Rocky überlebte, weil einer an ihn glaubte
Anett Jerke ist eine der treibenden Kräfte hinter der Rehkitzrettung in Goslar. Seit mehreren Jahren engagiert sie sich ehrenamtlich mit außergewöhnlichem Einsatz für den Schutz junger Wildtiere. Doch sie ist weit mehr als eine Helferin im Einsatzteam – sie ist Retterin, Pflegerin, Mentorin und Sprachrohr für die schwächsten Waldbewohner. Wie groß ihr Engagement ist, zeigt sich besonders eindrucksvoll im Fall des Rehkitzes Rocky. So nannte Anett Jerke das Tier, das nach einem schweren Mähunfall in einem lebensbedrohlichen Zustand gefunden wurde. Den Namen wählte sie bewusst: als Symbol für den Kampfgeist und den Überlebenswillen, den das Kitz bewies. Beide Hinterläufe des Tieres waren nahezu vollständig durchtrennt, der Kopf von Krähen verletzt, die offenen Wunden bereits von Maden befallen. Wie Anett Jerke berichtete, schätzten sowohl der behandelnde Tierarzt als auch die Helfer vor Ort die Überlebenschancen als äußerst gering ein. Dennoch entschloss sie sich dazu, das Tier aufzunehmen und zu versorgen.
Nach ihrer Schilderung gehörte Rocky, zu den Kitzen, die unter normalen Bedingungen, also ohne Hilfe der Retter, keine Chance gehabt hätten. In der Tierarztpraxis wurden die Wunden gereinigt und Medikamente gegeben. Auch hier war Anett Jerke wieder zur Stelle. Sie berichtet: ,,beim Tierarzt angekommen habe ich geholfen die Maden aus seinen Wunden zu entfernen“ . Die weitere Versorgung übernahm Jerke laut eigenen Angaben komplett selbst. Dazu zählten tägliche Verbandswechsel, die Gabe von Medikamenten sowie gezielte Krankengymnastik. Da Knochen, Nerven und Muskeln stark beschädigt oder gar nicht mehr vorhanden waren, musste Rocky das Laufen komplett neu erlernen. Durch das regelmäßige Training gelang dies dem Kitz, da die Muskulatur auf diese Weise wieder neu aufgebaut werden konnte.
Zudem startete Anette Jerke gezielte Verhaltenstrainings, um Rocky auf eine Auswilderung vorzubereiten. Da sie nach eigener Aussage die Mutterrolle übernommen hatte, folgte das Tier ihr in vielen Situationen. Sie zeigte ihm, welche Pflanzen er essen darf, und vermittelte ihm ein Bewusstsein für potenzielle Gefahren wie etwa durch Hunde. Um genau dies mit ihm zu trainieren, bat sie Bekannte mit Hunden um Unterstützung. Gemeinsam simulierten sie Fluchtsituationen, indem Anett Jerke das Weglaufen vor Hunden vormachte und Rocky es ihr nachahmte. Dies wurde so lange trainiert, bis Rocky eigene Instinkte entwickelte und selbst erkannte, wann eine Flucht erforderlich ist.
„Jeder Mensch kann helfen“, betont Anett Jerke. Rocky ist der Beweis dafür, dass sich der Kampf um jedes einzelne Leben auszahlen kann.
Anruf im Morgengrauen – Einsatz für das Leben
Schätzungsweise sterben jährlich bis zu 500.000 Wildtiere in Deutschland durch landwirtschaftliche Mäh- und Erntemaschinen – Anlass genug für ehrenamtliche HelferInnen, ab Mai in den frühen Morgenstunden Leben zu retten. Während die meisten Menschen noch schlafen, erreicht Anett Jerke ein Anruf von einem Landwirt, der seine Wiesen mähen möchte. Die Koordinaten der betroffenen Felder werden ihr übermittelt und anschließend an eine WhatsApp-Gruppe mit Drohnenpiloten weitergeleitet. Der Pilot, der zu diesem Zeitpunkt verfügbar ist, setzt sich mit dem Landwirt in Verbindung, um Zeitpunkt und Treffpunkt des Einsatzes abzustimmen. Sobald alle Details geklärt sind, informiert Jerke über dieselbe Gruppe die ehrenamtlichen HelferInnen, die sich daraufhin auf den Weg zum Einsatzort machen. Dort treffen sie sich mit dem Drohnenpiloten und beginnen mit der Suche nach Rehkitzen. „Man benötigt als Helfer nur Handschuhe, festes Schuhwerk und wetterfeste Kleidung, dann kann man dabei sein“ erklärt Anett Jerke. So funktioniert auch der spontane Einsatz der Helferinnen und Helfer, da man nicht viel Ausrüstung benötigt.
