Gefangen im Albtraum

Jeder kennt sie, viele fürchten sich vor ihnen – Albträume. Doch wie ist es, wenn Realität und Traum miteinander verschwimmen? Für den 48-jährigen Thomas stellt das eine ständige Belastung dar. Er leidet an einer Schlafparalyse.

„Todesangst“ – so beschreibt Thomas mit einem Wort das Gefühl, das seinen Körper durchströmt, wenn er eine Schlafparalyse durchlebt. Eine kalte dunkle Gestalt mit rotleuchtenden Augen und fehlendem Mund macht ihm das Leben im wahrsten Sinne des Wortes zum Albtraum. Während der Schlafparalyse kommt es zu einer Art Lähmung der Skelettmuskulatur. Diese tritt während des Übergangs vom Wach- zum Schlafzustand ein. Etwa 8 Prozent der Bevölkerung erleiden in ihrem Leben eine Schlafparalyse und der Anteil bei Studierenden liegt sogar bei 30 Prozent. Begünstigende Faktoren sind unter anderem Stress, psychische Erkrankungen und unregelmäßiger Schlaf. Bei etwa einem Drittel der Betroffenen treten zudem visuelle, akustische und taktile Halluzinationen auf. Zu diesem Drittel gehört auch Thomas.

Ich sehe was, was du nicht siehst

Thomas ist Ende 40, verheiratet und Familienvater. Der Frührentner interessiert sich für Musik und besitzt ein eigenes kleines Tonstudio. Auf den ersten Blick scheint der Hannoveraner am Tag ein recht normales Leben zu führen, aber in der Nacht sieht es anders aus. In unregelmäßigen Abständen plagen ihn Schlafparalysen. Er erklärt, dass es sich für ihn anfühle, als würde ihm sein Gehirn einen Streich spielen. Thomas stellt meistens kurz vor dem Schlafen bestimmte Anzeichen fest, die seine Schlafparalyse ankündigen. Er beschreibt eine Art Stromgeräusch in seinem Kopf, welches sich wie ein „Zing!“ anhört. Ein anderes Merkmal stellt die Farbe Grün dar, die er vor seinem inneren Auge sieht, sowie verschiedene Geräusche. Eines dieser Geräusche, die er wahrnimmt, sind knatschende Treppenstufen, die er auf dem Flur hört. Doch es gibt gar keine Treppe auf dem Flur.
„Ich bin hier nicht allein“ geht Thomas immer wieder durch den Kopf. Und dann ist sie da. Diese unheimliche und düstere Gestalt, die Thomas schon seit einer Ewigkeit in seinen Paralysen verfolgt. Diese unverwechselbar rotleuchtenden Augen, die ihm einen Schauer über den Rücken laufen lassen. Mal trägt sie einen Hut und mal hat sie eine stachelige Frisur. Sie steht in seinem Zimmer. Dann vor seinem Bett. Die Gestalt schaut ihm tief in die Augen und hockt sich vor ihm hin. Dann krabbelt sie auf sein Bett hinauf und setzt sich schließlich auf Thomas Brust. Der Druck ist so unerträglich, dass ihm das Atmen schwerfällt. Er erklärt, dass die Gestalt nicht redet, er aber das Gefühl habe, deren Gedanken verstehen zu können. Sie wolle Macht über ihn erlangen und die bekommt sie auch. In einer seiner Schlafparalysen habe Thomas versucht sich zu wehren – erfolglos. Die Gestalt habe ihn durchschaut und sei wütend geworden. Sie packte ihn und schleuderte ihn durch das Zimmer. Er knallte immer wieder gegen die Wände sowie an die Decke, bis er schließlich neben seinem Bett auf dem Boden lag. Der Vorgang spielte sich zwar nur in seinem Kopf ab und er wachte ganz normal in seinem Bett auf, jedoch fühle es sich unheimlich real an. „Rein körperlich kann einem nichts passieren, aber seelisch ganz viel“, beschreibt er seine Gefühlslage.
Manchmal könne er die Gestalten jedoch nicht sehen, dafür umso mehr fühlen. Wenn Thomas auf der Seite, mit dem Rücken zu seiner Frau, einschläft und in eine Paralyse verfällt, beschleicht ihn wieder dieses Gefühl einer fremden Anwesenheit. Er kann es zwar nicht sehen, aber spüren: diesen Atem an seinem Ohr. Und er weiß, es ist nicht seine Frau. Seine Frau hätte nicht diese wahnsinnig knöchrige Hand mit den langen Fingernägeln, die jedes Mal über seine Haut fährt. Thomas will sich umdrehen, doch er ist wie gelähmt. Die Fingernägel kratzen ihn und bohren sich in seine Haut hinein. Immer tiefer und tiefer. „Es hat sich angefühlt, als ob mir das ganze Fleisch abgezogen wird“, erinnert sich Thomas zurück. Sein Schmerzempfinden lässt ihn alles fühlen. Nachdem er aus der Schlafparalyse erwacht ist, hat er manchmal Angst an seinem Körper herunterzuschauen, weil sich das, was ihm angetan wurde, so echt anfühlt. Jedoch ist er körperlich unversehrt.

