Das Kartenhaus droht zusammenzubrechen

Warum ist ein Beruf in der Pflege so unattraktiv geworden? Von außen sieht es so aus, als würde das System noch funktionieren – in der Regel tut es das jedoch nicht mehr.

Überall ertönt das Piepen von Maschinen aus den Zimmern der Patienten. Und zwar mehreren Ma- schinen. Wo greife ich zuerst ein, wo ist das Problem schlimmer? Ist die Ernährungspumpe einer Person leer, dann kann ich mich erst um jemanden anders kümmern. Ein Beispiel: Das Beatmungsgerät funktioniert plötzlich nicht mehr. Es ist schnell klar: Jetzt muss eingegriffen werden – keine Sekunde später.
Für die Menschen, die in der Pflege tätig sind, ist es mehr als problematisch. Mehr Leute entscheiden sich gegen diesen Beruf oder kündigen, nachdem sie sich dafür entschieden haben. Die Pflegekräfte über- nehmen alleine mehr Aufgaben und damit oft auch mehr Verantwortung. Finanziell kommt ihnen nie- mand entgegen. Jedenfalls nicht genug.

Nicht nur für das Personal, auch für die Patient*innen ist es schwer. Auch wenn die Arbeitskräfte bestmöglich versuchen, alle Personen zu versorgen, so ist das mit wenig Personal auf Station schlecht umsetzbar. Das Medikament muss noch ausreichen, der Verband verbleibt länger, Aufgaben werden eingegrenzt. Manche würden es schätzen, wenn man sich zu ihnen setzt und ihnen für nur fünf Minuten einfach zuhört. Jetzt ist das kaum noch machbar, da keine Zeit mehr dafür bleibt.
Die Aufgaben, die nicht geschafft werden, müssen zusätzlich an die nächste Schicht weitergegeben werden. Ein Domino-Effekt. Von nun an ist jede Schicht mit mehr Arbeit belastet und muss weitere abgeben. Viele Geräte, kürzere Einarbeitungen. Für Neuankömmlinge ist der Einstieg nicht gerade leicht.

Die Räume Tag und Nacht im Blick behalten – das macht Carina Allerlei. Sie arbeitet auf der inter- disziplinären Station eines Krankenhauses. Nebenbei arbeitet sie zusätzlich in einem anderen Krankenhaus in Zeitarbeit. Seit 2015 ist Allerlei Fachkraft für Anäs- thesie und Intensivpflege. Als die Schulzeit beendet war, arbeitete sie als Arzthelferin. Nach drei Jahren Grundausbildung folgten zwei Jahre Fachweiterbildung und von da an arbeitete sie als Fachkrankenschwester. Die 42-Jährige arbeitet in Teilzeit. Vollzeit würden die wenigsten arbeiten, so sagt sie.
Unter ihre Aufgaben fällt das Prüfen von Alarmgrenzen der Maschinen in den Räumen der Patient*innen. Ihre Arbeit beginnt mit einer allgemeinen und dann einer speziellen Übergabe, bei der sie alles Wichtige über die Patient*innen erfährt. Die IntensivstationbetreutkritischkrankeMenschen. Das betrifft beispielsweise diejenigen, die eine Herzoperation, einen Herzinfarkt hatten oder aus einem anderem Grund lebensbedrohlich verletzt sind.

Den Notstand an helfenden Händen spürt Allerlei jeden Tag. „Wir sind fast immer zu wenig“, sagt sie. Es sei schwierig, Ersatz zu organisieren, wenn eine Kraft ausfällt. Erst vor zwei Tagen musste sie spontan einen Spätdienst übernehmen. Infusionen und Medikamente verabreichen, den Kreislauf der zu behandelnden Personen am Laufen halten, piepende Maschinen aufsuchen und sich um das Problem kümmern: tägliche Herausforderungen für das Pflegepersonal. Sie müssen an vieles zeitgleich denken und schnell handeln können. Die Stationen werden vergrößert und das Personal eingespart. So muss sich ein Team normaler Größe schlagartig um eine größere Station kümmern. „Es wird lauter und die Wege werden weiter“ sagt Carina Allerlei. „Bei einem überschaubaren Bereich kann es noch gut geh’n. Doch mit nur einem Team eine große Station zu überwachen, wird schnell stressig.“ Die hohe Fluktuation der Patienten macht es nicht einfacher.

