Yana Moser, Jahrgang 1971, wohnt in Bremen und studiert Pharmazie im vierten Semester an der Technischen Universität Braunschweig. Yana bewarb sich zunächst in Hamburg auf einen Pharmazie-Studienplatz – erfolglos. Ein Jahr später konnte sie sich in Braunschweig dann endlich ihren Traum erfüllen. Heute steht sie kurz vor ihrem ersten Staatsexamen. Möglich machten das auch ihre bereits erwachsene Tochter und ihr Mann, die sie unterstützen. „Früher hätte ich das gar nicht machen können – weder finanziell noch zeitlich. Meine Tochter war noch zu klein. Außerdem musste ich damals als Alleinerziehende ja arbeiten.“
Mit 25 Jahren kam sie ohne Sprachkenntnisse nach Deutschland. Sie begann zunächst eine Ausbildung zur pharmazeutisch-technischen Assistentin (PTA). „Ich komme aus einer Wissenschaftler-Familie. Hier nur zu putzen war mir einfach zu langweilig“, sagt Yana. Viele Jahre arbeitete sie in einer Apotheke, doch das reichte ihr nicht.
Sie will Apothekerin werden – auch wegen des Geldes. „In der Realität machst du als PTA fast genau die gleichen Tätigkeiten wie die Apotheker. Oft sogar noch mehr, weil du noch Salben anrührst und viele ungeliebte Aufgaben erledigst. Dabei bekommt eine PTA nur halb so viel Gehalt wie eine Apothekerin. Das hat mich auf die Idee gebracht, zu studieren.“
Studienorganisation mit Job und Kindern
Erzählt hat sie ihrem Umfeld vom Studium erst, als sie die Zusage bekam. Dann aber nahmen es eigentlich alle sehr positiv auf. Auch ihre Tochter, die selbst Tiermedizin studiert, freute sich für ihre Mutter. Große Unterschiede zu jüngeren Studierenden lassen sich für Yana vor allem bei der Studienorganisation feststellen. Yana strukturiert jeden Tag genau und sieht sich dadurch im Vorteil: „Bei mir ist alles durchgeplant, weil ich ja nebenbei noch als PTA arbeite. Ich stehe immer um 7 Uhr auf und wenn ich nicht arbeite, mache ich was für die Uni. Viele der jungen Leute schieben Aufgaben auf, das würde für mich nicht funktionieren. Ich denke, das hat auch was mit meinem Alter zu tun.“
Diese Ansicht teilt auch Anne Schnetzer (50) aus Bonn: „Ich organisiere mich anders als ein junger Mensch. Das muss ich auch mit drei Kindern zu Hause. Ich arbeite ja auch noch 22 Stunden in der Woche. Ich muss total organisiert sein“, erklärt sie. Anne studiert Soziologie und Englisch auf Lehramt, um sich endlich ihren Traum zu erfüllen: Sie will als Lehrerin arbeiten. Genau genommen wollte sie das schon immer, doch manchmal kommt eben das Leben dazwischen.
„Jetzt, wo die Kinder groß sind, habe ich auch wieder Kapazitäten, mir Sachen anzueignen. Ich merke, dass ich Infos aufsauge wie ein Schwamm“, schwärmt Anne. Ihre beruflichen Anfänge begannen mit einem Studium der Kulturwissenschaften. Sie bestand damals gerade so, hat das Studium mit recht wenig Lust verfolgt. Anne arbeitete zunächst im PR-Bereich einer Bank, später dann für eine Studie zur Versorgung von BewohnerInnen im Altenheim der Stiftung Auge. „Vor ein paar Jahren habe ich mich dann gefragt: Willst du das für immer so machen?“ Der Tipp einer Freundin verhalf ihr dann zum Durchbruch: Eine Stelle als Vertretungslehrerin an einer Hauptschule. Doch für eine feste Stelle in ihren angestrebten Fächern fehlen die Qualifikationen. Das holt Anne jetzt nach: „Ich mache das jetzt langsam und langfristig. Wenn ich fertig bin, könnte ich auch an einer Realschule lehren. Aber wenn ich zwischendurch doch eine feste Stelle bekomme, werde ich wahrscheinlich [mit dem Studium] aufhören müssen“.
