Das innere Schweinehündchen

Der Umgang mit ihm ist oft müheselig. Es kann sogar zum Kampf kommen. Diesen zu erleichtern, ist Ziel der Kolumne, welche als Werkzeugköfferchen dienen soll. Eine Anleitung ist auch dabei.

Ich habe mir vorgenommen, zum Sport zu gehen, lasse es aber, habe gerade keine Energie oder nicht wirklich Lust. Dann schaffe ich es doch irgendwann mich zu überwinden – wird ja irgendwann auch etwas peinlich – und fahre ins Gym. Bin ich erstmal da, bin ich sogar motiviert. Es fühlt sich gut an, währenddessen und besonders danach. Und ich denke: WIE konnte ich darauf keine Lust haben, was war das Problem? Das machen wir jetzt öfter. Bald schon denke ich das jedoch nicht mehr, denn ein paar Tage später: Da liege ich nun und muss entscheiden, zwischen einer Serie, bequem im Bett, und dem Sport. 

Sowas kennen wir wohl alle. Wenn nicht mit Sport, dann mit Sachen für die Uni, irgendwo muss wegen einem Termin angerufen werden und aufräumen sollte ich sowieso. Und hier begegnen wir ihm: dem inneren Schweinehund. Er ist der Wächter der Bequemlichkeit, der Verteidiger unserer Gewohnheiten. Warnend steht er in der Tür und bellt: „Wir bleiben hier!“ „Es wäre eine Schande, bei dem Wetter an der Hausarbeit zu sitzen! Wir gehen jetzt spazieren“, knurrt er auch manchmal. 

Der innere Schweinehund ist ein sehr fauler Teil von uns. Am liebsten macht er das, was ihm am angenehmsten erscheint und ist dabei recht kurzsichtig und fantasielos. Entscheidend für seine Größe und Stärke ist der Kontrast zwischen dem, was wir machen sollten, und den angenehmeren Möglichkeiten, die wir sonst so haben. Ist der Bequemlichkeitskontrast sehr hoch, bläst sich der Schweinehund auf, wird zu einem riesigen Vieh, zu einem Rottweiler vielleicht. Beinahe wird er in der Pfanne verrückt. Mit gefletschten Zähnen trottet er vor meinem Bett auf und ab und zwingt mich regelrecht dazu weiterzuschlafen und die erste Vorlesung in der Uni wegzulassen – mich für Bildung in Gefahr zu bringen, finde ich manchmal unvernünftig. Stehe ich dagegen für ein Treffen mit Freunden früh auf, ist der innere Schweinehund wiederum viel kleiner, vielleicht auch süß und pelzig und hat rosa Fell mit dunklen Flecken. 

Manchmal sehr wirksam und so etwas, wie unsere Leine, mit der wir den inneren Schweinehund etwas im Zaum halten können, sind unbequeme Konsequenzen: Was passiert, wenn ich das jetzt nicht mache? Unbequeme Konsequenzen sind dem inneren Schweinehund ein wunder Punkt, er möchte es ja bequem haben. Doch ist er auch sehr gut darin, alles zu ignorieren, was nicht sehr drängt. Und dass ich der bin, der die Leine in der Hand hat, heißt noch nicht, dass ich auch den Weg vorgebe. Allzu oft werden wir vom inneren Schweinehund durch die Gegend gezerrt, bis wir unter großen Schmerzen an eine Deadline klatschen. Das will man nicht. Wir sollten ihn deswegen möglichst nicht einfach machen lassen, genau beobachten, was er da versucht und mit unseren Vorhaben anfangen. Angriff! Aber wie? 

Ob wir etwas nun machen müssen oder, ob es für uns selbst ist: Aller Anfang ist schwer. Und das bleibt er auch. Aber ein Anfängchen geht am Schweinehund besser vorbei als ein ANFANG. Am besten also kleine Schritte. Erstmal nur die Sporttasche packen oder nur schon mal den Artikel zur Recherche lesen. Dann nur zum Fitnessstudio hinfahren oder nur die ersten paar Notizen aufschreiben. Wenn wir erstmal dabei sind, wird dem inneren Schweinehund schnell langweilig und der Rest fällt leichter. Es kann dann sogar Spaß machen! Je kleiner die Schritte sind, desto kleiner wird auch der innere Schweinehund. So ein großes Tier, um zu verhindern, dass ein Laptop aufgeklappt wird? Er würde sich ja lächerlich machen. Deswegen steht uns hier nur das Schweinehündchen gegenüber. Das hört meistens gut und an der Leine macht es auch keine Probleme. Mit dem werden wir schon fertig!

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