Zukunftmodell künstliche Kreativität

Schon jetzt sind die Einsatzmöglichkeiten künstlicher Intelligenz vielseitig. In vielen Branchen werden bereits Stellen abgebaut, weil KI menschliche Arbeit überflüssig macht. Muss man sich auf diese Entwicklung auch in der Kreativbranche gefasst machen?

Es ist 22:37 Uhr an einem schwülen Dienstag im Mai. Der Autor dieses Artikels sitzt vor seinem an einen Monitor angeschlossenen Macbook und durchforstet verschiedene Quellen, um sich über das Thema künstliche Intelligenz im Kontext der Kreativwirtschaft zu informieren. Wie schon erwähnt, es ist schwül. Und spät. Die Haut des Autors klebt an der ledernen Sitzfläche seines Bürostuhls. Dieser stellt sich immer wieder nur eine Frage: Warum lasse ich meinen Text nicht einfach von einer KI schreiben?

Künstliche Intelligenz hat uns schon seit langer Zeit umgeben, oft in so simpler Form und schon so oft gesehen, dass sie uns gar nicht mehr aufgefallen ist. Siri zum Beispiel, oder der Spam-Filter im Mail-Postfach. Doch seit Ende 2022 ChatGPT für die breite Öffentlichkeit an den Start gegangen ist, scheint nichts mehr zu sein, wie es mal war. Künstliche Intelligenz ist nicht mehr der Krückstock und auch kein künstliches Kniegelenk – es ist ein athletisches Beinpaar, das viele Aufgaben schneller und fast genauso viele mindestens in derselben Qualität erledigt, wie der Mensch, der seinen Prompt* eintippt. Kurz gesagt: Es macht menschliche Arbeit zu enorm großen Teilen überflüssig. Und das seit Kurzem vor allem in der zwar seit jeher schlecht bezahlten, aber von der Jobsicherheit recht soliden Kreativ- und Kommunikationsbranche.

Moderne KI kann nicht nur stumpf Inhalte und Fakten wiedergeben – sie kann denken. Wobei, das stimmt nicht ganz. Es scheint nur so, wenn man nicht ganz genau hinschaut. Künstliche Intelligenz ist wie der eine Mitschüler, den wir alle hatten: Äußerst fleißig, äußerst brav, äußerst diszipliniert – aber von den geistigen Fähigkeiten her eigentlich nicht so stark, wie es die Noten sagen. Alles, was von einer künstlichen Intelligenz generiert wird, basiert auf bereits von Menschen Erschaffenem. Weiterdenken? Neues kreieren? Fehlanzeige. Wobei: Auch das stimmt wieder nicht so wirklich.

KI kreiert durchaus Neues, findet Zusammenhänge – aber nur in einem begrenzten Rahmen, der nicht auf eigenen Erkenntnisgewinnen und einem wirklichen „Denken“ der Maschine basiert. Schließlich berechnet künstliche Intelligenz „nur“ anhand von Wahrscheinlichkeiten, welches Wort zum anderen passt. Ein wenig wie der eben beschriebene Mitschüler: Kann das ganze Schulbuch Wort für Wort auswendig, aber verstanden hat er es nicht.

Doch, um die Metapher weiterzuführen, das wahre Leben ist ja schon ein wenig wie die Schule: Das Ergebnis zählt! Und die Ergebnisse von KI-gestützten Programmen sind verdammt stark und vor allem vielseitig. Bildgeneratoren wie Dall.E oder Midjourney können anhand von Textbeschreibungen innerhalb von Sekunden Kunstwerke generieren, für die Menschen (und es ist faszinierend, dass es sich hierbei um keine Hyperbel handelt) mindestens 100-mal so lange gebraucht hätten. Programme wie AIVA oder Soundraw können in kürzester Zeit Musikstücke nach den Vorstellungen der Benutzer generieren. Und für mich als Medienkommunikationsstudenten sind vor allem Programme wie Neuroflash und ChatGPT spannend – sogenannte Textgeneratoren.

Wie man sehen kann: Die Einsatzbereiche von künstlicher Intelligenz sind vielseitig, die Ergebnisse sind mehr als passabel. Und das, obwohl diese Anwendungen noch in den Kinderschuhen stecken. Was bedeutet das für die Arbeitswelt in der Kommunikations- und Kreativwirtschaft?

In einer Studie von OpenAI (das Unternehmen hinter ChatGPT) und der University Of Pennsylvania aus dem 2023 wurde ermittelt, in welchen Berufen zumindest einige Aufgabenbereiche durch ChatGPT übernommen werden können – ganz vorne mit dabei: Journalist und Schriftsteller. Zwar gibt es noch einige Schwachstellen, doch besonders im kreativen Schreiben können sich die Ergebnisse der KI wirklich sehen lassen. Die Ergebnisse der Künstlichen Intelligenz, die sich wohlgemerkt noch im Anfangsstadium befindet.

Führen wir uns also vor Augen, was künstliche Intelligenz gut kann: Große Datenmengen analysieren. Darin ist sie ein Meister und schon jetzt dem Menschen weit voraus. Zudem kann es eigene Songs erstellen. Texte schreiben. Bilder malen. So gute Bilder, dass diese ausgezeichnet werden und sich gegen jegliche durch Menschen erschaffenene Werke durchsetzen – so geschehen bei den Sony World Photography Awards in diesem Jahr.

Es fehlen noch einige Feinheiten, damit es künstliche Intelligenz mit allen Aufgabenbereichen in der Kreativbranche aufnehmen kann. Viele Experten sind der Meinung, dass Künstliche Intelligenz eher ein Hilfswerk, als ein Ersatz für menschliche Kreativität sein wird. Doch wir stehen gerade einmal am Anfang einer Entwicklung, die, so sind sich alle Experten einig, den Einfluss des Internets bei Weitem überbieten wird. Wir stehen am Fuße einer neuen Zeitrechnung. Einer Zeitrechnung der Massenarbeitslosigkeit in unserer Branche?

Eine Antwort auf diese Frage zu formulieren, scheint zurzeit unmöglich, einerseits weil wir als Menschheit noch am Anfang dieser Entwicklung stehen und andererseits, weil die Datenlage noch äußerst unklar ist. Doch die Vorzeichen stehen zumindest auf extreme Veränderung, pessimistisch gelesen deuten sie eine beängstigende Entwicklung für jene an, die sich als Kreative identifizieren und damit ihr Geld verdienen. Wenn es eine Möglichkeit gibt, menschliche Arbeit durch maschinelle zu ersetzen, die Aufgaben mindestens in derselben Qualität erledigt und dabei weitaus kostengünstiger ist, wäre es rational gesehen fahrlässig, dies nicht zu tun. Diese Entwicklung ist in unserer Gesellschaft spätestens seit der Industrialisierung zu beobachten.

Vielleicht ist es an der Zeit, umzusatteln: Denn wer heute die Entwicklungen um sich herum ignoriert, hängt morgen hinterher. Kurz gesagt: Hoffentlich studieren wir nicht fürs Bürgergeld. Und hoffentlich stehen wir nicht vorm Ende menschlicher Kreativität.

*Der Input des Nutzers, der einen Output des Systems erzeugt – quasi also die Anfrage oder die Aufgabenstellung des Nutzers für das System.

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