Volkskrankheit Depression

Früher war Depression ein Tabu-Thema, heute ist es präsenter denn je. Die Anzahl Jugendlicher in Behandlung nimmt jährlich zu. Wie bekommt man die Hilfe, die man braucht und was passiert während einer stationären Behandlung?

Burnout, Angststörung, Depression. Für viele nicht wirklich ein alltägliches Gesprächsthema. Obwohl sie zu den Volkskrankheiten zählen, sind sie vielfach immer noch ein Tabu-Thema, kritisiert Detlef Dietrich, ärztlicher Direktor einer psychosomatischen Klinik. Jedoch ist, besonders für Betroffene, das offene Sprechen über solche Themen besonders wichtig, denn meist merkt man es ihnen gar nicht an. Erkrankte erzählen, sie setzten eine Art Maske auf und wirken glücklich, sobald sie mit anderen zusammen sind. Wenn aber keiner mehr da ist, fällt die Fassade und wir erkennen den Menschen oft gar nicht mehr wieder.

 

Volkskrankheit bezeichnet umgangssprachlich die dauernde und starke Auswirkung von Krankheiten auf die Gesamtbevölkerung.

Unser Körper und unsere Psyche sind untrennbar miteinander verbunden und bedingen sich daher unentwegt. Schon lange beschäftigt sich das Fachgebiet der Psychosomatik mit dem Einfluss von psychischen und sozialen Faktoren auf unseren Körper. Seelische Belastungen, traumatische Erfahrungen oder auch Lebenskrisen können körperliche Beschwerden wie Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit und Angst hervorrufen oder auch verstärken. Andersherum können aber auch körperliche Erkrankungen zu einer stark belasteten Psyche führen. Die Komplexität, die dieses Thema mit sich bringt, führt dazu, dass sich viel zu wenig Menschen mit der Krankheit auseinandersetzen und so oft nicht die Hilfestellung leisten können, die notwendig wäre.
Vorurteile wie „Depression ist keine Krankheit“, „Du bist einfach faul“ oder „Wer nur allein in seinem Zimmer hockt, kann ja auch nicht glücklich sein“ verschlimmern die Situation der Betroffenen meist noch. Aus Angst vor Stig­ma­tisierung verheimlichen viele ihre Krankheit zu lange und versuchen „irgendwie weiterzumachen“, so die ärztliche Direktorin des Alexianer St. Joseph-Kran­kenhauses in Berlin-Weißensee.
Jedes Jahr leiden circa 5,3 Millionen Menschen an Depressionen, wodurch sie zu den am meisten unterschätzten Krankheiten der Welt gehört. Im Jahr 2015 starben mehr Menschen durch Suizid als durch Drogen, Verkehrsunfälle und HIV zusammen.

Anteil psychosomatischer Beschwerden bei Jugendlichen. (Quelle: Statista)

