Zwischen Bergbau und Bildungsstätte

Wer die Augen offen hält, kann am Ostfalia Campus in Salzgitter noch die Spuren vergangener Zeiten entdecken. Wo seit 30 Jahren täglich Vorlesungen stattfinden, wurden bis in die 1960er Jahre Millionen Tonnen Eisenerz abgebaut – und dutzende Bergleute fanden den Tod.

27. Mai 1967. Der letzte Grubenwagen verlässt die Grube Hannoversche Treue. Nach 101 Jahren, 16,5 Millionen Tonnen Eisenerz und 52 tödlich verunglückten Bergarbeitern wird der traditionsreiche Bergbaubetrieb an diesem Standort beendet. Ein unterirdischer Gang nach dem anderen wird geflutet, bevor die alten Zugänge und Förderwege aufgeschüttet und für alle Zeiten versiegelt werden. Der Tief- und Tagebau am östlichen Salzgitter-Höhenzug ist Geschichte.
19.09.2022. Hunderte Erstsemester-Studierende beginnen am Campus Salzgitter der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften ihr Studium in einem der vielen unterschiedlichen Studiengänge. In den 1990er Jahren bezog die heutige Karl-Scharfenberg-Fakultät die Gebäude des stillgelegten und schon fast in Vergessenheit geratenen Bergwerks Hannoversche Treue. Die damalige Fachhochschule Braunschweig/Wolfenbüttel hatte Pläne zur Expansion. Nach der deutschen Wiedervereinigung entstanden Chancen im Bereich des Verkehrswesens. Die Suche nach einem passenden Standort endete in Salzgitter-Calbecht.
Wenn man heute die Studierenden am Campus nach der Vor- und Entstehungsgeschichte ihrer Hochschule fragt, blickt man meist in fragende Gesichter. Erst nach einem Verweis auf den weiterhin verwendeten Namen des A-Gebäudes, der „Lohnhalle“, erinnern sich einige wenige an den ehemaligen Betrieb unter Tage. Nicht verwunderlich, für den Großteil der StudentInnen hat diese Historie im Alltag kaum noch Relevanz. Nur wer aus der allernächsten Region kommt, wird schon einmal mit der langen Bergbautradition Salzgitters konfrontiert worden sein. Oder natürlich, wer sie noch selbst miterlebt hat.

Die Schachtanlage der Hannoverschen Treue im Jahre 1953. (Quelle: Dr. Günter Grundmann)

Die Geschichte der Hannoverschen Treue begann im vorletzten Jahrhundert. 1857 wurden die ersten Grubenfelder verliehen, bevor 1921 der Tagebau-Betrieb zum ersten Mal aufgenommen wurde. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde der Standort zwischen 1937 und 1939 von den Reichswerken übernommen und um den Tiefbau erweitert. Der Eisenbergbau in Salzgitter floriert. Die “Hermann-Göring-Werke”, welche die Hannoversche Treue mittlerweile übernommen hat, sind auf die gewonnenen Erträge angewiesen. Nach Kriegsende wird der Tagebau eingestellt, lediglich der Tiefbau. in dem zwischenzeitlich über eine Million Tonnen Eisenerz jährlich gefördert werden, wird weiterverfolgt.. Trotzdem wurde auch die Hannoversche Treue nicht von den unruhigen Nachkriegsjahren verschont. Sie stand vor den gleichen Problemen wie alle anderen Bergwerke in Salzgitter auch.
Nach Jahren des Aufschwungs und des Wirtschaftswunders in den 1950er Jahren setzte im darauffolgenden Jahrzehnt allmählich ein stetiger Rückgang ein. Das große Grubenunglück im Jahr 1960 mit 33 Toten war nur der erbarmungslose Beginn eines unaufhaltsamen Prozesses. Innerhalb von fünf Jahren gingen die Fördermengen der Hannoverschen Treue um ein Drittel zurück. Es wurden Rationalisierungsmaßnahmen verabschiedet, welche die Produktivität der Schichtleistungen anhoben. Die Schattenseite: Von 867 Beschäftigten im Jahr 1957 verrichteten acht Jahre später nur noch weniger als die Hälfte ihre tägliche Arbeit in den Stollen und Verwaltungsgebäuden. Im selben Jahr wurde der erste Schacht stillgelegt und versiegelt.
Im März 1966 verkündeten die Salzgitter AG und die zehn Jahre später selbst aufgelöste Salzgitter Erzbergbau AG das baldige Ende, eine Entscheidung, die schon seit Jahren befürchtet und nun zur unausweichlichen Gewissheit wurde. In den kommenden Monaten wurden alle nötigen Vorkehrungen getroffen, die zur endgültigen Schließung der Hannoverschen Treue führen sollten. Ein Teil der noch verbliebenen Belegschaft konnte auf andere Bergwerksanlagen in Salzgitter verteilt werden, darunter auch das heutige Atommüllendlager Schacht Konrad.
Am 27. Mai 1967 verließ im Rahmen eines Festaktes der letzte Förderwagen die Hannoversche Treue. Die Schächte wurden mit ungebrauchten Gesteinsresten befüllt und versiegelt. Als am 18. September 1967 der große Förderturm gesprengt wurde, konnte der Betrieb der Grube Hannoversche Treue auf 19,84 Millionen Tonnen abgebautes Erz, einen jahrzehntelangen Betrieb und eine hundertjährige Geschichte zurückblicken.