Viele schätzen es, wenn man sich zu ihnen setzt und fünf Minuten einfach nur zuhört. Mehr Aufgaben werden auf weniger Personen aufgeteilt. Nicht nur erweiterte Stationen; auch Notfälle sorgen dafür. Eine bestimmte Anzahl an Pflegekräften soll tagsüber sowie nachts einsatzbereit sein, das legt die Personalgrenze fest. Kommt allerdings ein hausinterner Notfall zustande und eine andere Station braucht bei einem der Patient*innen drin- gend Hilfe, gehen ein Arzt und eine Pflegekraft dort hin. Und schon fehlt eine*r. Eigentlich haben die Pfle- genden im Tagdienst jeweils zwei bis drei Menschen, um die sie sich kümmern. Nun müssen die Patienten der fehlenden Einsatzkraft auf den Rest verteilt werden – das Prinzip der Personalgrenze geht nicht mehr auf. Krankmeldungen verursachen dasselbe Problem: Mit der Grenze wird es eng.

Manche Patient*innen müssen mehrere Male am Tag gelagert werden. Sie dürfen sich keine Stel- len am Körper wund liegen: Diese Stellen bezeichnet man als Dekubitus. Zunächst ist dieser Teil des Körpers gerötet, dann entstehen Blasen und wenn sie geplatzt sind, ist die jeweilige Stelle schwarz. Beim sogenannten Lagern, bei dem die Menschen auf die linke oder rechte Seite gelegt werden, müssen mehrere Krankenschwestern Hand anlegen. Nur so kann auf die Kabel geachtet werden. Es sind viele: Infusion, Blutdruck, Sauerstoffsättigung, Magensonde, Blasenkatheter, Tubus mit Beatmungsschlauch und Dialyse. Für das Lagern werden mindestens drei Personen gebraucht und das alle zwei bis drei Stunden. Bei der Bauchlagerung kommt noch ein Arzt oder eine Ärztin hinzu. Falten im Bett können ebenfalls Druckgeschwüre der Haut begünstigen. Stichwort Aufmerksamkeit: Es muss durchgängig genau hin geschaut werden.

Allerlei: „Auch nach 23 Uhr muss man noch bei der Sache sein.“ Die Nachtschicht ist eine Herausforderung. Nach Frühdienst, Spät- oder Nachtdienst ist man oft müde, müsste man meinen. Doch mittlerweile ist Müdigkeit der Dauerzustand geworden. Die Zeitarbeit ist dabei zu einem entscheidenen Faktor geworden. Da kann man sich die Arbeitszeiten aussuchen, das können die fest Angestellten nicht. Feiertags-, Wochenend- und Nachtschichten bleiben an der Stammbelegschaft hängen. Mit der lang andauernden Erschöpfung wird es schwer, freie Zeit noch genießen zu können. Viele reduzieren aus diesem Grund ihre Stunden oder wechseln von Vollzeit in Teilzeit oder Zeitarbeit. Es passiert auch, dass manche kündigen.

Koma – das Wort geht einem nicht leicht von der Zunge. Für eine Krankenschwester ist das ebenfalls nicht einfach. Das künstliche Koma, das medikamentös verursacht wird, hilft den Patienten, ihre Kräfte zu schonen und ihnen Stress zu ersparen. Die Pflegekräfte erwarten zunächst vor allem eines: Der Patient soll aufwachen, wir er eingeschlafen ist. Bedeutet, der geistige Zustand des Menschen soll bestenfalls unbeschädigt sein. Bei einem schweren Schädelhirntrauma sieht es anders aus: Der Mensch befindet sich im Koma, nicht von den Pflegenden bewirkt. Keiner kann sagen, wie der Zustand sein wird, wenn die Person erwacht. Die Hoffnung ist, dass sie sehr bald wieder adäquat handeln kann. Erwacht ein Mensch aus dem Koma und beginnt, selbstständig zu atmen, arbeitet sein Körper gegen die Maschinen. Gerade dann muss schnell gehandelt werden. Es ist wichtig, auf diese Situation gefasst und schnell einsatzbereit zu sein.

