Game Development – Ein Traumjob für Nerds?

Die Spieleentwicklung ist eine der vielseitigsten Branchen überhaupt. KünstlerInnen, ProgrammiererInnen und andere Kreative können sich hier gestalterisch ausleben – so die Vorstellung vieler. Doch wie leicht ist der Berufseinstieg in diese Branche und kann sie halten was sie verspricht?

“Ich hatte immer den Wunsch, etwas zu erschaffen, was noch nicht da ist. Mit der Digitalisierung gibt es heutzutage die Möglichkeit, solche Ideen umzusetzen. Das, was uns hindert, sind technisches Verständnis und unsere Fantasie. Man kann sich mit einer Idee an den PC setzen und ein paar Stunden später existiert eine neue Welt.”
Diese Worte stammen von Vadim Schlee, Dozent am privaten SAE-Ausbildungsinstitut (School of Audio Engineering) in Hannover. Sein Fachgebiet ist Game Development, eine in Deutschland noch junge Branche. Doch was bedeutet es, in der Gaming-Branche aktiv zu sein? Ursprünglich kommt Schlee aus dem Game Art-Bereich, er studierte „Interactive Entertainment“ am SAE-Institute. Während Game Development laut ihm ein Oberbegriff ist, gebe es eine strikte Trennung zwischen Game Design und Game Art. “Ein Game Designer ist so etwas wie ein Drehbuchautor und kümmert sich um die Mechaniken und User Experience. Ein Game Artist ist tendenziell jemand, der alles visuell Erfahrbare in Videospielen produziert”, sagt Schlee.
Am SAE-Campus in Hamburg gibt es seit 2011 Studiengänge im Game-Bereich. “Es haben sich direkt viele Personen eingeschrieben”, berichtet Marlene Korschan. Sie ist am SAE-Institute im Marketingbereich tätig und hat „Digital Media“ in Darmstadt studiert, wo sie auch in den Gamebereich hineinschnuppern konnte.

Vom kreativen Hobby in die Spieleentwicklung

Auch für Vadim Schlee begann das Interesse am Game-Development mit dem Interesse am Zeichnen. “Ich habe mich nicht großartig mit den Studieninhalten auseinandergesetzt, ich fand den Bereich einfach interessant.“, sagt Schlee. Rückblickend räumt er ein: „Hätte ich mich näher damit auseinandergesetzt, hätte ich gewusst, dass der 2D-Bereich, also der des traditionellen Concept-Artists bei uns gar nicht ausgebildet wird. Wir haben nämlich einen starken Fokus auf 3D.“
In einem kleinen Unternehmen in Wuppertal sammelte er erste praktische Erfahrungen. Einen Werdegang als Quereinsteiger betrachtet er als schwierig. “Bevor eine Stellenausschreibung online ist, wird das eher mündlich durch die Kontakte durchgeleitet.” Hierbei verlasse man sich gerne auf die, die schon Erfahrungen mit potenziellen MitarbeiterInnen gesammelt haben. “Das ist eine unglaublich schwierige Kiste, wenn man autodidaktisch herangeht. Vitamin B ist das A und O.” Das bestätigt auch Korschan: „Wenn man nur Bücher liest, Tutorials anschaut und in der eigenen Bubble bleibt, wird es schwierig, Fuß zu fassen.“

Von Level zu Level in der Praxis

Auch wenn der Beruf kreativ sei, erfülle er noch viele technische Aspekte, die repetitiv und anstrengend werden können. „Es kann durchaus sein, dass man bis tief in die Nacht vor dem Rechner hängt und man muss willens sein, acht bis zehn Stunden nur auf den Bildschirm zu gucken”, erklärt Schlee.
Außerdem seien die einzelnen Strukturen in den Unternehmen für Berufsinteressierte schwer  zu erkennen. “Bei ungefähr 20 MitarbeiterInnen kann es sein, dass es nur vier oder fünf verschiedene Abteilungen gibt. Wenn wir von einer Unternehmensgröße von mindestens 200 Personen sprechen, teilt die Arbeit sich natürlich weiter auf und die MitarbeiterInnen sind stärker aneinandergebunden.“ Durch seine Kontakte zum Spieleentwickler “Crytek” erlebte er, dass sogenannte “Environment Artists” ganze Szenen zugewiesen bekamen, anstatt einzelner 3D Objekte. Allgemein ausgedrückt: “Je größer das Unternehmen, desto mehr Spezialisierung ist möglich.”
Wie es innerhalb eines Unternehmens der Gamingbranche aussehen kann, erläutert Peter Meyenburg. Er leitet die PR von InnoGames, einem Spieleentwickler mit 400 MitarbeiterInnen. Hier gibt es verschiedene Fachbereiche, die, auch abhängig vom Karrierelevel, verschieden bezahlt werden. Zahlen nennt er nicht, nur dass InnoGames im oberen Drittel liegt. Die Vergleichswebsite “Gehalt.de” gibt eine grobe Orientierung und fasst Spielentwicklung sowie Game-Design in einer Rechnung zusammen.

