Zeichnung: Mädchen mit Buch, erstellt von Alina Czerwinski

Die unsichtbaren Strukturen der Buchwelt

Hinter jedem Buch steckt eine Kette von Entscheidungen – vom ersten Manuskript über Marketing und Sortimentswahl bis hin zur Frage, welches Buch bei TikTok in die Kamera gehalten wird: Alles hat Einfluss darauf, für welches Buch wir uns beim Kauf entscheiden.

Woher weißt du, dass es wirklich deine eigene Wahl ist, dass du gerade dieses bestimmte Buch liest? Bist du dir sicher, dass du nicht auf den sozialen Medien einen Post zu dem Buch gesehen hast? Oder lag das Buch vielleicht griffbereit in deiner Buchhandlung aus? 

Geht man einen Schritt weiter tauchen weitere Fragen auf: Wer hat eigentlich bestimmt, dass gerade diese Geschichte als Buch verlegt wird? Und was war ausschlaggebend, dass diese Geschichte von dem handelt, wovon sie handelt?

Es gibt viele verschiedene Institutionen innerhalb der Buchbranche, die den Buchmarkt, unsere Auswahl der Literatur und ihren Inhalt beeinflussen und eine Frage die dabei dominiert: Wer darf Was Wie erzählen?

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Die Zusammenarbeit mit einem Verlag bedeutet, dass das Buch von vielen Seiten unterstützt wird. Unter anderem beim  Lektorat, der Coverfindung und im Marketing. Alles läuft über das Mehraugenprinzip. Die Art der Unterstützung wird bereits vorab im Vertrag festgelegt. „Es gibt immer sogenannte Spitzentitel, das weiß man dann aber auch schon, wenn man den Vertrag unterschreibt […]“, erklärt die Autorin Jennifer Bright. 

In der ersten Podcast Folge berichtet sie, was alles noch im Vertrag bestimmt wird, wie viel AutorInnen an einem Buch verdienen und ob das Reagieren auf Trends so einfach möglich ist. Jennifer Bright hat mittlerweile fünf New Adult Bücher beim forever-Verlag veröffentlicht und eine neue Dilogie steht beim Loewe Intense Verlag an. Aber ist es typisch für AutorInnen, ihre Bücher in unterschiedlichen Verlagen zu veröffentlichen?

Folge 1: Zwischen Idee und Markt – Gast: Jennifer Bright, Autorin

Ein Verlag entscheidet, welche Manuskripte zu Büchern werden und welche Ideen nicht. Somit wird ein Verlag zum Lenker der Gesellschaft, zumindest der Leserschaft. Welche Abläufe im Verlagswesen dafür verantwortlich sind, darüber berichtet Celine Stappen in der zweiten Podcast Folge. Sie absolviert ein Volontariat beim Kyss-Verlag, dem Romance-Imprint des Rowohlt Verlags. Romance-Imprints sind Unterverlage, die sich auf Liebesromane spezialisieren. Diese Imprints sind aus dem Leseverhalten der jüngeren Zielgruppe und dem durch die sozialen Medien geprägten Trend-Genre New Adult entstanden. „Man muss ein bisschen mit der Zeit gehen und deswegen verändert sich das Programm auch von Zeit zu Zeit […]“, erklärt Celine Stappen. Trends zwingen Verlage dazu, sich zu entscheiden, in wie weit sie sich diesen anpassen oder nicht und somit möglichweise ein finanzielles Risiko eingehen.

Die genaue Verteilung des Marketingbudgets und damit verbunden auch eine vermeintlich unfaire Unterstützung von bereits größeren AutorInnen bildet ein spannendes Thema, denn sollte ein Verlag nicht kleinere AutorInnen und somit die Vielfalt der Literatur unterstützen?„Es ist eine gegenseitige Abhängigkeit [von großen Autoren] und manchmal auch eben größer auf Verlagsseite“, sagt Celine Stappen. 

