Kubikmeter Wasser und 391 Kilogramm Rohstoffe betrug. Dadurch entsteht ein CO2-Fußabdruck von etwa 270 Kilogramm. Neben den Umweltauswirkungen kommen häufig unmenschliche Arbeitsbedingungen in der Produktion hinzu. 

Seit der Jahrtausendwende hat sich die weltweite Kleidungsproduktion mehr als verdoppelt, und der durchschnittliche Deutsche besitzt etwa 60 Kleidungsstücke. Der Trend des Online-Shoppings verstärkt diesen Konsum weiter. Jährlich entstehen zwischen 80 und 400 Tonnen Mikroplastik durch Kleidung, wobei weniger als ein Prozent des Materials für die erneute Herstellung genutzt wird. 80 Prozent der weltweit anfallenden Altkleider landen auf Deponien oder werden verbrannt.

Als nachhaltige Alternativen bieten sich Fair Fashion, Second-Hand- und Vintage-Läden an. Wenn Kleidung nicht mehr gebraucht wird, kann sie weitergegeben werden, sei es durch Spenden, Verschenken oder Verkaufen.

Nach acht Jahren bei New Yorker kündigt Alexandra. Burnout. Zu viel, zu schnell. Sie verliert ihr Gefühl für Mode, den Bezug zu ihrer Passion. Alexandra nimmt sich eine Pause, fokussiert sich auf sich und ihre Gesundheit. Was als nächstes kommen soll, kein Plan. 

In dieser Ungewissheit entsteht ihr Herzensprojekt: Ihre Firma Hensel Studios. Statt zurück in die Modeindustrie zu gehen, wagt sie einen neuen Schritt. Im März 2023 beginnt Alexandra, sich selbstständig zu machen. Ein halbes Jahr arbeitet sie auf ihren Traum hin. Nähen, Shootings, Website, Onlineshop, Marketing, nachhaltiger Versand. Alles macht sie selbst. Unterstützung bekommt sie von ihrer Familie. Ihre Brüder, die sich an die Website machten, und ihre Schwester Linna, die speziell für Shootings zuständig ist und immer dann, wenn ein weiterer kreativer Kopf gebraucht wird. “Am liebsten wäre ich nur im Design”, gibt Alexandra lachend zu. 

Schon als Kind machte Alexandra das, was heute Bestandteil ihrer Marke ist. Nähen. Seit sie fünf Jahre alt ist, hantiert sie mit der Nähmaschine. Sie hat es sich selbst beigebracht. Dieses Talent gibt sie weiter. In den letzten Jahren gab sie immer wieder Nähkurse für Kinder in Wolfsburg, “Mini Design”. 

Mit ihrer Arbeit und ihrer Kleidung möchte sie die Welt dazu bewegen, umzudenken und den Menschen zu vermitteln, dass wir aus unserem Müll unglaubliche tolle Sachen machen können. 

“Wolfsburg ist nicht die allergrößte Liebe und doch die größte Liebe”. Was sie als Modedesignerin in der Autostadt Wolfsburg hält, sei die Familie. Als sie das erste Mal von Zuhause auszog, habe sie verstanden, dass sie ein Fundament aus Familie und Freunden braucht. “Durch das Internet ist es egal wo man sitzt”, sagt sie. Sie selbst nutzt und bespielt Instagram für ihre Arbeit am meisten. 

Familie und Arbeit sind bei ihr und dem Rest der Familie Hensel eng miteinander verbunden. Sie selbst hat zwei Kinder, einen 18 Jahre alten Sohn und eine 6 Jahre alte Tochter. Ihr Sohn unterstützt das Schwestern-Duo mittlerweile und macht sich im Fotostudio seiner Tante an die Bildbearbeitung. 

Alexandra arbeitet viel von zuhause aus und versucht beides unter einen Hut zu bekommen und nichts zu vernachlässigen. “Man zerreißt sich als Frau, doch im Endeffekt versteht man, dass man tatsächlich alles kann.” Ein schlechtes Gewissen habe sie trotzdem immer, gesteht sie lachend.

Autumn ‘23 Resuits Collection 

Quelle: henselstudios.com 

Quelle: Instagram Linna Hensel 

Zwischen Linse und Laufsteg

Im Leben eng miteinander verwebt, finden Linna und Alexandra eine untrennbare Verbindung, auch in ihrer Arbeit. “Eine dicke Schnur, die niemals reißen würde”, so beschreibt es Linna. Durch Alexandras Designarbeiten während des Studiums, landet Linna unweigerlich in der Modewelt und modelt für die Kleider ihrer Schwester. 2002 nimmt sie an der Miss Niedersachsen Wahl teil und wird zur Miss Hannover gekrönt. Doch Linna erkennt früh, dass ihre wahre Bestimmung nicht vor, sondern hinter der Kamera liegt. Linna Hensel ist 42 Jahre alt, alleinerziehende Mutter und stolze Besitzerin eines eigenen Fotostudios in Wolfsburg. 2015 wagte sie den Schritt in die Selbstständigkeit: Ihr eigenes Fotostudio “Hensel Photography”. 