Gehaltstabelle SpieleentwicklerIn / Game-DesignerIn nach Berufserfahrung:

> 9 Jahre     ca. 4.400 €  
7-9 Jahre     ca. 3.800 €
3-6 Jahre     ca. 3.600 €
< 3 Jahre     ca. 3.400 € 
Der Weg eines Dämons von der Zeichnung zum farbigen 3D-Modell (Quelle: Christian Wüthrich)

Spezialisierungen und Skills

Doch wie spezifisch ausgebildet muss man sein? “Ohne den Gedanken an Spezialisierung ist die Vielzahl an Positionen zu krass”, so Schlee. Jeder Bereich stelle verschiedene Anforderungen. “Man muss im Creature- und Characterdesign ein gutes anatomisches Verständnis haben. Wer in „Environment Art“ arbeitet, muss wissen, was Blickführung ist und wie man Spiele anleiten kann.“
Obwohl man sich in der Gestaltung zwischen 3D oder 2D entscheiden könne, sind 2D-Grundlagen immer wichtig, so Schlee. “Das heißt, Gestaltungsprinzipien wie Farbsprache, Formsprache, das ist die Basis für alle gestalterischen Disziplinen. Auch zeichnerisches Talent und eine Routine sind nicht schlecht, aber es gibt eine ungeschriebene Regel: Man modelliert nicht das, was man selbst konzipiert hat.”
Der Grund seien Änderungen im Laufe eines kreativen Prozesses. “So wie man verbal nicht immer ein genaues Bild in einem Kopf malen kann, kann man auch nicht alle Einzelheiten des Konzeptes in zweidimensionaler Form in die dritte Dimension bringen. Je mehr kreative Prozesse in der Entstehung des 3D-Objektes oder der Szene beteiligt sind, desto mehr Ungenauigkeiten gibt es.” Es verhindere, dass das Ergebnis in Stilistik, Formsprache, Blickführung, oder simpler Ästhetik in sich widersprüchlich wird.

Beim Thema Spieleentwicklung denken viele an Mathematik und Nerds, wie sie im Buche stehen. Marlene Korschan verdeutlicht allerdings: Mathematikkenntnisse sind nicht das Wichtigste. „Sie können jedoch hilfreich sein, wenn es um physikalische Zusammenhänge geht. Ein Beispiel: Ein Ball fällt auf den Boden, dann bedarf das einer gewissen Berechnung, damit es authentisch wirkt. Der Überblick über diese verschiedenen Bereiche ist sehr wertvoll. Das heißt, man kann auch für sich selbst schauen: Was interessiert mich und wo sind meine Stärken und Skills?” Auch Englischkenntnisse spielen eine entscheidende Rolle: „Durch die Globalisierung rückt alles näher und wir sind besser vernetzt. Es ist nie von Nachteil, gut Englisch zu können”, so Korschan.

Vernetzung und Etablierung der Gamingbranche

Wie hat sich die Branche mit der Zeit organisiert? “Wir haben den Gameverband, der sich mit dem BIU zusammengeschlossen hat, und der in ganz Deutschland tätig ist. Damit gibt es Institutionen, an die man sich als junger Entwickler wenden kann”, so Schlee. Weitere Vorteile seien Fördervereine, Fördertöpfe sowie einzelne Hubs in Städten wie Hamburg und Frankfurt am Main. “Das sind Büros, in die man sich einmieten kann. Diese Dinge sind unheimlich wichtig und faszinierend, denn die Industrie hat in den letzten Jahren erfolgreich gezeigt, dass da viel Geld und ein gewisser Aufschwung hinter steckt”, sagt Schlee.
Zudem wurde die Videospielindustrie in die “Sozialadäquanzklausel” aufgenommen, laut der beispielsweise verfassungswidrige Symbole zum Zwecke der Forschung, Lehre und Aufklärung abgebildet werden können. „Das ist insofern interessant, dass damit Videospiel als Kulturgut impliziert wird. Das ist ein großer Schritt!“, findet Vadim Schlee.
Doch wie einfach oder schwierig ist es, sich in der Gaming-Branche zu vernetzen und sich für seine Rechte einzusetzen? Eine Gewerkschaft für Kunst gibt es seit DDR-Zeiten nicht mehr.
Auch speziell für die Spieleentwicklung nicht. Allerdings macht sich die Industriegewerkschaft Medien auch für die Arbeit mit audiovisuellen Medien stark. Bente Brandt ist für Medienbetriebe in Hamburg zuständig und hat seit 2015 mit “ver.di”-Mitgliedern in der Gaming-Branche Kontakt. Grundsätzlich unterscheiden sich die Probleme der SpieleentwicklerInnen nicht sonderlich von denen in anderen IT-Betrieben, die sie betreut. “Mitgliederanfragen gibt es insbesondere zu Bezahlung von Mehrarbeit, Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall und Urlaub. Auch Anfragen zu Arbeitszeugnissen oder Arbeitsverträgen sind recht häufig, da viele Beschäftigte oft den Arbeitgeber wechseln.”
Bedingt durch das Durchschnittsalter in der Branche, melden sich häufiger 20- 35-Jährige. Viele von ihnen sind bereits Gewerkschaftsmitglieder, bevor sie sich bei ihr melden. Auf die Frage, ob die Personen EinsteigerInnen oder Fortgeschrittene sind, antwortete sie: “Ich würde von EinsteigerInnen sprechen, wenn es um die Gründung oder Unterstützung von Betriebsräten geht und von Fortgeschrittenen, wenn es um die individuellen arbeitsrechtlichen Fragen geht.”

