Wer hat die Kunst geklaut?

Statuen aus Afrika, Schwerter aus China, Gemälde aus jüdischem Familienbesitz: Museen sind voll von Ausstellungsstücken, die ihnen nicht gehören. Aus diesem Grund versucht die Provenienzforschung die ursprünglichen BesitzerInnen ausfindig zu machen und die gestohlenen Kunstwerke zurückzugeben.

Wenn es um das Urheberrecht geht, nimmt es die EU normalerweise sehr genau. Über riesige DSGVO-Verordnungen und genau geregelte Copyrightgesetze wird immer dafür gesorgt, dass der/die UrheberIn die Rechte und die Einnahmen seiner/ihrer Werke erhält.
Doch das gilt offenbar nicht für Museen. Denn schaut man dort einmal genau nach, dann fehlt von diesen Urheberrechtsgesetzen allzuoft jede Spur. Viele Ausstellungsstücke gehören zwar offiziell den Museen, wurden jedoch während der Kolonial- oder Nazizeit den eigentlichen BesitzerInnen entwendet. In solchen Fällen spricht man von sogenannter Beute- oder Raubkunst und damit von einem nicht selten anzutreffendes Phänomen in Museen vor allem auf dem europäischen Kontinent.

Woher kommen Raub- und Beutekunst?

Viele der Kunstwerke und Antiquitäten haben bis hin zu ihrem Platz in der Museumsvitrine einen langen Weg hinter sich gebracht. Über KunsthändlerInnen oder PrivatsammlerInnen gibt es für Museen viele Möglichkeiten, Ausstellungsobjekte (rechtmäßig) zu erwerben. Bei Raub- und Beutekunst kam es jedoch auf dem Weg ins Museum an einem Punkt zu einer unrechtmäßigen Aneignung des Objektes. Solche Aneignungen haben dabei oft entweder einen kolonialen oder nationalsozialistischen Kontext.
In der Epoche des neuzeitlichen Kolonialismus, welche vom Ende des 15. Jahrhunderts bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts reicht, wurden von europäischen Besatzungsmächten Unmengen an Kunstobjekten entwendet, vor allem solche aus dem afrikanischen und asiatischen Raum. Spuren von diesen widerrechtlichen Mitnahmen sind teilweise heute noch erkennbar. Bei vielen Statuen in europäischen Museen fehlen zum Teil etwa Gliedmaßen. Sie wurden von Soldaten an dünnen Stellen abgesägt, um eine schnelle und einfache Mitnahme zu garantieren. Oft spricht man in diesem Fall auch von Beutekunst, also von Kulturgütern, die während eines Krieges widerrechtlich angeeignet wurden. Wie hoch die Dunkelziffer der gestohlenen Objekte ist, lässt sich unmöglich bestimmen. Experten und Expertinnen gehen allerdings davon aus, dass sich bis zu 90 Prozent des afrikanischen Kulturerbes heute in europäischen Museen und Sammlungen befinden. Das wohl bekannteste Beispiel sind die Benin-Bronzen, eine Sammlung von mehreren tausend Skulpturen und Tafeln, welche im Zuge der afrikanischen Kolonialisierung von Großbritannien geraubt und international als Beutekunst verkauft wurde. Die nigerianische Regierung fordert seit den 1970er Jahren die Rückgabe der Benin-Bronzen, von denen sich über 1000 aktuell in Deutschland befinden.

Die Benin-Bronzen befinden sich über die ganze Welt verteilt in verschiedensten Museen (Abb: Tim Prescher)

Doch auch innerhalb des letzten Jahrhunderts kam es zu rechtswidrigen Aneignungen von Kunstwerken, in Deutschland vor allem in der Zeit des Nationalsozialismus. Das Naziregime entzog von 1933 bis 1945 gezielt die Besitztümer von Personen jüdischen Glaubens. In der Wehrmacht gab es zudem eine „Kunstschutz-Truppe“, die nach Einmarsch und Besetzung feindlicher Gebiete eroberte Kunstwerke „sicherstellen“ sollte. Rund 600.000 Kunstwerke sollen in Europa von den Deutschen entwendet worden sein.