Wenn die Angst vor Monstern unterm Bett real wird

Die erste Erfahrung mit der Schlafparalyse hatte Thomas bereits im Alter von etwa 16 Jahren. Damals konnte er die Geschehnisse noch nicht einordnen. Die Möglichkeiten des Internets waren noch zu begrenzt, um mehr darüber zu erfahren. Er wusste nicht, wie er die Erlebnisse jemandem erklären sollte, ohne als verrückt abgestempelt zu werden. Nach seiner ersten Schlafparalyse dachte selbst er, dass er bescheuert sein musste oder vielleicht sogar ein Tumor der Grund ist.
Seine Schlafparalysen kamen ihm so echt vor, dass er sich teilweise den ganzen Tag nicht nach draußen traute. Nach einer seiner Erfahrungen kam es vor, dass er das gesamte Haus nach der Gestalt absuchte, um sich zu vergewissern, dass es sich nicht um die Realität handelte. Dabei hielt er stets einen Baseballschläger in seiner Hand fest umklammert. Zwar hat Thomas sehr unregelmäßig Schlafparalysen, doch je größer die Abstände zwischen den Paralysen sind, desto schlimmer werden sie. „Ich bin zwar ein kräftiger Kerl im wahren Leben, aber in der Paralyse ein ganz kleines Lämmchen“, erzählt er.

Thomas‘ Traumfänger 

Eine wahre Stütze für ihn ist seine Frau Nina, die bereits seit 20 Jahren seine Partnerin ist. Thomas öffnete sich schnell und vertraute ihr seine Albträume an. Damals wusste er noch nicht, dass es sich um Schlafparalysen handelte. Zunächst fand sie es sehr unheimlich, doch hatte auch ein gewisses Interesse an Thomas Phänomen. Da Nina selbst des Öfteren Albträume plagten, konnte sie schnell ein Verständnis für ihren Mann entwickeln. Wenn es nun zu Schlafparalysen kommt, versucht sie ihren Mann schnell daraus zu befreien. „Ich merke es daran, wie er atmet. Das ist die einzige Art, wie er auf sich aufmerksam machen kann.“, erinnert sich Nina zurück. Seine Atmung wird dann schneller und er versucht Geräusche von sich zu geben, die fast schon an ein Jodeln erinnern. Nina versucht ihn dann sofort wachzurütteln, um ihn aus seiner Paralyse zu befreien. „Teilweise ist er aufgewacht und hat geschrien“, schildert sie ihre Erfahrungen. Gerade wenn Nina am nächsten Tag zur Arbeit muss, sei es für sie sehr kräftezehrend und anstrengend. Wenn Thomas eine Schlafparalyse hat, kann sie selbst nur sehr schlecht weiterschlafen, weil sie sich Sorgen um ihren Mann macht. Sie betont jedoch, dass sie Thomas zur Seite steht und ihm helfen möchte, damit er das nicht allein durchmachen muss.

Der gemeinsame Weg aus der Angst

Thomas hat im Laufe der Jahre gelernt mit der Schlafparalyse besser umgehen zu können. Durch die Geräusche, die er erzeugt, hat er gelernt entweder seine Frau oder sich selbst zu wecken. Dadurch muss er im besten Fall nur noch kurze Zeiträume in diesen Albträumen verbringen. Andere Betroffene versuchen mit ihren Zehen zu wackeln, um sich aus der Paralyse herauszuholen, aber diese Methode hat bei Thomas keinen Erfolg gezeigt. Heutzutage lässt er sich nicht mehr von den Schlafparalysen bestimmen. Thomas hat einen Weg gefunden, um diese in den Griff zu bekommen. Außerdem hat ihm das Führen eines Tagebuchs bei der Verarbeitung der Erlebnisse sehr geholfen. Neben seiner Frau hat er sich des Weiteren einer Facebook-Gruppe offenbart, die ihre Erfahrungen und Eindrücke zur Schlafparalyse miteinander teilen. In dieser Gemeinschaft hat er das Gefühl nicht allein zu sein und kann sich Gleichgesinnten anvertrauen. Mittlerweile gehört er sogar zu den Moderatoren der Gruppe und hilft anderen Betroffenen mit ihren schlimmen Erlebnissen umzugehen. Die TeilnehmerInnen können offen über ihre Erfahrungen sprechen und werden nicht für verrückt gehalten. Untereinander erhalten sie viel Verständnis und gehen gestärkt aus diesen Gesprächen heraus. Thomas‘ Schlafparalysen sind zum Bestandteil seines Lebens geworden, jedoch hat er gelernt diese zu kontrollieren. Aus Angst wurde Zuversicht.

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