Dietrich meint, Depressionen können wirkungsvoll behandelt werden, insbesondere wenn sie frühzeitig erkannt würden. Das setzt voraus, dass die Betroffenen über ihre Erkrankung informiert sind und hierüber sprechen. Viel zu häufig sei das aber nicht der Fall.
Schneider und Weber schreiben in ihrem Buch über Psychosomatik, dass oft die Symptome falsch gedeutet werden, was dazu führt, dass bei einem Arztbesuch nur körperliche Auslöser gesucht werden. ÄrztInnen sagen dann „ihnen fehlt nichts“ oder „die Symptome sind gar nicht real“, so bekommen PatientInnen das Gefühl, sich Symptome nur eingebildetzu haben. Viel zu viele ÄrztInnen in Deutschland beschränken sich trotz unserer modernen Medizin immer noch nur auf körperliche Untersuchungen. Tatsächlich werden PatientInnen von einem zum anderen geschickt bis endlich ein/e ÄrztIn die richtige Diagnose stellt. Bis eine Behandlung begonnen werden kann, dauert es meist jahrelang.
Besteht ein Verdacht auf eine Depression, ist der erste Schritt trotzdem ein Hausarztbesuch, jedoch mit unbedingter Erwähnung der Symptome und Klarstellung des Verdachts. Viele HausärztInnen haben heutzutage eine Weiterbildung zur „psychosomatischen Grundversorgung“.
Werden alle körperlichen Ursachen ausgeschlossen, sollte eine sofortige Überweisung an FachärztInnen für Psychosomatik und Psychotherapie erfolgen. Die Überweisung ist wichtig, da es oft sehr lange Wartelisten gibt und man so eine Akut-Priorisierung bekommt, dazu rät auch die unabhängige Patientenberatung Deutschland. Zuerst wird versucht, durch ambulante Maßnahmen wie wöchentliche Therapiesitzungen, die Depression zu behandeln. Je nach Schwere der Symptome ist es jedoch für den Behandlungserfolg vor allem wichtig eine vertrauensvolle Beziehung zu  einem/r ÄrztIn aufbauen zu können. Es dauert eine ganze Weile bis so eine Beziehung geschaffen ist, wodurch eine psychosomatische Diagnostik eine Menge Zeit braucht. Ist die Diagnose akute Depression und die Ambulante-Therapie schlägt nicht gut an, wird als nächstes zu einem stationären oder tagesklinischen Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik geraten.
Fachkliniken für psychisch bedingte Erkrankungen werden Psychosomatische- oder Reha-Kliniken genannt. Dabei handelt es sich um eine eigenständige Klinik, die aber oft mit einem Krankenhaus im kontinuierlichen Austausch stehen. Es werden stationäre oder tagesklinische Unterstützungen angeboten. Einer der Hauptaspekte ist jedoch die ganztägige Betreuung, dass immer AnsprechpartnerInnen da sind, wenn es einem schlechter gehen sollte.

Stationäre Behandlung von psychischen- und Verhaltensstörungen in Deutschland. (Quelle: Statista)
Modell der Hirachie in einer psychosomatischen Klinik

Die Vorteile einer stationären Behandlung sind, dass es dort möglich ist, individuell für das Störungsbild der PatientIn ein Therapiekonzept zu entwickeln und es auch gezielt anwenden zu können. Zuhause kriegt man dafür oft nicht die Unterstützung, die notwendig ist. Außerdem ist es bei vielen gerade der tägliche familiäre Druck und das Gefühl, von niemanden richtig verstanden zu werden, der die Symptome verschlimmert. Auf der Station findet man sich unter vielen Gleichgesinnten wieder, die dadurch ein besseres Verständnis für die Symptome haben. Es gibt Gruppentherapiestunden, in denen ein Austausch mit anderen PatientInnen über die verschiedenen Lebenssituationen und Gefühle stattfindet. Viele PatienInnen berichten, von positiven Erfahrungen.
Die Behandlungsdauer ergibt sich aus dem Ausmaß und auch der Art der zugrundeliegenden Erkrankung. Meist gibt es aber eine Mindestaufenthaltszeit von acht Wochen, da es so lange dauern kann, bis eine Vertrauensbasis zu den PatienInnen überhaupt geschaffen werden kann.
Besteht ein Notfall, zum Beispiel bei akuter Suizidgefahr, sollte man jedoch direkt in die psychiatrische Notaufnahme eines Krankenhauses fahren beziehungsweise gebracht werden, da diese genau für solch akute Fälle ausgelegt sind. Dort bekommt man eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung und hoffentlich sofort die richtige Hilfe. Keiner sollte sich scheuen wegen akuter Depression in die Notaufnahme zu gehen, niemand wird dich wegschicken oder dir sagen du bildest dir Symptome nur ein, so Dr. Zenzer, Therapeut mit Spezialisierung auf Depressionen.

Melissa ist 20 Jahre alt und leidet schon seit einer Weile an der Krankheit Depression. Sie hat bereits Erfahrungen mit dem Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik und erzählt von ihren Erfahrungen:

Es ist wichtig psychische Krankheiten genauso ernst zu nehmen wie körperliche. Viel zu oft merken Angehörige nicht wie düster es in Depressiven wirklich zugeht. Wie Melissa geht es vielen Jugendlichen. Aus medizinischer Sicht ist Depression eine sehr ernste Erkrankung, die das Denken, Fühlen und Handeln der Betroffenen beeinflusst und zusätzlich mit Störungen der Körperfunktionen einhergeht. Auch wenn die Symptome nur für gesunde Menschen nicht gerade greifbar sind, so verursachen sie doch erhebliches Leid bei den Betroffenen und sollten von allen ernst genommen werden.

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