Gebäude A und B am heutigen Campus der Ostfalia in Salzgitter. (Quelle: Wikimedia)

66 Jahre später kann auf demselben Gelände die Ostfalia Hochschule an 30 Jahre eigene Geschichte in Salzgitter zurückblicken. Nach einer Reise im Jahr 1990 in die neuen Bundesländer strebte Professor Doktor Karl Bruns von der Fachhochschule Braunschweig/Wolfenbüttel die Gründung eines neuen Fachbereichs an. Beeinflusst wurde der damalige Dekan des Fachbereichs Maschinenbau und Gründer des Fachbereichs Wirtschaft maßgeblich von der Hochschule für Verkehr in Dresden. Zu dieser Zeit gab es in den westdeutschen Bundesländern kein vergleichbares Studienangebot. Innerhalb von drei Jahren sollte sich dies ändern.
Am 14. Juni 1993 wurde der Fachbereich Transport- und Verkehrswesen gegründet, nachdem anderthalb Jahre lang die noch bestehenden Verwaltungseinrichtungen der ehemaligen Grube Hannoversche Treue renoviert und umgebaut wurden. Zuvor befand sich das heutige A-Gebäude, die „Lohnhalle“, in einem 26-jährigen Dornröschenschlaf. Der 4. März 1994 markiert den Tag, an dem die ersten Studierenden ein Studium in Salzgitter begannen. 28 Studenten der Studiengänge Verkehrstechnik und Verkehrsinformation läuteten ein neues Zeitalter ein. Am 1. September desselben Jahres schrieben sich weitere 65 Studierende in die Studiengänge Verkehrsbetriebswirtschaftslehre und Verkehrsinformatik ein.
Drei Jahre nach der Gründung des Standorts stand bereits die erste Erweiterung des Studienangebots an. Mit dem Studiengang Touristikbetriebswirtschaftslehre wurde ein Studiengang begründet, der noch heute unter dem kompakteren Namen Tourismusmanagement existiert. Ab September 1998 wurde das Studienangebot nochmals erweitert. Einer der neuen Studiengängewar Sportmanagement, der bis heute unter demselben Namen existiert und nach einem Start mit 52 Erstsemestern noch immer zu den zahlenstärksten Studiengängen am Campus zählt. 2004 kam es durch dasDazustoßen der Medienstudiengänge zu der heutigen Fakultät Verkehr-Sport-Tourismus-Medien.

Zeitstrahl der Campusgeschichte (Quelle: Felix Teubler)

Im Laufe der Jahre und Jahrzehnte hat sich die Ostfalia in Salzgitter weiter verändert und entwickelt. Neue Studiengänge und ganze Fachbereiche wurden konzipiert, eine neue Fakultät gegründet, die noch heute Bestand hat. Professor Heinz-Dieter Quack war zwölf Jahre lang bis Anfang 2023 Dekan dieser Fakultät in Salzgitter. In einem Gespräch unmittelbar vor dem Ende seiner Amtszeit erzählt er von den Entwicklungen, die der Hochschulstandort Salzgitter erlebt hat und darüber, ob die Historie des Standorts heute noch spürbar ist.

Im Laufe der Jahre blieb wenig Zeit für die Vergangenheit, heute ist sie kaum noch erkennbar. Dort, wo früher der markante Förderturm der Hannoverschen Treue stand, wachsen heute Büsche und Bäume. Die Veränderung des gesamten Stadtbilds hat auch hier keinen Halt gemacht. Nur die Zeit kann zeigen, ob die Vergangenheit ein Teil der Zukunft sein wird.

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