Warum muss es immer ironisch sein?

Für manche Menschen ist Ironie zu einer Art Lebensstil geworden. Einen ironischen Spruch bringen – egal wann und wo – kommt momentan so gut an, wie Ed Hardy in den 2000ern. Aber findet das das Gegenüber auch?

Lustig sein heißt cool sein. Also planen wir, wo immer es geht: Kann ich dazu einen Spruch bringen? Kann ich es wagen? Versteht mein fremdes Gegenüber den Witz? Und wenn die Ironie wieder mal versagt, wird es ruhig. Peinliche Stille oder einfach Verwirrung, weil niemand den doofen Spruch verstanden hat. Zu viele Insider benutzt. Um zu viele Ecken gedacht. Von FreundInnen gibt’s dann einen amüsierten Blick für den schlechten Spruch oder ein einfaches „Oh nee“, aber bei Fremden. Was ist mit dem alten Bekannten, dem ich eigentlich unmissverständlich sagen wollte, dass er dringend zum Frisör muss. Dass er meine ironischen Andeutungen nie verstand und dachte, dass seine Haare wirklich „wild“ aussehen, hab’ ich dann auch relativ schnell am Ergebnis gemerkt. Sind wir deshalb keine Freunde mehr? “Ich wollte eh nicht gewinnen“, sage ich, wenn ich wie immer beim Kartenspiel verliere. Meine FreundInnen sind den Spruch gewohnt, können ihn wahrscheinlich schon auf die Sekunde vorhersehen und mitsprechen. „Toll!“ „Prima!“- beides Ausdrücke, die ich nicht mehr unironisch hören kann. Meine 78-jährige Nachbarin ist die einzige, der ich es noch abkaufe, wenn sie mir sagt, dassmein Oberteil „klasse“ aussieht. „Pünktlichkeit ist echt voll deine Stärke!“ sage ich einer Freundin, als sie schon wieder zu spät ist. Wieso sage ich meiner Freundin dieses Mal wieder nicht, dass es mich echt stört, dass sie andauernd zu spät kommt?
Ironie braucht Empathie. Sagt die Wissenschaft. Sind wir dauernd so ironisch, weil wir mitfühlend sind? Oder trauen wir uns einfach nicht, ehrlich zu sein? Sind wir überhaupt noch lustig oder einfach nur noch peinlich? Vielleicht sogar ein bisschen ängstlich? Wieso sind wir so? Ironie soll helfen. Für einen kurzen Moment fühlen wir uns gut, wieder einen Witz über uns selbst gemacht zu haben. Wir sind so selbstironisch! Aber ist das auch selbstkritisch? Ironie dient doch vor allem zum Selbstschutz. Aber macht sie uns auch ein bisschen verlogen? Macht es mir wirklich nichts aus, wenn ich das zehnte Mal am Stück beim Kartenspielen verliere? Witze über uns selbst machen wir eh nur bei unbedeutenden Dingen. Wo es uns nicht weh tut. Die kleinen Dinge, wie das Glas, das wir wieder haben fallen lassen oder die Frisur, die nicht sitzt. Ironie benötigt Empathie. Dann wissen wir, ob unser Nachbar unseren Spruch zu seinen hässlichen Gartenmöbeln verträgt und ob wir die Ironie wieder auf die Spitze treiben dürfen. Aber Ironie bedeutet auch Freiheit. Freiheit, einfach direkt das zu sagen, was uns in den Sinn kommt. Egal wie unpassend oder unlustig. Viele verstehen das allerdings nicht. Das macht ihre Anwendung zu einer echten Herausforderung. Bei unseren Freunden mag es noch gehen. Aber auch mal in der Öffentlichkeit ironisch sein: das ist aufregend und einfach toll!

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