Die Drohne überfliegt das Feld und überträgt Wärmebilder an einen Monitor. Zentimeter für Zentimeter, Hektar für Hektar wird die Fläche abgescannt. Sobald ein heller Punkt auf dem Monitor erscheint, informiert der Drohnenpilot die Helferinnen und Helfer per Walkie-Talkie. Diese begeben sich in das entsprechende Gebiet und folgen den Anweisungen, um das Kitz zu erreichen. Ausgestattet mit Handschuhen, Kisten, Keschern und Fingerspitzengefühl nähern sie sich dem Fundort. Die Kitze liegen meist gut versteckt im hohen Gras. Anett Jerke erläutert: „Kitze haben einen ganz anderen Instinkt als wir Menschen. Sie ducken sich bei Gefahr, anstatt wegzulaufen.“ Dieser Schutzreflex bewährt sich in der Natur, stellt jedoch ein großes Risiko für die Kitze dar. Beim Mähen in etwa schützt es die Tiere nicht – im Gegenteil: Es kann ihnen das Leben kosten. Wird die Fläche später am selben Tag gemäht, bleibt für eine Rettung nur ein begrenzter Zeitraum.
Die HelferInnen heben das Tier vorsichtig an oder fangen es mit einem Kescher, transportieren es in einem Wäschekorb und bringen es dann an einen sicheren Ort. Dort bleibt es, bis die Mäharbeiten abgeschlossen sind, und wird anschließend wieder freigelassen. „Wir fassen die Tiere auch kaum bis selten an, um zu vermeiden, dass sie einen anderen Geruch annehmen, damit die Kitze nicht von ihren Müttern abgestoßen werden”, betont Anett Jerke. Ein Einsatz kann bei vielen Tieren bis zu sechs Stunden dauern. Die Rehkitzrettung stellt für viele Tiere die einzige Überlebenschance dar.
Ein Gemeinschaftsprojekt mit Herz
Seit 2017 gibt es die Rehkitzrettung in Goslar. Sie besteht aus vier Vereinigungen: Der NABU-Kreisgruppe Goslar, der Jägerschaft Goslar, der Jägerschaft Seesen und dem Landvolk Braunschweig. Das Luftfahrtbundesamt arbeitet ebenfalls mit der Rehkitzrettung zusammen, denn durch dessen Erlaubnis dürfen die Drohnenpiloten ihre Drohnen steigen lassen. Zudem ist das untere Naturschutzamt involviert, denn auch wenn eine Genehmigung vom Luftfahrtbundesamt vorliegt, gibt es Gebiete, in denen nicht geflogen werden darf, zum Beispiel über Naturschutzgebieten. Die Naturschutzbehörde kann in solchen Fällen eine Ausnahmegenehmigung erteilen.
Die Ausstattung, über welche die Rehkitzrettung verfügt, stammt größtenteils aus Spenden oder wird von den Beteiligten selbst finanziert. Die Stadt Goslar oder andere Vereine unterstützen die Rehkitzrettung nicht. Doch trotz der geringen Unterstützung haben sie es geschafft in den letzten Jahren viele Kitze zu retten. Anett Jerke berichtet: „Im Zeitraum vom 6. Mai bis zum 16. Juli 2023 wurden rund 2.500 Hektar abgeflogen und 335 Kitze gerettet. 2024 wurden bereits im Zeitraum vom 24. April bis zum 16. Juli etwa 2.129 Hektar abgeflogen und 220 Kitze gerettet”.
Hand in Hand, Seite an Seite
Seit 2018 arbeitet die Rehkitzrettung eng mit Landwirten zusammen. Diese Beziehung war jedoch nicht von Anfang an völlig reibungslos. „Gerade am Anfang gab es ein paar Missverständnisse”, berichtet Jerke. Diese Missverständnisse bezogen sich nach eigenen Aussagen auf die Arbeit der Rehkitzrettung als auch hinsichtlich persönlicher Interessen. Nach vielen Gesprächen und positiven Erfahrungen in der Zusammenarbeit änderte sich das Verhältnis. „Mittlerweile sehen uns viele Landwirte als Unterstützung“, sagt Jerke. Die Rehkitzrettung distanziert sich durch das gewachsene Vertrauen und die Verbindung von Organisationen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, Landwirten und Jägern das Leben schwer zu machen.
