Vom Bunker zum Bildschirm

Techno hat sich von einer Subkultur zu einem globalen Phänomen entwickelt. Was treibt den Hype an – und wie hat Social Media die Szene verändert?

Techno, geboren in den 1980er Jahren in Detroit, Chicago und später auch in Berlin, hat sich von einer lokalen Szene zu einem globalen Phänomen entwickelt. Die Musik, geprägt von repetitiven Rhythmen, bietet eine Plattform für Selbstentfaltung und Gemeinschaft. Die technologische Entwicklung und die zunehmende Vernetzung haben dazu beigetragen, dass die Technoszene immer zugänglicher und vielfältiger wird. Durch Trance-Remixes von bekannten Liedern und Mitsing-Songs ist Techno gesellschaftsfähig geworden. Die Digitalisierung hat die Produktion und Verbreitung der Musik vereinfacht, während soziale Medien und Streaming-Dienste es ermöglichen, dass KünstlerInnen und Fans weltweit in Kontakt bleiben. Techno-DJs wie der Berliner Kobosil fliegen in Privatjets von Gig zu Gig und werden wie Megastars gefeiert. Techno ist zu einem Businesskonzept geworden und hat sich zu einem Millionengeschäft entwickelt. Mode wird als Luxus-Merchandise vermarktet, und Brands verkaufen speziell auf die Technoszene zugeschnittene Outfits. Wie hat das alles angefangen?

Während der Corona-Pandemie waren die einzigen Partys oft DJ-Streams, die als Club-Ersatz dienten. Plattformen wie HÖR Berlin schufen während der Pandemie eine neue Art der Vernetzung und Förderung von KünstlerInnen. Das Internet hat die Szene erheblich gepusht. Immer mehr Menschen entdeckten Techno für sich und besuchten illegale Partys. Man berichtete von Raves unter Autobahnbrücken, alles festgehalten auf Video. Die alte und neue Generation des Technos stießen aufeinander. Doch wie war die Technoszene damals?

Fedor und Jakob sind Teil des Laut Klubs, der zum Kunst- und Kulturverein Braunschweig gehört. Fedor ist Resident DJ und Jakob ist Kassenwart und legt ebenfalls im Laut Klub auf. 2017 war Fedor zum ersten Mal auf einem Festival in der Nähe von Hannover, dem “Zytanien”. Er erinnert sich: „Damals war Techno noch ganz anders.“ Die Szene war eine subkulturelle Bewegung, die bewusst Abstand zur Mainstream-Musik und -kultur hielt. Kommerzielle Interessen gab es wenig. Die Szene lebte in verlassenen Lagerhallen, Clubs und illegalen Locations, wo die Atmosphäre düster und intim war. Für viele war Techno mehr als nur Musik – es war eine Form der Selbstbefreiung. Es gab keinen Dresscode oder die „richtigen“ Tanzmoves. Die Menschen kamen, um sich in der Musik zu verlieren. Die Nächte waren lang und intensiv, und es gab keine Fotos oder Videos – ein Ort, an dem man sich frei und sicher fühlen konnte.

Jakob hingegen ist frisch dabei. Er kommt ursprünglich aus der Deutschrap-Szene und besuchte 2022 zum ersten Mal den Laut Klub – durch eine für den Club eher untypische Hip-Hop-Veranstaltung. Irgendwann wechselte die Musik zu Techno: Die rhythmischen Beats zogen ihn an und ließen ihn bis zum Ende durchtanzen. Seitdem zieht es ihn jedes Wochenende auf die Floors des dunklen Bunkers. 

Fedor ist der Meinung: “TikTok hat Techno Mainstream gemacht.” Jakob ergänzt: “TikTok hat das Gefühl von Techno kaputt gemacht – also die Freiheit, man kann sein, wer man ist, und tanzen, wie man möchte.” Auf Social Media wird nun alles rund um Techno inszeniert, auch der Clubbesuch selbst. Der Safe Space wird von filmenden Menschen gestört. Zehn- bis 15-Sekunden-Videos, in denen alle total abgehen, vermitteln ein unrealistisches Bild der Szene. Techno ist schneller, härter und jünger als je zuvor. Die Leute schauen sich Videos an, tanzen auf den Partys gleich, kennen den Ursprung und die Geschichte nicht und auch nicht die Verhaltensregeln. Es gibt Tutorials für die richtigen Dance Moves und “Get Ready with Me”-Videos, die zeigen, wie man sich für eine Techno-Party vorbereitet. Fetisch-Outfits, die ursprünglich aus der Darkroom-Szene stammen, sind nun der Dresscode einer jungen Generation von TikTokerInnen, die Techno über Social Media kennengelernt haben.

Techno symbolisiert Toleranz, Vielfalt und Freiheit und steht entschieden gegen Rassismus, Homophobie und Hass. Diese Werte wurden von früheren Generationen hart erkämpft und die Generation Z kann sie nun vollständig leben und sich in noch nie dagewesener Weise ausprobieren. Die neue Bewegung bringt auch positive Seiten mit sich. Viele neue Menschen, die offen sind und sich der Szene anschließen, tragen zu ihrer Vielfalt bei. Die Technoszene wird dadurch immer facettenreicher und passt sich den Veränderungen an. Trotzdem ist es wichtig, sicherzustellen, dass die Werte nicht durch die Kommerzialisierung verloren gehen. Genau diese Einstellung versucht auch der Laut Klub, den Neulingen sowie den alten Hasen der Szene zu vermitteln, indem sie die Kameras am Eingang abdeckt, um den Fokus weiterhin auf die Musik und die Werte zu lenken. Phone off. Awareness on. 

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