Titelbild: Wilfried, Ursula und Meytee sind internationale Studierende in Deutschland. Foto: Claudett Minaya Vialet

Every Dream Has a Price

Deutschland klingt für internationale Studierende wie ein Versprechen: Bildung, Sicherheit, Freiheit. Doch was ist, wenn dieser Traum auf Einsamkeit, Wohnungssuche und Bürokratie trifft? Drei Studierende aus Kamerun, dem Iran und Peru erzählen, worauf es ankommt, um in Deutschland Fuß zu fassen.

Ankommen in Deutschland

Ursula, Meytee und Wilfried sind internationale Studierende in Deutschland, Foto von Claudett Minaya Vialet

Wilfried Noah betritt zum ersten Mal deutschen Boden. Es ist Winter, der Wind schneidet durch seine Jacke. „Ich wollte weinen“, erinnert sich der 25-Jährige an seine Ankunft. Mohammad Mahdi Sedaghat Pisheh, der sich Meytee nennt, ist aus dem Iran geflüchtet. In Berlin wirkt die Stadt laut und überwältigend. „Teheran hat mehr Menschen als Berlin, aber hier war alles anders: chaotisch und grau“, sagt Meytee. Ursula Navarro steigt in München aus. Die gebürtige Peruanerin staunt: „Es war alles so schön, ordentlich und sehr multikulturell.“

Drei unterschiedliche Wege, drei verschiedene Ankünfte und doch verbindet sie eines: der Wunsch, hier eine akademische Laufbahn zu beginnen. Wilfried absolviert im sechsten Semester den Studiengang Logistikmanagement an der Ostfalia Hochschule in Salzgitter. Meytee wiederum startete dort seinen Master in Mediendesign. Ursula ist Umweltingenieurin und promoviert zu Umweltkontaminanten an der Medizinischen Hochschule Hannover. Mit Organoiden entwickelt sie dort Modelle, die Tierversuche ersetzen und die Umweltgesundheit des Menschen erforschen.

Deutschland war für keinen von ihnen ein selbstverständliches Ziel. Doch es bot eine Chance, die sie nutzen wollten.

Was wirklich schwer ist

Junge Menschen aus dem Ausland stehen vor denselben Problemen wie ihre deutschen KommilitonInnen: steigende Mieten, Leistungsdruck, finanzielle Unsicherheit. Hinzu kommen Sprachbarrieren, kulturelle Unterschiede und das Gefühl, allein zu sein.

Besonders belastend ist die Wohnungssuche. Wohnungen sind knapp, Wartelisten lang. Auf dem privaten Markt verlieren viele schnell den Überblick, vor allem, wenn sie noch nicht in Deutschland sind oder nur begrenzt Deutsch sprechen.

Während Ursula vor allem die Wohnungssuche beschäftigt, vermisst Wilfried das Essen aus Kamerun und Meytee berichtet von Diskriminierung an der Universität und im Alltag.

Anja Cziommer, Koordinatorin für den International Student Support an der Technischen Universität Braunschweig (TU), begleitet junge Menschen schon vor ihrer Ankunft. „Die deutsche Bürokratie wird oft unterschätzt. „Viele wissen noch nicht, dass für zahlreiche Prozesse Termine oder Formulare erforderlich sind“, sagt sie. Es habe Studierende gegeben, die mit ihrem Gepäck vor ihrem Büro standen, weil sie nicht gewusst hätten, dass sie sich selbst um ihre Unterkunft kümmern müssen.

Solche Fälle seien heute seltener geworden. Die Universität vermittelt Notunterkünfte und informiert über Social-Media-Kanäle. „Wohnraum zu finden ist nach wie vor eine der größten Herausforderungen. Wir unterstützen unsere internationalen Studierenden bestmöglich dabei und verweisen bei Bedarf an VermieterInnen, die gerne Studierende aus dem Ausland aufnehmen. Im akuten Notfall helfen wir auch bei der Suche nach einer kurzfristigen Unterbringung. Viele Studierende tauschen sich inzwischen untereinander über Social Media aus und finden dort geeignete Angebote. Die Suche nach einer Unterkunft ist zwar zeitintensiv, aber bisher konnte immer eine Lösung gefunden werden“, so Cziommer.

Deutsch lernen – Schlüssel und Barriere zugleich

Sprache entscheidet über Teilhabe. Hochschulen in Niedersachsen bieten Deutschkurse an, vom Anfänger- bis zum Fortgeschrittenenniveau. An der Ostfalia Hochschule gibt es zum Beispiel Vorbereitungskurse für DSH-Prüfungen, an der Universität Osnabrück studienbegleitende Angebote von A1 bis C2-Niveau. Die Plätze sind begrenzt und richten sich vor allem an Austauschstudierende. 

Der Studienalltag bringt eigene Grenzen mit sich. Besonders akademisches Deutsch sei nach Anja Cziommer eine Hürde. „In den Vorlesungen ist es anders als in den studienvorbereitenden Sprachkursen. Die Dozenten verwenden Fachbegriffe. Fachsprachliche Deutschkurse können hier helfen, um mitzuhalten“, erklärt sie. An einigen Hochschulen erleichtern Tandem-Programme den Einstieg ins Studium und unterstützen den Spracherwerb praxisnah. 