Studieneinstieg und Finanzierungsmöglichkeiten

Wer sich einen Gaming-Studiengang einschreiben möchte, muss Talent beweisen oder viel Geld haben. Unter den Finanzierungsmöglichkeiten für die Gaming-Studiengänge am privaten SAE-Institute wird BAföG nicht aufgelistet. Stattdessen zahlen Studierende alles selbst. Genaue Preise werden auf Anfrage genannt. Plätze für den “SAE Bildungsfond” sind stark begrenzt, alternativ kann man auf Bildungskredite zurückgreifen.
An der mAHS, der “media Akademie – Hochschule”, sowie der Hochschule Fresenius zahlen Studierende über 28.000 Euro bis zum Abschluss, können jedoch BAföG beantragen. Dennoch können auch staatliche Studiengänge zum Ziel führen. An der Hochschule Darmstadt ist beispielsweise nur eine Eignungsprüfung für den Studiengang „Animation and Game“    notwendig.    An    der    HTW   Berlin    braucht    man einen Eignungs- und Bewerbungstest, um zugelassen zu werden. Der Studiengang “Games Engineering” an der Uni Würzburg ist zulassungsbeschränkt über das dialogorientierte Serviceverfahren, ohne Eignungsprüfung.
Das Studium, und damit auch die Abschlussarbeiten, sind digital. Doch es gibt analoge Testmethoden von unfertigen Teilen eines Spiels, sogenannter BETA-Versionen.
Schlee erläutert: “Das Testen nennt sich Paper Prototyping, eine gängige Methode in der Industrie. Man testet den Einsatz von Zufallsfaktoren oder Skill-basierten Games, bei denen man Fragen beantworten oder einen Dart werfen muss.“ Auch für Studierende gibt es die Möglichkeit, eine Figur analog vor sich stehen zu haben, zum Beispiel in der Entwicklung eines Charakters.
Laut Peter Meyenburg ist Talent und praktische Erfahrungen wichtiger als Abschlüsse. Denn diese seien internationale nicht vergleichbar. “Quereinsteiger sind bei InnoGames genauso willkommen wie Absolventen von privaten oder staatlichen Hochschulen. Einige MitarbeiterInnen haben auch abgeschlossene Ausbildungen in Fachinformatik oder Mediengestaltung“, sagt er.

Hoffnung für die Gamingbranche

Die Gamingbranche, da sind Marlene Korschan und Vadim Schlee sich einig, ist eine zukunftsfähige Branche. „Wir haben die Hoffnung, dass Game Development sich noch mehr als Kunst- und Kulturgut etabliert”, so Schlee. Korschan sieht den Hauptgrund in dem Anstieg des Gaming-Konsums im Lockdown. Eine Studie der Krankenversicherung DAK in Zusammenarbeit mit dem Uni-Klinikum Hamburg-Eppendorf bestätigt ihre Aussage zum Teil: Die Gaming-Zeiten sind im Mai 2020 um 75 Prozent angestiegen. Nach diesen Rekordwerten, so DAK-Pressesprecher Jörg Bodanowitz, gab es nach dem zweiten Lockdown einen Rückgang von 15 Prozent. In den Jahren 2015 bis 2020 ist allerdings die Zahl an Beschäftigten in der Spieleentwicklung und -publishern leicht zurückgegangen, so eine Studie vom “game”, dem “Verband der deutschen Games-Branche”.
Ob und inwiefern Marlene Korschan und Vadim Schlee richtig liegen, wird sich somit in den nächsten Jahren zeigen.

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