Ethische Verpflichtung durch Provenienzforschung einlösen

Jahrzehnte lang war die Frage der Herkunft von Ausstellungsobjekten kein großes Thema für die meisten Museen. Doch das ändert sich nun: Sowohl bei KunstwissenschaftlerInnen und -händlerInnen als auch in der Politik wächst das Bestreben, Raubkunstdelikte aufzuarbeiten und die Opfer zu entschädigen. Dafür wird die sogenannte Provenienzforschung betrieben. Diese Forschung versucht die Geschichte der Herkunft von Kulturgütern aufzuklären und dadurch einer ethischen Verantwortung nachzukommen. So wurde 1998 die Washingtoner Erklärung verabschiedet, welche Grundsätze für die Rückgabe von Kunstwerken festlegt, die durch die Nationalsozialisten beschlagnahmt wurden. Die Vorkriegseigentümer oder deren Erben sollen dabei ausfindig gemacht werden, um ihnen die Kunstwerke zurück zu geben oder eine anderweitig faire Lösung zu finden. Zwar ist die Washingtoner Erklärung nicht rechtlich bindend, jedoch versuchen über 40 Staaten, darunter auch Deutschland, die Vorgaben selbstverpflichtend zu erfüllen. Auf dieser Grundlage wurde 2015 von Bund und Ländern das Deutsche Zentrum für Kulturgutverluste gegründet. Als Stiftung unterstützt diese finanziell die Projekte der Provenienzforschung in Deutschland, so beispielsweise auch das Projekt „Provenienzforschung in außereuropäischen Sammlungen und der Ethnologie in Niedersachsen“, kurz PAESE. Es ist ein Zusammenschluss niedersächsischer Museen, die Sammlungen im Rahmen der Provenienzforschung untersuchen.
Desweiteren prüfen namhafte Kunstgalerien und -auktionshäuser die Herkunft inzwischen schon vor dem Verkauf von Kulturgütern. So können Museen sichergehen, dass sie beim Erwerb keine Raubkunst in ihren Besitz aufnehmen. Trotzdem fühlen sich renommierte Kunstkäufer und Kunstkäuferinnen mittlerweile ethisch verpflichtet, ihre Erwerbe selbst noch einmal auf ihre Herkunft zu untersuchen. So kam es auch bei den Benin-Bronzen zu ersten Rückgaben nach Nigeria. Unter anderem hat Deutschland sich am 1. Juli 2022 durch ein Abkommen zur Rückgabe der Bronzen bereit erklärt.
Weiterhin haben viele Museen begonnen, in Eigeninitiative Provenienzforschung zu betreiben, wie Rainer Hatoum, Provenienzforscher im Städtischen Museum Braunschweig, erklärt:

Wie funktioniert Provenienzforschung?

Es gibt nicht den einen Weg der Provenienzforschung. Jedes Objekt hat eine andere Geschichte, und nicht immer ist diese einfach zu erkennen. Für ein erfolgreiches Erforschen der Herkunft ist deshalb ein hohes Fachwissen nötig. Bei bestimmten Objektbereichen ist eine hohe Rate an problematischen Kulturgütern bereits bekannt. In anderen Fällen werden Sammlungen über Forschungsprojekte erschlossen, oder afrikanische WissenschafterInnen treten an die deutschen ProvenienzforscherInnen heran. Doch auch Sammlungsobjekte, die schon seit langer Zeit im Besitz des Museums sind, müssen auf ihre Herkunft geprüft werden. So haben Sabine Hesemann und Andrea Nicklisch vom Roemer- und Pelizaeus-Museum in Hildesheim im Rahmen ihrer Forschung Schwerter aus der Sammlung des Museums untersucht.

Auch in Zukunft wird die Provenienzforschung nicht an Wichtigkeit verlieren. Denn noch immer weigern sich viele europäische Museen, Kulturgüter ihren rechtmäßigen BesitzerInnen zurückzugeben. Aus Angst, Präzedenzfälle zu schaffen, halten viele Museen ihre Ausstellungsstücke absichtlich zurück und lehnen es ab, ihrer ethischen Verantwortung nachzukommen. Doch der politische und gesellschaftliche Druck wächst. So wurde das Humboldt Forum in Berlin stark für die kaum geleistete Provenienzforschung kritisiert, da in der Ausstellung neben zahlreichen Objekten aus der Kolonialzeit auch 200 Benin-Bronzen ausgestellt werden sollten. Mittlerweile hat das Humboldt Forum deshalb mit nigerianischen PartnerInnen eine Neukonzeption der Sammlung durchgeführt. Vermutlich werden nie alle Kulturgüter wieder zurück zu ihren ursprünglichen BesitzerInnen finden. Dennoch: Die Provenienzforschung leistet ganz sicher wesentliche Schritte für die dringend nötigen Restitutionen.

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