Die Weiterbildungsmöglichkeiten sind vielfältig
Laut Statistischem Bundesamt studierten in Deutschland im Wintersemester 2020 rund 167.000 Personen, die älter als 37 Jahre sind. Tendenz? Steigend. Auch die Zahl der Angebote für Studierende mit höherem Einstiegsalter wächst. An verschiedenen Einrichtungen in ganz Deutschland gibt es bereits diverse Angebote, wie zum Beispiel das Seniorenstudium. Aber auch klassische Universitäten und Hochschulen bieten immer mehr Vielfalt. Dass Weiterbildungen besonders im Alter erst so richtig attraktiv sind, erkannte auch Stephanie Eucken, die ihre Berufung mit 50 Jahren fand. „Ich habe jetzt einen Beruf, der mir Spaß macht und nicht nur gelerntes Handwerk ist. Ich frage mich manchmal, warum ich das nicht schon 30 Jahre eher gemacht habe. Ich würde es jederzeit wieder tun!“
Die staatlich anerkannte Atem-, Sprech- und Stimmlehrerin wohnt im Landkreis Hildesheim. Ihren ersten beruflichen Weg startete sie als Volljuristin – aber darauf hatte sie eigentlich keine Lust. Sie wollte schon immer lieber etwas mit Musik und Kunst machen. Doch erst einmal galt es, die vier Kinder großzuziehen, während ihr Mann als Landwirt arbeitete. Irgendwann stellte sich auch bei ihren Kindern die Frage nach der beruflichen Zukunft. Stephanie empfand sich damals selbst als schlechtes Vorbild. Aber dann kam die Wende.
„Eines Tages brachte mein Mann eine Broschüre mit nach Hause, wo die Ausbildung zur staatlich anerkannten Atem-, Sprech- und Stimmlehrerin beworben wurde. Das ließ mich lange Zeit nicht mehr los. Und als ich dann endlich das Geld zusammen hatte, dachte ich mir: Jetzt oder nie!“, so Stephanie. 15.000 Euro kostete die Ausbildung an der Berufsfachhochschule. Eine Menge Geld, das auch für die Verzögerung sorgte, bis Stephanie mit 46 Jahren endlich noch einmal neu startet. Auch ihr Mann unterstützt sie sehr, damit sie sich endlich ihren Traum erfüllen kann. „Er arbeitete weiterhin als Landwirt, sodass wir keine finanziellen Sorgen hatten. Und unter der Woche waren die Kinder durch die Großfamilie bestens versorgt“, erinnert sie sich.
Ein Blick auf die Ostfalia:
Keine Altersbegrenzungen für BewerberInnen
238 Studierende sind 38 Jahre oder älter
44 BewerberInnen sind im Schnitt älter als 40 Jahre
Keine speziellen Angebote für Studierende in höherem Alter
Quelle: Statistik-Büro der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften
Berufseinstieg mit 50: Herausforderung oder Vorteil?
Während der Ausbildung sah Stephanie die größten Herausforderungen vor allem in den Lehrproben. Das Unterrichten zu lernen ist ein großer Teil der sowohl therapeutisch als auch künstlerisch-pädagogisch orientierten Ausbildung. Ihr fiel es auch schwerer, sich Lerntechniken anzueignen: „Diejenigen, die direkt aus der Schule kamen, hatten es natürlich leichter mit ihrem Biologie oder Musik-Leistungskurs und waren uns zwei, drei Oldies darin etwas voraus“.
Einen großen Vorteil gegenüber jüngeren KollegInnen sieht Stephanie jetzt in der anschließenden Berufspraxis: „Der Berufseinstieg ist mit 50 deutlich leichter als mit 25. Die Leute sehen mir nicht an, dass ich erst vor Kurzem fertig geworden bin.“ Besonders ältere KlientInnen reagieren ganz anders auf Stephanie. Es fällt ihnen leichter, Anweisungen anzunehmen. Das gilt sowohl für den 55-jährigen Klienten aus der IT als auch für die Singübungen bei den SeniorInnen. Aber auch persönliche Erfahrungen kann Stephanie schon während der Ausbildung in ihre Lehren einfließen lassen. Sie kennt beispielsweise den Umgang mit ADHS-PatientInnen, der den StudienabsolventInnen noch fehlt.
Berufspraxis ist aber nicht alles. Trotz vorheriger Ausbildung würde Yana Moser ihr Studium nicht als leicht bezeichnen: „Unser Chemiebuch wiegt vier Kilo. Es gibt immer etwas Neues zu lernen und außerdem vergisst man vieles nach 30 Jahren einfach.“ Bisher bereut sie ihren Schritt nicht, auch wenn der Weg zur Apothekerin noch lang ist. Den jungen Menschen rät sie, eine offene Einstellung zum Berufsleben zu haben: „Das Leben wandelt sich, alles wird immer schneller und verändert sich. Um da mithalten zu können, würde ich als junger Mensch alle zehn Jahre etwas anderes machen. Man braucht immer einen Plan B!“ Gute Gründe dafür sieht Stephanie Eucken vor allem in den steigenden Lebenserwartungen. „Mit 50 ist das Leben noch nicht vorbei und man hat noch so viel Zeit vor sich!“, fasst sie zusammen.
Yana, Stephanie und Anne sind drei Frauen mit ganz unterschiedlichen Geschichten. Doch sie alle beweisen: Es lohnt sich, auch mit fortgeschrittenem Alter noch einmal neue berufliche Wege zu gehen.