Landwirte, die ihre Flächen mähen möchten, sollten sich möglichst frühzeitig bei der Rehkitzrettung Goslar melden, bestenfalls einen Tag vor den geplanten Mäharbeiten. Die genauen Koordinaten der zu mähenden Wiesen können per GPS-Daten, Flurstücksangabe oder über eine Karten-App an die Rehkitzrettung übermittelt werden. Nachdem die Informationen geteilt wurden, setzt sich der Drohnenpilot direkt mit dem Landwirt in Verbindung, um einen passenden Treffpunkt und Zeitpunkt für den Einsatz abzuklären. Anett Jerke erklärt: „Die Suche nach Kitzen findet in der Regel sehr früh morgens statt, also bevor der Landwirt mit seinen Mäharbeiten beginnt”. Sobald der Einsatz abgeschlossen ist, wird der Landwirt informiert, und er kann mit seiner Arbeit beginnen.
Vorteile für alle
Die Zusammenarbeit zwischen Landwirten und der Rehkitzrettung lohnt sich nicht nur für die Kitze, sondern auch für die Landwirte selbst. Sie reduziert das Risiko rechtlicher Konsequenzen, falls ein Kitz bei den Mäharbeiten verletzt oder getötet wird. Zudem verbessert sich die Qualität der Ernte, da Kadaver im Heu oder in der Silage vermieden werden können. Die Daten der Flugstrecken werden streng vertraulich behandelt und nach dem Einsatz direkt gelöscht. Landwirte müssen sich also keine Sorgen über den Missbrauch ihrer Daten machen. Außerdem trägt die Kooperation zur Verbesserung des öffentlichen Images der Landwirte bei, da ihr Engagement für den Tierschutz sichtbar wird. Anett Jerke betont: „Unsere Einsätze sind für Landwirte kostenlos“. Einzige Vorraussetzung ist eine frühzeitige Absprache und die Bereitschaft zur Zusammenarbeit. Diese Kooperationen zeichnen sich auch bundesweit aus, denn im letzten Jahr wurden 22.435 Rehkitze durch den Einsatz von Drohnen vor dem Mähtod bewahrt.
Ein Kitz, ein Team, ein Zeichen
„Rocky ist kein Einzelfall”, so Anett Jerke. Er steht sinnbildlich dafür, was die Retter leisten. Nicht jeder Einsatz endet mit einem Happy End, aber manchmal gelingt es, durch harte Arbeit und den nicht müde werdenden Einsatz der HelferInnen. Das zeigt, dass die Rehkitzrettung in Goslar weit mehr als nur ein Einsatz im Frühling ist. Sie ist ein Beispiel dafür, wie moderne Technik und engagierte Menschen gemeinsam etwas Großes bewirken können. Sie zeigt, dass echter Naturschutz nicht mit Worten in Konferenzsälen oder Diskussionen über den Tierschutz beginnt, sondern mit echtem Einsatz draußen auf den Feldern. Anett Jerke appelliert an Spaziergänger und Hundehalter, während der Brut- und Setzzeit besonders rücksichtsvoll zu sein. Hunde sollten in dieser Zeit grundsätzlich immer angeleint werden, betont sie. „Ein Hund kann noch so gehorsam und artig sein, trotzdem stört er in dieser Zeit die Tiere, wenn er frei durch die Gegend läuft”. Zudem sagt sie, dass das Verlassen von Wanderwegen vermieden werden sollte, da es zusätzliche Unruhe in die Lebensräume bringt. Besonders weist sie darauf hin, dass umgedrehte Wäschekörbe im Feld nicht angehoben werden sollten. Diese können als Schutz für das Kitz dienen und ein Wegnehmen der Körbe könne das Tier gefährden. „Am besten ist es, den Korb einfach so stehen zu lassen, wie man ihn gefunden hat“, erklärt sie. Sollte man ein verletztes oder scheinbar verlassenes Wildtier entdecken, rät Anett Jerke davon ab, es eigenständig mitzunehmen. In vielen Fällen würden Tiere unnötig aus der Natur entfernt werden, obwohl keine Hilfe nötig sei. Stattdessen sollte jemand kontaktiert werden, der sich damit auskennt und diese Person sich darum kümmern lassen.
Titelbild: Verletztes Rehkitz, Foto von Anett Jerke