Gewnola Gabriella Kublanu (DJ Kekeli) am DJ Pult, Foto von Dahlia Dziggel

Frauen an den Decks

Sie teilen ihre Leidenschaft für Musik und begeistern die Crowd. Dennoch stoßen weibliche DJs in der Clubszene immer wieder an ihre Grenzen. Künstlerinnen berichten von Sexismus, unterschwelliger Abwertung und Stereotypisierung.

Der Club ist ein Raum der Freiheit – ein Ort, an dem Grenzen verschwimmen, Identitäten ausprobiert und progressive Werte gelebt werden. Musik und Tanzen gelten als Ausdruck für Gefühle und Emotionen. Die Brücke zwischen Club und Musik ist der Disc Jockey (DJ) – eine Person, die Musik sorgfältig auswählt, diese live mischt und dadurch eine bestimmte Stimmung beim Publikum erzeugt. Die Motivationen und Gründe, weshalb DJs mit dem Auflegen anfangen, können unterschiedlich sein. Am Ende verfolgen sie jedoch alle dieselben Ziele: Atmosphäre, Energie und Räume schaffen. 

Gwenola Gabriella Kublanu aka DJ Kekeli, Honya Sanaaty aka DJ orientalisman und Anastasia Giese aka DJ Stacy liefern Einblicke in ihre persönlichen Wege des DJ-Daseins.

Wer den Blick von der Tanzfläche hinter die DJ-Pulte vieler Festivals und Clubs richtet, stößt allerdings auf eine ernüchternde Realität: Die Line-ups sind nach wie vor überwiegend männlich besetzt. Obwohl der Anteil weiblich-gelesener DJs in den letzten Jahren zugenommen hat, ist die Szene noch weit von echter Gleichberechtigung entfernt. Berichte wie der female:pressure FACTS Report zeigen, dass aktuell rund 30 Prozent der gebuchten Acts Frauen und nicht-binäre KünstlerInnen sind – eine Zahl, die offenlegt, wie tief strukturelle Ungleichheiten in der Musik- und Clubszene verankert sind.

Was lange als Randthema abgetan wurde, ist längst zu einer zentralen Debatte geworden: Fragen nach Sichtbarkeit, Repräsentation und fairer Bezahlung prägen zunehmend den Diskurs innerhalb der Clubkultur. Mit Initiativen für diversere Line-ups, öffentlichen Auseinandersetzungen über Sexismus in der Szene und dem wachsenden Einfluss weiblicher DJ-Kollektive wird immer deutlicher, wie ungleich die Ausgangsbedingungen verteilt sind. Während subkulturelle Underground-Events Vielfalt häufig bewusst fördern, sind bei großen kommerziellen Festivals  die Headliner-Slots überwiegend von Männern besetzt.

DJ oder DJane?

Es geht neben der bloßen Anwesenheit weiblich-gelesener DJs auch um Wertschätzung und Anerkennung. Es geht darum, wer gesehen und wer übersehen wird. Männlich-gelesene DJs erscheinen häufiger in Rankings, Magazinen und etablierten Medienformaten, während viele Künstlerinnen um Sichtbarkeit kämpfen, obwohl sie ebenso regelmäßig oder sogar häufiger auftreten. Um mehr Sichtbarkeit zu schaffen, wurde vor einigen Jahren der Begriff der „DJane“ eingeführt. Doch das Etikett der „DJane“ (oder auch „Female DJ“) hat eine polarisierende Wirkung: Für manche stellt es ein unverzichtbares Instrument dar, um auf strukturelle Ungleichheiten hinzuweisen und marginalisierte Perspektiven ins Blickfeld zu rücken. Andere distanzieren sich klar von dieser Bezeichnung

Viele weiblich-gelesene DJs lehnen die geschlechterspezifische Bezeichnung ab, weil sie dadurch oft auf ihr Geschlecht reduziert werden – ein Label, das sie gleichzeitig sichtbar macht und doch stereotypisiert, heißt es in einem Artikel der ig kultur zum Thema Gender in der Clubkultur aus dem Jahr 2004.

Die Gründe für das Ungleichgewicht in der Club- und Musikszene liegen tiefer als in individuellen Karrieren oder persönlichem Talent. Zugänge zu Technik, Netzwerken und zu ersten Bookings sind nach wie vor geprägt von männer-dominierten Strukturen und beeinflussen die Szene damit nachhaltig bis heute. Auch im Hinblick auf die Bezahlung berichten KünstlerInnen immer wieder von Ungleichheiten. Eindeutige Daten sind kaum vorhanden, doch journalistische Recherchen weisen auf einen erheblichen Gender-Pay-Gap hin.

Wie groß der finanzielle Unterschied ist, zeigt eine Studie aus den USA von 2019: Für dieselben Bookings verdienen weiblich-gelesene DJs im Durchschnitt nicht einmal ein Drittel dessen, was männliche Kollegen erhalten.

