Die Verlorene Zeit

Müde, überfordert, gefangen in der Dauererreichbarkeit. Endlose Geschichten und Universen, in die wir abtauchen könnten, wir entscheiden uns für TikTok. Wie finden wir den Eingang zurück in die friedliche Welt der Bücher, weit weg von der Gleichzeitigkeit unserer heutigen Realität?

Wann hattest du das letzte Mal ein Buch in der Hand? Und nicht nur, um das Cover anzugucken oder geistesabwesend für einige Minuten zur Gruppe der Intellektuellen zu gehören? Du stehst im Buchladen und blätterst und blätterst, schaust aber eigentlich eher durch das Meer aus Worten hindurch. Müde fragst du dich, wo die Welten, in denen du dich als Kind verlaufen konntest, geblieben sind. Warum kannst du nicht einer dieser wachen, schlauen, glücklichen Buchladenbesucher sein? Verzweifelt suchst du nach dem Eingang in die endlosen Universen und merkst gar nicht, wie dich deine Augen in andere Richtungen zerren. Du gibst auf. Und dann stehst du da. Draußen im Regen. Dein Atem zeichnet weiße Kreise in die Luft und du denkst dir, dass du ja auch morgen mit dem Lesen anfangen kannst. Oder nächste Woche. Nächsten Monat. Nächstes Jahr. Irgendwann halt. Wenn du Zeit hast. Denn Zeit haben wir schließlich nie. Und dann leuchtet deine Hand auf einmal einladend blau und du findest deine Zeit wieder. Zwei bis fünf Stunden sogar. Jeden Tag aufs Neue.

Dass Generation Z immer weniger liest, dürfte kein Geheimnis sein. Das Interesse an linearen Medien verblasst offenbar zunehmend in dieser schnelllebigen Welt. Wir wollen immer überall sein. Alles sehen. Gleichzeitigkeit ist unsere Priorität, der Griff zum Handy einfach entspannter. Das Leben schleicht an uns vorbei, und wir merken gar nicht, dass wir es verpassen. Natürlich fühlt sich das schlecht an. Eigentlich ist uns ja tief im Inneren bewusst, dass der ständige Konsum an TikToks, Reels, Storys, BeReals und Twitter nicht ganz so gesund sein kann. Nach ein paar Stunden fühlt man sich dann leer. Der kurze Dopaminschub ist vorbei. Die Zeit verschwindet. Auf einmal ist es vier Uhr morgens und in zwei Stunden klingelt der Wecker. Der Kopf fühlt sich seltsam an. Wie eine schwere, lila Wolke. Hattest du in letzter Zeit vielleicht auch mit deinem Kurzzeitgedächtnis zu kämpfen? Du bist nicht allein. Denn man glaubt es kaum, aber der ständige Konsum von sieben Sekunden Videos schadet tatsächlich unserer Aufnahmefähigkeit. So ist es wohl kein Zufall, dass wir im Moment irgendwie alle nichts mehr auf die Reihe bekommen. Ganz schön beunruhigend, wie schnell das Gehirn aufgrund unserer Mediennutzung nicht mal mehr in der Lage ist, eine halbe Seite Text zu verarbeiten. Und waren wir nicht früher viel kreativer? Positiver? Entspannter? 

Du wünschst dir nichts sehnlicher, als endlich aus dem ewigen Kreis des Dauerscrollens auszubrechen. Vielleicht ist das auch der Grund, warum du zurück in die Welt der endlosen Geschichten abtauchen willst. Die gute Nachricht ist, dass du dein Gehirn in Sachen Aufnahmefähigkeit auch trainieren kannst, zum Beispiel beim Lesen. Bücher können aber auch bei anderen Dingen helfen und sogar dem ständigen Negativstrom in deinem Kopf entgegenwirken. Stell dir vor, du liegst in deinem Bett, ohne Handy und dafür mit Buch. Im Gegensatz zu TikTok, kannst du aus dem Gelesenen oft für dich selbst einen Mehrwert ziehen und deshalb fühlst du dich nach dem Lesen auch, als hättest du dir gerade etwas Gutes getan. Ganz egal ob Wissen, Entspannung, Empathie oder Kreativität. Du nimmst dir bewusst Zeit für dich. Damit brichst du für einen Moment aus dem Gefängnis der Dauererreichbarkeit aus und schenkst dir ein bisschen Freiheit. Ganz nebenbei stärkst du dein Gedächtnis und deine Konzentration. 

Oft vergessen wir, dass Erreichbarkeit und Dauerscrollen eine Entscheidung sind. Erschreckend, wie viel Zeit wir am Handy kleben, obwohl wir keine Zeit haben. Stell dir vor, du würdest nur ein Drittel deiner Bildschirmzeit mit Lesen ersetzen. Der Eingang in die Welten, die du suchst und vermisst liegt in deiner Entscheidung. Wirst du schwach? Oder schenkst du dir die Zeit, sie zu sehen?

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