Für alle drei zeigte sich ein ähnliches Bild. Meytee traute sich anfangs kaum, Deutsch zu sprechen. Wilfried berichtet, dass das Lernen der Sprache nie endet, und Ursula erinnert sich daran, dass der Beginn zwar bereichernd, aber alles andere als leicht war.

Wie sie hier Fuß fassen

Hochschulen richten zunehmend spezialisierte Angebote ein. „Für internationale Studierende stehen besonders die Ausgestaltung von Studienangeboten, englischsprachige Lehre, die Lebens- und Studiensituation vor Ort sowie die beruflichen Perspektiven nach dem Abschluss im Fokus“, erklärt Sven Appel, stellvertretender Pressesprecher des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur (MWK) auf Anfrage von Campus38. Entscheidend seien zudem tragfähige Unterstützungsstrukturen und eine gelebte Willkommenskultur – „nicht nur an den Hochschulen, sondern auch darüber hinaus“. International Offices und Career Services seien dafür zentrale Anlaufstellen.

An der Ostfalia Hochschule gibt es seit Mitte 2024  das Programm „FYI – For Your Integration“, gefördert vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt. Projektmitarbeiterin Alexandra Block sagt: „Wir gehen direkt auf die Themen der Studierenden ein und begleiten sie auch bei Fragen, die einheimische Studierende vielleicht nicht haben. Viele, die uns besuchen, brauchen Ermutigung oder eine neue Perspektive auf ihre Möglichkeiten.“

Welcome Weeks, Infotage und gemeinsame Exkursionen sollen zusätzlich Orientierung bieten. „Wir organisieren unter anderem Exkursionen ein- bis zweimal im Monat. Die gemeinsamen Aktivitäten sollen nicht nur die Sprache fördern, sondern den Studierenden auch helfen, die Region kennenzulernen und sich hier wohlzufühlen“, so Anja Cziommer von der TU Braunschweig.

Integration braucht Zeit und Menschen. Ursula und Wilfried haben Freundeskreise gefunden. Für Wilfried gehörte es dazu, seine Angst vor Wasser zu überwinden.

Niedersachsen im Vergleich

Im Wintersemester 2024/25 waren laut Angaben des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur rund 21.300 ausländische Studierende in Niedersachsen eingeschrieben. Zum Vergleich: In Nordrhein-Westfalen lag die Zahl im Wintersemester 2023/24 bei etwa 78.300. Auch in Bayern, Berlin und Baden-Württemberg studierten deutlich mehr internationale Studierende. Niedersachsen bewegt sich damit im bundesweiten Vergleich im unteren Bereich.

Grafik: Internationale Studierende nach Herkunftsregion im Wintersemester 2023/24, erstellt von Claudett Minaya Vialet und Simon Mengeu mit Datawrapper, Quelle: Deutscher Akademischer Austauschdienst 

Sven Appel betont: „Internationale Studierende bereichern unsere Hochschulen nicht nur durch ihre vielfältigen Perspektiven und kulturellen Impulse, sie sind auch essenziell für Innovation, Wettbewerbsfähigkeit und den globalen Erfolg unserer Hochschulen.“ Mit einem Anteil von 13,6 Prozent spiegele Niedersachsen zudem seine Attraktivität als Studienstandort wider. Das Land unterstützt diese Strukturen gemeinsam mit der VolkswagenStiftung über Programme wie „Campus International“ und „Willkommen in Niedersachsen“. Ziel sei es, Studierende aus aller Welt zu gewinnen, sie beim Studienstart zu begleiten und langfristig Fachkräfte für die Zukunft zu sichern. Dazu gehören unter anderem Orientierungstutorien, Pilotprojekte und Kurzzeitaufenthalte für Studieninteressierte.

Junge Menschen aus aller Welt hier in Deutschland immatrikuliert – besonders stark vertreten ist der asiatisch-pazifische Raum:

Grafik: Internationale Studierende nach Bundesland im Wintersemester 2023/24, erstellt von Claudett Minaya Vialet und Simon Mengeu mit Datawrapper, Quelle: Deutscher Akademischer Austauschdienst 

Bleiben oder gehen?
 
Diese Frage begleitet die drei ProtagonistInnen. Ihre Perspektiven auf die Zukunft unterscheiden sich, nicht alles ist entschieden. Ist Deutschland Endpunkt oder Zwischenstation für sie?

Die Zuwanderung lohnt sich wirtschaftlich. Eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft aus dem Jahr 2025 zeigt, dass Absolvierende bereits wenige Jahre nach dem Studienabschluss mehr Steuern und Abgaben leisten, als ihre Ausbildung gekostet hat. Laut DAAD werden allein die im Jahr 2022 begonnenen internationalen Studiengänge langfristig einen Überschuss von rund 15,5 Milliarden Euro für den Staat generieren.

Drei Länder. Drei Wege. Drei Träume.

Meytee, Ursula und Wilfried blicken auf ihre Zeit in Deutschland zurück und nach vorn. Was sie ihrem jüngeren Ich mitgeben würden und welche Träume sie verfolgen. 

Titelbild: Wilfried Noah, Ursula Navarro und Mohammad Mahdi Sedaghat Pisheh (Meytee), Foto von Claudett Minaya Vialet

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