Zwischen Bühne und Blicken

Strukturelle Ungleichheiten zeigen sich konkret in den Erfahrungen vieler FLINTA* (Frauen, Lesben, intersexuelle, nicht-binäre, trans* und agender Personen) und weiblich-gelesener DJs. 

Hinter den Decks, wo es eigentlich um Konzentration, Kreativität und musikalischen Ausdruck gehen sollte, beginnt für viele ein permanentes Aushandeln von Grenzen. Im Clubkontext zeigt sich Sexismus nicht immer auf eine laute oder offensichtliche Weise – es handelt sich oft um subtile Situationen: Die Professionalität anzweifelnde Bemerkungen, unaufgeforderte technische Ratschläge oder die Erwartung, dass man sich besonders freundlich, zugänglich oder attraktiv verhalte. Für viele KünstlerInnen ist das Teil des Alltags. 

Unter anderem auch für Gwenola Gabriella Kublanu, Honya Sanaaty und Anastasia Giese. Zwar wird der Club als Schutzraum angesehen, allerdings ist dieser Schutz nicht immer gleichmäßig verteilt. Männlich gelesene DJs können oft ohne Schwierigkeiten arbeiten, während viele weiblich-gelesene DJs von übergriffigen Vorfällen, sexualisierten Bemerkungen und der schnelleren Überschreitung beruflicher Grenzen im Nachtleben berichten. Neben offenen Grenzüberschreitungen erfahren viele weibliche DJs eine andere, weniger offensichtliche Form der Abwertung: das dauerhafte Nicht-ernst-genommen-werden. Das technische Können wird öfter infrage gestellt, Fehler werden strenger beurteilt und der Erfolg wird schneller relativiert. Aussagen wie „Du legst gut auf – dafür, dass du eine Frau bist“, kommen häufig vor. 

Oft ist Anerkennung an Bedingungen gebunden und muss immer wieder neu erkämpft werden. Diese Ungleichbehandlung zeigt sich besonders deutlich im Umgang mit dem äußeren Erscheinungsbild. Bei männlichen DJs ist meist ihr Sound ausschlaggebend für die Definition ihrer Person, während bei weiblichen DJs der Look in der Wahrnehmung eine zentrale Rolle spielt. Körper, Kleidung und Auftreten fließen in die Bewertung ein – nicht selten stärker als die musikalische Leistung selbst.

FEMMES TO THE FRONT!

Als Antwort auf diese Erlebnisse entstehen zugleich neue Formen der Solidarität. Nationale und internationale Netzwerke und Kollektive wie Femme Bass Mafia, Female:Pressure oder Discwoman schaffen Räume, in denen Austausch, Förderung und gegenseitige Unterstützung im Vordergrund stehen. Neben dem Zugang zu Technik und Expertise bieten sie auch etwas an, das für viele lange Zeit gefehlt hat: Rückhalt. Selbstvertrauen zu entwickeln und nachhaltige Netzwerke zu schaffen – abseits von männlich dominierten Strukturen – gelingt hier besonders durch gemeinsame Auftritte, Workshops und Mentoring. 

Aber auch auf lokaler Ebene sind Solidarität und unterstützende Netzwerke längst keine Seltenheit mehr und gewinnen mehr und mehr an Stärke. Kollektive wie QENEM oder soft spot bieten im Raum Hannover neue Safer Spaces für DJs und Tanzende, ebenso wie das Nexus in Braunschweig mit der Event-Reihe Club Molli oder das PLATZ DA!-Kollektiv. Besonders laut für gegenseitige Unterstützung machen sich die Stimmen unserer DJs vor Ort.

Ein weiterer Space für Sounds und Solidarität ist das Broncos aus Hannover – ein Ort der Bar und Club vereint. Geronimo Kähler ist hier ein Teil des zweiköpfigen Besitzerteams. Die Fläche des Broncos sieht er vor allem als geeigneten Ort für NewcomerInnen aufgrund seiner intimen Atmosphäre. Er betont, dass vor allem auch die Clubs eine elementare Verantwortung beim Aufbrechen von Netzwerkstrukturen besitzen. Seiner Meinung nach sind Clubs die „Kulturstätte der Stadt“.

Die Clubszene steht an einem Wendepunkt. Die Erfahrungen weiblich-gelesener DJs zeigen, wie tief Sexismus, Stereotypisierung und strukturelle Barrieren weiterhin verankert sind. Umso stärker ist der Wille zur Veränderung. Solidarität, Netzwerke und engagierte Einzelpersonen zeigen, dass Wandel möglich ist, wenn Clubs VeranstalterInnen und Tanzende mehr Verantwortung übernehmen. Die nächste Generation von DJs könnte in einer Clubkultur aufwachsen, in der Gleichberechtigung, Sichtbarkeit und Wertschätzung nicht mehr die Ausnahme, sondern der Standard sind. Eine Clubkultur, in der die Musik allein entscheidet, wer gehört wird.

Titelbild: Gewnola Gabriella Kublanu (DJ Kekeli) am DJ Pult, Foto von Dahlia Dziggel

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