Sie wissen nicht, was mit ihnen ist oder wo sie sind – geistig verwirrte Patienten. Die jeweilige Person hat einen kompletten Stimmungswechsel und wirkt auf einmal wie ausgewechselt. Unruhen um sie herum verstärken das. Das sogenannte Delir fordert die spezielle Aufmerksamkeit einer Arbeitskraft. Allerlei hat das auch schon erlebt. „Wir haben uns unterhalten, alles war in Ordnung“, sagt sie. „Ich war kurz weg und als ich wieder kam, war die Person ein völlig anderer Mensch.“ Schwierig wird es auch, wenn sich Menschen aggressiv verhalten. Das kann beispielsweise dann vorkommen, wenn sie alkoholi- siert sind. Übergriffe müssen notfalls für Eigen- und Fremdschutz durch das Fixieren dieser Person verhindert werden.

Nicht glückende Reanimationen nach Verkehrsunfällen nimmt keine Pfleger*in auf die leichte Schulter. Sie sind zudem ein Stück weit Alltag geworden. „Man muss aufpassen, dass man nicht abstumpft“, sagt Allerlei. „Wenn man abstumpft, hilft man sich selbst nicht und auch nicht den Anderen.“ Wichtig sei nämlich weiterhin, den Patient*innen Empathie zu zeigen. Die 42-Jährige Fachkraft erinnert sich noch an ein Erlebnis vor einiger Zeit. Eine junge Frau war erkrankt, man konnte ihr trotz vieler Bemühungen nicht mehr helfen. Sie hatte zwei Kinder. Nach einer Zeit kennt man die Frau und ihre Familie, dann schmerzt das Ableben einer Person bald noch mehr. „Das ge- hört zu den Dingen, die man nicht vergisst“, sagt Al- lerlei. Nimmt man diese Erlebnisse mit nach Hause, läuft man Gefahr, dass man ausbrennt.

Eine Motivation, ihren Beruf auszuüben, sieht sie vor allem in der Genesung der Patient*innen. Wenn ihr Weg mit der Erkrankung oder Verletzung positiv verläuft oder sie die Gepflegten besuchen, um Danke zu sagen. Das sei etwas, dass einen wirklich glücklich mache. Der Beruf Krankenpfleger*in sei laut Allerlei nicht schlecht, man sollte es sich wegen der Bedingungen allerdings gut überlegen. Arbeitgeber*innen reduzieren ihr Personal, um Geld zu sparen. Denn: die Fallpauschalen der Krankenkassen reichen lange nicht mehr aus. Ärztliche Leistungen und Sachkosten sollen sie erstatten, aber bei dem technischen Fortschritt und den steigenden Personalkosten genügt das einfach nicht mehr. „Von außen sieht es so aus, als wäre alles in Ordnung“, erklärt sie. „Der Laden läuft automatisch weiter, obwohl so wenige von uns da sind.“ Laut der Fachkrankenschwester müsse das System grundlegend überarbeitet werden – man brauche einfach mehr Pflegekräfte. Andernfalls droht das Kartenhaus zusammenzubrechen.

Pflegeberufe sind nach wie vor wichtig. Hinter der Arbeit des Krankenpfleger*innen stecken Men- schen, die täglich physisch sowie psychisch vielaushalten müssen. Für die Wartezeiten oder gar die noch nicht erledigten Aufgaben sind nicht immer die Pflegekräfte schuld. Vielmehr sind diese Menschen wenige, die die Arbeit eines großen Teams zu leisten und zu verantworten haben. Immer noch ist ihnen das Wohl der Menschen ein Bedürfnis, sie kämpfen jeden Tag für jeden einzelnen.

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