Folge 2: Trendgespür oder Trendfolge – Gast: Celine Stappen, Volontärin im Kyss-Verlag

Der Traum von einer eigenen Buchhandlung? In der Buchbranche keine Seltenheit. Doch was alles dazugehört ist nicht jedem bewusst. In der dritten Podcast Folge ist Maria Meibohm, die Geschäftsführerin der Buchhandlung Graff in Braunschweig zu Gast. 

Eine lokale Buchhandlung, die seit fast 160 Jahren besteht und  seit Jahrzehnten als Familienbetrieb  geführt wird. Doch was gehört alles dazu, eine große Buchhandlung zu führen und als lokaler Anbieter neben Ketten wie Thalia und dem Online-Handel zu überleben? 

„Mehr als nur Regale“ am Titel der Folge angelegt, geht es um die Zusammenstellung des Buchsortiments und die Strukturen hinter der Auswahl. „Wir geben keine Vorgaben, was Zahlen und Titel angeht“, antwortet Maria Meibohm auf die Frage, inwieweit das Sortiment divers ist. Sie vertraut dem Instinkt der gelernten BuchhändlerInnen in ihrem Unternehmen. Maria Meibohm erklärt die Bedeutung von den Bestsellerlisten, sowie dem wachsenden Einfluss von Social Media auf die Buchhandlung  und warum sie selbst eine Verfechterin der steigenden Buchpreise ist. 

Folge 3: Mehr als nur Regale – Gast: Maria Meibohm, Geschäftsführerin der Buchhandlung Graff

Die Tagesschau veröffentlichte einen Instagram-Beitrag mit der Überschrift „Wie junge Menschen den Buchmarkt retten“. Woher kommt das gesteigerte Interesse an Büchern in dieser Altersgruppe? War Lesen als Hobby nicht mal total uncool? Betrachtet man die große Community auf Booktok (Book + TikTok) scheint dies heutzutage nicht mehr zu sein.

In der vierten Folge ist die Bloggerin Emma Grunwald zu Gast, der auf Booktok 12.000 Lesebegeisterte folgen. Auf ihrem Account gibt Emma Lesetipps, redet über aktuelle Trends und unterstützt Verlage und AutorInnen beim Marketing. 

Dass der letzte Aspekt durchaus nicht das Gleiche ist, zeigt die Entwicklung von SelfpublisherInnen. „Ganz am Anfang habe ich immer gedacht, Selfpublisher möchte ich nicht lesen […], eigentlich sind ja nur Bücher von Verlagen die wirklich wahren Bücher.“ Inzwischen hat sich die Ansicht in der Buchbranche gewandelt – auch durch die Marketingmöglichkeiten, die BookTok den SelfpublisherInnen bietet. Doch der Einfluss ist nicht nur positiv. „Ich habe ein bisschen Angst, dass jetzt alles ein Einheitsbrei wird und die Autoren sagen: ‚Wir müssen das jetzt aber so machen, weil es ja schon lief‘”, befürchtet Emma Grundwald. 

Folge 4: Von Likes zu Lesehits – Gast: Emma Grunwald, Bloggerin auf BookTok

Das Aufblättern dieser vier unterschiedlichen Perspektiven der Buchwelt zeigt, dass eine Geschichte von vielen Seiten begutachtet, bewertet und in ihrer Gestaltung sowie der Art der Vermarktung umgestaltetet wird, bevor sie letztlich gekauft und gelesen werden kann. Es wird ein Prozess deutlich voller kleiner Detailentscheidungen und unsichtbarer Strukturen, der die Frage aufwirft: Wer darf Was Wie erzählen?

Quelle der im Podcast verwendeten Musik: „Shopping Street“, bereitgestellt von Musicfox, abrufbar unter https://www.musicfox.com/info/kostenlose-gemafreie-musik/

Titelbild: Zeichnung Mädchen mit Buch, erstellt von Alina Czerwinski

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