An ihren ersten Auftrag erinnert sie sich gut. Eine Hochzeit einer bekannten Familie. Die Fotos sind heute ausgestellt in ihrem Studio. Bis zu den Schlüsseln ihres eigenen Studios, ging Linna jedoch einige Umwege. Zuerst arbeitet sie in der Gastronomie, realisiert aber schnell, dass sie für das Kreative geschaffen wurde. “Das Kreative habe ich von meinem Vater”, erklärt sie. Als sie dann einen Zugang zu Photoshop erhält, macht sie sich bei einem All Nighter damit vertraut und kann die Finger einfach nicht mehr von dem Programm lassen. Linna stolpert dann über eine Stellenanzeige für ein Praktikum in einem Fotostudio und bewirbt sich sofort. Nach drei Monaten wird sie übernommen und erhält eine Festanstellung. Doch es fehlte ihr an Abwechslung und der Bezug zur Fashion-Szene. Zwei Jahre später hört sie auf und arbeitet zusammen mit Alexandra bei New Yorker und kümmert sich weltweit um die Schaufensterdekoration. Linnas Schwangerschaft sorgte dann für eine Pause in ihrer Karriere. Zu dieser Zeit entsteht die Idee eines eigenen Fotostudios. “Eineinhalb bis zwei Jahre dauerte es, bis das Ganze Früchte getragen hat”. Anfangs hat Linna ihr Portfolio aufgebaut, ohne daran zu verdienen. 

Die Pandemie trifft das Studio dann mit voller Wucht. Über Nacht muss sie die Türen schließen. Die sich ständig ändernden Corona-Auflagen erschweren ihre Arbeit. Aufträge bleiben aus. Doch inmitten dieses Chaos halten die plötzlich irrsinnig hohen Nachfragen an HochzeitsfotografInnen ihr Studio am Leben. 

Heute, sagt Linna stolz, kann sie von ihrer Selbstständigkeit leben. Auf die Frage, wie sie Arbeit und Privates miteinander vereinbart, lacht sie. “Böse Frage”. Sie versucht so wenig wie möglich mit nach Hause zu nehmen, hat sich jedoch einen Laptop gekauft, um flexibler zu sein und eben doch, falls nötig, zuhause weiterarbeiten zu können.

Linnas Portfolio ist vielfältig. Wedding-, Business-, Baby-, Familien-, Instagram-Fotos, Reels und Sedcards für Models. Ein breites Spektrum, alles, was das Herz begehrt. Doch für Fashion Shootings brennt sie am meisten. Gemeinsam mit ihrer Schwester. “Sie gibt mir Feuer unter’m Hintern und fordert mich auch in der Fotografie, was Fashion angeht”, erzählt Linna lachend. Das soll auch in Zukunft so bleiben. 

“Sie gibt mir Feuer unter’m Hintern” 
Fotografie und Fashion gehören zusammen. Genauso wie Linna und Alexandra. Die beiden ergänzen sich in ihrer Arbeit, den Designs und durch die Fotografie. Ihr gemeinsamer nächster Meilenstein ist schon in Sichtweite. Es wird eine zweite Kollektion geben: “Protect”.  Die Kollektion soll teilweise unisex werden. “Die Frau soll sich in Herrensachen noch herrischer, noch größer fühlen”, erklärt Alexandra. Aber nicht nur die Frau soll sich geehrt fühlen, sondern alle Geschlechter. Sie betonen, dass es am wichtigsten ist, dass sich die Person in der Kleidung wohl fühlt.

Linna und Alexandra inspirieren und profitieren voneinander, beflügeln und begeistern sich gegenseitig. Aber die Zusammenarbeit “kann ab und zu ganz schlimm werden”, gibt Alexandra lachend zu. Trotzdem wissen sie, dass sie sich jederzeit aufeinander verlassen können. 

Total
0
Shares
Ähnliche Beiträge
Mehr lesen

Gender Planning gegen Sexismus im Stadtplan

Auf dem Weg nach Hause lieber den längeren Weg in Kauf nehmen, um abends nicht allein durch den dunklen Park gehen zu müssen. Eines von vielen Szenarien, die oft Realität für weiblich gelesene Personen sind. Was Gender Planning ist und wie dieser Ansatz das Problem lösen soll.
VON Leonie Gehrke